Interview mit Schauspieler Daniel Brühl über Privatsphäre, sein Regie-Debut und Berlin André Wesche Vor einem wichtigen Vorsprechen kehrt Filmstar Daniel noch in eine urige Eckkneipe in seinem Kiez ein. Dort erwartet ihn ein älterer Herr, der seinen berühmten Nachbarn mit unangenehmen Tatsachen konfrontiert, Zweifel an seinem Beruf sät und intime Details aus seinem Privatleben kennt. Die schwarze Komödie „Nebenan“ markiert das Regiedebüt des international erfolgreichen Schauspielers Daniel Brühl (43, „The First Avenger: Civil War“) für das der renommierte Autor Daniel Kehlmann Brühls Ideen zu einem Drehbuch verarbeitete. Wir sprachen mit Daniel Brühl über seinen Erstling, der am 15. Juli ins Kino kommt. Herr Brühl, warum war jetzt die richtige Zeit, um ins Regiefach einzusteigen? Ich habe schon lange mit dem Regie-Gedanken gespielt und mich immer wieder gefragt, welche Geschichte die richtige wäre, um es wirklich zu wagen. Die Idee zu „Nebenan“ hat mich nicht losgelassen. Bei dieser Story fühlte ich mich sehr wohl, weil ich mich in dieser Welt und ihren Figuren auskenne. Das einzige Problem war, dass ich nicht wirklich in der Lage bin, ein Drehbuch zu verfassen. Zum Glück hat Daniel Kehlmann zugesagt, der als Autor großartige Dialoge schreibt. Es war mein Anliegen, dass man bei den ganzen ernsten Themen nie den humoristischen Ton verliert. Dass es am Ende des Tages doch eine Komödie bleibt, wenn auch eine sehr dunkle, die auch Ernstes, Soziales und Politisches behandelt. Ohne Daniel Kehlmann hätte ich diesen Film so nicht machen können. Wann kam Peter Kurth als Ihr Gegenspieler Bruno an Bord? Er war von Anfang an meine Traumbesetzung. Dementsprechend nervös waren wir, als wir endlich mit dem Buch fertig waren. Wir haben es ihm geschickt und Peter Kurth hat innerhalb von 24 Stunden zugesagt, mit einem rührenden Brief, in dem er sich total über dieses Rollenangebot gefreut hat. Spätestens da habe ich gemerkt, dass es eine gute Entscheidung war, dieses Projekt anzupacken, weil die Leute, die ich unbedingt dafür gewinnen wollte, genauso angetan waren wie ich selber. Vor allen Dingen auch Leute vor und hinter der Kamera, die aus dem Osten stammen. Wie zeichnen wir diese Figuren authentisch? Das war beim Schreibprozess immer ein Balanceakt. Inwiefern? Ganz am Anfang war es noch so, dass meine Figur sehr reaktiv war und ein bisschen unbedarft auf diese Angriffe reagiert hat, während Peter als so eine Art frustrierter Wutbürger herüberkam. So eine Mephisto-Figur, bei der man gar nicht genau versteht, warum sie sich so viel Mühe gibt, mich zu zerstören. Ich wollte keine der beiden Figuren verraten und auch nicht den einen sympathischer als den anderen machen. Deshalb hat sich meine Figur dann in eine aktivere Richtung entwickelt – und auch in eine sehr eitle, gocklige. Es war mir besonders wichtig, gleich am Anfang den richtigen Ton zu setzen. Man soll nicht denken, dass ich selbst diese Figur bin. Die Geschichte spielt mit vielen Erfahrungen, die ich gesammelt habe und natürlich hat sie eine Menge mit mir zu tun. Der Zuschauer darf es aber nicht so missverstehen, als wäre ich jetzt diese Figur. Der Schlagabtausch von Daniel und Bruno setzt verschiedene Themenschwerpunkte. So kritisiert Bruno Wessis, die Filme über die DDR machen und behaupten, alles über diese Zeit zu wissen. Wo positioniert sich der Star aus „Good Bye, Lenin!“ in diesem Diskurs? Als ich die Rolle damals angeboten bekam, war ich mir der Tragweite von Anfang an bewusst. Ich war noch sehr grün hinter den Ohren, gerade 20. Ehrlich gesagt hat sich dieses Land damals für mich zum ersten Mal erschlossen. Ein neues Land. Ich merkte, was ich da an Vorbereitung leisten muss. Plötzlich hatte ich mit Menschen zu tun, die einen komplett anderen kulturellen und sozialen Hintergrund hatten. Ich fühlte mich wirklich erschlagen davon, wie groß die Unterschiede tatsächlich waren. Wir – und vor allem Wolfgang Becker – waren uns damals der Verantwortung bewusst, die man mit so einem Film übernimmt. Das Thema der Gentrifizierung scheint Sie sehr zu beschäftigen. Ja. Im Film sagt Bruno zu mir: „Dann haben Sie sich in diese Stadt verliebt und sind auch gleich hierhergezogen.