Wohnungen statt Obstwiese: Investor will Komplex in Häverstädt bauen Sebastian Radermacher Minden. In Häverstädt soll ein neuer Wohnkomplex entstehen. Investor ist die „coop Minden-Stadthagen eG", die auf einem rund 4.500 Quadratmeter großen Grundstück an der Ecke Weidestraße/Eschenweg ein Gebäude unter anderem mit betreuten Wohngemeinschaften errichten möchte. Das Genehmigungsverfahren läuft. Die Planungen schreiten voran, der Bauantrag ist bei der Stadt Minden eingereicht worden, berichtet Lars Windheim aus der Geschäftsführung des Generalunternehmers GS Projektbau, der im Auftrag des Investors das Vorhaben umsetzt. Als vorbereitende Maßnahme habe der Investor vor Kurzem Bäume auf dem Grundstück fällen lassen, bestätigt Windheim im MT-Gespräch. Diese Tatsache stößt Marion Warner allerdings übel auf. Die Anwohnerin vom Eschenweg, die sich in der Mindener Initiative (MI) politisch engagiert, kritisiert die Fällung scharf. „Viele alte Bäume sind dem Bagger zum Opfer gefallen. Auf dem Grundstück leben Rebhühner, Feldhasen, Käuzchen und ein Uhu. Leider wurde der Lebensraum nun zerstört." Die Nachbarn seien sehr traurig, „dass hier ein Stück schützenswerte Natur ,vernichtet’ wurde". Sie fragt: War das Fällen der Bäume rechtens? Lars Windheim sieht auf Nachfrage kein Fehlverhalten des Investors. Dieser habe das Grundstück erworben und dann eine Firma beauftragt, unter Beachtung der vorgegebenen Schutzzeiten die Fläche herzurichten, um vorbereitend tätig zu werden. Denn würde die Baugenehmigung zum Beispiel erst im kommenden April vorliegen, dürften wegen der Brutzeit der Vögel erst wieder gegen Ende 2021 Bäume entfernt werden. Um eine solche Verzögerung zu vermeiden, sei der Investor bereits tätig geworden. „Er hat das Recht, die Bäume auf seinem Grundstück zu entfernen", meint Windheim, zumal es auch keine Baumschutzsatzung gebe, die Eigentümern privater Grundstücke vorschreibt, unter welchen Umständen Bäume gefällt werden dürfen und wann nicht. Windheim betont, dass auch nur jene Bäume gefällt worden seien, die wegen des Neubaus aus Platzgründen schlichtweg nicht mehr stehen bleiben könnten. Im nördlichen Bereich des Grundstücks etwa würden mehrere alte Bäume als natürliche Abgrenzung erhalten bleiben. Die Stadt Minden bestätigt auf MT-Anfrage, dass für das Projekt an der Weidestraße ein Bauantrag eingegangen ist. Die Baugenehmigung sei aber noch nicht erteilt worden. „Insbesondere die artenschutzrechtlichen Belange sind noch nicht abschließend geklärt", sagt Stadtsprecherin Katharina Heß. Sie erklärt, dass die Untere Naturschutzbehörde (UNB) des Kreises Minden-Lübbecke in dem Verfahren beteiligt worden sei und am 12. Oktober eine Stellungnahme abgegeben habe. Letztere sei am selben Tag an den Entwurfsverfasser weitergeleitet worden. Von städtischer Seite sei keine Genehmigung zur Beseitigung der Bäume erteilt worden, sagt Heß. Das gesamte Verfahren laufe noch. Wurde durch das Fällen womöglich gegen das Bundesnaturschutzgesetz verstoßen? Das verneint die Kreisverwaltung gegenüber dem MT. „Ein Verstoß gegen das Bundesnaturschutzgesetz beziehungsweise gegen geltende Artenschutzbestimmungen darin ist nicht nachweisbar", erklärt Kreissprecherin Mirjana Lenz. Zudem unterliege der Obstwiesenrestbestand keiner Schutzgebietskategorie. Die Untere Naturschutzbehörde habe in ihrer Stellungnahme ein Gutachten über den dort vorkommenden Artenbestand gefordert. „Die Möglichkeit der Unterschutzstellung dieses Bestandes hätte sich durch Vorlage des geforderten Gutachtens ergeben können", schreibt Lenz und fügt an: „Die naturschutzrechtliche Eingriffsregelung nach dem Bundesnaturschutzgesetz greift im baulichen Innenbereich nicht." Welche Auswirkungen sich aus der aktuellen Situation für den Antragssteller ergeben könnten, werde im weiteren Genehmigungsverfahren zu klären sein, sagt sie, ohne Details zu nennen. Marion Warner ist laut eigener Aussage immer noch entsetzt darüber, dass der tierische Lebensraum zerstört worden ist. Sie habe nichts gegen ein solches Bauprojekt, stellt die Anwohnerin klar: „Aber womöglich hätte man die alten Bäume erhalten können. So wurden einfach Tatsachen geschaffen – ohne Rücksprache, ohne Kommunikation." Dabei habe sie bereits im Februar, kurz nachdem das Projekt im Bauausschuss erstmals öffentlich vorgestellt worden war, den Kreis kontaktiert und auf die Streuobstwiese hingewiesen. Über Monate hinweg habe sie aber keine Rückmeldung erhalten – und jetzt sei es zu spät. Der Kreis bestätigt ihre Aussagen. Warum die Anwohnerin keine Rückmeldung erhalten hatte, bleibt unklar. Es fehlt eine klare Linie Ein Kommentar von Sebastian Radermacher Werden Bäume gefällt, prallen verschiedene Interessen aufeinander, was nicht selten mit Beschwerden oder gar Anzeigen 
endet. Dieses Problem wird am Beispiel in Häverstädt wieder 
einmal deutlich. Auf der einen Seite gibt es Naturliebhaber, die Streuobstwiesen,
alte Bäume und blühende Sträucher als Lebensraum für Tiere 
erhalten wollen und sich dafür einsetzen. Auf der anderen Seite gibt es Eigentümer, die ein erworbenes Grundstück bebauen oder anderweitig gestalten möchten und Bäume dafür fällen. Ob das rechtens ist oder nicht, müssen im Zweifel die 
zuständigen Behörden entscheiden. Keine Frage: Alte, schützenswerte Bäume dürfen nicht einfach so der Kettensäge zum Opfer fallen. Erst recht nicht mit Blick auf die zuletzt extrem trockenen Sommer und das massive Baumsterben. Das Problem an der ganzen Sache: Es fehlen für die Bürger klar erkennbare Regeln, die deutlich machen, welche Bäume wann gefällt werden dürfen und wann nicht. Eine Baumschutzsatzung könnte für mehr Klarheit sorgen – die 
ist in Minden auch seit Jahren immer wieder im Gespräch,
aber bislang fand sich keine
politische Mehrheit dafür. So wird es weiterhin zu Interessenskonflikte kommen, in denen
beide Seiten davon ausgehen, 
im Recht zu sein. Zielführend 
ist das nicht.

