Leben nach Plexusparese

Claudia Hyna

Sam liebt das Fußballspiel im Verein. Wenn er gerade nicht beim Training ist, tobt er es, sich zuhause am Tischkicker auszutoben. MT- - © Foto: Alex Lehn
Sam liebt das Fußballspiel im Verein. Wenn er gerade nicht beim Training ist, tobt er es, sich zuhause am Tischkicker auszutoben. MT- (© Foto: Alex Lehn)

Petershagen (mt). Sein Leben lang wird Sam Krankengymnastik machen müssen. Und zwar nicht, um die Verletzungsschäden der Geburt zu verbessern, sondern um den Stand zu halten. Schmerzen werden sein ständiger Begleiter sein, mal mehr, mal weniger. Seine Mutter Nina Stranzenbach macht sich daher oft Sorgen um ihn. Sie sagt aber auch: „Wir sind froh, dass er lebt.“

Sam Louis kam am 30. September 2013 mit einer sogenannten Plexusparese auf die Welt. Vorab war sein Geburtsgewicht auf 3.700 Gramm geschätzt worden, geboren wurde er mit knapp 4.500 Gramm. Plötzlich bekam das Kind keine Luft mehr. „Er strampelte in mir um sein Leben“, beschreibt die 38-jährige diese dramatischen Sekunden. Dann ging alles ganz schnell und man legte ihr das Kind leblos auf den Bauch.

Nach der Reanimation wurde Sam für drei Tage in künstliches Koma versetzt. Man müsse abwarten, wie ihr Sohn sich in den nächsten Jahren entwickele – und vor allem, ob das Gehirn geschädigt ist, so die Reaktion der Ärzte. Da der rechte Arm gelähmt war, begann bereits kurz darauf die Physiotherapie. Auf Anraten der Ärzte in Minden stellte Sina Stranzenbach ihr Kind einem Spezialisten vor.

Es zeigte sich, dass die Verletzung sogar schwerer war als angenommen. Immerhin konnte Sam die Finger der rechten Hand noch leicht bewegen. Tatsächlich waren zwei Nerven aus der Schulter und einer aus dem Rückenmark gerissen. Im Alter von fünf Monaten dann die Operation in Aachen: Die Nerven in der Schulter wurden genäht, darüber hinaus transplantierten die Ärzte aus dem Fuß Nervenstränge ins Schultergelenk. Alles in allem habe ihr Kind das Ganze gut weggesteckt. Heute spielt Sam Fußball beim TuS Lahde/Quetzen und klettert auf alles, was sich ihm bietet. Ganz stolz erzählt er, dass er gerade sein Seepferdchen gemacht hat.

Auf den ersten Blick fällt sein Handicap nicht auf: Das ist ein Ergebnis des permanenten Übens und Trainierens. Und der Konsequenz und liebevollen Geduld seiner Mutter. Sam ist Linkshänder, zwangsläufig, wie sie sagt. Beim An- und Ausziehen ist ihr Sohn langsamer als andere, auch seine Feinmotorik ist nicht so ausgereift, dazu fehlt es ihm an Kraft.

Gut aufgehoben sieht seine Mutter ihn in der Kindertagesstätte Lahde, da die Erzieherinnen dort Erfahrungen damit haben. Sam ist das dritte Plexuskind, das die Einrichtung besucht. Nächstes Jahr kommt Sam in die Grundschule. Man habe ihr gesagt, dass eine Lernschwäche bei ihrem Kind vorkommen kann. Nach der bisherigen Entwicklung geht seine Mutter aber davon aus, dass Sam die Schule gut meistert.

Seit einiger Zeit tauscht sie sich mit Tanja Westermann (46) aus Petershagen aus, deren Tochter Jana (8) ebenfalls mit einer Plexusparese geboren wurde. Ihr Kind wog 4.600 Gramm. Auch bei ihr blieb wie bei Sam die vordere Schulter an der Schambeinfuge hängen. Bei Jana war die Schädigung nicht so groß, ihre Therapie bestand und besteht in Krankengymnastik und Ergotherapie. Zu Beginn ihres Lebens war sie häufig Gast im Früherkennungszentrum. Heute besucht sie die Grundschule Eldagsen, schwimmt gerne und ist seit kurzem Mitglied bei der Kinderfeuerwehr Petershagen, den Blaulicht-Monstern.

Tanja Westermann arbeitet als Frisörin, Sina Stranzenbach ist gelernte Zahnarzthelferin. Im Laufe der Zeit sind sie zu Expertinnen für das Handicap ihrer Kinder geworden. Im Gespräch über ihr Schicksal lernen sie, besser mit der Situation umzugehen. Auch wenn die Plexusparese nur 0,5 Prozent aller Geburten betrifft: Die Mütter raten bei einem hohen angenommenen Geburtsgewicht sich vorab mit der Klinik in Verbindung zu setzen – und in jedem Fall die Möglichkeit eines Kaiserschnitts in Betracht zu ziehen. „Wenn man sich da nicht aufgehoben fühlt, sollte man ein anderes Krankenhaus aufsuchen.“ Sie ermutigen weiter dazu, sich so viel wie möglich zu informieren. Es ist auch ihrem Einsatz zu verdanken, dass ihre Kinder heute trotz Behinderung ein weitgehend normales Leben führen.

