Seelenfeld

Ahnenstätte Seelenfeld: Verein hält Akten verschlossen

Oliver Plöger

Vereinzelt finden hier auf der Ahnenstätte noch immer Beerdigungen statt. Meist aber von Auswärtigen. Der Friedhof sorgt mittlerweile für überregionales Interesse. MT- - © Foto: Oliver Plöger
Vereinzelt finden hier auf der Ahnenstätte noch immer Beerdigungen statt. Meist aber von Auswärtigen. Der Friedhof sorgt mittlerweile für überregionales Interesse. MT- (© Foto: Oliver Plöger)

Petershagen-Seelenfeld (mt). Mit der Ahnenstätte in Seelenfeld existiert eine „radikale völkisch-religiöse Gegenwelt" zum vorhandenen Christentum und den bürgerlichen Werten. So das Zwischen-Fazit der mit der Erforschung in Vergangenheit und Gegenwart der Ahnenstätte beauftragten Historiker Dr. Karsten Wilke und Thomas Lange. Im Mai wollen sie einen 50- bis 60-seitigen Bericht mit den endgültigen Ergebnissen vorlegen. Dabei gestaltet sich die Arbeit bis dato schwierig.

Neben Recherchen in den Archiven der Kirche wollten Wilke und Lange auch Einblicke in die Akten des Trägervereins bekommen. Lange: „Wir bekamen zwar mündlich Auskunft, bedauerlicherweise jedoch keinen Zugriff auf die Unterlagen", so Thomas Lange. Auch Interviews, die per Tonbandaufzeichnung hätten transkribiert werden können, wurden abgelehnt. „Gerade das wäre für die wissenschaftliche Auswertung aber wichtig." Der Ahnenstättenverein hatte hier insbesondere mit Persönlichkeitsrechten argumentiert.

Dass die Recherche bislang aufwendig war und sich „alle zwei bis drei Wochen" eine neue Aktenlage ergeben habe, betonte Lange am Dienstag vor dem Ausschuss für Kultur und Heimatpflege. Fündig wurden die Historiker im Kirchenarchiv in Bielefeld, fanden Unterlagen des „Tannenbergbundes", über den Ersten-Weltkriegsgeneral Erich Ludendorff (1865 bis 1937) und seine zweiten Frau Mathilde (1877 bis 1966). Die hatte um 1937 den nationalistischen Verein „Deutschvolk" gegründet, der nachweislich antisemitisch und antichristlich war und der als „Bund für Gotterkenntnis" und Nachfolgeorganisation des „Tannenbergbundes" noch heute existiert. Der „Tannenburgbund" selbst war 1933 verboten worden, da es zwischen Hitler, der an der Kirche aus taktischen Gründen festhielt, und Ludendorff zum Streit gekommen war. Ausgesöhnt hatten sich die beiden erst 1937, wie die Historiker darlegten.

Damals ist auch der Ahnenstättenverein Niedersachsen ins Leben gerufen worden, der die Anlage bis heute betreibt und auf der nach wie vor Bestattungen stattfinden, wie auch aus dem Ausschuss bestätigt wurde. Die Mehrzahl derjenigen, die sich hier bei ihren „Sippen", so die Formulierung auf den Grabsteinen, bestatten lassen, stammen aber offenbar von außerhalb. Auch Angehörige eines in der rechtsextremen Szene agierenden Landschaftsgärtners, der angeblich schon auf Treffen gesehen wurde, sollen auf der Ahnenstätte in Seelenfeld begraben sein.

Dass es Bezüge zur aktuellen rechtsextremen Szene gibt, betonte Karsten Wilke auf Anfrage durch den Ausschuss. Martin Sölter (SPD) seien aus der Bevölkerung keine Beobachtungen bekannt.

Problem sei dabei, so Wilke, dass die Wissenschaftler auf die Außenperspektive angewiesen seien. Auch Karsten Wilke verwies auf den Landschaftsgärtner, der auf Treffen gesehen worden sei, und einen Trauerredner, der ebenfalls in der rechten Szene agiere.