Wohnungen statt Obstwiese: Investor will Komplex in Häverstädt bauen

Auf dem Grundstück an der Ecke Weidestraße/Eschenweg soll bald ein Neubau entstehen – dafür wurden jetzt Bäume gefällt. MT-Foto: Alex Lehn © Alex Lehn

Minden. In Häverstädt soll ein neuer Wohnkomplex entstehen. Investor ist die „coop Minden-Stadthagen eG", die auf einem rund 4.500 Quadratmeter großen Grundstück an der Ecke Weidestraße/Eschenweg ein Gebäude unter anderem mit betreuten Wohngemeinschaften errichten möchte. Das Genehmigungsverfahren läuft. Die Planungen schreiten voran, der Bauantrag ist bei der Stadt Minden eingereicht worden, berichtet Lars Windheim aus der Geschäftsführung des Generalunternehmers GS Projektbau, der im Auftrag des Investors das Vorhaben umsetzt.

Als vorbereitende Maßnahme habe der Investor vor Kurzem Bäume auf dem Grundstück fällen lassen, bestätigt Windheim im MT-Gespräch. Diese Tatsache stößt Marion Warner allerdings übel auf. Die Anwohnerin vom Eschenweg, die sich in der Mindener Initiative (MI) politisch engagiert, kritisiert die Fällung scharf. „Viele alte Bäume sind dem Bagger zum Opfer gefallen. Auf dem Grundstück leben Rebhühner, Feldhasen, Käuzchen und ein Uhu. Leider wurde der Lebensraum nun zerstört." Die Nachbarn seien sehr traurig, „dass hier ein Stück schützenswerte Natur ,vernichtet’ wurde". Sie fragt: War das Fällen der Bäume rechtens?

Farbenspiel: So sah die Obstwiese laut Aussage der Anwohnerin vorher aus. Foto: privat - © privat
Farbenspiel: So sah die Obstwiese laut Aussage der Anwohnerin vorher aus. Foto: privat - © privat

Lars Windheim sieht auf Nachfrage kein Fehlverhalten des Investors. Dieser habe das Grundstück erworben und dann eine Firma beauftragt, unter Beachtung der vorgegebenen Schutzzeiten die Fläche herzurichten, um vorbereitend tätig zu werden. Denn würde die Baugenehmigung zum Beispiel erst im kommenden April vorliegen, dürften wegen der Brutzeit der Vögel erst wieder gegen Ende 2021 Bäume entfernt werden. Um eine solche Verzögerung zu vermeiden, sei der Investor bereits tätig geworden. „Er hat das Recht, die Bäume auf seinem Grundstück zu entfernen", meint Windheim, zumal es auch keine Baumschutzsatzung gebe, die Eigentümern privater Grundstücke vorschreibt, unter welchen Umständen Bäume gefällt werden dürfen und wann nicht. Windheim betont, dass auch nur jene Bäume gefällt worden seien, die wegen des Neubaus aus Platzgründen schlichtweg nicht mehr stehen bleiben könnten. Im nördlichen Bereich des Grundstücks etwa würden mehrere alte Bäume als natürliche Abgrenzung erhalten bleiben.