“. So war es ja auch. Ich habe den Gentrifizierungs-Prozess im Prenzlauer Berg in den letzten 20 Jahren mitverfolgen können. Der Film ist eine aktuelle Bestandsaufnahme. Ob es in fünf Jahren auch noch so aussieht, dass ich Nachbarn habe, die wirklich noch aus dem Osten stammen, wird sich zeigen. Noch erlebe ich das Leben im Prenzlauer Berg an bestimmten Ecken so, dass es einen Austausch zwischen Ost und West gibt. Aber natürlich ist mir dieser Gentrifizierung-Prozess bewusst, zu dem ich mich am Ende des Tages auch selbst zählen muss. Ich bin ja auch aus Köln hierhergezogen. Seither beschäftigt mich dieses Gefühl der Inkohärenz, mit der man da lebt: zu wissen, dass man zwar nicht Schuld an diesem Phänomen, aber doch ein Teil davon ist. Ich glaube, die Nachbarn aus dem Osten mögen mich, vielleicht tun sie auch nur so. Aber je nach Konstellation, die sich bei mir im Hinterhof trifft, merkt man halt immer noch woher ich komme, nach über zwei Jahrzehnten. Das war der Anreiz, diese Geschichte zu erzählen. Sie spiegelt meinen Blick auf die Stadt wider, so wie ich sie in diesen Jahren erlebt habe. Sie würden diese Geschichte sicher nicht erzählen, wenn sie nicht von eigenen Zweifeln am Beruf des Schauspielers genährt wurde. Ist es eher der Beruf an sich oder Ihre persönliche Rolle, die Sie hinterfragen? Ich wollte auch da den Schattenseiten den Spiegel vorhalten. Das beurteilt Werden und das Stehen unter Beobachtung nimmt immer absurdere Ausmaße an. Das ist natürlich auch als Idee mit eingeflossen. Ich fand es interessant, eine Figur zu spielen, die sich wirklich in diesem Ruhm und in dem Beruf sehr suhlt. Was passiert, wenn die Hüllen fallen, wenn an der Fassade gekratzt wird und die Schichten auseinandergenommen werden? Wenn so ein eitles Kartenhaus in sich zusammenbricht? Auch das Thema der Lebenslügen floss mit ein. Es war jetzt nicht so sehr die Idee, einen Film über mich und meine Erfahrungen als Schauspieler in Berlin zu machen. Ich fand es gut, die Geschichte über diese zwei sehr unterschiedlichen Typen zu erzählen. Ich finde, dass die Persona des Schauspielers und der prominenten Person in der Öffentlichkeit einfach eine wunderbare Angriffsfläche bietet. Natürlich könnte das jetzt auch ein erfolgreicher Architekt oder Politiker oder was auch immer sein. Aber dann dachte ich: „Warum mache ich das nicht einfach persönlich und begebe mich auf ein Feld, auf dem ich mich wahnsinnig gut auskenne?“. Ich weiß, was ich da selbst für Demütigungen und Beleidigungen erfahren habe. Das ging mir dann plötzlich sehr leicht von der Hand. Damit konnte auch Daniel Kehlmann sehr viel anfangen, weil ich ihn immer füttern konnte. Er hat sich halb totgelacht über die Sachen, die mir schon an den Kopf geworfen wurden. Einige haben wir dann eins zu eins mit ins Buch genommen. Zum Beispiel? Auf einer Party wurde mir tatsächlich gesagt: „Sie sind ja nicht derjenige, der sich was erspielt.“. Da war ich vollkommen von den Socken. Das ist so ein furchtbarer Satz! Plötzlich denkt man sich, dass man sich bei keiner einzigen Figur, die man verkörpert hat, irgendwas erspielt hat. Aha, interessant! Mir kam auch tatsächlich mal in einem Park in Spanien ein schwedisches Paar entgegen. Blond, wie sie waren, dachte ich, dass es Deutsche sind. Sie zeigten mir ihre Kamera und ich habe instinktiv den Arm um die Dame gelegt. Ich dachte, sie wollte ein Foto mit mir. Es stellte sich heraus, dass sie gar nicht wussten, wer ich bin. Sie waren Schweden und wollten, dass ich ein Foto von ihnen mache. Diese Situation fanden Daniel Kehlmann und ich auch schön. Ich bin froh, dass sie im Film gelandet ist. Sie sind im wahren Leben weltweit unterwegs. Im Film heißt es: „Berlin ist das Beste!“ Würden Sie das unterschreiben? Ich würde in vielerlei Beziehung schon sagen, dass Berlin eine der besten Städte ist. Deswegen bin ich auch nie weggezogen. Ob sie jetzt DIE beste ist – vielleicht. Ich habe es immer sehr genossen, in wunderschönen Städten Zeit zu verbringen. Ob es jetzt Barcelona, Madrid, Paris oder sonst wo ist. Aber es hat mich immer wieder nach Berlin gezogen. Die Stadt ist meine Heimat geworden. Obwohl die Idee zu der Geschichte eigentlich in Spanien entstand, war es für mich klar, dass es viel zwingender und wichtiger für mich war, diese Geschichte in Berlin zu erzählen. Der Film zeigt, wie groß der Verlust der Privatsphäre