Maximilian Buddenbohm: Der Blogger und das Dorf Nadine Conti Petershagen-Friedewalde (mt). Die Geschichte vom Osterfeuer kennt im Dorf wahrscheinlich mittlerweile jeder. Es ist das erste Mal, dass Maret Buddenbohm alias „die Herzdame“ diesen seltsamen Städter in ihr Heimatdorf Friedewalde schleppt. Der versucht tapfer, sich mit seinem seltsamen Küstenplatt durchzumogeln und beim Schnapstrinken mitzuhalten. Das kann natürlich nicht gut gehen. Aber einem, der so hinreißend komisch beschreibt, wie er sich von ein paar breitbeinigen Bauern in Grund und Ackerboden trinken lässt, um sich anschließend zwischen zwei Bäumen und drei Büschen zu verlaufen, verzeiht man ja vieles. Sogar, dass er jede kleine Eigenheit seiner Angetrauten ihrer ostwestfälischen Herkunft in die Schuhe schiebt.„Regionalismen“, sagt Maximilian Buddenbohm, „funktionieren immer.“ Seit elf Jahren bloggt er unter herzdamengeschichten.de. Was als Experiment an einem 1. April begann, zu einer Zeit, als man von Blogs noch als so seltsamen „Internettagebüchern“ sprach, ist für den Autor längst zum Zweitjob geworden.Den Nachnamen hat er im Übrigen von seiner Frau angenommen. „Für einen geborenen Lübecker ist das einfach unwiderstehlich. Näher kann man Thomas Manns Buddenbrooks ja nicht kommen.“Buddenbohm hat eine beachtliche Reichweite, wenn er verlinkt, steigen auf der betreffenden Seite schlagartig die Besucherzahlen, er ist in allen gängigen sozialen Netzwerken vertreten und scheinbar immer online. Vier Bücher sind daraus mittlerweile entstanden, eine regelmäßige Kolumne in den Lübecker Nachrichten und sporadische Beiträge für diverse Magazine.Die ersten beiden Bücher, die bei einem eher unbekannten katholischen Verlag erschienen sind, drehen sich vor allem um das Kennenlernen, Verliebt-verlobt-verheiratet-sein und Familie werden mit der Herzdame und erinnern manchmal ein wenig an Jan Weilers „Maria, ihm schmeckt’s nicht“ - nur eben mit Kleinkindern und Ostwestfalen anstelle des apulischen Clans. Anders als andere Autoren in diesem Eltern-Genre bezieht er seine Gags nicht daraus, wie grässlich andere Eltern sind, sondern der staunenden Beobachtung des Alltags mit Kleinkindern.Das ist schwer zu zitieren, weil Buddenbohm seine Szenen langsam und sorgfältig aufbaut, bevor er plötzlich, aber zielsicher zur Pointe abbiegt. Allerdings sind die beiden ersten Bücher eher Sammlungen ausgewählter Blogtexte - also mehr Lesehäppchen für zwischendurch als durchkomponierte Gesamtkunstwerke.Die beiden Bücher danach, immerhin bei Rowohlt erschienen, drehen sich um Buddenbohms Jugend in Travemünde und seine ersten Jahre in Hamburg - damals noch ohne die Herzdame. Sie zeigen zwar dieselbe feine Beobachtungsgabe und den gleichen trockenen Humor, sind aber erkennbar mit einem höheren literarischen Anspruch verfasst und insgesamt etwas melancholischer.Da schreibt einer, der ein Auge für skurrile Typen hat - aber offenbar auch eine Ahnung davon, wie leicht so ein Leben aus der Bahn rutschen kann. In seinem Blog deutet Buddenbohm immer mal wieder an, ein weiteres Romanprojekt zumindest angedacht zu haben - und vielleicht macht das auch einen Reiz seines Blogs aus, dass man hier einem Autor dabei zusehen kann, wie er sich weiterentwickelt.Ohne seinen trockenen Humor, den die Herzdame ganz offenbar teilt, wären diese Buddenbohms allerdings auch kaum neidfrei zu ertragen, so sehr prototypisches, modernes Großstadtpärchen wie sie sind. Beide Teilzeit-Angestellte, Teilzeit-Freiberufler und natürlich Eltern von zwei Jungs. Er kocht