Wer schreibt, der bleibt: Diese Inschriften auf alten Mindener Häusern haben eine Menge zu erzählen Stefan Koch Minden. Als Karsten Geier und Melanie Eliseit das alte Fachwerkhaus an der Videbullenstraße 1 kauften, war von vorherein für sie klar, dass es dort viel zu tun gibt. Das unter Denkmalschutz stehende Gebäude mit dem grünen Tor hatte jahrelang leer gestanden und wurde zuletzt vom Mindener Museum als Lagerraum genutzt. Da fiel der Blick zunächst auf instabiles Gebälk, Wasserschäden, fehlende Sanitäranlagen und vieles mehr. Nur unscheinbar wirkten in einer Rumpelkammer im ersten Obergeschoss mehrere hingekritzelte Namen – versehen mit Jahreszahlen, die in das 19. Jahrhundert zurück gingen. Geier: „Ich wollte wissen, wer diese Schriften hinterlassen hatte.“ Baugeschichtliche Hinweise zu dem Haus Videbullenstraße 1 gibt es seit Mitte des 17. Jahrhunderts. Möglicherweise diente es als Lagerhaus. Wie in der Reihe „Bau- und Kunstdenkmäler von Westfalen“ beschrieben, wurde das Haus später als Wirtschaftsgebäude genutzt. 1906 erfolge der Anschluss an die Kanalisation der Stadt Minden und 1937 kam es zum Einbau einer Wohnung, wobei Teile der Innenwände erneuert wurden. 1970 hatte die Stadt Minden das Haus erworben. Und in der ganzen Zeit waren die mit Bleistift geschriebenen Namen erhalten geblieben. Es handelte sich um einen „August Haase“ mit Jahreszahl „1893“, um „Wilhelm Haase 1895“, „August Scharnhorst“, „W. Nordmann 1893“ sowie „Wilh. Barkhaus 1899“. „Warum diese Menschen ihre Namen dort hinterlassen haben, dürfte – wenn überhaupt – schwierig zu erklären sein“, teilte Monika Schulte, die langjährige Leiterin des Kommunalarchivs, mit. Bei ihr hatte sich vor vier Jahren Karsten Geier erkundigt und sie fand Hinweise. In einer Volkszählungsliste von 1890 stand zu August Haase, dass er als Knecht gearbeitet hatte und 1867 in Osterwald (Kreis Neustadt am Rübenberge) mit evangelischer Konfession geboren worden war. Wilhelm Nordmann wurde am 14. Juli 1890 in Minden geboren und lebte in der Brüderhofstraße 4. Er war Katholik und Sohn eines Schieferdeckergesellen. Im Adressbuch der Stadt Minden für 1900 fand Schulte dann noch den Namen „Wilhelmine Backhaus“ zur Videbullenstraße 1. Auch ein anderes Haus in der Videbullenstraße weist einen schriftlichen Hinweis auf einen längst verstorbenen Bewohner auf. Ein Mindener hatte die Nummer 17 im Jahr 2015 erworben, um das Gebäude vor dem endgültigen Verfall zu bewahren. Das Dielenhaus aus dem 16./17. Jahrhundert hat eine wechselvolle Baugeschichte. Schon 1783 musste es aufgrund großer Bauschäden saniert werden. Im Jahr 1825 erweiterte dann ein Maurermeister als neuer Eigentümer das Haus im rückwärtigen Bereich derart aufwendig, dass er sein Projekt als Neubau betrachtete. Das verewigte er dann über der rückwärtigen Tür mit der in Stein gemeißelten Inschrift „Erbaut von C. Bernhardt M“. Wer Interesse hat, kann das Haus übriges kaufen. Der Eigentümer hat es auf der Internetseite „Verkäufliche Baudenkmäler in Westfalen-Lippe“ des Landschaftsverbandes eingestellt. Dort befinden sich etliche Oldtimer aus Holz und Stein, deren Preise zwar niedrig, die Sanierungskosten aber immens sind. Der Mindener meint nach einer Begutachtung, dass mindestens 600.000 Euro notwendig seien, um das alte Schätzchen aus der Videbullenstraße wieder bewohnbar zu machen. Eine besondere Bedeutung haben alte Inschriften auf den Torbögen alter Bauernhäuser. Sie enthalten die Namen der Erbauer und des beteiligten Zimmermanns, das Datum der Fertigstellung, einen Segensspruch und mitunter einen Hinweis auf historische Ereignisse. In Hahlen hat auf diese Weise die Schlacht bei Minden vom 1. August 1759 einen bleibenden Eindruck hinterlassen, wie der dortige Ortsheimatpfleger Eberhard Brandhorst feststellt. Ein Haus enthalte den Hinweis, dass der Feind – gemeint ist die französische Armee – beim Rückzug 38 Gebäude niedergebrannt hatte. „Es gibt heute noch vier Inschriften in Hahlen, die sich auf die Schlacht beziehen“, weiß Brandhorst. Die Hinweise aus früheren Jahrhunderten beschäftigen den Ortsheimatpfleger vor allem dann, wenn neue Eigentümer ein altes Haus beziehen und sich darin einrichten wollen. So hatte ein Ehepaar in Hahlen damit begonnen, ein altes Gebäude zu renovieren und im Inneren Inschriften aus andren, längst abgerissenen Häusern entdeckt, die der Großvater zusammengetragen hatte. Auch weiterhin sollten die Balken zum Haus gehören und kamen im Wohnbereich unter. „In einem anderen kleinen Haus hat ein Käufer ebenfalls Inschriften im Inneren der Diele rechts oben und auf der linken Seite gefunden, die zu unterschiedlichen Zeiten entstanden waren“, sagt Brandhorst. „Da wird man dann als Ortsheimatpfleger zur Begutachtung hinzu gezogen.