Zurück zur Wehrpflicht? Bundeswehr-Experte Achim Pecher sieht das kritisch Anja Peper Minden. Zurück zur Wehrpflicht? Der Vorstoß der neuen Wehrbeauftragten Eva Högl (SPD), die erst wenige Wochen im Amt ist, überrascht. Die Idee dahinter: Eine Wiedereinführung der Wehrpflicht könnte dazu beitragen, eine Radikalisierung der Berufsarmee auszubremsen. Zuletzt hatte es mehrere rechtsextremistische Vorfälle gegeben, darunter bei Reservisten und im Kommando Spezialkräfte (KSK). Bei Elitesoldaten in Sachsen wurden versteckte Waffen und Sprengstoff gefunden. Kann eine Radikalisierung verhindert werden, wenn die Truppe wieder mehr die Breite der Gesellschaft abbildet? Die Diskussion läuft. Nur wenige Mindener kennen sich mit der jüngeren Militärgeschichte und der Personalbedarfsplanung bei der Bundeswehr so gut aus wie Stabshauptmann a. D. Pecher. Während seiner über 38-jährigen Dienstzeit war er seit 1988 im Bereich des Personalwesens eingesetzt. Zuletzt hatte er im Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr in Köln insgesamt elf Jahre die zentrale Personalführung von rund 400 Fachdienstoffizieren im Bereich der Instandsetzung (bis 2017). Seit seiner Pensionierung ist Achim Pecher freiberuflich als Personal Coach tätig und unterstützt Menschen in Veränderungsprozessen. Als Stadtmajor und Vorsitzender der Traditionsgemeinschaft der Herzog-von-Braunschweig-Kaserne hat er guten Kontakt zu den Mindener Pionieren. Auch wenn die Bundeswehr für ihn persönlich mehr Berufung als Beruf war: Die mögliche Wiedereinführung der Wehrpflicht hält der frühere Befürworter nicht für angemessen. Das hat mehrere Gründe. Die Umsetzung der Idee wäre mit immensen Kosten verbunden. Zum 1. Juli 2011 wurde die allgemeine Wehrpflicht ausgesetzt, seitdem hat sich die Struktur der Truppe komplett geändert. Weder Infrastruktur noch Ausbildungskapazitäten wären ausreichend vorhanden. Die Rolle rückwärts sei folglich kaum finanzierbar. Das aber ist aus der Sicht von Pecher gar nicht der zentrale Punkt, sondern: „Eine Armee ist kein Selbstzweck – sie richtet sich nach sicherheitspolitischen Aspekten aus." Und die Erfordernisse für eine Wehrpflicht seien derzeit nicht gegeben. Das sei früher anders gewesen. In den Zeiten des Kalten Krieges (1945 – 1991) standen sich der Warschauer Pakt und die NATO bedrohlich gegenüber und die Landesverteidigung stand im Vordergrund. Darüber hinaus hält Pecher es für unwahrscheinlich, dass eine Rückkehr zur Wehrpflicht dabei helfen könnte, das Extremismus-Problem zu lösen: „Für mich ist das nicht die richtige Schraube gegen Rechts." Er setzt eher darauf, dass die Führungskräfte ihrer Dienstaufsicht konsequent nachkommen: „Ein Leben ohne Vorkommnisse wird es nicht geben. Wegschauen war und ist keine Option. Nur durch intensive Dienstaufsicht können Dienstvergehen aufgeklärt werden. Dies hat sich über die Jahre keineswegs verändert, muss jedoch zwingend weiter angewendet werden." Entsprechend drastisch fiel auch die Reaktion von Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) aus. Sie erläuterte Anfang Juli vor der Bundespressekonferenz, wie sie das Kommando Spezialkräfte (KSK) reformieren will. Eine Kompanie soll ganz aufgelöst werden, die KSK-Soldaten aus Auslandseinsätzen zurückgeholt werden. Bis zum 31. Oktober hat die Eliteeinheit nun Zeit, ihre „Selbstreinigungskräfte" zu beweisen. Mit einer Rückkehr zur Wehrpflicht wäre dort überhaupt nichts auszurichten: „Denn weder bei der KSK noch bei den anderen Spezialeinheiten gibt es eine Grundausbildung." Wie also kann die Bundeswehr wieder mehr zu einem Spiegel der Gesellschaft werden? – Grundsätzlich