Zwischen Weser und Blech: Was lockt Camper auf Kanzlers Weide? Stefan Koch Minden. Sie kommen aus Leverkusen, Hameln, Delmenhorst, Cuxhaven, Gütersloh und anderen deutschen Städten – meist im Norden oder Westen der Republik gelegen. In brütender Hitze stehen rund 30 Wohnmobile jetzt täglich auf Kanzlers Weide. Wegen der Coronakrise war auch dieser Platz für die Touristen mit den rollenden Ferienhäusern vom 22. März bis 10. Mai gesperrt. Jetzt wollen viele das nachholen, was ihnen im Frühjahr verwehrt war. Angesichts der Unsicherheit bei den durch die Pandemie bedingten Regelungen für Fernreisen, steigen in diesem Jahre viele Urlauber auf das Wohnmobil um. So haben in der Statistik des Kraftfahrt-Bundesamtes die Neuzulassungen bei Wohnmobilen im Juni im Vergleich zum Vorjahresmonat um rund 65 Prozent zugelegt. Und im Monat Juli war es sogar fast eine Verdoppelung. Der Vorteil der Mobilität mit Toilette, Dusche und Frischwasser an Bord ist, dass die Reisenden von Sicherheits-Reglementierung weitgehend verschont bleiben. Allerdings: Wegen der vorübergehenden Sperrung von Stellplätzen im Frühjahr und dem damit verbundenen Reisestopp macht sich der Trend zum Wohnmobil anhand der Besucherzahlen in Minden noch nicht bemerkbar. Wie die für den Verkauf der Übernachtungstickets zuständige Parkhaus GmbH mitteilt, wurden im Juli 594 Tickets gezogen – im Vorjahresmonat waren es noch 699 Stück zu fünf Euro pro Nacht. Auch für die Monate Juni und Mai ist eine Minusdifferenz festzustellen. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 4.000 bezahlte Übernachtungen auf Kanzlers Weide registriert. Bis Ende Juli 2020 waren es 1.642. Ein Gütersloher, der vor einigen Tagen mit seinem Wohnmobil nach Minden kam, bestätigt den Trend zum Wohnmobil. „Ich kenne einige, die sich jetzt eins beschafft haben, um damit in die Ferien zu fahren.“ Das hätten Gespräche mit anderen Wohnmobilisten auf anderen Stellplätzen ergeben. Er selbst sei jetzt nach Minden gekommen, weil ihm die Nähe zum Wasser gefällt und weil wegen der Coronakrise der gewohnte Urlaub in Dänemark erschwert sei. Was die Leute sonst noch nach Minden treibt? „Mir gefällt die Stadt“, sagt Hans Gensmann aus Brake an der Unterweser. Mehr als 20 Mal sei er schon auf Kanzlers Weide mit seinem mittlerweile vierten Wohnmobil gewesen. „Ich kenne die ganze Veränderung des Platzes – von der Zeit, als er noch kostenfrei war, bis heute.“ „Mir gefallen auch die netten Menschen hier und die guten Einkaufsmöglichkeiten“, pflichtet Hans Gensmanns Lebensgefährtin Ellen Rex aus Fürstenberg im Kreis Paderborn bei. Auch sie ist mit ihrem eigenen Wohnmobil gekommen. Das Rentnerpaar hatte sich vor vielen Jahren im Urlaub auf einem Stellplatz in Wilhelmshaven kennengelernt. Vor allem die Riesendusche, die die Weserfreunde vor dem Sandstrand installiert hatten, begeistert Doris Graubohm aus Soltau-Fallingbostel. Schon 32 Jahre ist die Rentnerin im Wohnmobil in ganz Europa unterwegs – nach Minden kam sie vor einigen Tagen zum ersten Mal. Auch sie hat vom Wohnmobilboom gehört und kann die gestiegene Nachfrage nach dieser Art des Urlaubs verstehen. „Das steht ja jetzt in allen Zeitungen.“ Schon seit vier Jahren erhebt die Stadt Minden die Übernachtungsgebühr für Wohnmobile auf Kanzlers Weide in unveränderter Höhe. Dazu musste ein Konzept für Markierungen und Beschilderung aufgestellt werden. Drei Stunden für einen Halt oder Stopp in Minden in der Zeit zwischen 10 und 19 Uhr sind kostenfrei – dafür müssen die Fahrer aber auch ein Ticket ziehen. Doch nicht immer ist das einfach. Viele Wohnmobilfahrer beklagten in der vergangenen Woche, dass es nur einen funktionsfähigen Ticketautomaten gebe, und der befinde sich auch noch mehrere Hundert Meter am südlichen Rand des Platzes. Auch die Anlage zur Abwasserentsorgung lässt nach Auskunft von Besuchern zu wünschen übrig. Wer seine Kassette am Abfluss neben dem Gebäude entleert, findet keinen Schlauch zum Nachreinigen. Manche nutzen dann die Zapfstelle für das Trinkwasser zum Spülen, was unhygienisch ist. Und: Immer noch ist es offenbar nicht gelungen, junge Autofahrer in den Nachtstunden von lautstarken Treffs hinter den Stellplätzen auf Kanzlers Weide abzuhalten. Stellplatz oder Campingplatz? Reisemobil-Stellplätze, wie der auf Kanzlers Weide, sind meist nur für einen kurzzeitigen Aufenthalt (bis zwei oder drei Nächte) von Fahrzeugen ausgelegt, die über ein geschlossenes Abwassersystem und Bordtoilette verfügen. In der Regel sind Stellplätze normale Parkplätze, auf denen durch entsprechende Schilder das Übernachten in Wohnmobilen gestattet ist. Die An- und Abreise kann jederzeit erfolgen, auch nachts. Es gibt keine Rezeption, bei der man sich an- oder abmelden muss. Der Aufbau von Zelten und Vorzelten ist auf einem Stellplatz nicht erlaubt. Saison- und Dauercamping ist ebenfalls verboten. Sanitäre Anlagen stehen gar nicht oder nur eingeschränkt zur Verfügung. Niedrige Übernachtungspreise, zum Teil kostenlos. Bei kostenpflichtigen Stellplätzen ist die Gebühr meistens an einem Parkscheinautomat zu bezahlen. Ein Campingplatz ist ein abgegrenztes, oft umzäuntes Gelände, auf dem der Aufenthalt mit einem Zelt, Wohnwagen oder Wohnmobil möglich ist. (mre)

