Auf den Spuren der Ahnenstätte: Akten allein helfen nicht

Oliver Plöger

Was passiert wirklich auf diesem Friedhof, was steckt hinter der Ahnenstätte? Das wollen die Forscher gerade herausfinden. Dabei stehen die Pforten nicht immer offen. MT- - © Foto: Oliver Plöger
Was passiert wirklich auf diesem Friedhof, was steckt hinter der Ahnenstätte? Das wollen die Forscher gerade herausfinden. Dabei stehen die Pforten nicht immer offen. MT- (© Foto: Oliver Plöger)

Petershagen-Seelenfeld (mt). Die Aktenlage ist schwierig. Und manchmal kommen sie gar nicht an die Informationen ran – weil das Personenstandsrecht die Einsicht verbietet. Dennoch sind die beiden Forscher Thomas Lange und Dr. Karsten Wilke zuversichtlich, dass sie im ersten Quartal 2019 eine wissenschaftliche Dokumentation zur Ahnenstätte Seelenfeld vorlegen können. Dabei soll auch ein öffentlicher Aufruf helfen, den sie gemeinsam mit der Stadt Petershagen planen. Frage wäre dann: Wer hat noch Unterlagen zur Ahnenstätte zuhause? Die offizielle Pressemitteilung samt Kontaktdaten soll in den nächsten Tagen folgen.

Auf die Ergebnisse der Forschung will Lange nicht vorgreifen, weiß um die Sensibilität des Themas. Nein, die Seelenfelder wollen nicht in die rechte Ecke gestellt werden. Und so einfach sei es auch nicht, sagt Lange. „Das Thema ist nicht schwarz oder weiß." Die Forscher wissen sich von Ortsbürgermeister Jürgen Buschke unterstützt, der das auch im Rat der Stadt deutlich gemacht hatte: „Als Ortsbürgermeister begrüße ich den Einsatz der beiden Historiker." Auch Buschke wünscht sich, dass es nicht zu Vorverurteilungen kommt. Die Ahnenstätte war in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt, nachdem Medien im Vorjahr davon berichtet hatten, dass es hier zu Treffen Rechtsextremer komme. Die Stadt hatte dann die beiden Forscher mit der Aufarbeitung der Geschichte und möglichen aktuellen Bezügen zum rechten Spektrum beauftragt.

Lange selbst habe sich die Jahre 1930 bis 1945 vorgenommen. Schwierig sei dabei die einseitige Sicht der Offizialakten. Beispiel: Ein Ludendorff-Anhänger sollte die Stelle des Dorflehrers antreten, was zum Konflikt mit dem Pfarrer und der Spaltung der Gemeinde in Christen und den Ludendorffer Tannenbergern führte. „Die Akten lassen die Friedhofsgründer nicht sonderlich gut dastehen", sagt Lange, der auch auf Wahlergebnisse hinweist. Dass etwa wenige Seelenfelder für die NSDAP gestimmt hatten, könnte daran gelegen haben, dass Ludendorff dazu aufgerufen habe, eben diese Partei nicht zu wählen. Ludendorff war gemeinsam mit seiner Frau Margarethe Schirmherr der Ahnenstätte, die um 1930 vom Tannenbergbund und der Deutschvolkgemeinde angelegt worden ist. „Dass Mathilde Ludendorff zutiefst antisemitisch und antidemokratisch war, steht außer Frage", so Lange.

Doch was ist heute? Karsten Wilke wird gemeinsam mit Jan Raabe am Mittwoch, 7. November, in einer öffentlichen Veranstaltung über „Extreme Rechte" sprechen. Der Vortrag, der um 19.30 Uhr im Alten Amtsgericht beginnt, soll die aktuelle völkisch-rechtsextreme Szene um die Ahnenstätte betrachten.

Unterdessen hat der Landtag eine Petition des Bückeburgers Ulrich Gräf abgelehnt. Gräf hatte Beschwerde gegen die Stadt Petershagen wegen Diskriminierung und wegen Irreführung über Kenntnisse des Ahnenstättenvereins gestellt. So habe Gräf versucht, der Stadtverwaltung und dem Seelenfelder Ortsbürgermeister eine Mail zu übertragen – erfolglos. „Mir wurde zugetragen, dass die Einstellung so geändert wurde, dass von mir versandte Mails abgewiesen werden." Gräf fühle sich durch den Absender grundlos diskriminiert.

Weiter habe die Verwaltung behauptet, sie habe keine Erkenntnisse vom Glaubensbekenntnis und vom historischen Kontext des Ahnenstättenvereins zum Verein Deutschvolk, dem Tannenbergbund und dem Bund für Gotterkenntnis Ludendorff. Richtig sei, dass zahlreiche Historiker bereits umfangreich zu den Themen geforscht haben und, so Gräf wörtlich, „durchaus hinreichende geschichtliche Substanz" vorhanden sei, um den Ahnenstättenverein zu bewerten.

Der Petitionsausschuss sah „nach Prüfung der Angelegenheit" keinen Anlass, „im Sinne der Petition weiter tätig zu werden." Eine Überprüfung der Beschwerde habe ergeben, dass „E-Mails des Petenten nicht generell durch die Stadt abgewiesen werden." Die beanstandete Mail habe die Stadt aufgrund der genutzten Schlagwörter – darunter „KZ" und „SS" – nicht erreicht. Weiter: „Die Anfragen zur Ahnenstätte wurden nach Auskunft der Stadt nach bestem Wissen umfassend beantwortet." Die Stadt habe sich mit der Thematik der Anfragen auseinandergesetzt.

