Zu Gast beim Vermieterverein: „Wir wollen keine Gerichtsverhandlung“ Sebastian Radermacher Minden (mt). Der Mann ist nicht zum ersten Mal hier. Seit mehr als 30 Jahren ist er Eigentümer eines Mehrfamilienhauses in der Mindener Nordstadt. „Und seitdem habe ich leider immer wieder Probleme mit einer Mieterin“, erzählt der Rentner. Er wartet darauf, dass sich die Eingangstür öffnet und die Rechtsberatung von Haus und Grund in den Räumen am Preußenring 38 beginnt. Gleich wird er Thorsten Post erzählen, wo diesmal der Schuh drückt. Letzterer ist seit 20 Jahren Geschäftsführer des Vereins in Minden, der Haus- und Wohnungsbesitzer bei allen Fragen zum Thema Eigentum berät. Der Rentner hat folgendes Problem: In den vergangenen zehn Jahren hat er in dem besagten Mehrfamilienhaus zahlreiche Modernisierungen in Angriff genommen – von den Fenstern über die Fassade bis hin zum Treppenhaus, der Dämmung und dem Dach. Jetzt möchte er deshalb die monatliche Miete von 417 Euro um 100 Euro erhöhen. Doch die langjährige Mieterin lehnt dies ab. Als Reaktion schickt sie einen Brief vom Anwalt – wie so oft in der Vergangenheit. Mit Blick auf die Gesetzeslage ist der Eigentümer mit der geplanten Mieterhöhung in einer schlechten Rechtsposition, erklärt Post. Denn der aktuell gültige Mietspiegel berücksichtige die genannten Modernisierungen nicht, da diese nicht über so einen langen Zeitraum hätten gestreckt werden dürfen. Das kann der Vermieter nicht nachvollziehen. „Obwohl ich 20.000 Euro investiere, darf ich die Miete nicht erhöhen – das kann doch nicht wahr sein“, schimpft er. Er findet die Erhöhung berechtigt, zumal die Frau seit Jahren an mehreren Kosten nicht beteiligt werde, etwa am Anteil zur Grundsteuer. Das liegt am Uralt-Mietvertrag aus dem Jahr 1983, in dem einzelne Posten nicht detailliert aufgelistet sind. Dies moniert auch die Gegenseite: Der Anwalt bewertet die Nebenkostenabrechnung, die der Mieterin immerhin eine Rückzahlung von 400 Euro garantiert, als unwirksam. „Dabei hat die Frau diese Art der Abrechnung 1995 bereits akzeptiert“, sagt der Vermieter und legt das damalige Schriftstück vor. Wie geht es nun weiter? Wie viele Briefe werden die Anwälte von Haus und Grund und der Gegenseite hin und her schreiben? Thorsten Post hat keine Lust auf wochenlangen Schriftwechsel. Er greift zum Telefonhörer und ruft den Anwalt der Mieterin an. Beide Seiten tauschen ihre Argumente aus. Post verteidigt die Mieterhöhung, der Anwalt moniert die Nebenkostenabrechnung. Dann schlägt der Haus-und-Grund-Geschäftsführer vor, die Miete um 50 statt 100 Euro zu erhöhen und es zunächst dabei zu belassen, auch wenn der neue Mietspiegel 2020 womöglich eine höhere Summe rechtfertigt. Beide Seiten wollen sich Gedanken machen und in einer Woche wieder telefonieren. Post ist optimistisch, dass die Mieterin das Angebot annehmen wird. „Dann hätten wir die Kuh vom Eis.“ Nach etwa 40 Minuten verlässt der Vermieter positiv gestimmt das Büro. Widerstände gegen Mieterhöhungen ist eines der Hauptprobleme, mit denen Eigentümer Haus und Grund konfrontieren. Aber auch bei Betriebskostenabrechnungen, Eigenbedarfskündigungen oder fristlosen Kündigungen wegen nicht gezahlter Mieten werden die Experten des Vereins um Rat gefragt. Auch der Ärger mit sogenannten Messi-Mietern oder heruntergekommenen Wohnungen sei immer wieder Thema, sagt Post. Das deckt sich mit Rückmeldungen, die die MT-Redaktion in den vergangenen Wochen erreichten. Mehrere Eigentümer aus Minden und Umgebung machten auf genau solche Probleme aufmerksam. Allgemeiner Tenor: Nicht alle Mieter sind schlecht, aber