Wie sich die Mindener Innenstadt auf eine Welt nach Corona vorbereitet Monika Jäger Minden. Corona, zweite Welle. Und die Innenstadt ist leer. Was bedeutet das – für die Zukunft Mindens, aber auch für die, die sich beruflich mit dem Herzen der Stadt beschäftigen? Werden sich langfristig die Rolle und die Bedeutung der Fußgängerzone ändern? Im MT-Gespräch sind sich Daniela Drabert (Vorsitzende der Werbegemeinschaft und Hagemeyer-Geschäftsführerin) Bernd Niemeier (Hotel Lindgart, Präsident des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga NRW), Dr. Jörg-Friedrich Sander (Geschäftsführer der Minden Marketing Gesellschaft) und Lars Bursian (Städtischer Beigeordneter für Städtebau und Feuerschutz) in einem einig: Der Alltag wird nach Corona nicht mehr so sein wie vorher. Und darum suchen sie jetzt schon nach Lösungen für eine andere Zukunft. Bernd Niemeier hat darauf gewartet, was am Montagabend nach der Bund-Länder-Runde aus Berlin vorgegeben wurde: „Viel ist dabei ja nicht herumgekommen. Wir erwarten jetzt am nächsten Mittwoch deutliche weitere Schritte.“ Ernsthaft rechne niemand aus seinem Bereich damit, dass am 1. Dezember Restaurants wieder öffnen dürfen. Denn auch dann werde die Inzidenzzahl deutschlandweit deutlich über 50 liegen. Bundeskanzlerin Angela Merkel habe klar gesagt, dass sie erst bei sehr viel besseren Zahlen als jetzt bereit sei, über Öffnungsschritte nachzudenken. „Im Moment haben wir außerdem überhaupt keine Lust, im Dezember wieder aufzumachen“, sagt der Hotelier weiter. „Wir haben keine Buchungen mehr.“ Alle – Firmen wie Familien – hätten doch geplante Weihnachtsfeiern storniert. „Für Dezember ist unser gastronomisches Geschäft gelaufen.“ Und da auch nicht klar sei, ob über Weihnachten Familienbesuche möglich sind, sei gerade auch niemand motiviert, Hotelzimmer zu buchen. Vor allem brauche die Gastronomie mindestens drei Wochen Vorlauf vor einer Wiederöffnung. Insgesamt gelassen ist Niemeier auch deshalb, weil die staatliche Unterstützung für Entspannung sorgt: „Die 75 Prozent, die wir mit der Novemberhilfe vom Staat bekommen, ist in Ordnung. Damit können wir leben.“ Und solange die Restaurants zu bleiben, haben sie Anspruch auf Unterstützung – wohl auch darum die Absage des Hotelfunktionärs an eine schnelle Wiederöffnung Daniela Drabert ist deutschlandweit mit Modehäusern, Handelsverbänden und Industrie- und Handelskammern vernetzt. „Ziel ist ja vor allem, das familiäre Weihnachtsfest zu retten“, betont sie, und sagt, frühzeitige Lockerungen seien „nicht zielführend, wenn wir dann nach Silvester in den nächsten Shutdown gehen.“ Der stationäre Einzelhandel weise aber immer wieder darauf hin, dass eine Stadt nur im Zusammenspiel aller Teilbereiche funktioniere. „Es reicht nicht, wenn nur ein einziger Händler, nur ein Café oder nur eine Kultureinrichtung geöffnet hat.“ Das sehe man jetzt besonders deutlich: Die Frequenzen fehlten überall. „Ich hoffe, dadurch wird das Bewusstsein bei allen dafür geschärft, wie wichtig unsere Städte als Treffpunkt und Freizeitort sind.“ Was sich schon jetzt zeigt: Die Kunden wählen Zeiten, zu denen früher eher wenig los war. Viele verzichten auf den Innenstadt-Einkaufsbummel am Samstag. Auch an den Parkhauszahlen, könne man das ablesen, so Drabert. Aber im Voraus sei nicht planbar, welche Tage in der kommenden Woche jeweils stärkere und schwächere sein werden. Gegensteuern? „Das ist schwer.