"Wird sich zeigen, wer überleben wird": Einzelhändler sind am Limit angekommen - und haben doch Hoffnung Stefan Koch Minden. Die leichten Paolo Rossi-Anzüge hängen schwer auf ihren Kleiderbügeln. Seit 1983 betreibt Ferlito Domenico in Minden das Geschäft Canabis und hat sich auf italienische Mode spezialisiert. Als der Euro kam und alles teurer wurde, habe ihm das sehr geschadet, erinnert sich der 64-Jährige. Auch der Boom des Online-Handels war schlecht für seinen Umsatz. Aber jetzt ist alles noch viel schlimmer. Der Italiener steht inmitten der Kollektion und sagt: „Ohne Hilfe hätte ich schon längst aufgeben müssen." Domenico ist einer von vielen Geschäftsleuten in Minden, die derzeit in der Coronakrise ums Überleben kämpfen. Als Hilfe reichen die Zahlungen des Bundes für Selbstständige bei ihm nicht aus. Auch Freunde müssen ihn unterstützen. „In dieser Woche kamen nur drei Kunden", sagte er am Freitag. Zwei von ihnen hätten sich Anzüge für Hochzeiten im Juli und August abgeholt. Mehr nicht. „Zum Glück bin ich allein und muss kein Personal bezahlen." Und auch die Miete sei reduziert worden. Die Lage des Herrenausstatters ist besonders prekär, weil er vor allem bei Hochzeiten und Festen aller Art ein gefragter Lieferant war und dort auch als Fotograf Geld verdiente. Das liegt jetzt alles brach. „Ich bin wie eine Ameise – von April bis August ist mein Hauptgeschäft", sagt Domenico. Schon im vergangenen Coronasommer habe er Einbußen von 50 Prozent erlitten. Auch Özgül Eroglu, die Inhaberin von Demirel Schmuck an der Bäckerstraße, hat jetzt sehr viel weniger Zulauf. So wie bei den meisten Geschäfte in Minden muss sie den Betrieb unter Kernöffnungszeiten laufen lassen. Ihre Kunden geben am Eingang die Uhren zum Batteriewechsel ab oder nehmen Waren entgegen, die sie vorher nur auf Fotos oder durch den Blick ins Schaufenster gesehen hatten. Die Innenräume dürfen sie nicht betreten, um vor dem Kauf die Sachen in die Hand zu nehmen. Als der Winter zuende gegangen war, hatte sich Eroglu mehr erhofft. Im März wollte der Einzelhandelsverband für die Mindener Juweliere klären, ob in ihren Geschäftsräumen das Anpassen und der Verkauf von Eheringen möglich ist. Im April durften Kunden mit einem negativen Coronatest noch in den Laden kommen. Doch dann setzte die sogenannte Bundesnotbremse die Länderregelungen außer Kraft. Das Mindener Ordnungsamt musste den Verkauf der Ringe in der Verbindung mit Serviceleistungen in den Innenräumen aus Gründen des Infektionsschutzes unterbinden, da es sich um ein Verkaufsgeschehen handelt. „Wenn das auf Dauer so weitergeht, werden 80 Prozent der Geschäfte aus der Mindener Innenstadt verschwinden", sagt die Geschäftsfrau. Seit mehr als einem Jahr ist Diyar Sito ohne Einnahmen. Er hatte im März 2020 sein Geschäft „Deluxe Moden" für Abendgarderobe an der Kaiserstraße eröffnet. Zwei Tage später kam der Lockdown. Hochzeiten, Abi-Bälle, Konfirmationen sind seitdem auch weitgehend ausgefallen. Er habe versucht, finanzielle Hilfe zu bekommen, scheitere aber immer wieder daran, dass er im Vorjahr eben noch kein Geschäft hatte. Trotzdem fallen jeden Monat 900 Euro Kosten an. Sein Vermieter ist ihm etwas mit der Miete entgegen gekommen, trotzdem bleiben Kosten bei fehlenden