heutzutage sein kann. Fällt es Ihnen schwer, keine Paranoia zu entwickeln? Man muss schon Nerven bewahren und darf nicht zu zart besaitet sein, um wirklich mit diesem permanenten beurteilt Werden klar zu kommen. Das nimmt durch Social Media und durch Handys immer abstrusere Formen an. Ich habe meistens kein Problem damit. Ich gehe in den meisten Fällen offen damit um und bin dazu bereit, ein Foto zu machen oder zwei Sätze zu wechseln. Dann ist das auch schnell vorbei. Das habe ich früh erkannt. Sobald man anfängt, sich dagegen zu wehren oder das abzuschlagen, gibt’s meistens sofort eine Gegenreaktion. Und plötzlich ziehen sich die Dinge in die Länge. In den allermeisten Fällen triggert es ja auch die eigene Eitelkeit, wenn man feststellt, dass man wahrgenommen wird. Ein amerikanischer Star hat mal gesagt: „Die Schauspieler, die sich beschweren, dass sie zu oft erkannt werden, würden sich noch mehr beschweren, wenn sie nicht mehr erkannt werden.“ Da steckt einfach viel Wahrheit drin. Die meisten Menschen treten einem sehr sympathisch entgegen. Und mit den anderen Situationen muss man halt umgehen. Mit welchen zum Beispiel? Ich finde es sehr problematisch, wenn Leute denken, sie seien so schlau, dass sie einen heimlich filmen oder fotografieren könnten, ohne zu fragen. Ich reagiere allergisch darauf, wenn je nach Situation auch noch die Kinder dabei sind und so etwas dann ungefragt passiert. Solche Verhaltensmuster stelle ich immer häufiger fest. So eine Distanzlosigkeit und Übergriffigkeit ist in den letzten Jahren schon deutlich heftiger geworden. Damit muss man umgehen können. Aber den Preis für einen Beruf, der mich noch immer wahnsinnig beglückt, zahle ich gerne. Wie schwierig ist es für einen international erfolgreichen Schauspieler, nicht in einem Elfenbeinturm zu landen? Gab es Phasen in Ihrem Leben, in denen Sie sich sagen mussten: „Alter, bleib auf dem Teppich!“? Ja, es gab immer die Momente, die auch mal nach hinten losgegangen sind, die unangenehm waren. Ich empfinde sie im Nachhinein aber als sehr wichtig. Es gab immer ein Korrektiv bei mir. Meistens folgte auf eine tolle Sache etwas, das nicht so toll war. Allgemein muss ich sagen, dass ich großes Glück gehabt habe und es als Privileg empfinde, dass ich nach all der langen Zeit immer noch arbeiten darf. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Ich glaube, Selbstkritik ist ganz wichtig. Die wurde mir zum Glück mitgegeben, auch von meinem Vater. Ich gehe tatsächlich auch sehr hart mit mir selbst ins Gericht. Deshalb kann mich Kritik von außen nicht so treffen. Und es bewahrt mich davor, irgendwelche Höhenflüge zu machen. Denn ich weiß, am Ende landet man immer auf der Erde. Es ist immer gesünder, 50 zu fahren und den Ball flach zu halten. Haben Sie nun Blut geleckt, was das Inszenieren betrifft? Ja, es war eine wirklich schöne Erfahrung für mich. Ich bin mit dem Resultat glücklich und der Prozess war wahnsinnig bereichernd. Ich würde es nicht ausschließen, das nochmal anzugehen. Vor allem die Zusammenarbeit mit Daniel Kehlmann lief richtig toll. Wir sitzen auch schon wieder zusammen und tüfteln an etwas Neuem. Es ist zu früh, um etwas konkret darüber zu sagen. Aber wir haben große Freude zusammen und werden hoffentlich wieder etwas auf die Beine stellen. Sie spielen selbst in Superheldenfilmen und -serien mit, die Sie im Film mit Augenzwinkern betrachten. Denken Sie am Set manchmal: „Was mache ich hier eigentlich?“? Das ist tatsächlich nicht immer einfach. Aber ich nehme das Ganze sehr ernst und kann diesem Genre wirklich etwas abgewinnen. Das ist beste Popcorn-Unterhaltung. Nachdem ich mit meinem Film fertig war und wieder dort rüber ging, hätte das Kontrastprogramm nicht größer sein können. Es hat mir irrsinnige Freude bereitet, mich wieder in dieses Abenteuer zu stürzen und mit dieser Figur etwas völlig anderes zu machen als beim ersten Mal. Aber gerade bei meinem ersten Auftritt dachte ich: „Wie wird denn das alles am Ende aussehen? Und wie wird sich das anhören?“. Wir alle sprechen mit einem komischen Akzent, wir tragen seltsame Klamotten und alles fühlt sich merkwürdig an. Aber im Endeffekt sind da so viele talentierte Leute involviert, die es schaffen, eine in sich stimmige Welt zu kreieren. Das finde ich bewundernswert.