“ Hagemeyer versucht es mit dem Angebot, dass Kunden vorab Termine ausmachen, um dann persönlich beraten zu werden. Kaufen die Kunden inzwischen anderes, weil sie beispielsweise weniger ins Büro gehen? „Uns fehlt vor allem das anlassbezogene Geschäft“, so Drabert: Niemand braucht Ball- und Cocktailkleider, und weil auch größere Jubilar- oder Hochzeitsfeiern ausfallen, werden ebenfalls weniger Anzüge gekauft. Aber obwohl Kleidung insgesamt etwas bequemer gewählt werde, kauften die Kunden jetzt nicht nur Jogginghosen. „Zum Glück.“ Wie gut haben die Kampagnen der lokalen Händler gewirkt, die in der ersten Welle intensiv für das Einkaufen vor Ort und nicht beim Internet-Großhändler warben? „Bedingt“, sagt Drabert. Gut seien diese gewesen um deutlich zu machen, was es alles tatsächlich hier vor Ort gibt. Doch die meisten Kunden würden dann doch den einfachsten Weg gehen und nicht für ein einzelnes Teil in die Stadt fahren. „Wir merken bei unseren Kunden: Es gibt gerade keine Anlässe zum Bummeln mehr. Ich kann mich nicht mit einer Freundin auf einen Kaffee treffen – damit fehlen übrigens auch Gelegenheiten, sich etwas schicker anzuziehen.“ Jetzt sei Unsicherheit zu spüren, und Kunden kämen nur, wenn sie wirklich Bedarf hätten. Aber wenn die heimische Bevölkerung nicht die Händler vor Ort unterstütze, „dann wird es uns irgendwann nicht mehr geben.“ Die Minden Marketing hat die fast unlösbare Aufgabe, gerade für eine weitgehend leere Innenstadt zu werben, in der nichts los ist. „Wir hätten gerne zur Unterstützung des Einzelhandels einen Weihnachtsmarkt gemacht und haben dafür viele Varianten und Konzepte erarbeitet. Aber das scheint ja nun nicht mehr möglich zu sein“, sagt Sander. Wenigstens die Weihnachtsbeleuchtung solle nun einen jahreszeitlichen Lichtimpuls setzen, so der Marketingexperte. Die Lichterketten werden in diesen Tagen bereits aufgehängt. Wer das alles am Ende finanziert, weiß Sander noch nicht. Auch sonst haben sich nicht alle Innenstadt-Geschäfte an den Kosten fürs Adventsleuchten beteiligt; in diesem Jahr könnten das wegen der überall finanziell angespannten Lage noch mehr werden. Und weil die Minden Marketing ein breites digitales Konzept für Minden hat, denkt das Team um Sander im Moment über einen „virtuellen Weihnachtsmarkt“ nach – wie auch immer der aussehen könnte. Ein vor zwei Jahren erstelltes 360-Grad-Panorama könnte zumindest ein bisschen Eindruck von Weihnachtsstimmung in der Stadt schaffen. „Der Weihnachtsmarkt war das Lagerfeuer der Stadt. Da haben sich die Leute getroffen, das war Community, das war Gemeinschaft.“ Das wäre gerade in diesen Zeiten doch besonders wichtig. „Aber digital Weihnachtsflair herzustellen, das ist gar nicht so einfach.“ Auch Stadtentwicklung ist in diesen Zeiten schwierig: Merkt Bau-Beigeordneter Bursian, dass weniger Projektentwickler und Interessenten für einzelne Objekte und Projekte zu ihm kommen? „Definitiv. Gerade wissen alle nicht so richtig, wie es weiter geht.“ Gerade in Minden seien speziell die Tage vor Heiligabend doch immer besonders gewesen – „wo man mit allen zusammen auf dem Weihnachtsmarkt steht, einen Glühwein trinkt und die Innenstadt als urbanen Ort wahr nimmt, wo alle unterwegs sind. Und da will man genau das, was man im Moment nicht tun soll: Menschen treffen, Begegnungen haben mit Leuten, die man schon lange nicht gesehen hat.“ Große Sorge mache auch der in der Corona-Krise ständig wachsende Internethandel. „Da passieren gerade Dinge, die nicht mehr hundertprozentig zurückzudrehen sind.