75. Jahrestag des Massakers von Babi Jar: Ein Überlebender erinnert sich Ilja Regier Kiew (mt). Dem Massaker von Babi Jar ist Vasyl Mychailovsky im September 1941 als kleiner Junge knapp entronnen. Zum 75. Jahrestag erinnerte er sich an sein wundersames Überleben - direkt am Ort des nationalsozialistischen Verbrechens in Kiew: „Meine Geschichte ist eine seltene, weil ich selbst nur einer von wenigen bin.“Rückblick: Die Masse bewegt sich. Wird angetrieben. Gerät in Panik. Er und sein Kindermädchen Nadia sind ein Teil davon. Ein Hund beißt ihr in die Hand. Beide fallen. Verletzen sich an einer Panzersperre. Beide sind mit Blut überströmt. Nadia protestiert. Hält ihren Ausweis in die Höhe. Einen ukrainischen. Vasyl sei ihr Kind, so wirkt es von außen. Und plötzlich, beide wissen nicht wie, zieht sie irgendwer aus dem Strudel. „Jemand hatte Mitleid und Erbarmen“, sagt Vasyl Mychailovsky, 1937 geboren.Der Rest der Menschenmasse, die zum Großteil aus Juden besteht, wird in der „Weiberschlucht“, Babi Jar, getötet. Ein Flugzeug kreist über der Schlucht, ein Orchester spielt. Die Schüsse der Waffen sollen übertönt werden. Zwischen dem 29. und 30. September sterben laut einem Bericht der Nazis 33 771 Juden bei der Massenerschießung. Zuvor freut sich der kleine Vasyl noch angesichts der vielen Menschen auf der Straße und im Zentrum. Er denkt, dass es sich um eine Demonstration handele. Mit seinem Vater hat er ähnliche Events besucht. „Dann gab es immer Süßigkeiten.“Eigentlich wollte er mit dem Bruder und der Oma vor dem Einmarsch der Deutschen und der Okkupation der Stadt den Rücken kehren. Doch der Zug in Richtung Osten blieb stehen und Mychailovsky kam alleine zurück. Er sah noch ein letztes Mal seinen Vater. „Es weiß niemand, was mit ihm danach geschehen ist.“ Dieser tauchte in der Wohnung auf und wurde verhaftet, weil der Hausmeister den Juden verriet. Anschließend begleitete Nadia Vasyl Mychailovsky zum befehligten Sammelpunkt.Während Vasyl Mychailovsky an den einzelnen Denkmälern und Gedenktafeln in dem heutigen Park stoppt, wo einst die Tausenden von Menschen niedergemetzelt worden waren, senkt oder hebt sich nicht einmal seine Stimme. Er reflektiert. Geht manchmal kurz in sich. Schaut auf den Boden oder ins Leere. Zückt irgendwann ein Foto, das ihn als Kind zeigt. Keine Spur von Sentimentalität ist bei seinem Zeitzeugenbericht zu bemerken.Nachdem beide aus der Masse gezogen wurden, bringt Nadia den jungen Vasyl Mychailovsky zu einem Kinderheim. Lässt ihn alleine vor der Tür stehen. Versteckt sich und beobachtet. Drückt ihm einen Zettel in die Hand, durch den ein neuer Name entsteht. Aus Caesar Katz wird Vasyl Fomin. Die jüdische Identität soll ausradiert werden. Doch im Heim ist nicht mehr die Abstammung das Problem, sondern die mangelnde Ernährung. Viele Kinder verhungern. Vasyl Fomin überlebt, auch wenn er sich in einem schlechten Zustand befindet. Nach dem Krieg muss er lange auf eine Adoption warten. Jeden Tag schaut er durch ein Schlüsselloch, in der Hoffnung, dass seine neuen Eltern erscheinen.Als ein jüdischer Arzt, der im Krieg den Partisanen half und dessen Familie überlebt hatte, das Kinderheim betritt, klammert er sich an seinen Vollbart und lässt nicht mehr los. Folglich wird zum dritten Mal sein Name geändert und er erhält seinen jetzigen: Vasyl Mychailovsky. Zu seinem einstigen Kindermädchen bricht der Kontakt nicht ab. Danach studiert er, wird Bauingenieur und findet seinen Bruder wieder.Heute lebt der Rentner in Kiew und setzt sich als stellvertretender Leiter der „All-Ukrainischen Assoziation der jüdischen ehemaligen Häftlinge der Ghettos und nationalsozialistischen Konzentrationslager“ für die Erinnerungskultur ein. „Ich hatte Glück, andere nicht. “ Daran möchte er erinnern.

