Widerstand gegen Verkäufe aus Archiven Geschichtsinteressierte warnen mit Onlinepetition vor Änderung im Entwurf für neues NRW-Archivgesetz Jürgen Langenkämper Minden (mt). Es regt sich Widerstand im Land, Widerstand gegen den Ausverkauf des historischen Gedächtnisses. Mit einer Online-Petition warnen historisch Interessierte vor dem drohenden Verkauf von kommunalem Archivgut in NRW – und einer der Hotspots ist Minden. Nirgendwo gibt es so viele Unterzeichner wie an der Weser: Mehr als drei Dutzend in Minden und über ein Dutzend in Petershagen weist die Internetseite openpetition.de aus. Was die Alarmglocken aller, die sich um historisches Bewusstsein Sorgen machen, schrillen lässt, ist die derzeit laufenden „Überprüfung des Archivgesetzes NRW auf dessen Praxistauglichkeit“. Könnte sich gut anhören, ist aber brandgefährlich. „Passiert nichts, tritt das gültige Archivgesetz von 2010 am 30. September 2014 außer Kraft“, sagt Vinzenz Lübben, Leiter des Kommunalarchivs Minden.Tatsächlich gäbe es einige Punkte zu überarbeiten. Doch dabei sind die Vertreter der kommunalen Ebene – Landkreistag, Städte- und Gemeindebund sowie Städtetag – nicht auf einen Nenner gekommen. „Sie haben sich nicht zusammengetan“, bedauert Dr. Monika Schulte.Im aktuell vorliegenden Entwurf gelte die Unveräußerlichkeit für Archivgut bei Kommunen nur für Verwaltungsunterlagen – deren Verwahrung ist auch der Hauptzweck von Stadtarchiven und Kreisarchiven in Nordrhein-Westfalen. Für die Nachwelt und für die historische Forschung sind aber auch noch ganz andere Quellengattungen von Interesse. „Wir verwahren historische auch historische Zeitungen“, führt Lübben ein Beispiel an. Davon können Bürger gegen eine Gebühr Kopien anfertigen lassen, zum Beispiel bei Geburtstagen und Jubiläen. Stehen bald Originale zum Verkauf für besonders zahlungskräftige Kunden?Dass in Minden und fast überall Archivare wenig Lust verspüren, Archivgut zu versilbern, darf außer Frage stehen. Aber genau einen solchen Fall hat es in der Archivlandschaft schon gegeben. Die Stadt Stralsund verkaufte vor zwei Jahren fast 6000 Bände ihrer historischen Gymnasialbibliothek an einen Antiquar – um den größten Teil später unter dem Druck der Öffentlichkeit wieder zurückzukaufen.Auch das Kommunalarchiv in der Tonhallenstraße in Minden birgt einen ähnlichen Schatz: die Gymnasialbibliothek mit 10 000 Bänden, deren älteste Bücher aus dem 16. Jahrhundert stammen. Hinzu kommen 40 000 andere Bücher zur Stadt- und Regionalgeschichte.„Der Bürger muss sich darauf verlassen können“Darüber hinaus weisen Schulte und Lübben auf die Sammlung von Leichenpredigten und auf Nachlässe und Deposita aus Privatbesitz hin – zum Teil mit Eigentumsvorbehalt. „Der Bürger muss sich darauf verlassen können, dass Dinge, die er dem Archiv anvertraut, der Öffentlichkeit auch erhalten bleiben“, sagt Schulte. „Das würde sonst dazu führen, dass uns keiner mehr etwas gibt“, warnt Lübben. Dann bliebe nur noch der Weg, „Mindensien“ – und handele es sich dabei „lediglich“ um alte Fotos und Postkarten – für teures Geld bei Ebay oder anderen Auktionen zu kaufen, wenn sie denn mal für einen kurzen Moment in der Öffentlichkeit auftauchten.Weitere Informationen im Internet unter: openpetition.de/petition/online/kein-verkauf-von-kommunalem-archivgut-in-nrw

Widerstand gegen Verkäufe aus Archiven

Echtes Schätzchen: Archivleiter Vinzenz Lübben nimmt einen der 10 000 Bände der Mindener Gymnasialbibliothek aus dem Regal. © MT-Foto: Langenkämper

Minden (mt). Es regt sich Widerstand im Land, Widerstand gegen den Ausverkauf des historischen Gedächtnisses. Mit einer Online-Petition warnen historisch Interessierte vor dem drohenden Verkauf von kommunalem Archivgut in NRW – und einer der Hotspots ist Minden.