“ Corona sei dafür ein Beschleuniger. Und darum habe die Stadt ja auch beschlossen, jetzt und nicht später über ein neues Einzelhandelskonzept zu diskutieren, um eine feste Grundlage für weitere Planungen zu haben. Und auch über Strukturen insgesamt müsse nachgedacht werden. Kurz vor dem Lockdown light habe es im Wirtschaftsministerium einen Termin zum Thema Unterstützung für Innenstädte gegeben. „Ich glaube, dass die Menschen jetzt schon merken, was fehlt, weil keine Orte der Begegnung mehr da sind.“ Zum Gegensteuern sei Geld nötig – und zwar auch für „andere Dinge als Bauen“. Heißt konkret? „Ich glaube wir müssen diskutieren, was in bestimmten Lagen in den Innenstädten so alles auch da sein könnte – das beziehe ich jetzt gar nicht nur auf Minden – und ob das immer nur der klassische Einzelhandel sein muss.“ Was ginge noch? Wohnen, Arbeiten, Kultur zum Beispiel. Verursacht Corona mehr Leerstände in der Stadt? Bursian: „Ich gehe davon aus, dass das leider so sein wird.“ Ihm mache aber auch die Situation beispielsweise des Hellmich-Geschäftshauses am Wesertor Sorgen. „Dort hatten wir immer gehofft, dass noch was reinkommt und sich die Lage wieder ausgleicht.“ Aber inzwischen deute sich an, dass eine Folge der Pandemie eine noch stärkere Konzentration auf die 1-a-Lagen am Scharn und dem oberen Teil der Bäckerstraße sei. „Ich bin aber überzeugt, dass wir auf die Mindener Karte setzen müssen – darauf, dass wir eine sehr attraktive Innenstadt mit vielen historischen Gebäuden und einem sehr guten Einkaufserlebnis haben.“ Wie können die vier gemeinsam die Urbanität aufrecht erhalten, die Stadt lebendig erhalten? Ein verkaufsoffener Sonntag wäre beispielsweise eine gute Sache, sagt Sander, und darüber denken Werbegemeinschaft und Minden Marketing auch aktuell nach. Doch der ist nicht nur wegen der Pandemie schwierig, sondern auch wegen der Gesetzeslage. Geöffnet werden darf nur, wenn beispielsweise ein Stadtfest ist. Und das wird es nicht geben. Selbst eine Glühweinbude hinzustellen und davon ein Advents-Event zu machen und so einen Anlass zu haben, sei ja nicht möglich. „Das Thema Vielfalt in der Stadt ist ja nicht neu“, sagt Drabert, und die Werbegemeinschaft arbeite an Konzepten dazu. In dieser sind ja nicht nur Einzelhändler organisiert. Ziel müsse sein, Minden als Ganzes zu sehen, zu signalisieren, dass hier eine große Breite an Angeboten aller Art ist und die Stadt viel zu bieten hat. Niemeier berichtet von einem Gespräch, das der Handelsverband NRW angestoßen habe. Gemeinsam mit der Gastronomie sollen mittel- und langfristig Konzepte für die Revitalisierung der Innenstädte entwickelt werden. Zum Beispiel? Schon jetzt müsse darüber nachgedacht werden, wie beispielsweise Gastronomie wieder an zentrale Orte wie dem Marktplatz gebracht werden könnte, falls bestehende Betriebe nach der Krise nicht mehr da sein sollten. Daniela Drabert: „Wir müssen noch deutlicher sagen als vorher, dass Minden nicht tot ist. Wir haben eine attraktive Innenstadt und es lohnt sich, dahin zu gehen.“ Natürlich werde es der eine oder andere Betrieb wirtschaftlich nicht überleben. „Ziel ist es immer, nicht auf das Negative zu sehen, sondern selbstbewusst zu sagen: So vieles gibt es bei uns.“ Sander: Damit befasse sich aktuell auch das Stadtmarketing. „Was wollen die Menschen? Es geht ihnen in der Innenstadt doch nicht nur um Konsum, sondern um Lebensqualität. Wichtig sind Kommunikation, Selbstinszenierung, Erlebnisgemeinschaft und Identität. Das sind genau die Dinge, die Minden liefern kann.“