Rederecht gab der Ausschuss dem Seelenfelder Ortsheimatpfleger Friedrich Dralle: „Ich bin 71 Jahre alt, ich habe Seelenfeld erlebt", meinte er. 2010 habe es einen Aufmarsch geben, Störungen einer Gruppe aus Dortmund. Damals sei eine Polizeiaktion gelaufen. „Das ist das einzige, was ich als Ortsheimatpfleger weiß." Die Angaben des Journalisten, der über rechtsextreme Treffen berichtet und die Diskussion damit angestoßen hatte, zweifelte Dralle an.

Dr. Karsten Wilke, der sich speziell mit der Geschichte des Friedhofs nach 1945 beschäftigt, war auf Überlieferungen im Petershäger Stadtarchiv gestoßen, hatte Einsicht in die Vereinsakte beim Amtsgericht und erfuhr aus den sechziger Jahren von der Überprüfung des Ahnenstättenvereins als mögliche verfassungsfeindliche Organisation. Ausgewertet hatte er auch Publikationen der rechtsextremen Szene und bekam Akteneinsicht in eine private Sammlung.

Wilke und Lange waren von der Stadt mit der Forschungsarbeit beauftragt worden, nachdem der Friedhof durch Medienberichte ins Licht der Öffentlichkeit gerückt wurde. Mittlerweile hat die Arbeit der Wissenschaftler überregionales Interesse gefunden: Für April hat sich eine Forschergruppe der Universität Oldenburg angesagt, die sich die Situation vor Ort anschauen möchte.

Was mit den Forschungsergebnissen geschehe, so Karsten Wilke, sei im Anschluss Sache der Stadt. Neben der Veröffentlichung der Publikation wäre aber auch eine Fachtagung sinnvoll.

Im Alten Amtsgericht hatte es im Zuge der Aufarbeitung der Ahnenstätten-Geschichte bereits öffentliche Vorträge gegeben, zuletzt vom Bielefelder Rechtsextremismus-Experten Jan Raabe. Er sei zwar kein Spezialist auf dem Gebiet der Ahnenstätte Seelenfeld, meinte aber auch, dass „punktuelle Verbindungen zu völkischen Gruppen nicht von der Hand" zu weisen seien. Mit Blick auf den „Bund für Gotterkenntnis" sprach er von einer „Bewegung, die Ideologien produzierte, aber wenig nach außen drang." Ihr Aktionsradius erstrecke sich aber ebenso wie der weiterer rechtsextremer Gruppierungen auf OWL. In vielen Bereichen gebe es Überschneidungen und Vernetzungen.

