„Wir waren komplett unvorbereitet“: Vor fünf Jahren kam der erste Bus mit Geflüchteten in Häverstädt an Monika Jäger Minden. Wenn es ein Datum gibt, das das Vorher und das Nachher markiert, dann ist es wohl der 22. Juli 2015. Vorher, das ist Minden ohne Diskussion um Asylsuchende. Nachher, das ist eine Stadt, in der Migration und Integration erst beherrschendes Sonderthema werden und in der sie inzwischen zum Alltag gehören. An diesem Mittwoch im Juli fordert die Bezirksregierung die Stadt Minden auf, kurzfristig eine Notunterkunft einzurichten. Schon fünf Tage später hält der erste Bus mit 45 Personen in Häverstädt. In großer Eile ist hier die Schul-Sporthalle umfunktioniert worden. Es regnet, aber alle Ankömmlinge müssen registriert werden. Darum sollen sie im Bus bleiben. Peter Kienzle, Erster Beigeordneter bei der Stadt Minden und unter anderem für den Bereich Soziales zuständig, ist selbst vor Ort. Und dort sagt er einen Satz, der im Rückblick ein Motto sein könnte: „So muss niemand im Regen stehen." Kienzle ist Jurist. Gesetze, Verwaltungsvorschriften, Verordnungen sind für ihn alltägliche Begleiter. Jetzt laufen bei ihm alle Fäden zusammen, um diese neue Situation zu gestalten – eine Situation, in der bis dahin gut funktionierende Regeln und Verfügungen oft zu kurz greifen. Und so wird die Stadt Minden in den kommenden Jahren immer wieder eigene Wege suchen. Viele Mindener engagieren sich in diesen Jahren. Viele übernehmen erstmals ein Ehrenamt: In der Kleiderkammer, bei der Essensausgabe, für Kinderbetreuung, Gesundheitsversorgung. „Wir schaffen das", heißt das in den Worten der Bundeskanzlerin – das allerdings hat sie in einer Sprache gesagt, die kaum einer der Geflüchteten versteht. Schlüssel zur Integration „Wir waren erst komplett unvorbereitet", erinnert sich Kienzle an die hektischen Wochen und Monate 2015. Sprachkenntnisse und Arbeit würden der Schlüssel zur Integration sein, davon waren er und sein Team überzeugt. Doch die Verordnungen des Bundes erwiesen sich eher als Hürde denn als Hilfe. Unterricht wurde nur für Flüchtlinge aus fünf Ländern finanziert. Und: woher sollten plötzlich die Sprachlehrer kommen? „In dem Moment hat sich ein großes, engagiertes und effizientes ehrenamtliches Feld aufgetan." Zahlreiche Hilfslehrer meldeten sich; schnell begannen in der Notunterkunft die ersten Kurse. Kienzle: „Ich bin heute noch froh, dass es damals diese breite gesellschaftliche Bewegung gegeben hat." Bald gab es in Minden dann auch Unterricht für alle: Unternehmen, Serviceclubs, Stadt und Privatpersonen legten zusammen, sammelten 270.000 Euro für die Geflüchteten ohne Anspruch auf Sprachförderung. „Seit 2019 ist das geändert. Nun hat endlich jeder Anspruch", so Kienzle. Aus seiner Sicht gab es von Anfang an keinen vernünftigen Grund, sich nur auf die Menschen aus fünf Ländern zu fokussieren; „auch alle anderen hatten schließlich eine längere Bleibeperspektive." Denn zu der Zeit kamen die deutschen Behörden schon lange nicht mehr nach. Weder konnten alle Zuwanderer an den Grenzen registriert werden, noch gab es kurzfristige Entscheidungen über Asylanträge. Bei niemandem war schnell klar, ob er langfristig bleiben konnte. Überall fehlte qualifiziertes Personal, um diese oft komplizierten Entscheidungen zu treffen. Auch hier ging Minden einen Sonderweg: Statt jeden Flüchtling einzeln zur Fachstelle nach Bielefeld zu schicken, wurden hier viele zusammen in Bussen hingebracht. Für die Betreuer einfacher, für die Flüchtlinge effizienter. Wie gut haben seither alle Deutsch gelernt? „Da gibt es eine Riesenspannbreite", sagt Kienzle. Manche mussten erst alphabetisiert werden. Andere hatten noch nie eine Fremdsprache gelernt. Es gab – wie überall sonst auch – fleißige, traumatisierte, motivierte, untalentierte