Wie sich die Mindener Innenstadt auf eine Welt nach Corona vorbereitet

Wie leergefegt: Die Mindener Innstadt im November 2020. MT-Foto: Alex Lehn © Alex Lehn

Minden. Corona, zweite Welle. Und die Innenstadt ist leer. Was bedeutet das – für die Zukunft Mindens, aber auch für die, die sich beruflich mit dem Herzen der Stadt beschäftigen? Werden sich langfristig die Rolle und die Bedeutung der Fußgängerzone ändern?

Im MT-Gespräch sind sich Daniela Drabert (Vorsitzende der Werbegemeinschaft und Hagemeyer-Geschäftsführerin) Bernd Niemeier (Hotel Lindgart, Präsident des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga NRW), Dr. Jörg-Friedrich Sander (Geschäftsführer der Minden Marketing Gesellschaft) und Lars Bursian (Städtischer Beigeordneter für Städtebau und Feuerschutz) in einem einig: Der Alltag wird nach Corona nicht mehr so sein wie vorher. Und darum suchen sie jetzt schon nach Lösungen für eine andere Zukunft.

Bernd Niemeier hat darauf gewartet, was am Montagabend nach der Bund-Länder-Runde aus Berlin vorgegeben wurde: „Viel ist dabei ja nicht herumgekommen. Wir erwarten jetzt am nächsten Mittwoch deutliche weitere Schritte.“ Ernsthaft rechne niemand aus seinem Bereich damit, dass am 1. Dezember Restaurants wieder öffnen dürfen. Denn auch dann werde die Inzidenzzahl deutschlandweit deutlich über 50 liegen. Bundeskanzlerin Angela Merkel habe klar gesagt, dass sie erst bei sehr viel besseren Zahlen als jetzt bereit sei, über Öffnungsschritte nachzudenken.

„Im Moment haben wir außerdem überhaupt keine Lust, im Dezember wieder aufzumachen“, sagt der Hotelier weiter. „Wir haben keine Buchungen mehr.“ Alle – Firmen wie Familien – hätten doch geplante Weihnachtsfeiern storniert. „Für Dezember ist unser gastronomisches Geschäft gelaufen.“ Und da auch nicht klar sei, ob über Weihnachten Familienbesuche möglich sind, sei gerade auch niemand motiviert, Hotelzimmer zu buchen.

Vor allem brauche die Gastronomie mindestens drei Wochen Vorlauf vor einer Wiederöffnung. Insgesamt gelassen ist Niemeier auch deshalb, weil die staatliche Unterstützung für Entspannung sorgt: „Die 75 Prozent, die wir mit der Novemberhilfe vom Staat bekommen, ist in Ordnung. Damit können wir leben.“ Und solange die Restaurants zu bleiben, haben sie Anspruch auf Unterstützung – wohl auch darum die Absage des Hotelfunktionärs an eine schnelle Wiederöffnung

Daniela Drabert ist deutschlandweit mit Modehäusern, Handelsverbänden und Industrie- und Handelskammern vernetzt. „Ziel ist ja vor allem, das familiäre Weihnachtsfest zu retten“, betont sie, und sagt, frühzeitige Lockerungen seien „nicht zielführend, wenn wir dann nach Silvester in den nächsten Shutdown gehen.“ Der stationäre Einzelhandel weise aber immer wieder darauf hin, dass eine Stadt nur im Zusammenspiel aller Teilbereiche funktioniere. „Es reicht nicht, wenn nur ein einziger Händler, nur ein Café oder nur eine Kultureinrichtung geöffnet hat.“ Das sehe man jetzt besonders deutlich: Die Frequenzen fehlten überall. „Ich hoffe, dadurch wird das Bewusstsein bei allen dafür geschärft, wie wichtig unsere Städte als Treffpunkt und Freizeitort sind.“

Was sich schon jetzt zeigt: Die Kunden wählen Zeiten, zu denen früher eher wenig los war. Viele verzichten auf den Innenstadt-Einkaufsbummel am Samstag. Auch an den Parkhauszahlen, könne man das ablesen, so Drabert. Aber im Voraus sei nicht planbar, welche Tage in der kommenden Woche jeweils stärkere und schwächere sein werden. Gegensteuern? „Das ist schwer.“ Hagemeyer versucht es mit dem Angebot, dass Kunden vorab Termine ausmachen, um dann persönlich beraten zu werden.

