Wohnungslos und dauernd auf Drogen: Junge Mindenerin auf dem Weg zurück in die Normalität Vasco Stemmer Minden. Franziska wirkt müde und abgekämpft, wenn sie davon spricht, in welche Richtung ihr Leben im vergangenen Jahr gegangen ist. Von ihrer Zeit ohne eine feste Bleibe, den Problemen mit ihrer Mutter, den Drogen und den Gefühlen der Hoffnungs- und Hilflosigkeit, die ihre ständigen Begleiter waren. „Ich habe nie gedacht, dass ich in so eine Situation kommen könnte", sagt Franziska, die eigentlich anders heißt. Im April 2019 lebt sie bei ihrer Mutter in Minden. Schon damals ist die 20-Jährige viel unterwegs, feiert exzessiv und nimmt dabei Drogen wie Amphetamin und Crystal Meth. Die Mutter sieht Persönlichkeitsveränderungen bei ihrer Tochter und spricht sie immer wieder auf ihren Drogenkonsum an. Doch den hat sie zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr im Griff. Immer wieder gibt es deshalb Streit. „Du hast schon wieder was genommen", ist der Satz, den Franziska nicht mehr hören will. Eines Tages kommt sie nicht mehr nach Hause und bricht die Brücken zur Normalität ab. Heute versucht Franziska ihr Leben wieder in geordnete Bahnen zu lenken. Die Wohnungslosigkeit hat sie, mit Hilfe ihrer Betreuer, überwunden. Doch sie ist noch nicht am Ende des Weges angekommen. Ohne Wohnung, Einkommen und Perspektive, dafür aber mit einem Suchtproblem, ist Franziska nach ihrem Auszug auf sich allein gestellt. Aus ihrem alten Leben bleibt ihr nur noch eine Freundin, bei der sie von Zeit zu Zeit schlafen und duschen kann. Alle anderen früheren Kontakte versanden bald und auch zwischen den Freundinnen gibt es Spannungen. „Sie konnte das alles nicht nachvollziehen", sagt Franziska. Sie schämt sich für ihre Situation, versucht, den Schein so gut es geht zu wahren. „Man konnte mir nicht ansehen, was mit mir los war", ist sie sich sicher. Da Franziska in Minden aufgewachsen ist und hier viele Menschen kennt, meidet sie die Innenstadt – und Menschen außerhalb der Drogenszene. Franziskas Tagesaufgabe ist es von nun an, eine Bleibe für die Nacht zu finden. Ihre Zeit verbringt sie mit anderen Drogenabhängigen. Immer wieder kommt sie für ein paar Tage bei verschiedenen Bekannten aus der Szene unter. Geht es bei denen nicht mehr, übernachtet sie bei fremden Personen – in diesem Umfeld lassen sich leicht Kontakte knüpfen. Dass sie damit ein hohes Risiko eingeht und sich in unberechenbare Situationen begibt, ist Franziska bewusst. Sie hat oft Angst, kann kaum schlafen oder zur Ruhe kommen. Im Vergleich zu einer Nacht auf der Straße sieht sie darin aber das geringere Übel: „Bei Fremden ist es unsicher, aber draußen ist es noch schlimmer." Trotzdem muss sie sich mehr als einmal heimlich davon machen, weil Männer sich sexuelle Gefälligkeiten als Gegenleistung für die Unterkunft erhoffen. Drogen erscheinen Franziska zunächst tatsächlich als eine große Hilfe. Sie zügeln den Appetit, halten wach und dämpfen das Bewusstsein. „Fünf Tage können sich auf Crystal Meth anfühlen wie ein paar Stunden. So bekommt man die Woche irgendwie rum." Doch die Beschaffung wird immer mehr zum Stressfaktor. Mindestens 20 Euro am Tag braucht Franziska, um ihre Sucht zu finanzieren – eine stolze Summe für jemanden ohne Einkommen. Sie macht Schulden, versetzt ihre letzten Wertgegenstände und verkauft sogar ihr Telefon. Wieder ruft das Männer auf den Plan, die Franziskas Situation ausnutzen wollen und ihr Unterkunft und Drogen gegen sexuelle Gefälligkeiten anbieten. „Ich habe meinen Körper niemals hergegeben", sagt sie: „Ich weiß aber nicht, was passiert wäre, wenn es noch ein halbes Jahr so weitergegangen wäre." Dass solche Angebote auch von Menschen kommen, denen sie etwas Restvertrauen entgegenbringt, enttäuscht sie besonders. Über acht Monate zieht sich diese Situation, die Franziskas Psyche immer mehr zusetzt. „Das war kein Leben mehr, ich habe nur noch existiert", sagt sie. Ein MT-Bericht über die Beratungsstelle „Ausblick" der Diakonie Stiftung Salem, wird im Dezember zum Wendepunkt für Franziska. Ihre Freundin macht sie darauf aufmerksam – trotz des angespannten Verhältnisses. „Ich will nicht abhängig bleiben", erklärt Franziska, die heute in einer kleinen Wohnung lebt, die ihr von der Diakonie eingerichtet wurde. Dass sie wegen ihrer Suchterkrankung arbeitsunfähig ist, macht ihr zu schaffen. Obwohl sie keine Ausbildung hat, habe sie immer gearbeitet, seit sie die Schule verlassen hat. Ihren Konsum hat sie eingeschränkt, durch sei sie damit aber noch nicht. In ihrem neuen Rückzugsort kann sie nun aber wieder in Ruhe schlafen. Den Kontakt zu ihrer Mutter versucht sie langsam wieder aufzubauen. Durch die Hilfe ihrer Betreuer bekommt sie nun auch Sozialleistungen. „Ich versuche jetzt herauszufinden, was mir gut tut", sagt Franziska Die Schuld für ihre Situation sucht Franziska nicht bei anderen. Doch es sei ein Problem, das Hilfsangebote für die Betroffenen nahezu unsichtbar seien. Ohne ihre Freundin wäre sie nicht auf die Beratungsstelle aufmerksam geworden, die ihr geholfen hat, den Absprung zu wagen. „Wohnungslose lesen eher selten die Tageszeitung", sagt sie. Auch wüssten viele junge Menschen nicht, welche Stellen für sie zuständig sind, wenn ihr Leben aus dem Ruder zu laufen droht oder bereits außer Kontrolle ist. Deshalb wünscht sich Franziska auch in den Schulen mehr Aufklärung und Präventionsarbeit. „Es wäre schön, wenn die Möglichkeiten sichtbarer wären."