Menschen. Als Hauptmotivator erwies sich die Aussicht auf einen Arbeitsplatz. Doch fließend Deutsch sprechen bis heute nicht alle. Genau so wenig wie alle einen festen Job haben. Zahlen gibt es dazu allerdings wegen der Vielzahl an zuständigen Ämtern und Behörden keine. Der Traum vom Arbeiten „Die Integration in den Arbeitsmarkt hatte ich mir deutlich einfacher vorgestellt", sagt Kienzle im Rückblick. Was war schwierig? Zum Beispiel die komplizierte Rechtslage. Wer als Flüchtling anerkannt wurde, wechselte in den Bereich der Arbeitsagenturen und Jobcenter, bekam sein Geld zum Leben nun über Hilfe zum Lebensunterhalt und nicht mehr aus Asyltöpfen, hatte Anspruch auf Sprachkurse. „Das ist allen anderen verwehrt", so Kienzle. Dabei ist es aus seiner Sicht vor allem der Blick auf jeden Einzelnen, das Zusammenbauen von individuellen Hilfsgerüsten, was den Weg in eine geregelte Arbeit bahnt. In Minden wurde dafür 2016 eine Stelle eingerichtet – „seither kümmern wir uns um die Personen ohne Förderung der Arbeitsagentur." Denn wer in Ausbildung ist, kann in Deutschland bleiben. „Ausbildungsduldung" ist inzwischen per Gesetz definiert. Vorher hieß das: In jedem einzelnen Fall belegen, dass es eine Ausbildungsstelle mit guter Perspektive für einen Berufsabschluss gibt. Dass manche Menschen immer wieder behaupten, Asylsuchende hätten doch gar nicht arbeiten wollen, sondern auf die soziale Hängematte in Deutschland gehofft, macht Kienzle zornig. „Wenn ich mir die Umstände der Länder ansehe, aus denen die Menschen kommen, ist doch völlig klar, dass die da raus müssen." Gleich mehrere deutsche Regeln sind eher Hürden als Hilfen. Zum Beispiel bekommt heute nur der eine Ausbildungsduldung, der die Sprache beherrscht. Anspruch auf Sprachunterricht hatte diese Personengruppe aber bis dahin noch gar nicht. Zweitens: Wer einen Ausbildungsplatz bekam – und zu der Zeit suchten viele Arbeitgeber händeringend Nachwuchs – und die sprachlichen Voraussetzungen erfüllte, kam oft beim sprachlich anspruchsvolleren Berufsschulunterricht nicht mit, Drittens: Wer schon einen Beruf hatte, konnte den hier nicht so ohne weiteres ausüben. Gesellenprüfung, Meisterprüfung, Handwerksrollen: Diese Eckpfeiler des Systems der beruflichen Bildung wirkten hier als Sperre für die Neubürger. Kienzle ist überzeugt: „Man muss auch heute noch einen Weg finden, die Leute aufzufangen, die arbeiten möchten und auch schon einiges können." Sonderzugänge zu Handwerksberufen schaffen, zum Beispiel. Die Aussichten dafür? „Eher unwahrscheinlich." Ein Dokument als Stolperstein Und schließlich: Der Identitätsnachweis – unabdingbare Voraussetzung dafür, überhaupt erst mal einen Fuß auf einen der Wege zum integrierten Leben in Deutschland zu setzen. Ohne den geht nichts. Doch den hatten viele nicht. Verloren auf der Flucht, nie einen gehabt, zuviel Angst, ihn den so fremden Behörden vorzuzeigen, desolate Verhältnisse im Heimatland, so dass Neuausstellungen ewig dauern: Das war die Realität. Doch ohne Papiere keine Arbeit. Ohne Arbeit keine Bleibeaussicht. Kein Geld. Keine Selbstbestimmung. Keine Freiheit. Lernen im neuen Land Vor allem die Kinder müssten unbedingt gefördert werden – das war in Minden von Anfang an das Ziel. Aber das ging erst einmal gründlich schief. Oft konnten junge Neuankömmlinge nicht sofort in Kita oder Schule, weil einfach die Plätze fehlten. „Das war ungut", sagt Kienzle, aber daran sei keiner Schuld gewesen. Schließlich habe der Bedarf nicht vorhergesehen werden können. Dann kamen die Internationalen Klassen, verteilt über verschiedene Schulformen. „Da war kompletter Zufall, an welche Schule ein Kind kam." Es gab keine Eingangstests, der Kreis teilte die Kinder dort zu, wo gerade Platz war. Kienzle: „Das ist aus meiner Sicht suboptimal gelaufen." Die