Kaufen die Kunden inzwischen anderes, weil sie beispielsweise weniger ins Büro gehen? „Uns fehlt vor allem das anlassbezogene Geschäft“, so Drabert: Niemand braucht Ball- und Cocktailkleider, und weil auch größere Jubilar- oder Hochzeitsfeiern ausfallen, werden ebenfalls weniger Anzüge gekauft. Aber obwohl Kleidung insgesamt etwas bequemer gewählt werde, kauften die Kunden jetzt nicht nur Jogginghosen. „Zum Glück.“

Wie gut haben die Kampagnen der lokalen Händler gewirkt, die in der ersten Welle intensiv für das Einkaufen vor Ort und nicht beim Internet-Großhändler warben? „Bedingt“, sagt Drabert. Gut seien diese gewesen um deutlich zu machen, was es alles tatsächlich hier vor Ort gibt. Doch die meisten Kunden würden dann doch den einfachsten Weg gehen und nicht für ein einzelnes Teil in die Stadt fahren. „Wir merken bei unseren Kunden: Es gibt gerade keine Anlässe zum Bummeln mehr. Ich kann mich nicht mit einer Freundin auf einen Kaffee treffen – damit fehlen übrigens auch Gelegenheiten, sich etwas schicker anzuziehen.“ Jetzt sei Unsicherheit zu spüren, und Kunden kämen nur, wenn sie wirklich Bedarf hätten. Aber wenn die heimische Bevölkerung nicht die Händler vor Ort unterstütze, „dann wird es uns irgendwann nicht mehr geben.“

Die Minden Marketing hat die fast unlösbare Aufgabe, gerade für eine weitgehend leere Innenstadt zu werben, in der nichts los ist. „Wir hätten gerne zur Unterstützung des Einzelhandels einen Weihnachtsmarkt gemacht und haben dafür viele Varianten und Konzepte erarbeitet. Aber das scheint ja nun nicht mehr möglich zu sein“, sagt Sander. Wenigstens die Weihnachtsbeleuchtung solle nun einen jahreszeitlichen Lichtimpuls setzen, so der Marketingexperte. Die Lichterketten werden in diesen Tagen bereits aufgehängt. Wer das alles am Ende finanziert, weiß Sander noch nicht. Auch sonst haben sich nicht alle Innenstadt-Geschäfte an den Kosten fürs Adventsleuchten beteiligt; in diesem Jahr könnten das wegen der überall finanziell angespannten Lage noch mehr werden.

Und weil die Minden Marketing ein breites digitales Konzept für Minden hat, denkt das Team um Sander im Moment über einen „virtuellen Weihnachtsmarkt“ nach – wie auch immer der aussehen könnte. Ein vor zwei Jahren erstelltes 360-Grad-Panorama könnte zumindest ein bisschen Eindruck von Weihnachtsstimmung in der Stadt schaffen. „Der Weihnachtsmarkt war das Lagerfeuer der Stadt. Da haben sich die Leute getroffen, das war Community, das war Gemeinschaft.“ Das wäre gerade in diesen Zeiten doch besonders wichtig. „Aber digital Weihnachtsflair herzustellen, das ist gar nicht so einfach.“

Auch Stadtentwicklung ist in diesen Zeiten schwierig: Merkt Bau-Beigeordneter Bursian, dass weniger Projektentwickler und Interessenten für einzelne Objekte und Projekte zu ihm kommen? „Definitiv. Gerade wissen alle nicht so richtig, wie es weiter geht.“ Gerade in Minden seien speziell die Tage vor Heiligabend doch immer besonders gewesen – „wo man mit allen zusammen auf dem Weihnachtsmarkt steht, einen Glühwein trinkt und die Innenstadt als urbanen Ort wahr nimmt, wo alle unterwegs sind. Und da will man genau das, was man im Moment nicht tun soll: Menschen treffen, Begegnungen haben mit Leuten, die man schon lange nicht gesehen hat.“

Große Sorge mache auch der in der Corona-Krise ständig wachsende Internethandel. „Da passieren gerade Dinge, die nicht mehr hundertprozentig zurückzudrehen sind.“ Corona sei dafür ein Beschleuniger. Und darum habe die Stadt ja auch beschlossen, jetzt und nicht später über ein neues Einzelhandelskonzept zu diskutieren, um eine feste Grundlage für weitere Planungen zu haben.

