Corona-Regeln Mehr Rechte für Geimpfte? Dieser Experte hält 1-G für möglich Julia Lichtnecker Berlin. Die Frage nach Beschränkungen für Ungeimpfte wird stark diskutiert. Während vielerorts die 3-G-Regel - also Lockerungen für Geimpfte, Genesene und negativ Getestete - gilt, hat die Stadt Hamburg die Option auf 2-G eröffnet. Dort können Gastronomen und Eventveranstalter selbst entscheiden, ob sie ausschließlich Geimpften und Genesenen den Zutritt gewähren. In Rheinland-Pfalz hat sich die Regierung auf "2-G-Plus" geeinigt, das ab Sonntag in Kraft tritt. Die 2-G-Regelung ist allerdings umstritten. Gegner wittern eine "Impfpflicht durch die Hintertür". Diesem Argument widersprach Alena Buyx, Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, jedoch in einem Gespräch mit dem Sender NDR Info. "Eine Pflicht ist etwas, dem man sich nicht entziehen kann", sagte sie Ende August. Dieser Fall sei bei 2-G jedoch nicht gegeben. Andreas Lob-Hüdepohl, ebenfalls Mitglied im Ethikrat, geht sogar einen Schritt weiter. Er hält eine 1-G-Regelung, also zusätzliche Rechte nur für Geimpfte, für denkbar. Allerdings erst, wenn das Pandemiegeschehen diese Regelverschärfung erfordere. "Wenn sich die Sicherheitslage ändert, kann es dazu führen, dass das dritte 'G' und eventuell auch das zweite 'G' nicht mehr ausreichen", sagt Lob-Hüdepohl. Sind Genesene also nicht ausreichend vor einer Neuinfektion geschützt? "Es gibt schon jetzt Genesene, die sich impfen lassen müssen, um sich weiterhin zu schützen", so Lob-Hüdepohl. Das sei beispielsweise der Fall, wenn bei einer Covid-19-Infektion mit leichtem Verlauf nur wenig Antikörper gebildet wurden. Im Fall von weiteren Virusmutationen könnte der Genesenenstatus gegen einen schweren Verlauf nicht mehr ausreichen, sagt der Sozialethiker. Empfohlen wird ein Pieks sechs Monate nach einer Covid-Erkrankung. Andernfalls gelten Betroffene als nicht vollständig immunisiert. Forscher der Universität Lübeck hatten in einer Studie festgestellt, dass die Immunität nach einer Infektion mindestens zehn Monate anhält. Die 412 Erwachsenen, die im Rahmen der Studie untersucht wurden, hatten in der Mehrheit milde oder moderate Symptome. In Bayreuth bekam eine Gastronomin Aufmerksamkeit, indem sie sich für ihr Lokal eine eigene 1-G-Regelung auferlegte. Nach Aussage des Nordbayerischen Kuriers wolle sie ausschließlich tagesaktuell negativ Getestete bewirten - unabhängig vom Impfstatus. Diese Praxis hält der Ethiker jedoch für unrealistisch. "Es wäre schön, wenn wir mit 1-G nur Getestete meinen", sagt Lob-Hüdepohl. "Das ist der Tatsache geschuldet, dass die Schnelltests mit Blick auf die neuen Varianten zunehmend unsicher werden." Lob-Hüdepohl geht aufgrund der Mutanten von 20 bis 25 Prozent falsch-negativen Testergebnissen bei Schnelltests aus. Beim RKI hingegen hält man das Risiko der vermehrten Falsch-Negativ-Testungen bei Mutanten bislang für gering, da die meisten Hersteller von Antigen-Tests auf das sogenannte N-Protein setzen. Dieses komme auch bei den derzeit bekannten Varianten vor. Die Abkehr vom Testen und die Beschränkung auf 2-G - oder perspektivisch 1-G - sei allerdings kein Versuch, Menschen zu diskriminieren oder von einer Impfung zu überzeugen. Das sei eine Freiheitsentscheidung, die es zu respektieren gelte. Lob-Hüdepohl: "Ich mich freuen, wenn wir die Test-Option für jene, die sich nicht impfen lassen können oder wollen, ausreichend erhalten könnten." Hierfür benötige es jedoch eine Sicherheitslage, die dieses Vorgehen rechtfertige. Das Missverständnis, dass Gesundheit gegen Freiheit ausgespielt werde, findet Lob-Hüdepohl allerdings problematisch. Denn auch Gesundheit und ein funktionierender Zugang zum Gesundheitssystem seien Freiheitsrechte. Damit diese kollektiven Freiheitsrechte geschützt werden, können andere Freiheiten für einen bestimmten Zeitraum eingeschränkt werden, so der Sozialethiker.
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Mehr Rechte für Geimpfte? Dieser Experte hält 1-G für möglich