schwarze Schafe gibt es immer wieder. Diese Aussage kann Post nur bestätigen. Er schätzt, dass es in 70 Prozent aller Mietverhältnisse keinerlei Probleme gibt. Bei den restlichen 30 Prozent sind dann oft die Fachleute gefragt, um festgefahrene Probleme zu lösen. Grundsätzlich strebt auch Haus und Grund an, eine gerichtliche Auseinandersetzung zu vermeiden. „Und in vielen Fällen schaffen wir das“, sagt der Geschäftsführer. Da es sich um eine offene Sprechstunde ohne Terminvereinbarung handelt, ist jede Beratung für Post und sein Team wie eine Wundertüte. „Jeder Tag ist anders. Ich weiß nicht, mit welchen Problemen die Menschen kommen“, erzählt er. 3.500 Mitglieder hat Haus und Grund, zehn bis 20 Anfragen gehen täglich ein, mehr als 1.000 Akten liegen im Schrank. Eine Mitgliedschaft kostet 60 Euro im Jahr. Ist es nicht belastend, wenn der ganze Arbeitstag sich ausschließlich darum dreht, sich mit dem Ärger anderer Menschen zu befassen? „Ganz und gar nicht“, sagt Post ohne Zögern. „Wir versuchen, diese Probleme zu lösen – und wenn wir das schaffen, ist das ein tolles Gefühl.“ Der Beratungsbedarf nimmt zu. Laut Post liegt das daran, dass der Alltag für Haus- und Wohnungseigentümer sowie private Vermieter einfach immer komplizierter geworden ist. „Um sich durch Rechtsvorschriften und nicht immer nachvollziehbaren Gerichtsurteile zu kämpfen, brauchen viele Eigentümer Unterstützung.“ Fachmännischen Rat benötigt auch der nächste Mann in der Sprechstunde. Er besitzt eine Wohnung in einem Mehrfamilienhaus in Minden, das einer Wohnungsbaugesellschaft gehört. Bereits seit Oktober 2018 ist die Klingel zu seiner Wohnung defekt. Für den Mann ist das ein riesiges Problem, da seine Frau auf einen Pflegedienst angewiesen ist, der aber meist vor verschlossener Tür steht. Der Eigentümer wird emotional, das Thema nimmt ihn mit. Für Post ist der Fall nicht neu. Zweimal hat er schon auf den Missstand aufmerksam gemacht, immer hieß es, der Fehler werde behoben. Doch getan hat sich nichts. „Das wird mir zu blöd“, sagt er. „Ich schreibe einen Brief und setze eine Frist von einer Woche zur Reparatur.“ Jetzt heißt es abwarten. Der nächste Hilferuf kommt telefonisch. Eine Frau fordert von ihrer ehemaligen Mieterin Renovierungskosten von 1.000 Euro, da sie die Wohnung in einem nicht zumutbaren Zustand verlassen hatte, unter anderem sei sie völlig verqualmt gewesen. Eine Übergabe fand nicht statt, die Mieterin warf lediglich die Schlüssel in den Briefkasten. Und die Anwältin behauptet jetzt, dass die Frau überhaupt nicht rauchen würde. Soll die Eigentümerin für 1.000 Euro vor Gericht ziehen? Darüber muss sie sich Gedanken machen. Ob die Gegenseite sich auf einen Vergleich einlässt? „Die Anwältin vielleicht, die Mieterin eher nicht“, schätzt Post. Womöglich kann er in diesem Fall kein positives Ergebnis erzielen. Aber auch das gehört zu seinem Job dazu. „Ich muss immer ehrlich sein und auch sagen, wenn es keine Aussicht auf Erfolg gibt.“ -- Wem gehört Minden? Mit diesem Projekt wollen wir gemeinsam mit den Bürgern mehr Transparenz auf dem Wohnungsmarkt schaffen und werden über Beispiele berichten. Unter wem-gehoert-minden.de kann jeder der Redaktion mitteilen, wer der Eigentümer seiner Mietwohnung ist und welche Erfahrungen er mit dem Vermieter gemacht hat. Aus den gewonnenen Daten setzen wir ein Bild zusammen und recherchieren, wo sich Missstände zeigen. Das Projekt ist eine Kooperation des Mindener Tageblattes mit Correctiv, dem ersten gemeinnützigen Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum (correctiv.org). wem-gehoert-minden.de