Interview mit Schauspieler Daniel Brühl über Privatsphäre, sein Regie-Debut und Berlin

Daniel Brühl hat kein Problem damit, aufgrund seiner Bekanntheit fotografiert zu werden. Nur heimlich mag es der Schauspieler mit Hollywood-Erfahrungen nicht. Foto: Imago © imago images/APress

Vor einem wichtigen Vorsprechen kehrt Filmstar Daniel noch in eine urige Eckkneipe in seinem Kiez ein. Dort erwartet ihn ein älterer Herr, der seinen berühmten Nachbarn mit unangenehmen Tatsachen konfrontiert, Zweifel an seinem Beruf sät und intime Details aus seinem Privatleben kennt. Die schwarze Komödie „Nebenan“ markiert das Regiedebüt des international erfolgreichen Schauspielers Daniel Brühl (43, „The First Avenger: Civil War“) für das der renommierte Autor Daniel Kehlmann Brühls Ideen zu einem Drehbuch verarbeitete. Wir sprachen mit Daniel Brühl über seinen Erstling, der am 15. Juli ins Kino kommt.

Herr Brühl, warum war jetzt die richtige Zeit, um ins Regiefach einzusteigen?

Ich habe schon lange mit dem Regie-Gedanken gespielt und mich immer wieder gefragt, welche Geschichte die richtige wäre, um es wirklich zu wagen. Die Idee zu „Nebenan“ hat mich nicht losgelassen. Bei dieser Story fühlte ich mich sehr wohl, weil ich mich in dieser Welt und ihren Figuren auskenne. Das einzige Problem war, dass ich nicht wirklich in der Lage bin, ein Drehbuch zu verfassen. Zum Glück hat Daniel Kehlmann zugesagt, der als Autor großartige Dialoge schreibt. Es war mein Anliegen, dass man bei den ganzen ernsten Themen nie den humoristischen Ton verliert. Dass es am Ende des Tages doch eine Komödie bleibt, wenn auch eine sehr dunkle, die auch Ernstes, Soziales und Politisches behandelt. Ohne Daniel Kehlmann hätte ich diesen Film so nicht machen können.

Wann kam Peter Kurth als Ihr Gegenspieler Bruno an Bord?