Der Genesenenstatus könne bald nicht mehr ausreichen, sagt Ethikrat-Mitglied Andreas Lob-Hüdepohl. © Unsplash (Symbofoto)

Berlin. Die Frage nach Beschränkungen für Ungeimpfte wird stark diskutiert. Während vielerorts die 3-G-Regel - also Lockerungen für Geimpfte, Genesene und negativ Getestete - gilt, hat die Stadt Hamburg die Option auf 2-G eröffnet. Dort können Gastronomen und Eventveranstalter selbst entscheiden, ob sie ausschließlich Geimpften und Genesenen den Zutritt gewähren. In Rheinland-Pfalz hat sich die Regierung auf "2-G-Plus" geeinigt, das ab Sonntag in Kraft tritt.

Die 2-G-Regelung ist allerdings umstritten. Gegner wittern eine "Impfpflicht durch die Hintertür". Diesem Argument widersprach Alena Buyx, Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, jedoch in einem Gespräch mit dem Sender NDR Info. "Eine Pflicht ist etwas, dem man sich nicht entziehen kann", sagte sie Ende August. Dieser Fall sei bei 2-G jedoch nicht gegeben.

Andreas Lob-Hüdepohl, ebenfalls Mitglied im Ethikrat, geht sogar einen Schritt weiter. Er hält eine 1-G-Regelung, also zusätzliche Rechte nur für Geimpfte, für denkbar. Allerdings erst, wenn das Pandemiegeschehen diese Regelverschärfung erfordere. "Wenn sich die Sicherheitslage ändert, kann es dazu führen, dass das dritte 'G' und eventuell auch das zweite 'G' nicht mehr ausreichen", sagt Lob-Hüdepohl.

Sind Genesene also nicht ausreichend vor einer Neuinfektion geschützt? "Es gibt schon jetzt Genesene, die sich impfen lassen müssen, um sich weiterhin zu schützen", so Lob-Hüdepohl. Das sei beispielsweise der Fall, wenn bei einer Covid-19-Infektion mit leichtem Verlauf nur wenig Antikörper gebildet wurden. Im Fall von weiteren Virusmutationen könnte der Genesenenstatus gegen einen schweren Verlauf nicht mehr ausreichen, sagt der Sozialethiker. Empfohlen wird ein Pieks sechs Monate nach einer Covid-Erkrankung. Andernfalls gelten Betroffene als nicht vollständig immunisiert.

Forscher der Universität Lübeck hatten in einer Studie festgestellt, dass die Immunität nach einer Infektion mindestens zehn Monate anhält. Die 412 Erwachsenen, die im Rahmen der Studie untersucht wurden, hatten in der Mehrheit milde oder moderate Symptome.

In Bayreuth bekam eine Gastronomin Aufmerksamkeit, indem sie sich für ihr Lokal eine eigene 1-G-Regelung auferlegte. Nach Aussage des Nordbayerischen Kuriers wolle sie ausschließlich tagesaktuell negativ Getestete bewirten - unabhängig vom Impfstatus. Diese Praxis hält der Ethiker jedoch für unrealistisch. "Es wäre schön, wenn wir mit 1-G nur Getestete meinen", sagt Lob-Hüdepohl. "Das ist der Tatsache geschuldet, dass die Schnelltests mit Blick auf die neuen Varianten zunehmend unsicher werden."

Lob-Hüdepohl geht aufgrund der Mutanten von 20 bis 25 Prozent falsch-negativen Testergebnissen bei Schnelltests aus. Beim RKI hingegen hält man das Risiko der vermehrten Falsch-Negativ-Testungen bei Mutanten bislang für gering, da die meisten Hersteller von Antigen-Tests auf das sogenannte N-Protein setzen. Dieses komme auch bei den derzeit bekannten Varianten vor.

Die Abkehr vom Testen und die Beschränkung auf 2-G - oder perspektivisch 1-G - sei allerdings kein Versuch, Menschen zu diskriminieren oder von einer Impfung zu überzeugen. Das sei eine Freiheitsentscheidung, die es zu respektieren gelte. Lob-Hüdepohl: "Ich mich freuen, wenn wir die Test-Option für jene, die sich nicht impfen lassen können oder wollen, ausreichend erhalten könnten." Hierfür benötige es jedoch eine Sicherheitslage, die dieses Vorgehen rechtfertige.

Das Missverständnis, dass Gesundheit gegen Freiheit ausgespielt werde, findet Lob-Hüdepohl allerdings problematisch. Denn auch Gesundheit und ein funktionierender Zugang zum Gesundheitssystem seien Freiheitsrechte. Damit diese kollektiven Freiheitsrechte geschützt werden, können andere Freiheiten für einen bestimmten Zeitraum eingeschränkt werden, so der Sozialethiker.

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