Wohnungslos und dauernd auf Drogen: Junge Mindenerin auf dem Weg zurück in die Normalität

Symbolfoto: Peter Juelich / EPD © epd-bild/Peter Juelich

Minden. Franziska wirkt müde und abgekämpft, wenn sie davon spricht, in welche Richtung ihr Leben im vergangenen Jahr gegangen ist. Von ihrer Zeit ohne eine feste Bleibe, den Problemen mit ihrer Mutter, den Drogen und den Gefühlen der Hoffnungs- und Hilflosigkeit, die ihre ständigen Begleiter waren. „Ich habe nie gedacht, dass ich in so eine Situation kommen könnte", sagt Franziska, die eigentlich anders heißt.

Im April 2019 lebt sie bei ihrer Mutter in Minden. Schon damals ist die 20-Jährige viel unterwegs, feiert exzessiv und nimmt dabei Drogen wie Amphetamin und Crystal Meth. Die Mutter sieht Persönlichkeitsveränderungen bei ihrer Tochter und spricht sie immer wieder auf ihren Drogenkonsum an. Doch den hat sie zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr im Griff. Immer wieder gibt es deshalb Streit. „Du hast schon wieder was genommen", ist der Satz, den Franziska nicht mehr hören will. Eines Tages kommt sie nicht mehr nach Hause und bricht die Brücken zur Normalität ab. Heute versucht Franziska ihr Leben wieder in geordnete Bahnen zu lenken. Die Wohnungslosigkeit hat sie, mit Hilfe ihrer Betreuer, überwunden. Doch sie ist noch nicht am Ende des Weges angekommen.

Junge Menschen wissen oft nicht, an wen sie sich wenden sollen, wenn ihr Leben aus den Fugen gerät. Sind die Brücken zur Normalität erst einmal abgebrochen, wird es immer schwieriger Hilfe zu bekommen. Symbolfoto: Pixabay
Junge Menschen wissen oft nicht, an wen sie sich wenden sollen, wenn ihr Leben aus den Fugen gerät. Sind die Brücken zur Normalität erst einmal abgebrochen, wird es immer schwieriger Hilfe zu bekommen. Symbolfoto: Pixabay

Ohne Wohnung, Einkommen und Perspektive, dafür aber mit einem Suchtproblem, ist Franziska nach ihrem Auszug auf sich allein gestellt. Aus ihrem alten Leben bleibt ihr nur noch eine Freundin, bei der sie von Zeit zu Zeit schlafen und duschen kann. Alle anderen früheren Kontakte versanden bald und auch zwischen den Freundinnen gibt es Spannungen. „Sie konnte das alles nicht nachvollziehen", sagt Franziska. Sie schämt sich für ihre Situation, versucht, den Schein so gut es geht zu wahren. „Man konnte mir nicht ansehen, was mit mir los war", ist sie sich sicher. Da Franziska in Minden aufgewachsen ist und hier viele Menschen kennt, meidet sie die Innenstadt – und Menschen außerhalb der Drogenszene.