Er war von Anfang an meine Traumbesetzung. Dementsprechend nervös waren wir, als wir endlich mit dem Buch fertig waren. Wir haben es ihm geschickt und Peter Kurth hat innerhalb von 24 Stunden zugesagt, mit einem rührenden Brief, in dem er sich total über dieses Rollenangebot gefreut hat. Spätestens da habe ich gemerkt, dass es eine gute Entscheidung war, dieses Projekt anzupacken, weil die Leute, die ich unbedingt dafür gewinnen wollte, genauso angetan waren wie ich selber. Vor allen Dingen auch Leute vor und hinter der Kamera, die aus dem Osten stammen. Wie zeichnen wir diese Figuren authentisch? Das war beim Schreibprozess immer ein Balanceakt.

Inwiefern?

Ganz am Anfang war es noch so, dass meine Figur sehr reaktiv war und ein bisschen unbedarft auf diese Angriffe reagiert hat, während Peter als so eine Art frustrierter Wutbürger herüberkam. So eine Mephisto-Figur, bei der man gar nicht genau versteht, warum sie sich so viel Mühe gibt, mich zu zerstören. Ich wollte keine der beiden Figuren verraten und auch nicht den einen sympathischer als den anderen machen. Deshalb hat sich meine Figur dann in eine aktivere Richtung entwickelt – und auch in eine sehr eitle, gocklige. Es war mir besonders wichtig, gleich am Anfang den richtigen Ton zu setzen. Man soll nicht denken, dass ich selbst diese Figur bin. Die Geschichte spielt mit vielen Erfahrungen, die ich gesammelt habe und natürlich hat sie eine Menge mit mir zu tun. Der Zuschauer darf es aber nicht so missverstehen, als wäre ich jetzt diese Figur.

Der Schlagabtausch von Daniel und Bruno setzt verschiedene Themenschwerpunkte. So kritisiert Bruno Wessis, die Filme über die DDR machen und behaupten, alles über diese Zeit zu wissen. Wo positioniert sich der Star aus „Good Bye, Lenin!“ in diesem Diskurs?

Als ich die Rolle damals angeboten bekam, war ich mir der Tragweite von Anfang an bewusst. Ich war noch sehr grün hinter den Ohren, gerade 20. Ehrlich gesagt hat sich dieses Land damals für mich zum ersten Mal erschlossen. Ein neues Land. Ich merkte, was ich da an Vorbereitung leisten muss. Plötzlich hatte ich mit Menschen zu tun, die einen komplett anderen kulturellen und sozialen Hintergrund hatten. Ich fühlte mich wirklich erschlagen davon, wie groß die Unterschiede tatsächlich waren. Wir – und vor allem Wolfgang Becker – waren uns damals der Verantwortung bewusst, die man mit so einem Film übernimmt.

Das Thema der Gentrifizierung scheint Sie sehr zu beschäftigen.

Ja. Im Film sagt Bruno zu mir: „Dann haben Sie sich in diese Stadt verliebt und sind auch gleich hierhergezogen.“. So war es ja auch. Ich habe den Gentrifizierungs-Prozess im Prenzlauer Berg in den letzten 20 Jahren mitverfolgen können. Der Film ist eine aktuelle Bestandsaufnahme. Ob es in fünf Jahren auch noch so aussieht, dass ich Nachbarn habe, die wirklich noch aus dem Osten stammen, wird sich zeigen. Noch erlebe ich das Leben im Prenzlauer Berg an bestimmten Ecken so, dass es einen Austausch zwischen Ost und West gibt. Aber natürlich ist mir dieser Gentrifizierung-Prozess bewusst, zu dem ich mich am Ende des Tages auch selbst zählen muss. Ich bin ja auch aus Köln hierhergezogen. Seither beschäftigt mich dieses Gefühl der Inkohärenz, mit der man da lebt: zu wissen, dass man zwar nicht Schuld an diesem Phänomen, aber doch ein Teil davon ist. Ich glaube, die Nachbarn aus dem Osten mögen mich, vielleicht tun sie auch nur so. Aber je nach Konstellation, die sich bei mir im Hinterhof trifft, merkt man halt immer noch woher ich komme, nach über zwei Jahrzehnten. Das war der Anreiz, diese Geschichte zu erzählen. Sie spiegelt meinen Blick auf die Stadt wider, so wie ich sie in diesen Jahren erlebt habe.