Der Autor ist erreichbarunter (0571) 882 264oder Oliver.Ploeger@MT.de

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SeelenfeldAhnenstätte Seelenfeld: Verein hält Akten verschlossenOliver PlögerPetershagen-Seelenfeld (mt). Mit der Ahnenstätte in Seelenfeld existiert eine „radikale völkisch-religiöse Gegenwelt" zum vorhandenen Christentum und den bürgerlichen Werten. So das Zwischen-Fazit der mit der Erforschung in Vergangenheit und Gegenwart der Ahnenstätte beauftragten Historiker Dr. Karsten Wilke und Thomas Lange. Im Mai wollen sie einen 50- bis 60-seitigen Bericht mit den endgültigen Ergebnissen vorlegen. Dabei gestaltet sich die Arbeit bis dato schwierig. Neben Recherchen in den Archiven der Kirche wollten Wilke und Lange auch Einblicke in die Akten des Trägervereins bekommen. Lange: „Wir bekamen zwar mündlich Auskunft, bedauerlicherweise jedoch keinen Zugriff auf die Unterlagen", so Thomas Lange. Auch Interviews, die per Tonbandaufzeichnung hätten transkribiert werden können, wurden abgelehnt. „Gerade das wäre für die wissenschaftliche Auswertung aber wichtig." Der Ahnenstättenverein hatte hier insbesondere mit Persönlichkeitsrechten argumentiert. Dass die Recherche bislang aufwendig war und sich „alle zwei bis drei Wochen" eine neue Aktenlage ergeben habe, betonte Lange am Dienstag vor dem Ausschuss für Kultur und Heimatpflege. Fündig wurden die Historiker im Kirchenarchiv in Bielefeld, fanden Unterlagen des „Tannenbergbundes", über den Ersten-Weltkriegsgeneral Erich Ludendorff (1865 bis 1937) und seine zweiten Frau Mathilde (1877 bis 1966). Die hatte um 1937 den nationalistischen Verein „Deutschvolk" gegründet, der nachweislich antisemitisch und antichristlich war und der als „Bund für Gotterkenntnis" und Nachfolgeorganisation des „Tannenbergbundes" noch heute existiert. Der „Tannenburgbund" selbst war 1933 verboten worden, da es zwischen Hitler, der an der Kirche aus taktischen Gründen festhielt, und Ludendorff zum Streit gekommen war. Ausgesöhnt hatten sich die beiden erst 1937, wie die Historiker darlegten. Damals ist auch der Ahnenstättenverein Niedersachsen ins Leben gerufen worden, der die Anlage bis heute betreibt und auf der nach wie vor Bestattungen stattfinden, wie auch aus dem Ausschuss bestätigt wurde. Die Mehrzahl derjenigen, die sich hier bei ihren „Sippen", so die Formulierung auf den Grabsteinen, bestatten lassen, stammen aber offenbar von außerhalb. Auch Angehörige eines in der rechtsextremen Szene agierenden Landschaftsgärtners, der angeblich schon auf Treffen gesehen wurde, sollen auf der Ahnenstätte in Seelenfeld begraben sein. Dass es Bezüge zur aktuellen rechtsextremen Szene gibt, betonte Karsten Wilke auf Anfrage durch den Ausschuss. Martin Sölter (SPD) seien aus der Bevölkerung keine Beobachtungen bekannt. Problem sei dabei, so Wilke, dass die Wissenschaftler auf die Außenperspektive angewiesen seien. Auch Karsten Wilke verwies auf den Landschaftsgärtner, der auf Treffen gesehen worden sei, und einen Trauerredner, der ebenfalls in der rechten Szene agiere. Rederecht gab der Ausschuss dem Seelenfelder Ortsheimatpfleger Friedrich Dralle: „Ich bin 71 Jahre alt, ich habe Seelenfeld erlebt", meinte er. 2010 habe es einen Aufmarsch geben, Störungen einer Gruppe aus Dortmund. Damals sei eine Polizeiaktion gelaufen. „Das ist das einzige, was ich als Ortsheimatpfleger weiß." Die Angaben des Journalisten, der über rechtsextreme Treffen berichtet und die Diskussion damit angestoßen hatte, zweifelte Dralle an. Dr. Karsten Wilke, der sich speziell mit der Geschichte des Friedhofs nach 1945 beschäftigt, war auf Überlieferungen im Petershäger Stadtarchiv gestoßen, hatte Einsicht in die Vereinsakte beim Amtsgericht und erfuhr aus den sechziger Jahren von der Überprüfung des Ahnenstättenvereins als mögliche verfassungsfeindliche Organisation. Ausgewertet hatte er auch Publikationen der rechtsextremen Szene und bekam Akteneinsicht in eine private Sammlung. Wilke und Lange waren von der Stadt mit der Forschungsarbeit beauftragt worden, nachdem der Friedhof durch Medienberichte ins Licht der Öffentlichkeit gerückt wurde. Mittlerweile hat die Arbeit der Wissenschaftler überregionales Interesse gefunden: Für April hat sich eine Forschergruppe der Universität Oldenburg angesagt, die sich die Situation vor Ort anschauen möchte. Was mit den Forschungsergebnissen geschehe, so Karsten Wilke, sei im Anschluss Sache der Stadt. Neben der Veröffentlichung der Publikation wäre aber auch eine Fachtagung sinnvoll. Im Alten Amtsgericht hatte es im Zuge der Aufarbeitung der Ahnenstätten-Geschichte bereits öffentliche Vorträge gegeben, zuletzt vom Bielefelder Rechtsextremismus-Experten Jan Raabe. Er sei zwar kein Spezialist auf dem Gebiet der Ahnenstätte Seelenfeld, meinte aber auch, dass „punktuelle Verbindungen zu völkischen Gruppen nicht von der Hand" zu weisen seien. Mit Blick auf den „Bund für Gotterkenntnis" sprach er von einer „Bewegung, die Ideologien produzierte, aber wenig nach außen drang." Ihr Aktionsradius erstrecke sich aber ebenso wie der weiterer rechtsextremer Gruppierungen auf OWL. In vielen Bereichen gebe es Überschneidungen und Vernetzungen. Der Autor ist erreichbarunter (0571) 882 264oder Oliver.Ploeger@MT.de