Zwischen Weser und Blech: Was lockt Camper auf Kanzlers Weide?

Besonders die schattigen Plätze unter den Bäumen sind bei den Wohnmobilisten beliebt. Im vergangenen Jahr wurden etwa 4000 bezahlte Übernachtungen auf dem Stellplatz registriert. MT- © Foto: Alex Lehn

Minden. Sie kommen aus Leverkusen, Hameln, Delmenhorst, Cuxhaven, Gütersloh und anderen deutschen Städten – meist im Norden oder Westen der Republik gelegen. In brütender Hitze stehen rund 30 Wohnmobile jetzt täglich auf Kanzlers Weide. Wegen der Coronakrise war auch dieser Platz für die Touristen mit den rollenden Ferienhäusern vom 22. März bis 10. Mai gesperrt. Jetzt wollen viele das nachholen, was ihnen im Frühjahr verwehrt war.

Angesichts der Unsicherheit bei den durch die Pandemie bedingten Regelungen für Fernreisen, steigen in diesem Jahre viele Urlauber auf das Wohnmobil um. So haben in der Statistik des Kraftfahrt-Bundesamtes die Neuzulassungen bei Wohnmobilen im Juni im Vergleich zum Vorjahresmonat um rund 65 Prozent zugelegt. Und im Monat Juli war es sogar fast eine Verdoppelung. Der Vorteil der Mobilität mit Toilette, Dusche und Frischwasser an Bord ist, dass die Reisenden von Sicherheits-Reglementierung weitgehend verschont bleiben.

Ellen Rex und Hans Gensmann kommen immer wieder gern nach Minden. MT- - © Foto: Stefan Koch
Ellen Rex und Hans Gensmann kommen immer wieder gern nach Minden. MT- - © Foto: Stefan Koch

Allerdings: Wegen der vorübergehenden Sperrung von Stellplätzen im Frühjahr und dem damit verbundenen Reisestopp macht sich der Trend zum Wohnmobil anhand der Besucherzahlen in Minden noch nicht bemerkbar. Wie die für den Verkauf der Übernachtungstickets zuständige Parkhaus GmbH mitteilt, wurden im Juli 594 Tickets gezogen – im Vorjahresmonat waren es noch 699 Stück zu fünf Euro pro Nacht. Auch für die Monate Juni und Mai ist eine Minusdifferenz festzustellen. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 4.000 bezahlte Übernachtungen auf Kanzlers Weide registriert. Bis Ende Juli 2020 waren es 1.642.

Doris Graubohm gefällt vor allem die Riesendusche.
Doris Graubohm gefällt vor allem die Riesendusche.

