Zwischen Verstand und Verständnis - Namhafte Schauspieler aus Minden stört nicht nur die Perspektivlosigkeit der Branche Lea Oetjen Minden. Keine Auftritte. Keine Proben. Kein Lohn. Der Vorhang ist zu. Und wie es aussieht, ändert sich daran auch erst einmal nichts. Es wird wohl noch dauern, bis die Menschen im Theater, in der Oper und im Kino wieder gespannt darauf warten dürfen, dass sich das tiefrote Samt bewegt. Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass die Corona-Pandemie die Kunst und Kultur hart getroffen hat. „Die Perspektive fehlt komplett“, bedauert Stadttheater-Intendantin Andrea Krauledat. Theater, Museen und andere Kultureinrichtungen würden seit Monaten als Freizeitbeschäftigung abgestempelt. Aber: „Das ist natürlich nicht unser Anspruch. Wir sind genauso Bildungsinstitute.“ Es könne nicht andauernd um Legitimation gebeten werden. „Dafür ist die Kultur einfach zu wichtig“, betont Andrea Krauledat. Nicht nur für sie als Intendantin nimmt das Theater einen wichtigen Teil in ihrem Leben ein. Auch Schauspieler trifft die momentane Lage hart. „Es gibt nichts daran zu verschönen, dass es unter uns Schauspielern sehr viel Verzweifelte gibt, denen man im Moment alles nimmt, wofür sie Leben“, findet Eckhard Preuß deutliche Worte. Der 59-Jährige ist in Minden geboren und aufgewachsen. Er ist ein erfahrener Schauspieler und bekannt aus diversen TV-Produktionen wie dem Tatort und Polizeiruf. Inzwischen liegt sein künstlerischer Fokus allerdings auf den Theaterbühnen – als Schauspieler und Regisseur. „Wir verdienen auf der Bühne nicht nur unser Brot, nicht nur unser Gehalt. Wir nähren uns davon. Ich brauche keinen zweiten Apfelsaft oder Zwiebeln im Salat. Wir spielen Theater, weil das unser Leben ist. Das ist nicht nur unser Broterwerb, das ist unser Brot direkt“, erklärt Preuß mit Nachdruck. Doch es ist längst nicht die Bühne, das Publikum, was ihm am meisten fehlt – „es ist das Verständnis füreinander“, verrät der 59-Jährige. Die Menschen würden sich aktuell zu sehr auf ihren kühlen, fast kalten Verstand verlassen. „Das gefällt mir nicht. Es geht längst nicht mehr nur darum, etwas zu verstehen. Nein, es geht darum, auch Verständnis zu zeigen“, appelliert er. Wenn Menschen etwas nicht verstehen, aber trotzdem Verständnis dafür zeigen, „dann habe ich auch die Möglichkeit, das ein bisschen besser zu verstehen, was ich vielleicht vom Verstand her nicht verstehen kann“, beschreibt Preuß seinen Gedankengang. Er habe Angst, dass sich die Gesellschaft in der Pandemie verliere. „Verständnis verbindet, aber der Verstand isoliert uns gerade. Und das können wir nun mal wirklich gar nicht gebrauchen.“ Jonte Volkmann stört die Perspektivlosigkeit seines Jobs längst nicht so sehr, „wie die Leute, die die Pandemie noch immer nicht ernstnehmen“, wie der Mindener betont. Der 30-Jährige ist aktuell noch als festes Ensemblemitglied am Nordharzer Städtebundtheater angestellt. Volkmann ist bewusst, dass die Stimmung in der Kulturbranche aktuell sehr schlecht ist. „Klar, ich würde auch lieber wie immer arbeiten und nicht nur Stücke proben, die ich wahrscheinlich eh nie spielen werde“, sagt der 30-Jährige und ergänzt: „Aber bitte zu welchem Preis? Klar, ich habe auch so meine Sorgen durch die Pandemie. Aber das kann ich doch nicht vergleichen mit zum Beispiel dem Verlust der Menschen, die durch das Coronavirus einen geliebten Menschen verloren haben. Das kann und sollte doch gar nicht auf einer Ebene stehen. Da sind die geschlossenen Theater und Kulturstätten wirklich ein Jammern auf hohem Niveau“, findet er. Unterhaltung sei zwar wichtig und würde in der aktuellen Zeit sicherlich auch vielen gut tun. Aber: „Wir spielen nur Theater, wir operieren nicht am offenen Herzen wie viele Ärztinnen und Ärzte. Unterhaltung sollte niemals über der Gesundheit und dem Leben stehen“, so Volkmann. Es ist kaum zu überhören, wie wichtig es dem jungen Mann ist, dass die Gesundheit und die Sicherheit der Menschen aktuell Priorität genießt. Auch wenn das bedeutet, mal zurückstecken zu müssen – wie Volkmann, der übrigens aktuell von Kurzarbeiter-Geld lebt, erst kürzlich. Er hat in den vergangenen Wochen für eine Rolle in „9 Tage wach“ geprobt, die ihn sehr berührt hat. Das Theaterstück wird in dieser Spielzeit, die gleichzeitig auch die vorerst letzte des 30-Jährigen am Nordharzer Städtebundtheater ist, nicht mehr aufgeführt. „Das hat mich schon sehr traurig gemacht“, gesteht Volkmann, der aber direkt einräumt: „Aber ich weiß, dass ich sehr viel Glück habe, dass das mein persönlicher Corona-Tiefpunkt war.“ Für den Mindener geht’s bald nach Berlin – als freier Schauspieler und Hörbuchsprecher. Sein Ziel ist es, irgendwann internationale Stars synchronisieren zu dürfen. „Ich würde da wenigstens gerne den kleinen Zeh in die Tür bekommen, auch wenn ich weiß, dass es da schon sehr viel Glück oder Vitamin B für braucht.“ Eckhard Preuß hat indes sein erstes Theaterstück fertiggeschrieben. „Die Grundidee dafür wächst schon seit meiner Jugend in mir“, erzählt der 59-Jährige, der seit Jahren in München lebt. Sein Stück heißt „Adam und Ewald“. Es ist eine moderne Art des biblischen „Kein und Abel“. Preuß könne sich gut vorstellen, das Stück eines Tages in Minden auf der Bühne zu sehen – wenn der Gong zur Vorstellung lädt und der rote Vorhang im Stadttheater sich wieder hebt.

