#WirMachenAuf: Einzelhändler protestieren, Querdenker nutzen die Aktion für sich Fabian Terwey,Lea Oetjen Minden. Mit jedem Tag im Lockdown nehmen die Sorgen des Einzelhandels zu. Viele Geschäfte sehen sich vor dem Ruin. Die Existenzangst der Branche wird immer größer – und die Geduld scheint am Ende. So hat nun Mecit Uzbay, der Inhaber eines Kosmetikstudios in Krefeld, deutschlandweit seine Kollegen unter #WirMachenAuf dazu aufgerufen, die Geschäfte illegalerweise zu öffnen, um für Aufmerksamkeit zu sorgen. Während der Großteil der Bevölkerung die Aktion für kontraproduktiv hält, befürworten sie vor allem AfD-Politiker und Querdenker. Mehr als 60.000 Mitglieder sind mittlerweile in der neu eröffneten Telegram-Gruppe, tausende Geschäfte wollen laut einer dort veröffentlichten Umfrage mitmachen. Doch wie wird die Kampagne in Minden wahrgenommen? „Es ist für uns absolut kein Thema, dass wir da mitmachen“, stellt Daniela Drabert klar. Die Vorsitzende der Werbegemeinschaft Minden sehr findet deutliche Worte: „Es macht ja keinen Sinn, einfach die Läden wieder zu öffnen. Das ist schwachsinnig. Wir wollen ja, dass das alles bald ein Ende hat und und wir wollen vor allem auch unsere Kunden schützen.“ Trotz der harschen Kritik finde sie den Gedanken hinter der Kampagne #WirMachenAuf aber gut. „Es ist bestimmt nicht verkehrt, die Politik auf diese Art wachzurütteln. Es ist wichtig zu sagen: ,Bitte vergesst uns nicht.’ Die Aufmerksamkeit schadet der Branche auf keinen Fall“, denkt die Hagemeyer-Geschäftsführerin. Gut gedacht sei aber bekanntlich nicht automatisch auch immer gut gemacht. Ähnlich sieht es Arno Sebening. Der Geschäftsführer des Handelsverbands Minden-Herford erklärt: „Das geht natürlich nicht. Einfach zu öffnen, wäre eine Straftat. Grundsätzlich sieht man mit Blick auf die anhaltend hohen Infektionszahlen im Lockdown aber, dass die Gastronomie und der Handel kein Infektionsherd darstellen. Insofern ist die Schließung eine große Ungerechtigkeit.“ Daniela Drabert vermutet, dass durch #WirMachenAuf die ganze Branche in ein schlechtes Licht gerückt werden könnte. „Das ist aber genau der springende Punkt: Es geht eben nicht nur um den Einzelhandel“, betont sie. Vielen anderen Geschäftszweigen – etwa der Gastronomie oder der Veranstaltungsbranche – gehe es bedeutend schlechter. Dennoch ist es der Vorsitzenden der Werbegemeinschaft ein Anliegen, darauf hinzuweisen, dass das Plus für den Einzelhandel im vergangenen Jahr „auf keinen Fall missverstanden werden darf“. Bau- und Supermärkte sowie große Ketten hätten zwar höhere Einnahmen gehabt, viele andere Geschäfte aber nicht. Die nur zäh fließenden Hilfen der Regierung scheinen ein Grund zu sein, weshalb die Aktion #WirMachenAuf überhaupt so viel Zuspruch erhält. „Hinter den Geldern stehen für viele noch immer große Fragezeichen“, weiß Drabert. Man komme an diese Hilfen schlicht nicht heran. „Da fehlen einfach noch diverse Antworten. Es scheitert an der Bürokratie.“ Dabei dürfe nicht vergessen werden, dass nicht nur die Unternehmen unter dieser Ungewissheit leiden. „Da geht es auch um die Existenzen der Mitarbeiter“, warnt Drabert und appelliert: „Die Branche braucht Hilfe von allen möglichen Seiten.“ Laut der Hagemeyer-Geschäftsführerin sei es denkbar, die Corona-Regeln weiter zu verschärfen. „Es ist an der Zeit zu sagen: ,Liebe Politik, sprich doch mal Tacheles.’ Die Maßnahmen, die wir aktuell haben, bringen ja anscheinend nicht den gewünschten Erfolg“, beklagt Drabert auch in Hinblick auf die sich ankündigende Verlängerung des Lockdowns. „Wir beißen alle lieber für kürzere Zeit die Zähne zusammen, als auf lange Zeit in einer so ungewissen Situation zu leben.“ Auch Sebening hofft inständig, dass „Handel und Gastronomie in Kürze wieder öffnen dürfen“. Zudem verweist er auf eine ähnliche Initiative. Der Handelsverband Deutschland hat #AnfassbarGut ins Leben gerufen. Die bundesweite Kampagne wirbt für die Alleinstellungsmerkmale des stationären Handels. Auf der Internetseite (anfassbargut.com) gibt es Berichte über aktuelle Themen im Handel und Lösungsmöglichkeiten für verschiedene Probleme – insbesondere in Bezug auf die Digitalisierung. Auf den Zug von Mecit Uzbays Aktionismus und seinem #WirMachenAuf sind bereits zahlreiche Gruppierungen aufgesprungen. So lobt etwa der Potsdamer AfD-Politiker Dennis Hohloch auf Facebook: „Es ist ein wichtiges Signal, dass sich die Bürger nicht alles gefallen lassen.“ Mittlerweile gibt es zudem bei Telegram – einem Medium, das vor allem von Verschwörungstheoretikern genutzt wird – diverse Untergruppen. In manchen finden sich staatsfeindliche Thesen und Coronaleugner-Parolen. „Ich distanziere mich von solchen Gruppierungen und halte mich so fern wie möglich von Querdenkern. Mir geht es nur um die Solidarisierung der Händler“, stellt Uzbay im Gespräch mit der NRZ klar. Gegenwind bekommt er übrigens vor allem aus der Bevölkerung. Unter dem Hashtag #WirMachenEuchDicht rufen Befürworter des verlängerten Lockdowns dazu auf, bei illegalen Geschäftsöffnungen Strafanzeige zu erstatten. Dem Ordnungsamt Minden liegen keine Hinweise auf Verstöße des Einzelhandels gegen die Coronaschutzverordnung vor. Sollte diese aber missachtet werden, wäre ein Bußgeld von 2500 Euro fällig. Ein solches Verhalten würde gegen die rechtlichen Bestimmungen der Gewerbeordnung verstoßen. Das erklärt Ordnungsamt-Leiterin Annette Ziegler auf MT-Anfrage.