Stadt legte Ferien-Sprachkurse auf – Teilnahme freiwillig. Das war wenig, vielleicht zu wenig. Dann waren da ab 2015 noch jungen Erwachsene. Viele Ankommende waren junge Männer, nicht mehr schulpflichtig. „Die drohten, durch alle Raster zu fallen." Hier engagierten sich Weserkolleg und Kreisberufsschulen besonders. Heute sind Stadtteil- und Jugendzentren sowas wie die Flaggschiffe für Integration und Hilfe – mit Babysprechstunden, Mutter Kind-Kursen und vielen weiteren Angeboten. Miteinander? Nebeneinander? Wie hat sich die Stadt in den vergangenen fünf Jahren verändert? Jedenfalls nicht so, wie von manchen Leuten behauptet werde: Seit drei Jahren sinkt die Kriminalitätsrate jährlich um zehn Prozent. „Ja, diese Menschen sehen anders aus und sprechen eine andere Sprache. Aber mit Kriminalität haben die als Ganzes genau so wenig zu tun wie Sie und ich." Auch zu Zeiten der Notunterkunft habe sich die Zahl der Straftaten in Häverstädt nicht erhöht. Heute ist sie in den Bärenkämpen zum Beispiel so niedrig wie lange nicht mehr. Und ja, oft sind es junge Männer, die überproportional an bestimmten Delikten (Drogen, Handtaschenraub, Taschendiebstahl, Körperverletzung) beteiligt sind. Und weil das unabhängig von Nationalitäten ist, sind auch Zuwanderer darunter. Hier in Minden gebe es eine große syrische Gemeinschaft. Das sei zum Beispiel in Köln anders, wo Marokkaner, Algerier, Tschetschenen leben. „Das sind da ganz andere Strukturen und, wie man heute weiß, auch andere Motivationen, her zu kommen." Ehrenamt und Bürgen „Mein Wunsch war immer, dass sich die Hilfe de-institutionalisiert, dass sie im Alltag von Mensch zu Mensch läuft. So ist das inzwischen. Und das ist gut", sagt Kienzle. Von den vielen, die sich einsetzten, gingen allerdings die Bürgen noch ein Stück weiter. Sie erklärten sich bereit, mit Geld für einzelne Geflüchtete einzustehen. Und als die Bundesregierung dann dieses Geld haben wollte, war es für viele eine große Härte. Kienzle, der Jurist, sagt dazu: „Mehrere klagten. Aber in keinen Fall urteilten die Gerichte zu unseren Ungunsten." Kurze Pause, und dann: „Mir hat die ganze Situation aufrichtig leid getan, weil es hoch engagierte Leute getroffen hat." Und, nachdenklich: „Im Formular des Bundes standen die entscheidenden Sachen aber auch ganz unten. Und klein gedruckt." Wohnen Raus aus den Sammelunterkünften, hin zu eigenen Wohnungen: Das war das Mindener Rezept für Selbstständigkeit. Mit großer Kraftanstrengung suchte die Verwaltung einzelne Wohnungen, mietete sie, statt irgendwo eine Containeranlage aufzustellen. Ende April 2020 waren noch 194 Wohnungen mit 655 Personen belegt, neun weitere sind gerade gekündigt, 47 noch frei. In denen könnten maximal 140 weitere Menschen untergebracht werden. Bereits 2014 zeichneten sich steigende Flüchtlingszahlen ab, und so mietete die Stadt 24 Wohnungen in einem Block. „Wir haben wochenlang überlegt, ob das richtig ist und wir das voll bekommen. Dann wurden uns die Wohnungen am 1. November übergeben. Und am 2. November waren alle belegt." Im ersten Quartal 2021 muss die Politik entscheiden, ob das so weiter gehen soll. 2015 kamen rund 1.000 Flüchtlinge. 2019 waren es knapp 170. Bis heute ist Kienzle überzeugt: Deutschland könnte mehr tun – wenn es nur wollte. Warum die Flüchtlinge auf Lesbos hier im Land nicht aufgenommen werden? Für ihn ist das unbegreiflich. „Wenn wir die Zehntausend in Deutschland aufnehmen würden, es änderte sich doch in den Städten nichts! Alles steht bereit." Selbst in der Corona-Zeit hätten Kinder kommen können, gemeinsam mit Jugendhilfeeinrichtungen war in Minden schon für die Quarantäne vorgesorgt. „Flüchtlinge aufzunehmen ist kein Almosen, sondern ein Recht. Und auch nicht irgendein Recht, sondern das höchste: Ein Menschenrecht."