abends die Biokiste leer, sie zaubert grellbunte Torten für den Kindergeburtstag. Und zwischendurch zanken sie darum, wer jetzt noch einmal für zwei Stunden an den Schreibtisch darf, um dieses oder jenes dringende Projekt fertigzustellen.Die Buddenbohms machen aber auch keinen Hehl daraus, dass das alles seinen Preis hat. Er steht morgens früh auf und sitzt schon zwei Stunden am Schreibtisch, wenn die Kinder in die Küche tapsen und sich Frühstück machen. Sie kriecht oft erst ins Bett, wenn er schon schläft. „Gemeinsame Abende auf dem Sofa vor dem Fernseher gibt es bei uns eigentlich nicht“, sagt Maret Buddenbohm, „ich schaue einmal in der Woche Tatort, das heißt, ich höre ihn mehr, weil ich dabei die Wäsche mache.“Der Jonglage-Akt, den sie Alltag nennen, ist straff durchorganisiert und bedarf ständiger Terminabsprachen. Aber: Sie tragen eben kein Schild vor sich her, auf dem steht „Seht alle her, so macht man das“, sondern schildern dies eher mit einem leisen Achselzucken, das sagt „So sind wir halt. Seltsam was?“. Das ist durchaus angenehm, wenn rundherum mit einer seltsam hysterischen Vehemenz über das „richtige“ Familien- und Erziehungsmodell gestritten wird, ein Thema, bei dem ja - wie sonst vielleicht noch beim Fußball - sowieso jeder alles besser weiß.Buddenbohm beschränkt sich klugerweise darauf, Anekdoten und Geschichten zu erzählen und niemanden mit Ratschlägen zu belästigen. Und er hat sich nie auf die Nische „Elternblog“ festgelegt. Buddenbohm verbloggt konsequent alles, was ihn interessiert: Literatur und Wirtschaftsthemen, Netzpolitik und Hamburger Stadtentwicklung, Kochrezepte und Lieblingstweets, Lieblingsreportagen und Texte übers Fahrradfahren oder Fotografieren.Das er es damit zur festen Größe innerhalb der Blogger-Szene gebracht hat, liegt vielleicht auch daran, dass er dies ausdauernder, fleißiger und auf konstantem Niveau tut. Bei anderen merkt man oft, wenn die Motivation nachlässt, Themen ausgereizt sind oder der Brotjob zu viel Zeit und Energie frißt - Buddenbohm bloggt scheinbar unverdrossen immer weiter.Neuerdings taucht auch die Herzdame - die sonst an Technik und Layout herumschraubt und sich im Hintergrund hält - mit einer eigenen Rubrik auf: „Die Herzdame backt“, wobei es sich unter den Kommentatoren zum Running Gag entwickelt hat, sich eher auf ihre Kleidung als auf ihre Kuchen zu beziehen.Dass die Kinder im Blog nicht mehr so präsent sind, liegt allerdings auch daran, dass zumindest eines neuerdings mitliest. „Sohn I“ ist nun ein Schulkind und schreibt unter dem Namen „Jojo“ über Technikspielzeug.Das Heimatdorf Friedewalde fungiert dabei auch ein bisschen als Gegenbild zur Großstadtexistenz, eine Art ökologische Ausgleichsmaßnahme - schließlich sind Natur und Großeltern plötzlich wichtig, wenn man Kinder hat.„Manche Leser glauben, dass wir hier auf einem Bauernhof wohnen“, sagt Buddenbohm. „Ich widerspreche dem nicht.“ In Wirklichkeit sind es bis zum nächsten Kuhstall ein paar Schritte, und eigentlich sind die beiden durchaus überzeugte Landflüchtige.„Mit 19 wollte ich bloß weg von hier“, gesteht Maret Buddenbohm, die in den Jahren davor zum Leidwesen der Großmutter aber noch fix das gesamte Spektrum jugendlicher Rebellionsverkleidungen (zerrissene Klamotten, gefärbte Haare, Piercings) durchprobiert hatte.Für Leser des Blogs hat das den charmanten Effekt, dass man hier zwei überzeugten Großstädtern dabei zusehen kann, wie sie sich widerwillig aufs Land zurückziehen lassen. Zumindest ausflugsweise. Also zum Osterfeuer. Oder Anspargeln.