75. Jahrestag des Massakers von Babi Jar: Ein Überlebender erinnert sich

Vor dem jüdischen Denkmal „Menorah“ im Babi-Jar-Park hält Vasyl Mychailovsky inne und gedenkt den Opfern. Er selbst durfte als einer von wenigen weiterleben. MT- © Foto: Ilja Regier

Kiew (mt). Dem Massaker von Babi Jar ist Vasyl Mychailovsky im September 1941 als kleiner Junge knapp entronnen. Zum 75. Jahrestag erinnerte er sich an sein wundersames Überleben - direkt am Ort des nationalsozialistischen Verbrechens in Kiew: „Meine Geschichte ist eine seltene, weil ich selbst nur einer von wenigen bin.“

Rückblick: Die Masse bewegt sich. Wird angetrieben. Gerät in Panik. Er und sein Kindermädchen Nadia sind ein Teil davon. Ein Hund beißt ihr in die Hand. Beide fallen. Verletzen sich an einer Panzersperre. Beide sind mit Blut überströmt. Nadia protestiert. Hält ihren Ausweis in die Höhe. Einen ukrainischen. Vasyl sei ihr Kind, so wirkt es von außen. Und plötzlich, beide wissen nicht wie, zieht sie irgendwer aus dem Strudel. „Jemand hatte Mitleid und Erbarmen“, sagt Vasyl Mychailovsky, 1937 geboren.

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Der Rest der Menschenmasse, die zum Großteil aus Juden besteht, wird in der „Weiberschlucht“, Babi Jar, getötet. Ein Flugzeug kreist über der Schlucht, ein Orchester spielt. Die Schüsse der Waffen sollen übertönt werden. Zwischen dem 29. und 30. September sterben laut einem Bericht der Nazis 33 771 Juden bei der Massenerschießung. Zuvor freut sich der kleine Vasyl noch angesichts der vielen Menschen auf der Straße und im Zentrum. Er denkt, dass es sich um eine Demonstration handele. Mit seinem Vater hat er ähnliche Events besucht. „Dann gab es immer Süßigkeiten.“

Eigentlich wollte er mit dem Bruder und der Oma vor dem Einmarsch der Deutschen und der Okkupation der Stadt den Rücken kehren. Doch der Zug in Richtung Osten blieb stehen und Mychailovsky kam alleine zurück. Er sah noch ein letztes Mal seinen Vater. „Es weiß niemand, was mit ihm danach geschehen ist.“ Dieser tauchte in der Wohnung auf und wurde verhaftet, weil der Hausmeister den Juden verriet. Anschließend begleitete Nadia Vasyl Mychailovsky zum befehligten Sammelpunkt.

Während Vasyl Mychailovsky an den einzelnen Denkmälern und Gedenktafeln in dem heutigen Park stoppt, wo einst die Tausenden von Menschen niedergemetzelt worden waren, senkt oder hebt sich nicht einmal seine Stimme. Er reflektiert. Geht manchmal kurz in sich. Schaut auf den Boden oder ins Leere. Zückt irgendwann ein Foto, das ihn als Kind zeigt. Keine Spur von Sentimentalität ist bei seinem Zeitzeugenbericht zu bemerken.

Nachdem beide aus der Masse gezogen wurden, bringt Nadia den jungen Vasyl Mychailovsky zu einem Kinderheim. Lässt ihn alleine vor der Tür stehen. Versteckt sich und beobachtet. Drückt ihm einen Zettel in die Hand, durch den ein neuer Name entsteht. Aus Caesar Katz wird Vasyl Fomin. Die jüdische Identität soll ausradiert werden. Doch im Heim ist nicht mehr die Abstammung das Problem, sondern die mangelnde Ernährung. Viele Kinder verhungern. Vasyl Fomin überlebt, auch wenn er sich in einem schlechten Zustand befindet. Nach dem Krieg muss er lange auf eine Adoption warten. Jeden Tag schaut er durch ein Schlüsselloch, in der Hoffnung, dass seine neuen Eltern erscheinen.

Als ein jüdischer Arzt, der im Krieg den Partisanen half und dessen Familie überlebt hatte, das Kinderheim betritt, klammert er sich an seinen Vollbart und lässt nicht mehr los. Folglich wird zum dritten Mal sein Name geändert und er erhält seinen jetzigen: Vasyl Mychailovsky. Zu seinem einstigen Kindermädchen bricht der Kontakt nicht ab. Danach studiert er, wird Bauingenieur und findet seinen Bruder wieder.

Heute lebt der Rentner in Kiew und setzt sich als stellvertretender Leiter der „All-Ukrainischen Assoziation der jüdischen ehemaligen Häftlinge der Ghettos und nationalsozialistischen Konzentrationslager“ für die Erinnerungskultur ein. „Ich hatte Glück, andere nicht. “ Daran möchte er erinnern.

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