Sina Stranzenbach freut sich, dass das nächste Plexuskinder-Jahrestreffen in Petershagen stattfindet. Veranstaltungsort ist am 17. November von 9 bis 17 Uhr die Kindertagesstätte Lahde. Hier gibt es die Möglichkeit, dass betroffene Kinder und Erwachsene, Eltern, Geschwister, Angehörige und Fachleute miteinander ins Gespräch kommen, sich austauschen, informieren und möglicherweise Netzwerke bilden. Geboten werden Vorträge, Workshops und Podium, Kinderbetreuung -und Programm für Plexuskinder und Geschwister.

Wer mit Sina Stranzenbach in Kontakt treten möchte: Ihre Handynummer lautet (01 76) 22 090 52 84.

Die Autorin ist erreichbar unter Telefon (05 71) 882 262 oder Claudia.Hyna@MT.de

Plexuskinder

Ist unmittelbar nach der Geburt ein Arm des neugeborenen Kindes von der Bewegung her schwach oder komplett gelähmt, könnte es eine geburtsassoziierte Verletzung des Armnervengeflechtes (Plexus brachialis) erlitten haben.

Dieses Nervengeflecht liegt an der seitlichen Halsseite und versorgt die Schulterregion und den gesamten Arm mit Gefühl (Sensibilität) und Bewegungsimpulsen für die Muskeln (Motorik). Diese Lähmung wird als Plexusparese, Erb‘sche Parese oder Geburtslähmung bezeichnet. Ursächlich für diese Nervenverletzung ist eine Überdehnung bis hin zur Zerreißung des Nervengeflechtes am Hals durch unter der Geburt am Nerven auftretende unnatürlich hohe Zugkräfte. Häufig geschieht dies im Rahmen einer Notfallsituation mit Blockade der Schulterregion im Geburtskanal (Schulterdystokie). Die Schulterdystokie kommt bei großen Kindern übergewichtiger oder diabetischer Mütter häufiger vor. Jedoch treten mehr als die Hälfte aller Schulterdystokien bei einem Geburtsgewicht von unter 4.000 Gramm auf. Es handelt sich um einen seltenen, unvorhersehbaren geburtshilflichen Notfall, der bei rund 0,5 Prozent aller Geburten auftritt.

Die meisten Verletzungen sind reine Dehnungen und erholen sich in den ersten drei bis vier Wochen. In diesen Fällen bildet sich die Lähmung zurück. In schweren Fällen bleiben erhebliche Defizite mit permanenten Lähmungserscheinungen, Muskelungleichgewichten und Wachstumsstörungen.