Nirgendwo gibt es so viele Unterzeichner wie an der Weser: Mehr als drei Dutzend in Minden und über ein Dutzend in Petershagen weist die Internetseite openpetition.de aus. Was die Alarmglocken aller, die sich um historisches Bewusstsein Sorgen machen, schrillen lässt, ist die derzeit laufenden „Überprüfung des Archivgesetzes NRW auf dessen Praxistauglichkeit“. Könnte sich gut anhören, ist aber brandgefährlich. „Passiert nichts, tritt das gültige Archivgesetz von 2010 am 30. September 2014 außer Kraft“, sagt Vinzenz Lübben, Leiter des Kommunalarchivs Minden.

Tatsächlich gäbe es einige Punkte zu überarbeiten. Doch dabei sind die Vertreter der kommunalen Ebene – Landkreistag, Städte- und Gemeindebund sowie Städtetag – nicht auf einen Nenner gekommen. „Sie haben sich nicht zusammengetan“, bedauert Dr. Monika Schulte.

Im aktuell vorliegenden Entwurf gelte die Unveräußerlichkeit für Archivgut bei Kommunen nur für Verwaltungsunterlagen – deren Verwahrung ist auch der Hauptzweck von Stadtarchiven und Kreisarchiven in Nordrhein-Westfalen. Für die Nachwelt und für die historische Forschung sind aber auch noch ganz andere Quellengattungen von Interesse. „Wir verwahren historische auch historische Zeitungen“, führt Lübben ein Beispiel an. Davon können Bürger gegen eine Gebühr Kopien anfertigen lassen, zum Beispiel bei Geburtstagen und Jubiläen. Stehen bald Originale zum Verkauf für besonders zahlungskräftige Kunden?

Dass in Minden und fast überall Archivare wenig Lust verspüren, Archivgut zu versilbern, darf außer Frage stehen. Aber genau einen solchen Fall hat es in der Archivlandschaft schon gegeben. Die Stadt Stralsund verkaufte vor zwei Jahren fast 6000 Bände ihrer historischen Gymnasialbibliothek an einen Antiquar – um den größten Teil später unter dem Druck der Öffentlichkeit wieder zurückzukaufen.

Auch das Kommunalarchiv in der Tonhallenstraße in Minden birgt einen ähnlichen Schatz: die Gymnasialbibliothek mit 10 000 Bänden, deren älteste Bücher aus dem 16. Jahrhundert stammen. Hinzu kommen 40 000 andere Bücher zur Stadt- und Regionalgeschichte.

„Der Bürger muss sich darauf verlassen können“

Darüber hinaus weisen Schulte und Lübben auf die Sammlung von Leichenpredigten und auf Nachlässe und Deposita aus Privatbesitz hin – zum Teil mit Eigentumsvorbehalt. „Der Bürger muss sich darauf verlassen können, dass Dinge, die er dem Archiv anvertraut, der Öffentlichkeit auch erhalten bleiben“, sagt Schulte. „Das würde sonst dazu führen, dass uns keiner mehr etwas gibt“, warnt Lübben. Dann bliebe nur noch der Weg, „Mindensien“ – und handele es sich dabei „lediglich“ um alte Fotos und Postkarten – für teures Geld bei Ebay oder anderen Auktionen zu kaufen, wenn sie denn mal für einen kurzen Moment in der Öffentlichkeit auftauchten.

Weitere Informationen im Internet unter: openpetition.de/petition/online/kein-verkauf-von-kommunalem-archivgut-in-nrw

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