Maximilian Buddenbohm: Der Blogger und das Dorf

Zum 10. Hochzeitstag bloggte Maximilian Buddenbohm die hinreißend hanseatische Liebeserklärung: „Nichts, wirklich gar nichts hat sich in meinem Leben logischer angefühlt, als zu dieser Frau meine Frau zu sagen.“

Petershagen-Friedewalde (mt). Die Geschichte vom Osterfeuer kennt im Dorf wahrscheinlich mittlerweile jeder. Es ist das erste Mal, dass Maret Buddenbohm alias „die Herzdame“ diesen seltsamen Städter in ihr Heimatdorf Friedewalde schleppt. Der versucht tapfer, sich mit seinem seltsamen Küstenplatt durchzumogeln und beim Schnapstrinken mitzuhalten. Das kann natürlich nicht gut gehen. Aber einem, der so hinreißend komisch beschreibt, wie er sich von ein paar breitbeinigen Bauern in Grund und Ackerboden trinken lässt, um sich anschließend zwischen zwei Bäumen und drei Büschen zu verlaufen, verzeiht man ja vieles. Sogar, dass er jede kleine Eigenheit seiner Angetrauten ihrer ostwestfälischen Herkunft in die Schuhe schiebt.

„Dann sagte sie mir, ich müsse es mir einmal ansehen, jetzt, wo wir anscheinend zusammen sein. Die Eltern kennenlernen, das wäre dann ja wohl dran. Ich sagte, dass ich Dörfer hasse, sie sagte ‘Vorsicht bei der Partnerwahl.’“ Mittlerweile hat sich Blogger Maximilian Buddenbohm mit dem Dorf angefreundet. Angeblich liegen bei manchem Bewohner seine Texte sogar ausgedruckt auf dem Klo herum. „Ich halte das für ein Kompliment“, behauptet er. Fotos: Nadine Conti
„Dann sagte sie mir, ich müsse es mir einmal ansehen, jetzt, wo wir anscheinend zusammen sein. Die Eltern kennenlernen, das wäre dann ja wohl dran. Ich sagte, dass ich Dörfer hasse, sie sagte ‘Vorsicht bei der Partnerwahl.’“ Mittlerweile hat sich Blogger Maximilian Buddenbohm mit dem Dorf angefreundet. Angeblich liegen bei manchem Bewohner seine Texte sogar ausgedruckt auf dem Klo herum. „Ich halte das für ein Kompliment“, behauptet er. Fotos: Nadine Conti

„Regionalismen“, sagt Maximilian Buddenbohm, „funktionieren immer.“ Seit elf Jahren bloggt er unter herzdamengeschichten.de. Was als Experiment an einem 1. April begann, zu einer Zeit, als man von Blogs noch als so seltsamen „Internettagebüchern“ sprach, ist für den Autor längst zum Zweitjob geworden.

Den Nachnamen hat er im Übrigen von seiner Frau angenommen. „Für einen geborenen Lübecker ist das einfach unwiderstehlich. Näher kann man Thomas Manns Buddenbrooks ja nicht kommen.“

Buddenbohm hat eine beachtliche Reichweite, wenn er verlinkt, steigen auf der betreffenden Seite schlagartig die Besucherzahlen, er ist in allen gängigen sozialen Netzwerken vertreten und scheinbar immer online. Vier Bücher sind daraus mittlerweile entstanden, eine regelmäßige Kolumne in den Lübecker Nachrichten und sporadische Beiträge für diverse Magazine.

Die ersten beiden Bücher, die bei einem eher unbekannten katholischen Verlag erschienen sind, drehen sich vor allem um das Kennenlernen, Verliebt-verlobt-verheiratet-sein und Familie werden mit der Herzdame und erinnern manchmal ein wenig an Jan Weilers „Maria, ihm schmeckt’s nicht“ - nur eben mit Kleinkindern und Ostwestfalen anstelle des apulischen Clans. Anders als andere Autoren in diesem Eltern-Genre bezieht er seine Gags nicht daraus, wie grässlich andere Eltern sind, sondern der staunenden Beobachtung des Alltags mit Kleinkindern.

Das ist schwer zu zitieren, weil Buddenbohm seine Szenen langsam und sorgfältig aufbaut, bevor er plötzlich, aber zielsicher zur Pointe abbiegt. Allerdings sind die beiden ersten Bücher eher Sammlungen ausgewählter Blogtexte - also mehr Lesehäppchen für zwischendurch als durchkomponierte Gesamtkunstwerke.

Die beiden Bücher danach, immerhin bei Rowohlt erschienen, drehen sich um Buddenbohms Jugend in Travemünde und seine ersten Jahre in Hamburg - damals noch ohne die Herzdame. Sie zeigen zwar dieselbe feine Beobachtungsgabe und den gleichen trockenen Humor, sind aber erkennbar mit einem höheren literarischen Anspruch verfasst und insgesamt etwas melancholischer.

Da schreibt einer, der ein Auge für skurrile Typen hat - aber offenbar auch eine Ahnung davon, wie leicht so ein Leben aus der Bahn rutschen kann. In seinem Blog deutet Buddenbohm immer mal wieder an, ein weiteres Romanprojekt zumindest angedacht zu haben - und vielleicht macht das auch einen Reiz seines Blogs aus, dass man hier einem Autor dabei zusehen kann, wie er sich weiterentwickelt.