Zwischen Verstand und Verständnis - Namhafte Schauspieler aus Minden stört nicht nur die Perspektivlosigkeit der Branche

Jonte Volkmann
Foto: Ray Behringer
© Ray Behringer,info@behringer-medien.de

Minden. Keine Auftritte. Keine Proben. Kein Lohn. Der Vorhang ist zu. Und wie es aussieht, ändert sich daran auch erst einmal nichts. Es wird wohl noch dauern, bis die Menschen im Theater, in der Oper und im Kino wieder gespannt darauf warten dürfen, dass sich das tiefrote Samt bewegt. Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass die Corona-Pandemie die Kunst und Kultur hart getroffen hat.

„Die Perspektive fehlt komplett“, bedauert Stadttheater-Intendantin Andrea Krauledat. Theater, Museen und andere Kultureinrichtungen würden seit Monaten als Freizeitbeschäftigung abgestempelt. Aber: „Das ist natürlich nicht unser Anspruch. Wir sind genauso Bildungsinstitute.“ Es könne nicht andauernd um Legitimation gebeten werden. „Dafür ist die Kultur einfach zu wichtig“, betont Andrea Krauledat. Nicht nur für sie als Intendantin nimmt das Theater einen wichtigen Teil in ihrem Leben ein.

Eckhard Preuß hat am Mindener Stadttheater zuletzt den Baron Frankenstein, also den Vater von Henry Frankenstein, verkörpert. Der 59-Jährige ist aber auch fernab der Bühne als Regisseur und Autor tätig. MT-Foto: Kerstin Rickert - © Kerstin Rickert
Eckhard Preuß hat am Mindener Stadttheater zuletzt den Baron Frankenstein, also den Vater von Henry Frankenstein, verkörpert. Der 59-Jährige ist aber auch fernab der Bühne als Regisseur und Autor tätig. MT-Foto: Kerstin Rickert - © Kerstin Rickert

Auch Schauspieler trifft die momentane Lage hart. „Es gibt nichts daran zu verschönen, dass es unter uns Schauspielern sehr viel Verzweifelte gibt, denen man im Moment alles nimmt, wofür sie Leben“, findet Eckhard Preuß deutliche Worte. Der 59-Jährige ist in Minden geboren und aufgewachsen. Er ist ein erfahrener Schauspieler und bekannt aus diversen TV-Produktionen wie dem Tatort und Polizeiruf. Inzwischen liegt sein künstlerischer Fokus allerdings auf den Theaterbühnen – als Schauspieler und Regisseur. „Wir verdienen auf der Bühne nicht nur unser Brot, nicht nur unser Gehalt. Wir nähren uns davon. Ich brauche keinen zweiten Apfelsaft oder Zwiebeln im Salat. Wir spielen Theater, weil das unser Leben ist. Das ist nicht nur unser Broterwerb, das ist unser Brot direkt“, erklärt Preuß mit Nachdruck.