#WirMachenAuf: Einzelhändler protestieren, Querdenker nutzen die Aktion für sich

Die Message ist deutlich: Laut dem Einzelhandel muss der Lockdown enden – sonst sieht es bald düster in den deutschen Innenstädten aus. Foto: Imago-Images © imago images/Future Image

Minden. Mit jedem Tag im Lockdown nehmen die Sorgen des Einzelhandels zu. Viele Geschäfte sehen sich vor dem Ruin. Die Existenzangst der Branche wird immer größer – und die Geduld scheint am Ende. So hat nun Mecit Uzbay, der Inhaber eines Kosmetikstudios in Krefeld, deutschlandweit seine Kollegen unter #WirMachenAuf dazu aufgerufen, die Geschäfte illegalerweise zu öffnen, um für Aufmerksamkeit zu sorgen. Während der Großteil der Bevölkerung die Aktion für kontraproduktiv hält, befürworten sie vor allem AfD-Politiker und Querdenker. Mehr als 60.000 Mitglieder sind mittlerweile in der neu eröffneten Telegram-Gruppe, tausende Geschäfte wollen laut einer dort veröffentlichten Umfrage mitmachen. Doch wie wird die Kampagne in Minden wahrgenommen?

„Es ist für uns absolut kein Thema, dass wir da mitmachen“, stellt Daniela Drabert klar. Die Vorsitzende der Werbegemeinschaft Minden sehr findet deutliche Worte: „Es macht ja keinen Sinn, einfach die Läden wieder zu öffnen. Das ist schwachsinnig. Wir wollen ja, dass das alles bald ein Ende hat und und wir wollen vor allem auch unsere Kunden schützen.“ Trotz der harschen Kritik finde sie den Gedanken hinter der Kampagne #WirMachenAuf aber gut. „Es ist bestimmt nicht verkehrt, die Politik auf diese Art wachzurütteln. Es ist wichtig zu sagen: ,Bitte vergesst uns nicht.’ Die Aufmerksamkeit schadet der Branche auf keinen Fall“, denkt die Hagemeyer-Geschäftsführerin. Gut gedacht sei aber bekanntlich nicht automatisch auch immer gut gemacht.