„Wir waren komplett unvorbereitet“: Vor fünf Jahren kam der erste Bus mit Geflüchteten in Häverstädt an

Fünf Jahre ist es her, dass die ersten Flüchtlinge in der Häverstädter Notunterkunft ankamen. Viele kamen ohne Besitz und Geld. MT-Foto: Lehn (Archiv) © Lehn,Alexander

Minden. Wenn es ein Datum gibt, das das Vorher und das Nachher markiert, dann ist es wohl der 22. Juli 2015. Vorher, das ist Minden ohne Diskussion um Asylsuchende. Nachher, das ist eine Stadt, in der Migration und Integration erst beherrschendes Sonderthema werden und in der sie inzwischen zum Alltag gehören.

An diesem Mittwoch im Juli fordert die Bezirksregierung die Stadt Minden auf, kurzfristig eine Notunterkunft einzurichten. Schon fünf Tage später hält der erste Bus mit 45 Personen in Häverstädt. In großer Eile ist hier die Schul-Sporthalle umfunktioniert worden. Es regnet, aber alle Ankömmlinge müssen registriert werden. Darum sollen sie im Bus bleiben. Peter Kienzle, Erster Beigeordneter bei der Stadt Minden und unter anderem für den Bereich Soziales zuständig, ist selbst vor Ort. Und dort sagt er einen Satz, der im Rückblick ein Motto sein könnte: „So muss niemand im Regen stehen."

Kienzle ist Jurist. Gesetze, Verwaltungsvorschriften, Verordnungen sind für ihn alltägliche Begleiter. Jetzt laufen bei ihm alle Fäden zusammen, um diese neue Situation zu gestalten – eine Situation, in der bis dahin gut funktionierende Regeln und Verfügungen oft zu kurz greifen. Und so wird die Stadt Minden in den kommenden Jahren immer wieder eigene Wege suchen.

Viele Mindener engagieren sich in diesen Jahren. Viele übernehmen erstmals ein Ehrenamt: In der Kleiderkammer, bei der Essensausgabe, für Kinderbetreuung, Gesundheitsversorgung. „Wir schaffen das", heißt das in den Worten der Bundeskanzlerin – das allerdings hat sie in einer Sprache gesagt, die kaum einer der Geflüchteten versteht.