positioniere sich die Bundeswehr seit Jahren als attraktiver Arbeitgeber, meint Pecher. Ob zivile oder militärische Laufbahn: Allein die Auswahl an verschiedenen Berufsbildern und Studiengängen hat Vorteile. Die Vereinbarkeit von Familie und Dienst hat hohe Priorität. Ob Elternzeit oder Telearbeit (Homeoffice), vieles ist heute möglich. „Da ist die Bundeswehr auf dem richtigen Weg!" Zurück zur Wehrpflicht Ein Kommentar von Henning Wandel Ist es in Ordnung, junge Menschen zum Dienst für die Allgemeinheit zu verpflichten? Ja, steht im Grundgesetz – und zwar nicht nur in Artikel 12a, in dem es um die Wehrpflicht geht. Kurz zuvor, in Artikel 12, steht: „Niemand darf zu einer bestimmten Arbeit gezwungen werden, außer im Rahmen einer herkömmlichen allgemeinen, für alle gleichen öffentlichen Dienstleistungspflicht." Die Aussetzung der Wehrpflicht mit der Begründung aufrechtzuerhalten, sie sei inzwischen nicht mehr mit unserer Verfassung vereinbar, ist an den Haaren herbeigezogen. Der Vorstoß der Wehrbeauftragten, die Wehrpflicht zu reaktivieren (abgeschafft wurde sie nie), hat heftigen Widerspruch ausgelöst. Auch das mediale Echo war eindeutig ablehnend. Dabei gibt es gute Gründe, junge Menschen wieder zum Bund zu schicken. Der Gedanke, damit die Ausbreitung rechtsextremen Gedankenguts einzudämmen, ist nur eines von vielen Mosaikstückchen. Dahinter steckt vor allem der Gedanke, einen permanenten Austausch zwischen Truppe und Gesellschaft zu schaffen – nicht nur als Absicherung gegen rechts. Das so wichtige Leitbild eines Staatsbürgers in Uniform funktioniert nur, wenn Bundeswehr und Zivilgesellschaft möglichst viele Berührungspunkte haben, wenn sie sich gegenseitig so gut kennen, dass sie praktisch nicht mehr voneinander zu trennen sind. Eine Armee – gerade in Deutschland – muss sich das Vertrauen der Gesellschaft immer wieder erarbeiten. Anders als zum Beispiel in den USA gibt es aus nachvollziehbaren historischen Gründen keinen per se breiten Rückhalt für die Truppe. Je mehr sich der militärische Alltag dem Blickfeld der Öffentlichkeit entzieht, desto schneller wächst Misstrauen. Und jede Meldung über rechtsextremistische Umtriebe oder menschenverachtende Aufnahmerituale beschleunigt die Entfremdung. Über die Wehrpflicht hatte fast jeder eine Verbindung zur Bundeswehr. Das hat die Auswüchse der Vergangenheit nicht verhindert. Doch die größere Nähe war gut für Prävention und Aufarbeitung. Und schließlich dreht sich die Debatte zugleich um nicht weniger als die Frage nach gesellschaftlichem Zusammenhalt. Dabei geht es nicht nur um den militärischen Teil der Wehrpflicht, sondern genauso um den zivilen Ersatzdienst. Freiwillige Jahre – ob nun sozial, ökologisch oder beim Bund – können den Gedanken nicht ersetzen, der Gesellschaft gegenüber zu etwas verpflichtet zu sein. Das kann eben nur eine echte Pflicht – so unbequem das zunächst einmal ist. Viele junge Männer haben beim Bund zum ersten Mal erfahren, was es heißt, sich in eine erzwungene Gemeinschaft einzufügen und dort ihren Platz zu finden. Das tut im ersten Moment weh, erdet aber auch. Schließlich funktioniert auch eine Gesellschaft nur dann, wenn nicht jeder seine Individualinteressen bedingungslos an die erste Stelle stellt. Wahrscheinlich ist es nur Zufall, dass sich die Fliehkräfte des Individualismus seit der Aussetzung der Wehrpflicht vor neun Jahren zusehends verschärft haben. Nichtsdestotrotz wäre zumindest eine offene Diskussion über eine Rückkehr zur Musterung ein wichtiger Schritt. Wer wirklich auf der Suche nach dem viel zitierten gesellschaftlichen Kitt ist, findet hier womöglich eine entscheidende Zutat.