Ein Gütersloher, der vor einigen Tagen mit seinem Wohnmobil nach Minden kam, bestätigt den Trend zum Wohnmobil. „Ich kenne einige, die sich jetzt eins beschafft haben, um damit in die Ferien zu fahren.“ Das hätten Gespräche mit anderen Wohnmobilisten auf anderen Stellplätzen ergeben. Er selbst sei jetzt nach Minden gekommen, weil ihm die Nähe zum Wasser gefällt und weil wegen der Coronakrise der gewohnte Urlaub in Dänemark erschwert sei.

Was die Leute sonst noch nach Minden treibt? „Mir gefällt die Stadt“, sagt Hans Gensmann aus Brake an der Unterweser. Mehr als 20 Mal sei er schon auf Kanzlers Weide mit seinem mittlerweile vierten Wohnmobil gewesen. „Ich kenne die ganze Veränderung des Platzes – von der Zeit, als er noch kostenfrei war, bis heute.“

„Mir gefallen auch die netten Menschen hier und die guten Einkaufsmöglichkeiten“, pflichtet Hans Gensmanns Lebensgefährtin Ellen Rex aus Fürstenberg im Kreis Paderborn bei. Auch sie ist mit ihrem eigenen Wohnmobil gekommen. Das Rentnerpaar hatte sich vor vielen Jahren im Urlaub auf einem Stellplatz in Wilhelmshaven kennengelernt.

Vor allem die Riesendusche, die die Weserfreunde vor dem Sandstrand installiert hatten, begeistert Doris Graubohm aus Soltau-Fallingbostel. Schon 32 Jahre ist die Rentnerin im Wohnmobil in ganz Europa unterwegs – nach Minden kam sie vor einigen Tagen zum ersten Mal. Auch sie hat vom Wohnmobilboom gehört und kann die gestiegene Nachfrage nach dieser Art des Urlaubs verstehen. „Das steht ja jetzt in allen Zeitungen.“

Schon seit vier Jahren erhebt die Stadt Minden die Übernachtungsgebühr für Wohnmobile auf Kanzlers Weide in unveränderter Höhe. Dazu musste ein Konzept für Markierungen und Beschilderung aufgestellt werden. Drei Stunden für einen Halt oder Stopp in Minden in der Zeit zwischen 10 und 19 Uhr sind kostenfrei – dafür müssen die Fahrer aber auch ein Ticket ziehen.

Doch nicht immer ist das einfach. Viele Wohnmobilfahrer beklagten in der vergangenen Woche, dass es nur einen funktionsfähigen Ticketautomaten gebe, und der befinde sich auch noch mehrere Hundert Meter am südlichen Rand des Platzes. Auch die Anlage zur Abwasserentsorgung lässt nach Auskunft von Besuchern zu wünschen übrig. Wer seine Kassette am Abfluss neben dem Gebäude entleert, findet keinen Schlauch zum Nachreinigen. Manche nutzen dann die Zapfstelle für das Trinkwasser zum Spülen, was unhygienisch ist. Und: Immer noch ist es offenbar nicht gelungen, junge Autofahrer in den Nachtstunden von lautstarken Treffs hinter den Stellplätzen auf Kanzlers Weide abzuhalten.

Stellplatz oder Campingplatz?

Reisemobil-Stellplätze, wie der auf Kanzlers Weide, sind meist nur für einen kurzzeitigen Aufenthalt (bis zwei oder drei Nächte) von Fahrzeugen ausgelegt, die über ein geschlossenes Abwassersystem und Bordtoilette verfügen. In der Regel sind Stellplätze normale Parkplätze, auf denen durch entsprechende Schilder das Übernachten in Wohnmobilen gestattet ist.

Die An- und Abreise kann jederzeit erfolgen, auch nachts. Es gibt keine Rezeption, bei der man sich an- oder abmelden muss. Der Aufbau von Zelten und Vorzelten ist auf einem Stellplatz nicht erlaubt. Saison- und Dauercamping ist ebenfalls verboten. Sanitäre Anlagen stehen gar nicht oder nur eingeschränkt zur Verfügung. Niedrige Übernachtungspreise, zum Teil kostenlos.

Bei kostenpflichtigen Stellplätzen ist die Gebühr meistens an einem Parkscheinautomat zu bezahlen. Ein Campingplatz ist ein abgegrenztes, oft umzäuntes Gelände, auf dem der Aufenthalt mit einem Zelt, Wohnwagen oder Wohnmobil möglich ist. (mre)

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