Schlüssel zur Integration

„Wir waren erst komplett unvorbereitet", erinnert sich Kienzle an die hektischen Wochen und Monate 2015. Sprachkenntnisse und Arbeit würden der Schlüssel zur Integration sein, davon waren er und sein Team überzeugt.

Doch die Verordnungen des Bundes erwiesen sich eher als Hürde denn als Hilfe. Unterricht wurde nur für Flüchtlinge aus fünf Ländern finanziert. Und: woher sollten plötzlich die Sprachlehrer kommen? „In dem Moment hat sich ein großes, engagiertes und effizientes ehrenamtliches Feld aufgetan." Zahlreiche Hilfslehrer meldeten sich; schnell begannen in der Notunterkunft die ersten Kurse. Kienzle: „Ich bin heute noch froh, dass es damals diese breite gesellschaftliche Bewegung gegeben hat."

Bald gab es in Minden dann auch Unterricht für alle: Unternehmen, Serviceclubs, Stadt und Privatpersonen legten zusammen, sammelten 270.000 Euro für die Geflüchteten ohne Anspruch auf Sprachförderung. „Seit 2019 ist das geändert. Nun hat endlich jeder Anspruch", so Kienzle. Aus seiner Sicht gab es von Anfang an keinen vernünftigen Grund, sich nur auf die Menschen aus fünf Ländern zu fokussieren; „auch alle anderen hatten schließlich eine längere Bleibeperspektive."

Denn zu der Zeit kamen die deutschen Behörden schon lange nicht mehr nach. Weder konnten alle Zuwanderer an den Grenzen registriert werden, noch gab es kurzfristige Entscheidungen über Asylanträge. Bei niemandem war schnell klar, ob er langfristig bleiben konnte. Überall fehlte qualifiziertes Personal, um diese oft komplizierten Entscheidungen zu treffen. Auch hier ging Minden einen Sonderweg: Statt jeden Flüchtling einzeln zur Fachstelle nach Bielefeld zu schicken, wurden hier viele zusammen in Bussen hingebracht. Für die Betreuer einfacher, für die Flüchtlinge effizienter.

Wie gut haben seither alle Deutsch gelernt? „Da gibt es eine Riesenspannbreite", sagt Kienzle. Manche mussten erst alphabetisiert werden. Andere hatten noch nie eine Fremdsprache gelernt. Es gab – wie überall sonst auch – fleißige, traumatisierte, motivierte, untalentierte Menschen. Als Hauptmotivator erwies sich die Aussicht auf einen Arbeitsplatz. Doch fließend Deutsch sprechen bis heute nicht alle. Genau so wenig wie alle einen festen Job haben. Zahlen gibt es dazu allerdings wegen der Vielzahl an zuständigen Ämtern und Behörden keine.


Der Traum vom Arbeiten

„Die Integration in den Arbeitsmarkt hatte ich mir deutlich einfacher vorgestellt", sagt Kienzle im Rückblick. Was war schwierig? Zum Beispiel die komplizierte Rechtslage. Wer als Flüchtling anerkannt wurde, wechselte in den Bereich der Arbeitsagenturen und Jobcenter, bekam sein Geld zum Leben nun über Hilfe zum Lebensunterhalt und nicht mehr aus Asyltöpfen, hatte Anspruch auf Sprachkurse. „Das ist allen anderen verwehrt", so Kienzle. Dabei ist es aus seiner Sicht vor allem der Blick auf jeden Einzelnen, das Zusammenbauen von individuellen Hilfsgerüsten, was den Weg in eine geregelte Arbeit bahnt. In Minden wurde dafür 2016 eine Stelle eingerichtet – „seither kümmern wir uns um die Personen ohne Förderung der Arbeitsagentur."