Zu Gast beim Vermieterverein: „Wir wollen keine Gerichtsverhandlung“

Minden (mt). Der Mann ist nicht zum ersten Mal hier. Seit mehr als 30 Jahren ist er Eigentümer eines Mehrfamilienhauses in der Mindener Nordstadt. „Und seitdem habe ich leider immer wieder Probleme mit einer Mieterin“, erzählt der Rentner. Er wartet darauf, dass sich die Eingangstür öffnet und die Rechtsberatung von Haus und Grund in den Räumen am Preußenring 38 beginnt. Gleich wird er Thorsten Post erzählen, wo diesmal der Schuh drückt. Letzterer ist seit 20 Jahren Geschäftsführer des Vereins in Minden, der Haus- und Wohnungsbesitzer bei allen Fragen zum Thema Eigentum berät.

Vermieterverein: Zehn bis 20 Anfragen gehen ?täglich bei Haus und Grund ein. - © Alex Lehn/mt
Vermieterverein: Zehn bis 20 Anfragen gehen ?täglich bei Haus und Grund ein. - © Alex Lehn/mt

Der Rentner hat folgendes Problem: In den vergangenen zehn Jahren hat er in dem besagten Mehrfamilienhaus zahlreiche Modernisierungen in Angriff genommen – von den Fenstern über die Fassade bis hin zum Treppenhaus, der Dämmung und dem Dach. Jetzt möchte er deshalb die monatliche Miete von 417 Euro um 100 Euro erhöhen. Doch die langjährige Mieterin lehnt dies ab. Als Reaktion schickt sie einen Brief vom Anwalt – wie so oft in der Vergangenheit.

Das Verhältnis zwischen Mietern und Vermietern ist häufig angespannt. Beide Parteien verfolgen meist unterschiedliche Interessen. - © Alex Lehn/mt
Das Verhältnis zwischen Mietern und Vermietern ist häufig angespannt. Beide Parteien verfolgen meist unterschiedliche Interessen. - © Alex Lehn/mt

Mit Blick auf die Gesetzeslage ist der Eigentümer mit der geplanten Mieterhöhung in einer schlechten Rechtsposition, erklärt Post. Denn der aktuell gültige Mietspiegel berücksichtige die genannten Modernisierungen nicht, da diese nicht über so einen langen Zeitraum hätten gestreckt werden dürfen. Das kann der Vermieter nicht nachvollziehen. „Obwohl ich 20.000 Euro investiere, darf ich die Miete nicht erhöhen – das kann doch nicht wahr sein“, schimpft er.

Er findet die Erhöhung berechtigt, zumal die Frau seit Jahren an mehreren Kosten nicht beteiligt werde, etwa am Anteil zur Grundsteuer. Das liegt am Uralt-Mietvertrag aus dem Jahr 1983, in dem einzelne Posten nicht detailliert aufgelistet sind. Dies moniert auch die Gegenseite: Der Anwalt bewertet die Nebenkostenabrechnung, die der Mieterin immerhin eine Rückzahlung von 400 Euro garantiert, als unwirksam. „Dabei hat die Frau diese Art der Abrechnung 1995 bereits akzeptiert“, sagt der Vermieter und legt das damalige Schriftstück vor.

Wie geht es nun weiter? Wie viele Briefe werden die Anwälte von Haus und Grund und der Gegenseite hin und her schreiben? Thorsten Post hat keine Lust auf wochenlangen Schriftwechsel. Er greift zum Telefonhörer und ruft den Anwalt der Mieterin an. Beide Seiten tauschen ihre Argumente aus. Post verteidigt die Mieterhöhung, der Anwalt moniert die Nebenkostenabrechnung. Dann schlägt der Haus-und-Grund-Geschäftsführer vor, die Miete um 50 statt 100 Euro zu erhöhen und es zunächst dabei zu belassen, auch wenn der neue Mietspiegel 2020 womöglich eine höhere Summe rechtfertigt. Beide Seiten wollen sich Gedanken machen und in einer Woche wieder telefonieren. Post ist optimistisch, dass die Mieterin das Angebot annehmen wird. „Dann hätten wir die Kuh vom Eis.“ Nach etwa 40 Minuten verlässt der Vermieter positiv gestimmt das Büro.

Widerstände gegen Mieterhöhungen ist eines der Hauptprobleme, mit denen Eigentümer Haus und Grund konfrontieren. Aber auch bei Betriebskostenabrechnungen, Eigenbedarfskündigungen oder fristlosen Kündigungen wegen nicht gezahlter Mieten werden die Experten des Vereins um Rat gefragt. Auch der Ärger mit sogenannten Messi-Mietern oder heruntergekommenen Wohnungen sei immer wieder Thema, sagt Post.