Einnahmen. „Click and collect" ist für sein Geschäft keine Lösung, weil Abendkleider anprobiert werden müssen. Sito arbeitet inzwischen wieder als Fahrlehrer und auch seine Frau arbeitet, um die monatliche Belastung stemmen zu können. „Wir wollen nicht aufgeben", sagt der 30-Jährige. Arno Sebening, Geschäftsführer der Geschäftsstelle Minden-Herford des Handelsverbandes OWL, kennt die Zahlen. Nur bestellen und abholen – in der Branche hat sich dafür die Bezeichnung „click and collect" durchgesetzt – reiche nicht. Die Unternehmen hätten mit dieser Regelung ein Umsatzminus von 74 Prozent gegenüber dem Vorjahr gemacht. Auch die vor einigen Wochen noch bestehende Möglichkeit, nach einem Coronatest einen Einlasstermin im Geschäft zu buchen, habe noch ein Minus von 61 Prozent gebracht. Da hilft dann auch nicht der wohlklingende Anglizismus „click and meet" für diese Möglichkeit des Einkaufens in Zeiten von Corona. Sebening fürchtet, dass sich die Lage noch verschärft, wenn jetzt die verlängerte Frist für die Insolvenzanmeldungen zuende ist. „Eine Marktbereinigung hat ja noch gar nicht stattgefunden. In den nächsten Wochen und Monaten wird sich zeigen, wer in Minden überleben wird." Diese Einschätzung teilt auch Daniela Drabert, Vorsitzende der Mindener Werbegemeinschaft. „Angespannt ist die Lage vor allem in der Gastronomie und viele wissen nicht, wie es im Lockdown weitergehen soll", sagt sie. Und der Einzelhandel könne sich nicht monatelang mit Tests und Terminvereinbarungen an den Beschränkungen entlang vorbeihangeln. Drabert meint, dass auch die Überbrückungshilfen für viele Einzelhändler und Gastronomen keine wirkliche Hilfe seien. Es sei schwierig, die Anträge auszufüllen und es änderten sich wöchentlich die Bestimmungen. „Viele mussten aus dem letzten Sommer noch Geld zurück zahlen. Manche hätten deshalb noch gar keine Mittel beantragt oder erst jetzt damit begonnen. Ohnehin lasse sich der Verlust durch die Zahlungen nicht ausgleichen. Und eine Planbarkeit gebe es auch nicht. Laut Drabert überlegt die Stadt, wie sie den Geschäftsleuten helfen kann, zum Beispiel durch einen Verzicht auf Gebühren für die Außengastronomie. „Wir fordern zudem ein Marketingkonzept, um Minden zu promoten und mehr Tagestouristen zu bekommen." Aber alle Bemühungen stehen und fallen mit der raschen Rückkehr zur Öffnung. Ferlito Domenico und Özgül Eroglu setzen der Krise zurzeit noch ihren Optimismus entgegen. Der Herrenausstatter ließ sich vor einigen Tagen impfen und meint: „Die Impfung wird unsere Rettung sein." Wenn im Sommer jeder Teilnehmer eines Festes die Möglichkeit habe, sich vor dem Virus zu schützen, dann seien auch wieder Hochzeiten, Abiturfeiern oder andere Feste möglich. „Bei positiven Nachrichten kann sich alles innerhalb von 24 Stunden ändern." „Als im vergangenen Sommer die Beschränkungen gelockert wurden, ging es auch ganz schnell wieder nach oben. Ich hoffe, das kommt bald wieder", meint auch Eroglu. Deshalb sehe sie sich auch jetzt schon nach neuen Kollektionen für ihr Schmuckgeschäft um. Und der Einzelhandel erfahren ohnehin von den Kunden eine unglaubliche Solidarität. „Viele muntern uns mit ihren Worten auf." Ihre Stammkunden meldeten sich bei ihr nach wie vor und es seien auch neue hinzugekommen.