Denn wer in Ausbildung ist, kann in Deutschland bleiben. „Ausbildungsduldung" ist inzwischen per Gesetz definiert. Vorher hieß das: In jedem einzelnen Fall belegen, dass es eine Ausbildungsstelle mit guter Perspektive für einen Berufsabschluss gibt. Dass manche Menschen immer wieder behaupten, Asylsuchende hätten doch gar nicht arbeiten wollen, sondern auf die soziale Hängematte in Deutschland gehofft, macht Kienzle zornig. „Wenn ich mir die Umstände der Länder ansehe, aus denen die Menschen kommen, ist doch völlig klar, dass die da raus müssen."

Gleich mehrere deutsche Regeln sind eher Hürden als Hilfen. Zum Beispiel bekommt heute nur der eine Ausbildungsduldung, der die Sprache beherrscht. Anspruch auf Sprachunterricht hatte diese Personengruppe aber bis dahin noch gar nicht.

Zweitens: Wer einen Ausbildungsplatz bekam – und zu der Zeit suchten viele Arbeitgeber händeringend Nachwuchs – und die sprachlichen Voraussetzungen erfüllte, kam oft beim sprachlich anspruchsvolleren Berufsschulunterricht nicht mit, Drittens: Wer schon einen Beruf hatte, konnte den hier nicht so ohne weiteres ausüben. Gesellenprüfung, Meisterprüfung, Handwerksrollen: Diese Eckpfeiler des Systems der beruflichen Bildung wirkten hier als Sperre für die Neubürger. Kienzle ist überzeugt: „Man muss auch heute noch einen Weg finden, die Leute aufzufangen, die arbeiten möchten und auch schon einiges können." Sonderzugänge zu Handwerksberufen schaffen, zum Beispiel. Die Aussichten dafür? „Eher unwahrscheinlich."

Ein Dokument als Stolperstein

Und schließlich: Der Identitätsnachweis – unabdingbare Voraussetzung dafür, überhaupt erst mal einen Fuß auf einen der Wege zum integrierten Leben in Deutschland zu setzen. Ohne den geht nichts. Doch den hatten viele nicht. Verloren auf der Flucht, nie einen gehabt, zuviel Angst, ihn den so fremden Behörden vorzuzeigen, desolate Verhältnisse im Heimatland, so dass Neuausstellungen ewig dauern: Das war die Realität. Doch ohne Papiere keine Arbeit. Ohne Arbeit keine Bleibeaussicht. Kein Geld. Keine Selbstbestimmung. Keine Freiheit.

Lernen im neuen Land

Vor allem die Kinder müssten unbedingt gefördert werden – das war in Minden von Anfang an das Ziel. Aber das ging erst einmal gründlich schief. Oft konnten junge Neuankömmlinge nicht sofort in Kita oder Schule, weil einfach die Plätze fehlten. „Das war ungut", sagt Kienzle, aber daran sei keiner Schuld gewesen. Schließlich habe der Bedarf nicht vorhergesehen werden können.

Dann kamen die Internationalen Klassen, verteilt über verschiedene Schulformen. „Da war kompletter Zufall, an welche Schule ein Kind kam." Es gab keine Eingangstests, der Kreis teilte die Kinder dort zu, wo gerade Platz war. Kienzle: „Das ist aus meiner Sicht suboptimal gelaufen." Die Stadt legte Ferien-Sprachkurse auf – Teilnahme freiwillig. Das war wenig, vielleicht zu wenig. Dann waren da ab 2015 noch jungen Erwachsene. Viele Ankommende waren junge Männer, nicht mehr schulpflichtig. „Die drohten, durch alle Raster zu fallen." Hier engagierten sich Weserkolleg und Kreisberufsschulen besonders.

Heute sind Stadtteil- und Jugendzentren sowas wie die Flaggschiffe für Integration und Hilfe – mit Babysprechstunden, Mutter Kind-Kursen und vielen weiteren Angeboten.

Miteinander? Nebeneinander?