Das deckt sich mit Rückmeldungen, die die MT-Redaktion in den vergangenen Wochen erreichten. Mehrere Eigentümer aus Minden und Umgebung machten auf genau solche Probleme aufmerksam. Allgemeiner Tenor: Nicht alle Mieter sind schlecht, aber schwarze Schafe gibt es immer wieder. Diese Aussage kann Post nur bestätigen. Er schätzt, dass es in 70 Prozent aller Mietverhältnisse keinerlei Probleme gibt. Bei den restlichen 30 Prozent sind dann oft die Fachleute gefragt, um festgefahrene Probleme zu lösen. Grundsätzlich strebt auch Haus und Grund an, eine gerichtliche Auseinandersetzung zu vermeiden. „Und in vielen Fällen schaffen wir das“, sagt der Geschäftsführer.

Da es sich um eine offene Sprechstunde ohne Terminvereinbarung handelt, ist jede Beratung für Post und sein Team wie eine Wundertüte. „Jeder Tag ist anders. Ich weiß nicht, mit welchen Problemen die Menschen kommen“, erzählt er. 3.500 Mitglieder hat Haus und Grund, zehn bis 20 Anfragen gehen täglich ein, mehr als 1.000 Akten liegen im Schrank. Eine Mitgliedschaft kostet 60 Euro im Jahr. Ist es nicht belastend, wenn der ganze Arbeitstag sich ausschließlich darum dreht, sich mit dem Ärger anderer Menschen zu befassen? „Ganz und gar nicht“, sagt Post ohne Zögern. „Wir versuchen, diese Probleme zu lösen – und wenn wir das schaffen, ist das ein tolles Gefühl.“

Der Beratungsbedarf nimmt zu. Laut Post liegt das daran, dass der Alltag für Haus- und Wohnungseigentümer sowie private Vermieter einfach immer komplizierter geworden ist. „Um sich durch Rechtsvorschriften und nicht immer nachvollziehbaren Gerichtsurteile zu kämpfen, brauchen viele Eigentümer Unterstützung.“

Fachmännischen Rat benötigt auch der nächste Mann in der Sprechstunde. Er besitzt eine Wohnung in einem Mehrfamilienhaus in Minden, das einer Wohnungsbaugesellschaft gehört. Bereits seit Oktober 2018 ist die Klingel zu seiner Wohnung defekt. Für den Mann ist das ein riesiges Problem, da seine Frau auf einen Pflegedienst angewiesen ist, der aber meist vor verschlossener Tür steht. Der Eigentümer wird emotional, das Thema nimmt ihn mit. Für Post ist der Fall nicht neu. Zweimal hat er schon auf den Missstand aufmerksam gemacht, immer hieß es, der Fehler werde behoben. Doch getan hat sich nichts. „Das wird mir zu blöd“, sagt er. „Ich schreibe einen Brief und setze eine Frist von einer Woche zur Reparatur.“ Jetzt heißt es abwarten.

Der nächste Hilferuf kommt telefonisch. Eine Frau fordert von ihrer ehemaligen Mieterin Renovierungskosten von 1.000 Euro, da sie die Wohnung in einem nicht zumutbaren Zustand verlassen hatte, unter anderem sei sie völlig verqualmt gewesen. Eine Übergabe fand nicht statt, die Mieterin warf lediglich die Schlüssel in den Briefkasten. Und die Anwältin behauptet jetzt, dass die Frau überhaupt nicht rauchen würde.

Soll die Eigentümerin für 1.000 Euro vor Gericht ziehen? Darüber muss sie sich Gedanken machen. Ob die Gegenseite sich auf einen Vergleich einlässt? „Die Anwältin vielleicht, die Mieterin eher nicht“, schätzt Post. Womöglich kann er in diesem Fall kein positives Ergebnis erzielen. Aber auch das gehört zu seinem Job dazu. „Ich muss immer ehrlich sein und auch sagen, wenn es keine Aussicht auf Erfolg gibt.“

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Mit diesem Projekt wollen wir gemeinsam mit den Bürgern mehr Transparenz auf dem Wohnungsmarkt schaffen und werden über Beispiele berichten.

Unter wem-gehoert-minden.de kann jeder der Redaktion mitteilen, wer der Eigentümer seiner Mietwohnung ist und welche Erfahrungen er mit dem Vermieter gemacht hat. Aus den gewonnenen Daten setzen wir ein Bild zusammen und recherchieren, wo sich Missstände zeigen.

Das Projekt ist eine Kooperation des Mindener Tageblattes mit Correctiv, dem ersten gemeinnützigen Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum (correctiv.org).

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