"Wird sich zeigen, wer überleben wird": Einzelhändler sind am Limit angekommen - und haben doch Hoffnung

Leerer Marktplatz, große Umsatzeinbußen: Die Mindener Einzelhändler sind inzwischen am Limit angekommen. MT-Foto: © Alex Lehn

Minden. Die leichten Paolo Rossi-Anzüge hängen schwer auf ihren Kleiderbügeln. Seit 1983 betreibt Ferlito Domenico in Minden das Geschäft Canabis und hat sich auf italienische Mode spezialisiert. Als der Euro kam und alles teurer wurde, habe ihm das sehr geschadet, erinnert sich der 64-Jährige. Auch der Boom des Online-Handels war schlecht für seinen Umsatz. Aber jetzt ist alles noch viel schlimmer. Der Italiener steht inmitten der Kollektion und sagt: „Ohne Hilfe hätte ich schon längst aufgeben müssen."

Ferlito Domenico hat schon mehrere Krise im Einzelhandel überstanden. Auch jetzt hofft der Herrenausstatter auf ein gutes Ende. MT-Foto: - © Stefan Koch
Ferlito Domenico hat schon mehrere Krise im Einzelhandel überstanden. Auch jetzt hofft der Herrenausstatter auf ein gutes Ende. MT-Foto: - © Stefan Koch

Domenico ist einer von vielen Geschäftsleuten in Minden, die derzeit in der Coronakrise ums Überleben kämpfen. Als Hilfe reichen die Zahlungen des Bundes für Selbstständige bei ihm nicht aus. Auch Freunde müssen ihn unterstützen. „In dieser Woche kamen nur drei Kunden", sagte er am Freitag. Zwei von ihnen hätten sich Anzüge für Hochzeiten im Juli und August abgeholt. Mehr nicht. „Zum Glück bin ich allein und muss kein Personal bezahlen." Und auch die Miete sei reduziert worden.

Die Lage des Herrenausstatters ist besonders prekär, weil er vor allem bei Hochzeiten und Festen aller Art ein gefragter Lieferant war und dort auch als Fotograf Geld verdiente. Das liegt jetzt alles brach. „Ich bin wie eine Ameise – von April bis August ist mein Hauptgeschäft", sagt Domenico. Schon im vergangenen Coronasommer habe er Einbußen von 50 Prozent erlitten.

Auch Özgül Eroglu, die Inhaberin von Demirel Schmuck an der Bäckerstraße, hat jetzt sehr viel weniger Zulauf. So wie bei den meisten Geschäfte in Minden muss sie den Betrieb unter Kernöffnungszeiten laufen lassen. Ihre Kunden geben am Eingang die Uhren zum Batteriewechsel ab oder nehmen Waren entgegen, die sie vorher nur auf Fotos oder durch den Blick ins Schaufenster gesehen hatten. Die Innenräume dürfen sie nicht betreten, um vor dem Kauf die Sachen in die Hand zu nehmen.

Als der Winter zuende gegangen war, hatte sich Eroglu mehr erhofft. Im März wollte der Einzelhandelsverband für die Mindener Juweliere klären, ob in ihren Geschäftsräumen das Anpassen und der Verkauf von Eheringen möglich ist. Im April durften Kunden mit einem negativen Coronatest noch in den Laden kommen. Doch dann setzte die sogenannte Bundesnotbremse die Länderregelungen außer Kraft. Das Mindener Ordnungsamt musste den Verkauf der Ringe in der Verbindung mit Serviceleistungen in den Innenräumen aus Gründen des Infektionsschutzes unterbinden, da es sich um ein Verkaufsgeschehen handelt. „Wenn das auf Dauer so weitergeht, werden 80 Prozent der Geschäfte aus der Mindener Innenstadt verschwinden", sagt die Geschäftsfrau.

Zwei Tage vor dem ersten Lockdown 2020 wurde "Deluxe Moden" an der Kaiserstraße eröffnet. Der Inhaber arbeitet aktuell wieder als Fahrlehrer. Foto: - © pr
Zwei Tage vor dem ersten Lockdown 2020 wurde "Deluxe Moden" an der Kaiserstraße eröffnet. Der Inhaber arbeitet aktuell wieder als Fahrlehrer. Foto: - © pr

Seit mehr als einem Jahr ist Diyar Sito ohne Einnahmen. Er hatte im März 2020 sein Geschäft „Deluxe Moden" für Abendgarderobe an der Kaiserstraße eröffnet. Zwei Tage später kam der Lockdown. Hochzeiten, Abi-Bälle, Konfirmationen sind seitdem auch weitgehend ausgefallen. Er habe versucht, finanzielle Hilfe zu bekommen, scheitere aber immer wieder daran, dass er im Vorjahr eben noch kein Geschäft hatte. Trotzdem fallen jeden Monat 900 Euro Kosten an. Sein Vermieter ist ihm etwas mit der Miete entgegen gekommen, trotzdem bleiben Kosten bei fehlenden Einnahmen. „Click and collect" ist für sein Geschäft keine Lösung, weil Abendkleider anprobiert werden müssen. Sito arbeitet inzwischen wieder als Fahrlehrer und auch seine Frau arbeitet, um die monatliche Belastung stemmen zu können. „Wir wollen nicht aufgeben", sagt der 30-Jährige.

