Zwei Abiturientinnen, zwei Schulen, zwei Geschichten: Das Corona-Abitur Anja Peper Minden. Elena und Mila, beide 18, machen in diesem Jahr Abitur. Beide gehören dem Jahrgang an, der kurz vorm Abschluss schon den zweiten Lockdown durchstehen muss. Wie geht es ihnen in diesem Ausnahmezustand? Beide sind bereit, ihre Lage zu schildern, allerdings legen sie Wert auf Anonymität. Die Redaktion hat auf ihren Wunsch hin die Vornamen geändert. Sie wohnen in zwei verschiedenen Stadtteilen in Minden, besuchen unterschiedliche Schulen und kennen sich untereinander nicht. Aber es gibt einige Parallelen. Die Vorbereitung auf ihren Abschluss haben sich die Beiden anders vorgestellt. Ein geplantes Auslandsjahr haben sie schon gestrichen und auch die Highlights – Mottowoche und Abschlussball – stehen bei beiden Schulen auf der Kippe. Im Frühjahr machen schätzungsweise 400.000 Jugendliche das Abitur oder die Fachhochschulreife. Laut einem Beschluss der Kultusministerkonferenz sollen die Schüler keine Nachteile haben. Elena und Mila möchten aber nicht, dass am Ende der Eindruck entsteht, sie bekämen das Abitur „geschenkt“. Im Gespräch zeigt sich aber auch: Mit monatelangen Beschränkungen können sich die Schüler nicht so gut vorbereiten wie die Jahrgänge vor ihnen. Elena erzählt: „Besonders Mathe fällt mir schwer im Distanzunterricht. Und ausgerechnet da kommen gerade viele neue Themen hinzu, zum Beispiel Vektorrechnung. Fächer wie Sport bringen gerade eh nichts. Immerhin stehen die Termine für die Vorabi-Klausuren jetzt fest. Meine Motivation zu Lernen hat stark abgenommen in letzter Zeit. Im Grunde läuft es so: Man arbeitet ein Paket Aufgaben ab – und es kommen direkt neue. Manche Lehrer unterstützen uns besser als andere, meine Spanisch-Lehrerin zum Beispiel ist richtig gut. Anderer Lehrer antworten nicht auf E-Mails oder man bekommt als Rückmeldung nur den Satz ,Das hast du gut und gründlich ausgearbeitet’. Damit kann ich nichts anfangen. Der Austausch mit meinen Mitschülern fehlt mir sehr. Alles, worauf wir uns gefreut haben, fällt aus. Die Mottowoche ist schon abgesagt und der Abiball steht auf der Kippe. Jetzt sitze ich jeden Freitagabend zuhause. Eigentlich wollte ich nach dem Abi für ein Jahr ins Ausland, auch das geht nicht. Es gibt ja den Vorschlag, jedem Schüler ein paar Stellen hinter dem Komma gutzuschreiben, als eine Art Corona-Bonus. Das finde ich nicht gut. Besser wäre es, für einige Studienfächer den NC herunterzusetzen. Wenn, dann will ich auch ein richtiges Abi.“ Mila erzählt: „Mir fehlt gerade jeglicher Lichtblick. Ich hatte mich zum Beispiel sehr auf meinen 18. Geburtstag gefreut, der dann ins Wasser gefallen ist. Was die Schule und das Lernen angeht, fühle ich mich gerade mehr unter Druck als sonst. Ich finde das Homeschooling irgendwie schläfrig. Man hat den Eindruck, dass manche Lehrer nicht so richtig wissen, wie sie den Stoff online an die Schüler bringen sollen. Vielleicht fehlt ihnen das richtige Konzept für Distanzunterricht. Außerdem fällt es vielen schwer abzuschätzen, welches Pensum wir zuhause schaffen können. An manchen Tagen gibt es so viele Hausaufgaben, dass keine Zeit mehr bleibt, um für meine Abiturfächer zu lernen. Seit einer SV-Sitzung zu dem Thema hat sich das allerdings etwas gebessert. Unter anderem habe ich Biologie als Prüfungsfach und das ist ein ziemlich dickes Buch, mit dem wir uns gerade vorbereiten. Was da drin steht aus dem Bereich Genetik haben einige Lehrer selbst erst an der Uni gelernt, noch nicht in der Schule. Was mir gerade jetzt fehlt, sind die Lerngruppen. Wenn man überhaupt etwas Positives finden möchte am Homeschooling, dann vielleicht das: Wir sparen Zeit, weil von hier aus nur selten Busse fahren. Das ist dann aber auch schon alles. Ursprünglich hatte ich nach dem Abitur ein Auslandsjahr geplant. Weil das wegen Corona auch nicht klappt, mache ich statt dessen ein Jahr Bundesfreiwilligendienst. Grundsätzlich finde ich: Wir haben auch ein Recht, unsere Jugend zu leben.“

Zwei Abiturientinnen, zwei Schulen, zwei Geschichten: Das Corona-Abitur

Viele Abiturienten haben das Gefühl, unter höherem Druck zu stehen als die Jahrgänge vor ihnen. „Mir fehlt gerade jeglicher Lichtblick“, sagt Mila. © privat