www.plexuskinder.de

www.schatten-und-licht.de

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Leben nach PlexuspareseClaudia HynaPetershagen (mt). Sein Leben lang wird Sam Krankengymnastik machen müssen. Und zwar nicht, um die Verletzungsschäden der Geburt zu verbessern, sondern um den Stand zu halten. Schmerzen werden sein ständiger Begleiter sein, mal mehr, mal weniger. Seine Mutter Nina Stranzenbach macht sich daher oft Sorgen um ihn. Sie sagt aber auch: „Wir sind froh, dass er lebt.“ Sam Louis kam am 30. September 2013 mit einer sogenannten Plexusparese auf die Welt. Vorab war sein Geburtsgewicht auf 3.700 Gramm geschätzt worden, geboren wurde er mit knapp 4.500 Gramm. Plötzlich bekam das Kind keine Luft mehr. „Er strampelte in mir um sein Leben“, beschreibt die 38-jährige diese dramatischen Sekunden. Dann ging alles ganz schnell und man legte ihr das Kind leblos auf den Bauch. Nach der Reanimation wurde Sam für drei Tage in künstliches Koma versetzt. Man müsse abwarten, wie ihr Sohn sich in den nächsten Jahren entwickele – und vor allem, ob das Gehirn geschädigt ist, so die Reaktion der Ärzte. Da der rechte Arm gelähmt war, begann bereits kurz darauf die Physiotherapie. Auf Anraten der Ärzte in Minden stellte Sina Stranzenbach ihr Kind einem Spezialisten vor. Es zeigte sich, dass die Verletzung sogar schwerer war als angenommen. Immerhin konnte Sam die Finger der rechten Hand noch leicht bewegen. Tatsächlich waren zwei Nerven aus der Schulter und einer aus dem Rückenmark gerissen. Im Alter von fünf Monaten dann die Operation in Aachen: Die Nerven in der Schulter wurden genäht, darüber hinaus transplantierten die Ärzte aus dem Fuß Nervenstränge ins Schultergelenk. Alles in allem habe ihr Kind das Ganze gut weggesteckt. Heute spielt Sam Fußball beim TuS Lahde/Quetzen und klettert auf alles, was sich ihm bietet. Ganz stolz erzählt er, dass er gerade sein Seepferdchen gemacht hat. Auf den ersten Blick fällt sein Handicap nicht auf: Das ist ein Ergebnis des permanenten Übens und Trainierens. Und der Konsequenz und liebevollen Geduld seiner Mutter. Sam ist Linkshänder, zwangsläufig, wie sie sagt. Beim An- und Ausziehen ist ihr Sohn langsamer als andere, auch seine Feinmotorik ist nicht so ausgereift, dazu fehlt es ihm an Kraft. Gut aufgehoben sieht seine Mutter ihn in der Kindertagesstätte Lahde, da die Erzieherinnen dort Erfahrungen damit haben. Sam ist das dritte Plexuskind, das die Einrichtung besucht. Nächstes Jahr kommt Sam in die Grundschule. Man habe ihr gesagt, dass eine Lernschwäche bei ihrem Kind vorkommen kann. Nach der bisherigen Entwicklung geht seine Mutter aber davon aus, dass Sam die Schule gut meistert. Seit einiger Zeit tauscht sie sich mit Tanja Westermann (46) aus Petershagen aus, deren Tochter Jana (8) ebenfalls mit einer Plexusparese geboren wurde. Ihr Kind wog 4.600 Gramm. Auch bei ihr blieb wie bei Sam die vordere Schulter an der Schambeinfuge hängen. Bei Jana war die Schädigung nicht so groß, ihre Therapie bestand und besteht in Krankengymnastik und Ergotherapie. Zu Beginn ihres Lebens war sie häufig Gast im Früherkennungszentrum. Heute besucht sie die Grundschule Eldagsen, schwimmt gerne und ist seit kurzem Mitglied bei der Kinderfeuerwehr Petershagen, den Blaulicht-Monstern. Tanja Westermann arbeitet als Frisörin, Sina Stranzenbach ist gelernte Zahnarzthelferin. Im Laufe der Zeit sind sie zu Expertinnen für das Handicap ihrer Kinder geworden. Im Gespräch über ihr Schicksal lernen sie, besser mit der Situation umzugehen. Auch wenn die Plexusparese nur 0,5 Prozent aller Geburten betrifft: Die Mütter raten bei einem hohen angenommenen Geburtsgewicht sich vorab mit der Klinik in Verbindung zu setzen – und in jedem Fall die Möglichkeit eines Kaiserschnitts in Betracht zu ziehen. „Wenn man sich da nicht aufgehoben fühlt, sollte man ein anderes Krankenhaus aufsuchen.“ Sie ermutigen weiter dazu, sich so viel wie möglich zu informieren. Es ist auch ihrem Einsatz zu verdanken, dass ihre Kinder heute trotz Behinderung ein weitgehend normales Leben führen. Sina Stranzenbach freut sich, dass das nächste Plexuskinder-Jahrestreffen in Petershagen stattfindet. Veranstaltungsort ist am 17. November von 9 bis 17 Uhr die Kindertagesstätte Lahde. Hier gibt es die Möglichkeit, dass betroffene Kinder und Erwachsene, Eltern, Geschwister, Angehörige und Fachleute miteinander ins Gespräch kommen, sich austauschen, informieren und möglicherweise Netzwerke bilden. Geboten werden Vorträge, Workshops und Podium, Kinderbetreuung -und Programm für Plexuskinder und Geschwister. Wer mit Sina Stranzenbach in Kontakt treten möchte: Ihre Handynummer lautet (01 76) 22 090 52 84. Die Autorin ist erreichbar unter Telefon (05 71) 882 262 oder Claudia.Hyna@MT.de Plexuskinder Ist unmittelbar nach der Geburt ein Arm des neugeborenen Kindes von der Bewegung her schwach oder komplett gelähmt, könnte es eine geburtsassoziierte Verletzung des Armnervengeflechtes (Plexus brachialis) erlitten haben. Dieses Nervengeflecht liegt an der seitlichen Halsseite und versorgt die Schulterregion und den gesamten Arm mit Gefühl (Sensibilität) und Bewegungsimpulsen für die Muskeln (Motorik). Diese Lähmung wird als Plexusparese, Erb‘sche Parese oder Geburtslähmung bezeichnet. Ursächlich für diese Nervenverletzung ist eine Überdehnung bis hin zur Zerreißung des Nervengeflechtes am Hals durch unter der Geburt am Nerven auftretende unnatürlich hohe Zugkräfte. Häufig geschieht dies im Rahmen einer Notfallsituation mit Blockade der Schulterregion im Geburtskanal (Schulterdystokie). Die Schulterdystokie kommt bei großen Kindern übergewichtiger oder diabetischer Mütter häufiger vor. Jedoch treten mehr als die Hälfte aller Schulterdystokien bei einem Geburtsgewicht von unter 4.000 Gramm auf. Es handelt sich um einen seltenen, unvorhersehbaren geburtshilflichen Notfall, der bei rund 0,5 Prozent aller Geburten auftritt. Die meisten Verletzungen sind reine Dehnungen und erholen sich in den ersten drei bis vier Wochen. In diesen Fällen bildet sich die Lähmung zurück. In schweren Fällen bleiben erhebliche Defizite mit permanenten Lähmungserscheinungen, Muskelungleichgewichten und Wachstumsstörungen. www.plexuskinder.de www.schatten-und-licht.de