Doch es ist längst nicht die Bühne, das Publikum, was ihm am meisten fehlt – „es ist das Verständnis füreinander“, verrät der 59-Jährige. Die Menschen würden sich aktuell zu sehr auf ihren kühlen, fast kalten Verstand verlassen. „Das gefällt mir nicht. Es geht längst nicht mehr nur darum, etwas zu verstehen. Nein, es geht darum, auch Verständnis zu zeigen“, appelliert er. Wenn Menschen etwas nicht verstehen, aber trotzdem Verständnis dafür zeigen, „dann habe ich auch die Möglichkeit, das ein bisschen besser zu verstehen, was ich vielleicht vom Verstand her nicht verstehen kann“, beschreibt Preuß seinen Gedankengang. Er habe Angst, dass sich die Gesellschaft in der Pandemie verliere. „Verständnis verbindet, aber der Verstand isoliert uns gerade. Und das können wir nun mal wirklich gar nicht gebrauchen.“

Jonte Volkmann stört die Perspektivlosigkeit seines Jobs längst nicht so sehr, „wie die Leute, die die Pandemie noch immer nicht ernstnehmen“, wie der Mindener betont. Der 30-Jährige ist aktuell noch als festes Ensemblemitglied am Nordharzer Städtebundtheater angestellt.

Volkmann ist bewusst, dass die Stimmung in der Kulturbranche aktuell sehr schlecht ist. „Klar, ich würde auch lieber wie immer arbeiten und nicht nur Stücke proben, die ich wahrscheinlich eh nie spielen werde“, sagt der 30-Jährige und ergänzt: „Aber bitte zu welchem Preis? Klar, ich habe auch so meine Sorgen durch die Pandemie. Aber das kann ich doch nicht vergleichen mit zum Beispiel dem Verlust der Menschen, die durch das Coronavirus einen geliebten Menschen verloren haben. Das kann und sollte doch gar nicht auf einer Ebene stehen. Da sind die geschlossenen Theater und Kulturstätten wirklich ein Jammern auf hohem Niveau“, findet er.

Unterhaltung sei zwar wichtig und würde in der aktuellen Zeit sicherlich auch vielen gut tun. Aber: „Wir spielen nur Theater, wir operieren nicht am offenen Herzen wie viele Ärztinnen und Ärzte. Unterhaltung sollte niemals über der Gesundheit und dem Leben stehen“, so Volkmann.

Es ist kaum zu überhören, wie wichtig es dem jungen Mann ist, dass die Gesundheit und die Sicherheit der Menschen aktuell Priorität genießt. Auch wenn das bedeutet, mal zurückstecken zu müssen – wie Volkmann, der übrigens aktuell von Kurzarbeiter-Geld lebt, erst kürzlich. Er hat in den vergangenen Wochen für eine Rolle in „9 Tage wach“ geprobt, die ihn sehr berührt hat. Das Theaterstück wird in dieser Spielzeit, die gleichzeitig auch die vorerst letzte des 30-Jährigen am Nordharzer Städtebundtheater ist, nicht mehr aufgeführt. „Das hat mich schon sehr traurig gemacht“, gesteht Volkmann, der aber direkt einräumt: „Aber ich weiß, dass ich sehr viel Glück habe, dass das mein persönlicher Corona-Tiefpunkt war.“

Für den Mindener geht’s bald nach Berlin – als freier Schauspieler und Hörbuchsprecher. Sein Ziel ist es, irgendwann internationale Stars synchronisieren zu dürfen. „Ich würde da wenigstens gerne den kleinen Zeh in die Tür bekommen, auch wenn ich weiß, dass es da schon sehr viel Glück oder Vitamin B für braucht.“

Eckhard Preuß hat indes sein erstes Theaterstück fertiggeschrieben. „Die Grundidee dafür wächst schon seit meiner Jugend in mir“, erzählt der 59-Jährige, der seit Jahren in München lebt. Sein Stück heißt „Adam und Ewald“. Es ist eine moderne Art des biblischen „Kein und Abel“. Preuß könne sich gut vorstellen, das Stück eines Tages in Minden auf der Bühne zu sehen – wenn der Gong zur Vorstellung lädt und der rote Vorhang im Stadttheater sich wieder hebt.

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