Minden. Elena und Mila, beide 18, machen in diesem Jahr Abitur. Beide gehören dem Jahrgang an, der kurz vorm Abschluss schon den zweiten Lockdown durchstehen muss. Wie geht es ihnen in diesem Ausnahmezustand? Beide sind bereit, ihre Lage zu schildern, allerdings legen sie Wert auf Anonymität. Die Redaktion hat auf ihren Wunsch hin die Vornamen geändert. Sie wohnen in zwei verschiedenen Stadtteilen in Minden, besuchen unterschiedliche Schulen und kennen sich untereinander nicht. Aber es gibt einige Parallelen. Die Vorbereitung auf ihren Abschluss haben sich die Beiden anders vorgestellt. Ein geplantes Auslandsjahr haben sie schon gestrichen und auch die Highlights – Mottowoche und Abschlussball – stehen bei beiden Schulen auf der Kippe.

Im Frühjahr machen schätzungsweise 400.000 Jugendliche das Abitur oder die Fachhochschulreife. Laut einem Beschluss der Kultusministerkonferenz sollen die Schüler keine Nachteile haben. Elena und Mila möchten aber nicht, dass am Ende der Eindruck entsteht, sie bekämen das Abitur „geschenkt“. Im Gespräch zeigt sich aber auch: Mit monatelangen Beschränkungen können sich die Schüler nicht so gut vorbereiten wie die Jahrgänge vor ihnen.

Ebenfalls alleine zu Haus: Abiturientin Elena vermisst den Austausch mit Mitschülern. Fotos: privat - © privat
Ebenfalls alleine zu Haus: Abiturientin Elena vermisst den Austausch mit Mitschülern. Fotos: privat - © privat

Elena erzählt:

„Besonders Mathe fällt mir schwer im Distanzunterricht. Und ausgerechnet da kommen gerade viele neue Themen hinzu, zum Beispiel Vektorrechnung. Fächer wie Sport bringen gerade eh nichts. Immerhin stehen die Termine für die Vorabi-Klausuren jetzt fest. Meine Motivation zu Lernen hat stark abgenommen in letzter Zeit. Im Grunde läuft es so: Man arbeitet ein Paket Aufgaben ab – und es kommen direkt neue. Manche Lehrer unterstützen uns besser als andere, meine Spanisch-Lehrerin zum Beispiel ist richtig gut. Anderer Lehrer antworten nicht auf E-Mails oder man bekommt als Rückmeldung nur den Satz ,Das hast du gut und gründlich ausgearbeitet’. Damit kann ich nichts anfangen. Der Austausch mit meinen Mitschülern fehlt mir sehr.

Alles, worauf wir uns gefreut haben, fällt aus. Die Mottowoche ist schon abgesagt und der Abiball steht auf der Kippe. Jetzt sitze ich jeden Freitagabend zuhause. Eigentlich wollte ich nach dem Abi für ein Jahr ins Ausland, auch das geht nicht. Es gibt ja den Vorschlag, jedem Schüler ein paar Stellen hinter dem Komma gutzuschreiben, als eine Art Corona-Bonus. Das finde ich nicht gut. Besser wäre es, für einige Studienfächer den NC herunterzusetzen. Wenn, dann will ich auch ein richtiges Abi.“

Mila erzählt:

„Mir fehlt gerade jeglicher Lichtblick. Ich hatte mich zum Beispiel sehr auf meinen 18. Geburtstag gefreut, der dann ins Wasser gefallen ist. Was die Schule und das Lernen angeht, fühle ich mich gerade mehr unter Druck als sonst. Ich finde das Homeschooling irgendwie schläfrig. Man hat den Eindruck, dass manche Lehrer nicht so richtig wissen, wie sie den Stoff online an die Schüler bringen sollen. Vielleicht fehlt ihnen das richtige Konzept für Distanzunterricht. Außerdem fällt es vielen schwer abzuschätzen, welches Pensum wir zuhause schaffen können. An manchen Tagen gibt es so viele Hausaufgaben, dass keine Zeit mehr bleibt, um für meine Abiturfächer zu lernen. Seit einer SV-Sitzung zu dem Thema hat sich das allerdings etwas gebessert. Unter anderem habe ich Biologie als Prüfungsfach und das ist ein ziemlich dickes Buch, mit dem wir uns gerade vorbereiten. Was da drin steht aus dem Bereich Genetik haben einige Lehrer selbst erst an der Uni gelernt, noch nicht in der Schule. Was mir gerade jetzt fehlt, sind die Lerngruppen.

Wenn man überhaupt etwas Positives finden möchte am Homeschooling, dann vielleicht das: Wir sparen Zeit, weil von hier aus nur selten Busse fahren. Das ist dann aber auch schon alles.

Ursprünglich hatte ich nach dem Abitur ein Auslandsjahr geplant. Weil das wegen Corona auch nicht klappt, mache ich statt dessen ein Jahr Bundesfreiwilligendienst. Grundsätzlich finde ich: Wir haben auch ein Recht, unsere Jugend zu leben.“

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