Zurück zur Wehrpflicht? Bundeswehr-Experte Achim Pecher sieht das kritisch

Aus dem zivilen Leben zum Militär: Wehrpflichtige während der Grundausbildung 1986 in Hamburg. Unter ihnen der heutige MT-Redakteur Oliver Plöger. © Foto: privat

Minden. Zurück zur Wehrpflicht? Der Vorstoß der neuen Wehrbeauftragten Eva Högl (SPD), die erst wenige Wochen im Amt ist, überrascht. Die Idee dahinter: Eine Wiedereinführung der Wehrpflicht könnte dazu beitragen, eine Radikalisierung der Berufsarmee auszubremsen. Zuletzt hatte es mehrere rechtsextremistische Vorfälle gegeben, darunter bei Reservisten und im Kommando Spezialkräfte (KSK). Bei Elitesoldaten in Sachsen wurden versteckte Waffen und Sprengstoff gefunden. Kann eine Radikalisierung verhindert werden, wenn die Truppe wieder mehr die Breite der Gesellschaft abbildet? Die Diskussion läuft.

Nur wenige Mindener kennen sich mit der jüngeren Militärgeschichte und der Personalbedarfsplanung bei der Bundeswehr so gut aus wie Stabshauptmann a. D. Pecher. Während seiner über 38-jährigen Dienstzeit war er seit 1988 im Bereich des Personalwesens eingesetzt. Zuletzt hatte er im Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr in Köln insgesamt elf Jahre die zentrale Personalführung von rund 400 Fachdienstoffizieren im Bereich der Instandsetzung (bis 2017). Seit seiner Pensionierung ist Achim Pecher freiberuflich als Personal Coach tätig und unterstützt Menschen in Veränderungsprozessen. Als Stadtmajor und Vorsitzender der Traditionsgemeinschaft der Herzog-von-Braunschweig-Kaserne hat er guten Kontakt zu den Mindener Pionieren.

Das Foto zeigt Pecher mit 19 Jahren während der Grundausbildung in Hannover. - © Foto: privat
Das Foto zeigt Pecher mit 19 Jahren während der Grundausbildung in Hannover. - © Foto: privat

Auch wenn die Bundeswehr für ihn persönlich mehr Berufung als Beruf war: Die mögliche Wiedereinführung der Wehrpflicht hält der frühere Befürworter nicht für angemessen. Das hat mehrere Gründe. Die Umsetzung der Idee wäre mit immensen Kosten verbunden. Zum 1. Juli 2011 wurde die allgemeine Wehrpflicht ausgesetzt, seitdem hat sich die Struktur der Truppe komplett geändert. Weder Infrastruktur noch Ausbildungskapazitäten wären ausreichend vorhanden. Die Rolle rückwärts sei folglich kaum finanzierbar. Das aber ist aus der Sicht von Pecher gar nicht der zentrale Punkt, sondern: „Eine Armee ist kein Selbstzweck – sie richtet sich nach sicherheitspolitischen Aspekten aus." Und die Erfordernisse für eine Wehrpflicht seien derzeit nicht gegeben. Das sei früher anders gewesen. In den Zeiten des Kalten Krieges (1945 – 1991) standen sich der Warschauer Pakt und die NATO bedrohlich gegenüber und die Landesverteidigung stand im Vordergrund.

Achim Pecher (60) ist auch Stadtmajor des Bürgerbataillons. 

MT-Foto: Archiv/Lehn - © Lehn,Alexander
Achim Pecher (60) ist auch Stadtmajor des Bürgerbataillons.
MT-Foto: Archiv/Lehn - © Lehn,Alexander

Darüber hinaus hält Pecher es für unwahrscheinlich, dass eine Rückkehr zur Wehrpflicht dabei helfen könnte, das Extremismus-Problem zu lösen: „Für mich ist das nicht die richtige Schraube gegen Rechts." Er setzt eher darauf, dass die Führungskräfte ihrer Dienstaufsicht konsequent nachkommen: „Ein Leben ohne Vorkommnisse wird es nicht geben. Wegschauen war und ist keine Option. Nur durch intensive Dienstaufsicht können Dienstvergehen aufgeklärt werden. Dies hat sich über die Jahre keineswegs verändert, muss jedoch zwingend weiter angewendet werden."

Entsprechend drastisch fiel auch die Reaktion von Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) aus. Sie erläuterte Anfang Juli vor der Bundespressekonferenz, wie sie das Kommando Spezialkräfte (KSK) reformieren will. Eine Kompanie soll ganz aufgelöst werden, die KSK-Soldaten aus Auslandseinsätzen zurückgeholt werden. Bis zum 31. Oktober hat die Eliteeinheit nun Zeit, ihre „Selbstreinigungskräfte" zu beweisen. Mit einer Rückkehr zur Wehrpflicht wäre dort überhaupt nichts auszurichten: „Denn weder bei der KSK noch bei den anderen Spezialeinheiten gibt es eine Grundausbildung."