Ohne seinen trockenen Humor, den die Herzdame ganz offenbar teilt, wären diese Buddenbohms allerdings auch kaum neidfrei zu ertragen, so sehr prototypisches, modernes Großstadtpärchen wie sie sind. Beide Teilzeit-Angestellte, Teilzeit-Freiberufler und natürlich Eltern von zwei Jungs. Er kocht abends die Biokiste leer, sie zaubert grellbunte Torten für den Kindergeburtstag. Und zwischendurch zanken sie darum, wer jetzt noch einmal für zwei Stunden an den Schreibtisch darf, um dieses oder jenes dringende Projekt fertigzustellen.

Die Buddenbohms machen aber auch keinen Hehl daraus, dass das alles seinen Preis hat. Er steht morgens früh auf und sitzt schon zwei Stunden am Schreibtisch, wenn die Kinder in die Küche tapsen und sich Frühstück machen. Sie kriecht oft erst ins Bett, wenn er schon schläft. „Gemeinsame Abende auf dem Sofa vor dem Fernseher gibt es bei uns eigentlich nicht“, sagt Maret Buddenbohm, „ich schaue einmal in der Woche Tatort, das heißt, ich höre ihn mehr, weil ich dabei die Wäsche mache.“

Der Jonglage-Akt, den sie Alltag nennen, ist straff durchorganisiert und bedarf ständiger Terminabsprachen. Aber: Sie tragen eben kein Schild vor sich her, auf dem steht „Seht alle her, so macht man das“, sondern schildern dies eher mit einem leisen Achselzucken, das sagt „So sind wir halt. Seltsam was?“. Das ist durchaus angenehm, wenn rundherum mit einer seltsam hysterischen Vehemenz über das „richtige“ Familien- und Erziehungsmodell gestritten wird, ein Thema, bei dem ja - wie sonst vielleicht noch beim Fußball - sowieso jeder alles besser weiß.

Buddenbohm beschränkt sich klugerweise darauf, Anekdoten und Geschichten zu erzählen und niemanden mit Ratschlägen zu belästigen. Und er hat sich nie auf die Nische „Elternblog“ festgelegt. Buddenbohm verbloggt konsequent alles, was ihn interessiert: Literatur und Wirtschaftsthemen, Netzpolitik und Hamburger Stadtentwicklung, Kochrezepte und Lieblingstweets, Lieblingsreportagen und Texte übers Fahrradfahren oder Fotografieren.

Das er es damit zur festen Größe innerhalb der Blogger-Szene gebracht hat, liegt vielleicht auch daran, dass er dies ausdauernder, fleißiger und auf konstantem Niveau tut. Bei anderen merkt man oft, wenn die Motivation nachlässt, Themen ausgereizt sind oder der Brotjob zu viel Zeit und Energie frißt - Buddenbohm bloggt scheinbar unverdrossen immer weiter.

Neuerdings taucht auch die Herzdame - die sonst an Technik und Layout herumschraubt und sich im Hintergrund hält - mit einer eigenen Rubrik auf: „Die Herzdame backt“, wobei es sich unter den Kommentatoren zum Running Gag entwickelt hat, sich eher auf ihre Kleidung als auf ihre Kuchen zu beziehen.

Dass die Kinder im Blog nicht mehr so präsent sind, liegt allerdings auch daran, dass zumindest eines neuerdings mitliest. „Sohn I“ ist nun ein Schulkind und schreibt unter dem Namen „Jojo“ über Technikspielzeug.

Das Heimatdorf Friedewalde fungiert dabei auch ein bisschen als Gegenbild zur Großstadtexistenz, eine Art ökologische Ausgleichsmaßnahme - schließlich sind Natur und Großeltern plötzlich wichtig, wenn man Kinder hat.

„Manche Leser glauben, dass wir hier auf einem Bauernhof wohnen“, sagt Buddenbohm. „Ich widerspreche dem nicht.“ In Wirklichkeit sind es bis zum nächsten Kuhstall ein paar Schritte, und eigentlich sind die beiden durchaus überzeugte Landflüchtige.

„Mit 19 wollte ich bloß weg von hier“, gesteht Maret Buddenbohm, die in den Jahren davor zum Leidwesen der Großmutter aber noch fix das gesamte Spektrum jugendlicher Rebellionsverkleidungen (zerrissene Klamotten, gefärbte Haare, Piercings) durchprobiert hatte.

Für Leser des Blogs hat das den charmanten Effekt, dass man hier zwei überzeugten Großstädtern dabei zusehen kann, wie sie sich widerwillig aufs Land zurückziehen lassen. Zumindest ausflugsweise. Also zum Osterfeuer. Oder Anspargeln.

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