Sie würden diese Geschichte sicher nicht erzählen, wenn sie nicht von eigenen Zweifeln am Beruf des Schauspielers genährt wurde. Ist es eher der Beruf an sich oder Ihre persönliche Rolle, die Sie hinterfragen?

Ich wollte auch da den Schattenseiten den Spiegel vorhalten. Das beurteilt Werden und das Stehen unter Beobachtung nimmt immer absurdere Ausmaße an. Das ist natürlich auch als Idee mit eingeflossen. Ich fand es interessant, eine Figur zu spielen, die sich wirklich in diesem Ruhm und in dem Beruf sehr suhlt. Was passiert, wenn die Hüllen fallen, wenn an der Fassade gekratzt wird und die Schichten auseinandergenommen werden? Wenn so ein eitles Kartenhaus in sich zusammenbricht?

Auch das Thema der Lebenslügen floss mit ein. Es war jetzt nicht so sehr die Idee, einen Film über mich und meine Erfahrungen als Schauspieler in Berlin zu machen. Ich fand es gut, die Geschichte über diese zwei sehr unterschiedlichen Typen zu erzählen. Ich finde, dass die Persona des Schauspielers und der prominenten Person in der Öffentlichkeit einfach eine wunderbare Angriffsfläche bietet. Natürlich könnte das jetzt auch ein erfolgreicher Architekt oder Politiker oder was auch immer sein. Aber dann dachte ich: „Warum mache ich das nicht einfach persönlich und begebe mich auf ein Feld, auf dem ich mich wahnsinnig gut auskenne?“. Ich weiß, was ich da selbst für Demütigungen und Beleidigungen erfahren habe. Das ging mir dann plötzlich sehr leicht von der Hand. Damit konnte auch Daniel Kehlmann sehr viel anfangen, weil ich ihn immer füttern konnte. Er hat sich halb totgelacht über die Sachen, die mir schon an den Kopf geworfen wurden. Einige haben wir dann eins zu eins mit ins Buch genommen.

Zum Beispiel?

Auf einer Party wurde mir tatsächlich gesagt: „Sie sind ja nicht derjenige, der sich was erspielt.“. Da war ich vollkommen von den Socken. Das ist so ein furchtbarer Satz! Plötzlich denkt man sich, dass man sich bei keiner einzigen Figur, die man verkörpert hat, irgendwas erspielt hat. Aha, interessant! Mir kam auch tatsächlich mal in einem Park in Spanien ein schwedisches Paar entgegen. Blond, wie sie waren, dachte ich, dass es Deutsche sind. Sie zeigten mir ihre Kamera und ich habe instinktiv den Arm um die Dame gelegt. Ich dachte, sie wollte ein Foto mit mir. Es stellte sich heraus, dass sie gar nicht wussten, wer ich bin. Sie waren Schweden und wollten, dass ich ein Foto von ihnen mache. Diese Situation fanden Daniel Kehlmann und ich auch schön. Ich bin froh, dass sie im Film gelandet ist.

Sie sind im wahren Leben weltweit unterwegs. Im Film heißt es: „Berlin ist das Beste!“ Würden Sie das unterschreiben?

Ich würde in vielerlei Beziehung schon sagen, dass Berlin eine der besten Städte ist. Deswegen bin ich auch nie weggezogen. Ob sie jetzt DIE beste ist – vielleicht. Ich habe es immer sehr genossen, in wunderschönen Städten Zeit zu verbringen. Ob es jetzt Barcelona, Madrid, Paris oder sonst wo ist. Aber es hat mich immer wieder nach Berlin gezogen. Die Stadt ist meine Heimat geworden. Obwohl die Idee zu der Geschichte eigentlich in Spanien entstand, war es für mich klar, dass es viel zwingender und wichtiger für mich war, diese Geschichte in Berlin zu erzählen.

Der Film zeigt, wie groß der Verlust der Privatsphäre heutzutage sein kann. Fällt es Ihnen schwer, keine Paranoia zu entwickeln?