Die Stadt Minden bestätigt auf MT-Anfrage, dass für das Projekt an der Weidestraße ein Bauantrag eingegangen ist. Die Baugenehmigung sei aber noch nicht erteilt worden. „Insbesondere die artenschutzrechtlichen Belange sind noch nicht abschließend geklärt", sagt Stadtsprecherin Katharina Heß. Sie erklärt, dass die Untere Naturschutzbehörde (UNB) des Kreises Minden-Lübbecke in dem Verfahren beteiligt worden sei und am 12. Oktober eine Stellungnahme abgegeben habe. Letztere sei am selben Tag an den Entwurfsverfasser weitergeleitet worden. Von städtischer Seite sei keine Genehmigung zur Beseitigung der Bäume erteilt worden, sagt Heß. Das gesamte Verfahren laufe noch.

Wurde durch das Fällen womöglich gegen das Bundesnaturschutzgesetz verstoßen? Das verneint die Kreisverwaltung gegenüber dem MT. „Ein Verstoß gegen das Bundesnaturschutzgesetz beziehungsweise gegen geltende Artenschutzbestimmungen darin ist nicht nachweisbar", erklärt Kreissprecherin Mirjana Lenz. Zudem unterliege der Obstwiesenrestbestand keiner Schutzgebietskategorie. Die Untere Naturschutzbehörde habe in ihrer Stellungnahme ein Gutachten über den dort vorkommenden Artenbestand gefordert. „Die Möglichkeit der Unterschutzstellung dieses Bestandes hätte sich durch Vorlage des geforderten Gutachtens ergeben können", schreibt Lenz und fügt an: „Die naturschutzrechtliche Eingriffsregelung nach dem Bundesnaturschutzgesetz greift im baulichen Innenbereich nicht." Welche Auswirkungen sich aus der aktuellen Situation für den Antragssteller ergeben könnten, werde im weiteren Genehmigungsverfahren zu klären sein, sagt sie, ohne Details zu nennen.

Marion Warner ist laut eigener Aussage immer noch entsetzt darüber, dass der tierische Lebensraum zerstört worden ist. Sie habe nichts gegen ein solches Bauprojekt, stellt die Anwohnerin klar: „Aber womöglich hätte man die alten Bäume erhalten können. So wurden einfach Tatsachen geschaffen – ohne Rücksprache, ohne Kommunikation."

Dabei habe sie bereits im Februar, kurz nachdem das Projekt im Bauausschuss erstmals öffentlich vorgestellt worden war, den Kreis kontaktiert und auf die Streuobstwiese hingewiesen. Über Monate hinweg habe sie aber keine Rückmeldung erhalten – und jetzt sei es zu spät. Der Kreis bestätigt ihre Aussagen. Warum die Anwohnerin keine Rückmeldung erhalten hatte, bleibt unklar.

Es fehlt eine klare Linie

Ein Kommentar von Sebastian Radermacher

Werden Bäume gefällt, prallen verschiedene Interessen aufeinander, was nicht selten mit Beschwerden oder gar Anzeigen 
endet. Dieses Problem wird am Beispiel in Häverstädt wieder 
einmal deutlich.

Auf der einen Seite gibt es Naturliebhaber, die Streuobstwiesen,
alte Bäume und blühende Sträucher als Lebensraum für Tiere 
erhalten wollen und sich dafür einsetzen. Auf der anderen Seite gibt es Eigentümer, die ein erworbenes Grundstück bebauen oder anderweitig gestalten möchten und Bäume dafür fällen. Ob das rechtens ist oder nicht, müssen im Zweifel die 
zuständigen Behörden entscheiden.

Keine Frage: Alte, schützenswerte Bäume dürfen nicht einfach so der Kettensäge zum Opfer fallen. Erst recht nicht mit Blick auf die zuletzt extrem trockenen Sommer und das massive Baumsterben. Das Problem an der ganzen Sache: Es fehlen für die Bürger klar erkennbare Regeln, die deutlich machen, welche Bäume wann gefällt werden dürfen und wann nicht.

Eine Baumschutzsatzung könnte für mehr Klarheit sorgen – die 
ist in Minden auch seit Jahren immer wieder im Gespräch,
aber bislang fand sich keine
politische Mehrheit dafür. So wird es weiterhin zu Interessenskonflikte kommen, in denen
beide Seiten davon ausgehen, 
im Recht zu sein. Zielführend 
ist das nicht.

Copyright © Mindener Tageblatt 2020
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Weiterlesen in Minden