Franziskas Tagesaufgabe ist es von nun an, eine Bleibe für die Nacht zu finden. Ihre Zeit verbringt sie mit anderen Drogenabhängigen. Immer wieder kommt sie für ein paar Tage bei verschiedenen Bekannten aus der Szene unter. Geht es bei denen nicht mehr, übernachtet sie bei fremden Personen – in diesem Umfeld lassen sich leicht Kontakte knüpfen. Dass sie damit ein hohes Risiko eingeht und sich in unberechenbare Situationen begibt, ist Franziska bewusst. Sie hat oft Angst, kann kaum schlafen oder zur Ruhe kommen. Im Vergleich zu einer Nacht auf der Straße sieht sie darin aber das geringere Übel: „Bei Fremden ist es unsicher, aber draußen ist es noch schlimmer." Trotzdem muss sie sich mehr als einmal heimlich davon machen, weil Männer sich sexuelle Gefälligkeiten als Gegenleistung für die Unterkunft erhoffen.

Drogen erscheinen Franziska zunächst tatsächlich als eine große Hilfe. Sie zügeln den Appetit, halten wach und dämpfen das Bewusstsein. „Fünf Tage können sich auf Crystal Meth anfühlen wie ein paar Stunden. So bekommt man die Woche irgendwie rum." Doch die Beschaffung wird immer mehr zum Stressfaktor. Mindestens 20 Euro am Tag braucht Franziska, um ihre Sucht zu finanzieren – eine stolze Summe für jemanden ohne Einkommen. Sie macht Schulden, versetzt ihre letzten Wertgegenstände und verkauft sogar ihr Telefon. Wieder ruft das Männer auf den Plan, die Franziskas Situation ausnutzen wollen und ihr Unterkunft und Drogen gegen sexuelle Gefälligkeiten anbieten. „Ich habe meinen Körper niemals hergegeben", sagt sie: „Ich weiß aber nicht, was passiert wäre, wenn es noch ein halbes Jahr so weitergegangen wäre." Dass solche Angebote auch von Menschen kommen, denen sie etwas Restvertrauen entgegenbringt, enttäuscht sie besonders.

Über acht Monate zieht sich diese Situation, die Franziskas Psyche immer mehr zusetzt. „Das war kein Leben mehr, ich habe nur noch existiert", sagt sie. Ein MT-Bericht über die Beratungsstelle „Ausblick" der Diakonie Stiftung Salem, wird im Dezember zum Wendepunkt für Franziska. Ihre Freundin macht sie darauf aufmerksam – trotz des angespannten Verhältnisses.

„Ich will nicht abhängig bleiben", erklärt Franziska, die heute in einer kleinen Wohnung lebt, die ihr von der Diakonie eingerichtet wurde. Dass sie wegen ihrer Suchterkrankung arbeitsunfähig ist, macht ihr zu schaffen. Obwohl sie keine Ausbildung hat, habe sie immer gearbeitet, seit sie die Schule verlassen hat. Ihren Konsum hat sie eingeschränkt, durch sei sie damit aber noch nicht. In ihrem neuen Rückzugsort kann sie nun aber wieder in Ruhe schlafen. Den Kontakt zu ihrer Mutter versucht sie langsam wieder aufzubauen. Durch die Hilfe ihrer Betreuer bekommt sie nun auch Sozialleistungen. „Ich versuche jetzt herauszufinden, was mir gut tut", sagt Franziska

Die Schuld für ihre Situation sucht Franziska nicht bei anderen. Doch es sei ein Problem, das Hilfsangebote für die Betroffenen nahezu unsichtbar seien. Ohne ihre Freundin wäre sie nicht auf die Beratungsstelle aufmerksam geworden, die ihr geholfen hat, den Absprung zu wagen. „Wohnungslose lesen eher selten die Tageszeitung", sagt sie. Auch wüssten viele junge Menschen nicht, welche Stellen für sie zuständig sind, wenn ihr Leben aus dem Ruder zu laufen droht oder bereits außer Kontrolle ist. Deshalb wünscht sich Franziska auch in den Schulen mehr Aufklärung und Präventionsarbeit. „Es wäre schön, wenn die Möglichkeiten sichtbarer wären."

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