Und auch über Strukturen insgesamt müsse nachgedacht werden. Kurz vor dem Lockdown light habe es im Wirtschaftsministerium einen Termin zum Thema Unterstützung für Innenstädte gegeben. „Ich glaube, dass die Menschen jetzt schon merken, was fehlt, weil keine Orte der Begegnung mehr da sind.“ Zum Gegensteuern sei Geld nötig – und zwar auch für „andere Dinge als Bauen“. Heißt konkret? „Ich glaube wir müssen diskutieren, was in bestimmten Lagen in den Innenstädten so alles auch da sein könnte – das beziehe ich jetzt gar nicht nur auf Minden – und ob das immer nur der klassische Einzelhandel sein muss.“ Was ginge noch? Wohnen, Arbeiten, Kultur zum Beispiel.

Verursacht Corona mehr Leerstände in der Stadt? Bursian: „Ich gehe davon aus, dass das leider so sein wird.“ Ihm mache aber auch die Situation beispielsweise des Hellmich-Geschäftshauses am Wesertor Sorgen. „Dort hatten wir immer gehofft, dass noch was reinkommt und sich die Lage wieder ausgleicht.“ Aber inzwischen deute sich an, dass eine Folge der Pandemie eine noch stärkere Konzentration auf die 1-a-Lagen am Scharn und dem oberen Teil der Bäckerstraße sei. „Ich bin aber überzeugt, dass wir auf die Mindener Karte setzen müssen – darauf, dass wir eine sehr attraktive Innenstadt mit vielen historischen Gebäuden und einem sehr guten Einkaufserlebnis haben.“

Wie können die vier gemeinsam die Urbanität aufrecht erhalten, die Stadt lebendig erhalten? Ein verkaufsoffener Sonntag wäre beispielsweise eine gute Sache, sagt Sander, und darüber denken Werbegemeinschaft und Minden Marketing auch aktuell nach. Doch der ist nicht nur wegen der Pandemie schwierig, sondern auch wegen der Gesetzeslage. Geöffnet werden darf nur, wenn beispielsweise ein Stadtfest ist. Und das wird es nicht geben. Selbst eine Glühweinbude hinzustellen und davon ein Advents-Event zu machen und so einen Anlass zu haben, sei ja nicht möglich.

„Das Thema Vielfalt in der Stadt ist ja nicht neu“, sagt Drabert, und die Werbegemeinschaft arbeite an Konzepten dazu. In dieser sind ja nicht nur Einzelhändler organisiert. Ziel müsse sein, Minden als Ganzes zu sehen, zu signalisieren, dass hier eine große Breite an Angeboten aller Art ist und die Stadt viel zu bieten hat.

Niemeier berichtet von einem Gespräch, das der Handelsverband NRW angestoßen habe. Gemeinsam mit der Gastronomie sollen mittel- und langfristig Konzepte für die Revitalisierung der Innenstädte entwickelt werden. Zum Beispiel? Schon jetzt müsse darüber nachgedacht werden, wie beispielsweise Gastronomie wieder an zentrale Orte wie dem Marktplatz gebracht werden könnte, falls bestehende Betriebe nach der Krise nicht mehr da sein sollten. Daniela Drabert: „Wir müssen noch deutlicher sagen als vorher, dass Minden nicht tot ist. Wir haben eine attraktive Innenstadt und es lohnt sich, dahin zu gehen.“ Natürlich werde es der eine oder andere Betrieb wirtschaftlich nicht überleben. „Ziel ist es immer, nicht auf das Negative zu sehen, sondern selbstbewusst zu sagen: So vieles gibt es bei uns.“

Sander: Damit befasse sich aktuell auch das Stadtmarketing. „Was wollen die Menschen? Es geht ihnen in der Innenstadt doch nicht nur um Konsum, sondern um Lebensqualität. Wichtig sind Kommunikation, Selbstinszenierung, Erlebnisgemeinschaft und Identität. Das sind genau die Dinge, die Minden liefern kann.“

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