Ähnlich sieht es Arno Sebening. Der Geschäftsführer des Handelsverbands Minden-Herford erklärt: „Das geht natürlich nicht. Einfach zu öffnen, wäre eine Straftat. Grundsätzlich sieht man mit Blick auf die anhaltend hohen Infektionszahlen im Lockdown aber, dass die Gastronomie und der Handel kein Infektionsherd darstellen. Insofern ist die Schließung eine große Ungerechtigkeit.“

Daniela Drabert vermutet, dass durch #WirMachenAuf die ganze Branche in ein schlechtes Licht gerückt werden könnte. „Das ist aber genau der springende Punkt: Es geht eben nicht nur um den Einzelhandel“, betont sie. Vielen anderen Geschäftszweigen – etwa der Gastronomie oder der Veranstaltungsbranche – gehe es bedeutend schlechter. Dennoch ist es der Vorsitzenden der Werbegemeinschaft ein Anliegen, darauf hinzuweisen, dass das Plus für den Einzelhandel im vergangenen Jahr „auf keinen Fall missverstanden werden darf“. Bau- und Supermärkte sowie große Ketten hätten zwar höhere Einnahmen gehabt, viele andere Geschäfte aber nicht.

Die nur zäh fließenden Hilfen der Regierung scheinen ein Grund zu sein, weshalb die Aktion #WirMachenAuf überhaupt so viel Zuspruch erhält. „Hinter den Geldern stehen für viele noch immer große Fragezeichen“, weiß Drabert. Man komme an diese Hilfen schlicht nicht heran. „Da fehlen einfach noch diverse Antworten. Es scheitert an der Bürokratie.“ Dabei dürfe nicht vergessen werden, dass nicht nur die Unternehmen unter dieser Ungewissheit leiden. „Da geht es auch um die Existenzen der Mitarbeiter“, warnt Drabert und appelliert: „Die Branche braucht Hilfe von allen möglichen Seiten.“

Laut der Hagemeyer-Geschäftsführerin sei es denkbar, die Corona-Regeln weiter zu verschärfen. „Es ist an der Zeit zu sagen: ,Liebe Politik, sprich doch mal Tacheles.’ Die Maßnahmen, die wir aktuell haben, bringen ja anscheinend nicht den gewünschten Erfolg“, beklagt Drabert auch in Hinblick auf die sich ankündigende Verlängerung des Lockdowns. „Wir beißen alle lieber für kürzere Zeit die Zähne zusammen, als auf lange Zeit in einer so ungewissen Situation zu leben.“ Auch Sebening hofft inständig, dass „Handel und Gastronomie in Kürze wieder öffnen dürfen“.

Zudem verweist er auf eine ähnliche Initiative. Der Handelsverband Deutschland hat #AnfassbarGut ins Leben gerufen. Die bundesweite Kampagne wirbt für die Alleinstellungsmerkmale des stationären Handels. Auf der Internetseite (anfassbargut.com) gibt es Berichte über aktuelle Themen im Handel und Lösungsmöglichkeiten für verschiedene Probleme – insbesondere in Bezug auf die Digitalisierung.

Auf den Zug von Mecit Uzbays Aktionismus und seinem #WirMachenAuf sind bereits zahlreiche Gruppierungen aufgesprungen. So lobt etwa der Potsdamer AfD-Politiker Dennis Hohloch auf Facebook: „Es ist ein wichtiges Signal, dass sich die Bürger nicht alles gefallen lassen.“ Mittlerweile gibt es zudem bei Telegram – einem Medium, das vor allem von Verschwörungstheoretikern genutzt wird – diverse Untergruppen. In manchen finden sich staatsfeindliche Thesen und Coronaleugner-Parolen. „Ich distanziere mich von solchen Gruppierungen und halte mich so fern wie möglich von Querdenkern. Mir geht es nur um die Solidarisierung der Händler“, stellt Uzbay im Gespräch mit der NRZ klar. Gegenwind bekommt er übrigens vor allem aus der Bevölkerung. Unter dem Hashtag #WirMachenEuchDicht rufen Befürworter des verlängerten Lockdowns dazu auf, bei illegalen Geschäftsöffnungen Strafanzeige zu erstatten.

Dem Ordnungsamt Minden liegen keine Hinweise auf Verstöße des Einzelhandels gegen die Coronaschutzverordnung vor. Sollte diese aber missachtet werden, wäre ein Bußgeld von 2500 Euro fällig. Ein solches Verhalten würde gegen die rechtlichen Bestimmungen der Gewerbeordnung verstoßen. Das erklärt Ordnungsamt-Leiterin Annette Ziegler auf MT-Anfrage.

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