Arno Sebening, Geschäftsführer der Geschäftsstelle Minden-Herford des Handelsverbandes OWL, kennt die Zahlen. Nur bestellen und abholen – in der Branche hat sich dafür die Bezeichnung „click and collect" durchgesetzt – reiche nicht. Die Unternehmen hätten mit dieser Regelung ein Umsatzminus von 74 Prozent gegenüber dem Vorjahr gemacht. Auch die vor einigen Wochen noch bestehende Möglichkeit, nach einem Coronatest einen Einlasstermin im Geschäft zu buchen, habe noch ein Minus von 61 Prozent gebracht. Da hilft dann auch nicht der wohlklingende Anglizismus „click and meet" für diese Möglichkeit des Einkaufens in Zeiten von Corona. Sebening fürchtet, dass sich die Lage noch verschärft, wenn jetzt die verlängerte Frist für die Insolvenzanmeldungen zuende ist. „Eine Marktbereinigung hat ja noch gar nicht stattgefunden. In den nächsten Wochen und Monaten wird sich zeigen, wer in Minden überleben wird."

Diese Einschätzung teilt auch Daniela Drabert, Vorsitzende der Mindener Werbegemeinschaft. „Angespannt ist die Lage vor allem in der Gastronomie und viele wissen nicht, wie es im Lockdown weitergehen soll", sagt sie. Und der Einzelhandel könne sich nicht monatelang mit Tests und Terminvereinbarungen an den Beschränkungen entlang vorbeihangeln.

Drabert meint, dass auch die Überbrückungshilfen für viele Einzelhändler und Gastronomen keine wirkliche Hilfe seien. Es sei schwierig, die Anträge auszufüllen und es änderten sich wöchentlich die Bestimmungen. „Viele mussten aus dem letzten Sommer noch Geld zurück zahlen. Manche hätten deshalb noch gar keine Mittel beantragt oder erst jetzt damit begonnen. Ohnehin lasse sich der Verlust durch die Zahlungen nicht ausgleichen. Und eine Planbarkeit gebe es auch nicht.

Laut Drabert überlegt die Stadt, wie sie den Geschäftsleuten helfen kann, zum Beispiel durch einen Verzicht auf Gebühren für die Außengastronomie. „Wir fordern zudem ein Marketingkonzept, um Minden zu promoten und mehr Tagestouristen zu bekommen." Aber alle Bemühungen stehen und fallen mit der raschen Rückkehr zur Öffnung.

Ferlito Domenico und Özgül Eroglu setzen der Krise zurzeit noch ihren Optimismus entgegen. Der Herrenausstatter ließ sich vor einigen Tagen impfen und meint: „Die Impfung wird unsere Rettung sein." Wenn im Sommer jeder Teilnehmer eines Festes die Möglichkeit habe, sich vor dem Virus zu schützen, dann seien auch wieder Hochzeiten, Abiturfeiern oder andere Feste möglich. „Bei positiven Nachrichten kann sich alles innerhalb von 24 Stunden ändern."

„Als im vergangenen Sommer die Beschränkungen gelockert wurden, ging es auch ganz schnell wieder nach oben. Ich hoffe, das kommt bald wieder", meint auch Eroglu. Deshalb sehe sie sich auch jetzt schon nach neuen Kollektionen für ihr Schmuckgeschäft um. Und der Einzelhandel erfahren ohnehin von den Kunden eine unglaubliche Solidarität. „Viele muntern uns mit ihren Worten auf." Ihre Stammkunden meldeten sich bei ihr nach wie vor und es seien auch neue hinzugekommen.

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