Wie also kann die Bundeswehr wieder mehr zu einem Spiegel der Gesellschaft werden? – Grundsätzlich positioniere sich die Bundeswehr seit Jahren als attraktiver Arbeitgeber, meint Pecher. Ob zivile oder militärische Laufbahn: Allein die Auswahl an verschiedenen Berufsbildern und Studiengängen hat Vorteile. Die Vereinbarkeit von Familie und Dienst hat hohe Priorität. Ob Elternzeit oder Telearbeit (Homeoffice), vieles ist heute möglich. „Da ist die Bundeswehr auf dem richtigen Weg!"

Zurück zur Wehrpflicht

Ein Kommentar von Henning Wandel

Ist es in Ordnung, junge Menschen zum Dienst für die Allgemeinheit zu verpflichten? Ja, steht im Grundgesetz – und zwar nicht nur in Artikel 12a, in dem es um die Wehrpflicht geht. Kurz zuvor, in Artikel 12, steht: „Niemand darf zu einer bestimmten Arbeit gezwungen werden, außer im Rahmen einer herkömmlichen allgemeinen, für alle gleichen öffentlichen Dienstleistungspflicht." Die Aussetzung der Wehrpflicht mit der Begründung aufrechtzuerhalten, sie sei inzwischen nicht mehr mit unserer Verfassung vereinbar, ist an den Haaren herbeigezogen.

Der Vorstoß der Wehrbeauftragten, die Wehrpflicht zu reaktivieren (abgeschafft wurde sie nie), hat heftigen Widerspruch ausgelöst. Auch das mediale Echo war eindeutig ablehnend. Dabei gibt es gute Gründe, junge Menschen wieder zum Bund zu schicken.

Der Gedanke, damit die Ausbreitung rechtsextremen Gedankenguts einzudämmen, ist nur eines von vielen Mosaikstückchen. Dahinter steckt vor allem der Gedanke, einen permanenten Austausch zwischen Truppe und Gesellschaft zu schaffen – nicht nur als Absicherung gegen rechts. Das so wichtige Leitbild eines Staatsbürgers in Uniform funktioniert nur, wenn Bundeswehr und Zivilgesellschaft möglichst viele Berührungspunkte haben, wenn sie sich gegenseitig so gut kennen, dass sie praktisch nicht mehr voneinander zu trennen sind.

Eine Armee – gerade in Deutschland – muss sich das Vertrauen der Gesellschaft immer wieder erarbeiten. Anders als zum Beispiel in den USA gibt es aus nachvollziehbaren historischen Gründen keinen per se breiten Rückhalt für die Truppe. Je mehr sich der militärische Alltag dem Blickfeld der Öffentlichkeit entzieht, desto schneller wächst Misstrauen. Und jede Meldung über rechtsextremistische Umtriebe oder menschenverachtende Aufnahmerituale beschleunigt die Entfremdung. Über die Wehrpflicht hatte fast jeder eine Verbindung zur Bundeswehr. Das hat die Auswüchse der Vergangenheit nicht verhindert. Doch die größere Nähe war gut für Prävention und Aufarbeitung.

Und schließlich dreht sich die Debatte zugleich um nicht weniger als die Frage nach gesellschaftlichem Zusammenhalt. Dabei geht es nicht nur um den militärischen Teil der Wehrpflicht, sondern genauso um den zivilen Ersatzdienst. Freiwillige Jahre – ob nun sozial, ökologisch oder beim Bund – können den Gedanken nicht ersetzen, der Gesellschaft gegenüber zu etwas verpflichtet zu sein. Das kann eben nur eine echte Pflicht – so unbequem das zunächst einmal ist.

Viele junge Männer haben beim Bund zum ersten Mal erfahren, was es heißt, sich in eine erzwungene Gemeinschaft einzufügen und dort ihren Platz zu finden. Das tut im ersten Moment weh, erdet aber auch. Schließlich funktioniert auch eine Gesellschaft nur dann, wenn nicht jeder seine Individualinteressen bedingungslos an die erste Stelle stellt.

Wahrscheinlich ist es nur Zufall, dass sich die Fliehkräfte des Individualismus seit der Aussetzung der Wehrpflicht vor neun Jahren zusehends verschärft haben. Nichtsdestotrotz wäre zumindest eine offene Diskussion über eine Rückkehr zur Musterung ein wichtiger Schritt.

Wer wirklich auf der Suche nach dem viel zitierten gesellschaftlichen Kitt ist, findet hier womöglich eine entscheidende Zutat.

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