Man muss schon Nerven bewahren und darf nicht zu zart besaitet sein, um wirklich mit diesem permanenten beurteilt Werden klar zu kommen. Das nimmt durch Social Media und durch Handys immer abstrusere Formen an. Ich habe meistens kein Problem damit. Ich gehe in den meisten Fällen offen damit um und bin dazu bereit, ein Foto zu machen oder zwei Sätze zu wechseln. Dann ist das auch schnell vorbei. Das habe ich früh erkannt. Sobald man anfängt, sich dagegen zu wehren oder das abzuschlagen, gibt’s meistens sofort eine Gegenreaktion. Und plötzlich ziehen sich die Dinge in die Länge. In den allermeisten Fällen triggert es ja auch die eigene Eitelkeit, wenn man feststellt, dass man wahrgenommen wird. Ein amerikanischer Star hat mal gesagt: „Die Schauspieler, die sich beschweren, dass sie zu oft erkannt werden, würden sich noch mehr beschweren, wenn sie nicht mehr erkannt werden.“ Da steckt einfach viel Wahrheit drin. Die meisten Menschen treten einem sehr sympathisch entgegen. Und mit den anderen Situationen muss man halt umgehen.

Mit welchen zum Beispiel?

Ich finde es sehr problematisch, wenn Leute denken, sie seien so schlau, dass sie einen heimlich filmen oder fotografieren könnten, ohne zu fragen. Ich reagiere allergisch darauf, wenn je nach Situation auch noch die Kinder dabei sind und so etwas dann ungefragt passiert. Solche Verhaltensmuster stelle ich immer häufiger fest. So eine Distanzlosigkeit und Übergriffigkeit ist in den letzten Jahren schon deutlich heftiger geworden. Damit muss man umgehen können. Aber den Preis für einen Beruf, der mich noch immer wahnsinnig beglückt, zahle ich gerne.

Wie schwierig ist es für einen international erfolgreichen Schauspieler, nicht in einem Elfenbeinturm zu landen? Gab es Phasen in Ihrem Leben, in denen Sie sich sagen mussten: „Alter, bleib auf dem Teppich!“?

Ja, es gab immer die Momente, die auch mal nach hinten losgegangen sind, die unangenehm waren. Ich empfinde sie im Nachhinein aber als sehr wichtig. Es gab immer ein Korrektiv bei mir. Meistens folgte auf eine tolle Sache etwas, das nicht so toll war. Allgemein muss ich sagen, dass ich großes Glück gehabt habe und es als Privileg empfinde, dass ich nach all der langen Zeit immer noch arbeiten darf. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Ich glaube, Selbstkritik ist ganz wichtig. Die wurde mir zum Glück mitgegeben, auch von meinem Vater. Ich gehe tatsächlich auch sehr hart mit mir selbst ins Gericht. Deshalb kann mich Kritik von außen nicht so treffen. Und es bewahrt mich davor, irgendwelche Höhenflüge zu machen. Denn ich weiß, am Ende landet man immer auf der Erde. Es ist immer gesünder, 50 zu fahren und den Ball flach zu halten.

Haben Sie nun Blut geleckt, was das Inszenieren betrifft?

Ja, es war eine wirklich schöne Erfahrung für mich. Ich bin mit dem Resultat glücklich und der Prozess war wahnsinnig bereichernd. Ich würde es nicht ausschließen, das nochmal anzugehen. Vor allem die Zusammenarbeit mit Daniel Kehlmann lief richtig toll. Wir sitzen auch schon wieder zusammen und tüfteln an etwas Neuem. Es ist zu früh, um etwas konkret darüber zu sagen. Aber wir haben große Freude zusammen und werden hoffentlich wieder etwas auf die Beine stellen.

Sie spielen selbst in Superheldenfilmen und -serien mit, die Sie im Film mit Augenzwinkern betrachten. Denken Sie am Set manchmal: „Was mache ich hier eigentlich?“?

Das ist tatsächlich nicht immer einfach. Aber ich nehme das Ganze sehr ernst und kann diesem Genre wirklich etwas abgewinnen. Das ist beste Popcorn-Unterhaltung. Nachdem ich mit meinem Film fertig war und wieder dort rüber ging, hätte das Kontrastprogramm nicht größer sein können. Es hat mir irrsinnige Freude bereitet, mich wieder in dieses Abenteuer zu stürzen und mit dieser Figur etwas völlig anderes zu machen als beim ersten Mal. Aber gerade bei meinem ersten Auftritt dachte ich: „Wie wird denn das alles am Ende aussehen? Und wie wird sich das anhören?“. Wir alle sprechen mit einem komischen Akzent, wir tragen seltsame Klamotten und alles fühlt sich merkwürdig an. Aber im Endeffekt sind da so viele talentierte Leute involviert, die es schaffen, eine in sich stimmige Welt zu kreieren. Das finde ich bewundernswert.

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