Ulrich Gräf gibt sich mit der Ablehnung nicht zufrieden. Die Stadt, so Gräfs neuer Vorwurf, habe beim Amtsgericht durchgesetzt, dass er die Akte des Vereins nicht vollständig einsehen dürfe. Die Petershäger Verwaltung kommentiert diese Vorgänge nicht, verweist aber auf die laufenden Forschungen von Karsten Wilke und Thomas Lange.

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Auf den Spuren der Ahnenstätte: Akten allein helfen nichtOliver PlögerPetershagen-Seelenfeld (mt). Die Aktenlage ist schwierig. Und manchmal kommen sie gar nicht an die Informationen ran – weil das Personenstandsrecht die Einsicht verbietet. Dennoch sind die beiden Forscher Thomas Lange und Dr. Karsten Wilke zuversichtlich, dass sie im ersten Quartal 2019 eine wissenschaftliche Dokumentation zur Ahnenstätte Seelenfeld vorlegen können. Dabei soll auch ein öffentlicher Aufruf helfen, den sie gemeinsam mit der Stadt Petershagen planen. Frage wäre dann: Wer hat noch Unterlagen zur Ahnenstätte zuhause? Die offizielle Pressemitteilung samt Kontaktdaten soll in den nächsten Tagen folgen. Auf die Ergebnisse der Forschung will Lange nicht vorgreifen, weiß um die Sensibilität des Themas. Nein, die Seelenfelder wollen nicht in die rechte Ecke gestellt werden. Und so einfach sei es auch nicht, sagt Lange. „Das Thema ist nicht schwarz oder weiß." Die Forscher wissen sich von Ortsbürgermeister Jürgen Buschke unterstützt, der das auch im Rat der Stadt deutlich gemacht hatte: „Als Ortsbürgermeister begrüße ich den Einsatz der beiden Historiker." Auch Buschke wünscht sich, dass es nicht zu Vorverurteilungen kommt. Die Ahnenstätte war in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt, nachdem Medien im Vorjahr davon berichtet hatten, dass es hier zu Treffen Rechtsextremer komme. Die Stadt hatte dann die beiden Forscher mit der Aufarbeitung der Geschichte und möglichen aktuellen Bezügen zum rechten Spektrum beauftragt. Lange selbst habe sich die Jahre 1930 bis 1945 vorgenommen. Schwierig sei dabei die einseitige Sicht der Offizialakten. Beispiel: Ein Ludendorff-Anhänger sollte die Stelle des Dorflehrers antreten, was zum Konflikt mit dem Pfarrer und der Spaltung der Gemeinde in Christen und den Ludendorffer Tannenbergern führte. „Die Akten lassen die Friedhofsgründer nicht sonderlich gut dastehen", sagt Lange, der auch auf Wahlergebnisse hinweist. Dass etwa wenige Seelenfelder für die NSDAP gestimmt hatten, könnte daran gelegen haben, dass Ludendorff dazu aufgerufen habe, eben diese Partei nicht zu wählen. Ludendorff war gemeinsam mit seiner Frau Margarethe Schirmherr der Ahnenstätte, die um 1930 vom Tannenbergbund und der Deutschvolkgemeinde angelegt worden ist. „Dass Mathilde Ludendorff zutiefst antisemitisch und antidemokratisch war, steht außer Frage", so Lange. Doch was ist heute? Karsten Wilke wird gemeinsam mit Jan Raabe am Mittwoch, 7. November, in einer öffentlichen Veranstaltung über „Extreme Rechte" sprechen. Der Vortrag, der um 19.30 Uhr im Alten Amtsgericht beginnt, soll die aktuelle völkisch-rechtsextreme Szene um die Ahnenstätte betrachten. Unterdessen hat der Landtag eine Petition des Bückeburgers Ulrich Gräf abgelehnt. Gräf hatte Beschwerde gegen die Stadt Petershagen wegen Diskriminierung und wegen Irreführung über Kenntnisse des Ahnenstättenvereins gestellt. So habe Gräf versucht, der Stadtverwaltung und dem Seelenfelder Ortsbürgermeister eine Mail zu übertragen – erfolglos. „Mir wurde zugetragen, dass die Einstellung so geändert wurde, dass von mir versandte Mails abgewiesen werden." Gräf fühle sich durch den Absender grundlos diskriminiert. Weiter habe die Verwaltung behauptet, sie habe keine Erkenntnisse vom Glaubensbekenntnis und vom historischen Kontext des Ahnenstättenvereins zum Verein Deutschvolk, dem Tannenbergbund und dem Bund für Gotterkenntnis Ludendorff. Richtig sei, dass zahlreiche Historiker bereits umfangreich zu den Themen geforscht haben und, so Gräf wörtlich, „durchaus hinreichende geschichtliche Substanz" vorhanden sei, um den Ahnenstättenverein zu bewerten. Der Petitionsausschuss sah „nach Prüfung der Angelegenheit" keinen Anlass, „im Sinne der Petition weiter tätig zu werden." Eine Überprüfung der Beschwerde habe ergeben, dass „E-Mails des Petenten nicht generell durch die Stadt abgewiesen werden." Die beanstandete Mail habe die Stadt aufgrund der genutzten Schlagwörter – darunter „KZ" und „SS" – nicht erreicht. Weiter: „Die Anfragen zur Ahnenstätte wurden nach Auskunft der Stadt nach bestem Wissen umfassend beantwortet." Die Stadt habe sich mit der Thematik der Anfragen auseinandergesetzt. Ulrich Gräf gibt sich mit der Ablehnung nicht zufrieden. Die Stadt, so Gräfs neuer Vorwurf, habe beim Amtsgericht durchgesetzt, dass er die Akte des Vereins nicht vollständig einsehen dürfe. Die Petershäger Verwaltung kommentiert diese Vorgänge nicht, verweist aber auf die laufenden Forschungen von Karsten Wilke und Thomas Lange.