Wie hat sich die Stadt in den vergangenen fünf Jahren verändert? Jedenfalls nicht so, wie von manchen Leuten behauptet werde: Seit drei Jahren sinkt die Kriminalitätsrate jährlich um zehn Prozent. „Ja, diese Menschen sehen anders aus und sprechen eine andere Sprache. Aber mit Kriminalität haben die als Ganzes genau so wenig zu tun wie Sie und ich." Auch zu Zeiten der Notunterkunft habe sich die Zahl der Straftaten in Häverstädt nicht erhöht. Heute ist sie in den Bärenkämpen zum Beispiel so niedrig wie lange nicht mehr. Und ja, oft sind es junge Männer, die überproportional an bestimmten Delikten (Drogen, Handtaschenraub, Taschendiebstahl, Körperverletzung) beteiligt sind. Und weil das unabhängig von Nationalitäten ist, sind auch Zuwanderer darunter.

Hier in Minden gebe es eine große syrische Gemeinschaft. Das sei zum Beispiel in Köln anders, wo Marokkaner, Algerier, Tschetschenen leben. „Das sind da ganz andere Strukturen und, wie man heute weiß, auch andere Motivationen, her zu kommen."

Ehrenamt und Bürgen

„Mein Wunsch war immer, dass sich die Hilfe de-institutionalisiert, dass sie im Alltag von Mensch zu Mensch läuft. So ist das inzwischen. Und das ist gut", sagt Kienzle. Von den vielen, die sich einsetzten, gingen allerdings die Bürgen noch ein Stück weiter. Sie erklärten sich bereit, mit Geld für einzelne Geflüchtete einzustehen. Und als die Bundesregierung dann dieses Geld haben wollte, war es für viele eine große Härte. Kienzle, der Jurist, sagt dazu: „Mehrere klagten. Aber in keinen Fall urteilten die Gerichte zu unseren Ungunsten." Kurze Pause, und dann: „Mir hat die ganze Situation aufrichtig leid getan, weil es hoch engagierte Leute getroffen hat." Und, nachdenklich: „Im Formular des Bundes standen die entscheidenden Sachen aber auch ganz unten. Und klein gedruckt."

Wohnen

Raus aus den Sammelunterkünften, hin zu eigenen Wohnungen: Das war das Mindener Rezept für Selbstständigkeit. Mit großer Kraftanstrengung suchte die Verwaltung einzelne Wohnungen, mietete sie, statt irgendwo eine Containeranlage aufzustellen. Ende April 2020 waren noch 194 Wohnungen mit 655 Personen belegt, neun weitere sind gerade gekündigt, 47 noch frei. In denen könnten maximal 140 weitere Menschen untergebracht werden.

Bereits 2014 zeichneten sich steigende Flüchtlingszahlen ab, und so mietete die Stadt 24 Wohnungen in einem Block. „Wir haben wochenlang überlegt, ob das richtig ist und wir das voll bekommen. Dann wurden uns die Wohnungen am 1. November übergeben. Und am 2. November waren alle belegt." Im ersten Quartal 2021 muss die Politik entscheiden, ob das so weiter gehen soll. 2015 kamen rund 1.000 Flüchtlinge. 2019 waren es knapp 170.

Bis heute ist Kienzle überzeugt: Deutschland könnte mehr tun – wenn es nur wollte. Warum die Flüchtlinge auf Lesbos hier im Land nicht aufgenommen werden? Für ihn ist das unbegreiflich. „Wenn wir die Zehntausend in Deutschland aufnehmen würden, es änderte sich doch in den Städten nichts! Alles steht bereit." Selbst in der Corona-Zeit hätten Kinder kommen können, gemeinsam mit Jugendhilfeeinrichtungen war in Minden schon für die Quarantäne vorgesorgt. „Flüchtlinge aufzunehmen ist kein Almosen, sondern ein Recht. Und auch nicht irgendein Recht, sondern das höchste: Ein Menschenrecht."

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