“ Bei der Zuordnung der Daten auf den alten Holzbalken bedient sich der Ortsheimatpfleger alter Kirchenbücher oder Katasterunterlagen. „Diese Hinweise gehen bis ins 17.Jahrhundert zurück.“ Meist gingen die Hausinschriften in den Torbögen mit Verzierungen wie Herzen oder Blumen einher, für deren Interpretation dann die Volkskunde zuständig sei, sagt der Historiker. Bei derartigen Fragen ist Jürgen Sturma kompetent. Er hat sich als wissenschaftlicher Koordinator und Autor zahlreicher volkskundlicher und regionalhistorischer Beträge unter anderem auch dieser Aufgabe verschrieben. Sturma ist Ortsheimatpfleger in Leteln. „Repräsentative Elemente in der volkskundlichen Landschaft am Haus sind aber nicht nur Inschriften, sondern auch Möbel, Gärten, die Tracht, ja sogar der Misthaufen“, meint er. Letzter war früher vor allem deshalb von Bedeutung, weil er ein Anzeichen für die wirtschaftlichen Leistungskraft des Hofes gewesen sei. Die Inschrift verrate viel über das Objekt selbst, was nicht immer offensichtlich sei, meint der Ortsheimatpfleger. „Wenn man nämlich das Haus in einen Kontext setzt, wirft das einen tieferen Blick auf den Hof und seine Stellung in der bäuerlichen Hierarchie.“ Interessant sei auch, dass Häuser aus unterschiedlichen Gründen demontiert und an anderer Stelle wieder aufgebaut wurden. Wie Sturma feststellte, gibt es bei der Ausführung der Inschriften im Mindener Land lokale Unterschiede. „Im Kirchspiel Hartum sind rechts und links vom Torbogen unter den Hausinschriften große Lebensbäume zu sehen und häufig ist die Schrift erhaben.“ In Leteln, das früher zum Kirchspiel Frille gehört habe, seien die Buchstaben dagegen ins Holz eingeschnitten worden. In Hille herrschten wiederum Fabelwesen als begleitende Figuren auf den Torbögen am Haus vor. Die Unterschiede in der Gestaltung der Torbögen und der Schrift lassen sich durch den Wirkungskreis der beteiligten Handwerker erklären. Manche von ihnen haben sich durch die Verewigung ihrer Namen auf den Balken über Jahrhunderte im Gedächtnis bewahrt, wie Friedrich-Wilhelm Scheidemann, ein Zimmerermeister aus Stemmer, der seit der Mitte des 19. Jahrhunderts an mehreren Fassaden präsent ist. Ein anderer ist Christian Niemann aus Friedewalde, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts tätig war. Wenn es um spannende Bezüge der Inschriften zur Ortsgeschichte geht, muss sich Sturma nicht weit umsehen. Gleich in seiner Nachbarschaft an der Straße Im Gang in Leteln weisen die Buchstaben auf eine Katastrophe hin: „So hab ich nicht gebaut aus Wollust oder Pracht, die Feuersbrunst hat mich dazu gebracht“, lauten die Zeilen an einem Haus, zu deren Interpretation ein Blick in das „Minden-Lübbecker Kreisblatt“ genügt, wie damals noch das Mindener Tageblatt hieß. Die Zeitung berichtete im Jahr 1894, wie in der Nacht vom 27. auf den 28. Januar in Leteln ein Brand in einer Scheue ausgebrochen war und sich rasch auf die umliegenden Bauernhäuser ausbreitete. Pioniere unterstützten die Einsatzkräfte der Feuerwehr, die wegen Wassermangels Schwierigkeiten bei der Brandbekämpfung hatten. Ein Mann im Alter von 38 Jahren kam ums Leben, als er seine Habseligkeiten retten wollte und das brennende Gebälk über ihm einstürzte. Insgesamt vier Häuser seien damals zerstört worden, berichtet der Ortsvorsteher. Nicht nur das Bauernhaus mit dem Unglückshinweis seiner Nachbarn, sondern auch das, in dem er lebt, war ein Neubau auf der Brandstelle. Auch Sturmas Großvater hatte sich im vergangenen Jahrhundert auf die Geschichte bezogen, als er in Friedewalde seine Scheune umbaute und auf einen Balken schreiben ließ: „Umgebaut nach der Revolutionszeit Chr. Kanning u. Sophie Kanning Süd. errichtet d. 29. Sept. 1921.“ Sturma meint, dass der Großvater kaisertreu gewesen sei und damit sein Missfallen an der politischen Entwicklung nach dem Ersten Weltkrieg zum Ausdruck gebracht habe. Nicht alle Inschriften haben sich bis in die Gegenwart gut erhalten. „Wenn sie an der Ost- oder Nordseite angebracht waren, gab es mit der Verwitterung wenig Probleme“, sagt der Ortsheimatpfleger. Hauseingänge auf der Südseite seien dagegen stark dem Sonnenlicht ausgesetzt, während von Westen her Wind und Regen auf die Fassade eingewirkt hätten. Hauseigentümer lassen deshalb verblasste Buchstaben durch den Maler vor Ort erneuern oder legen selbst Hand an. Das MT berichtete am 28. Juli sogar darüber, dass eine Holzbildhauerin aus Flensburg eine Giebel-Inschrift von 1890 in Friedewalde nachgearbeitet hatte. 400 Buchstaben musste sie erneuern.

Wer schreibt, der bleibt: Diese Inschriften auf alten Mindener Häusern haben eine Menge zu erzählen

Jürgen Sturma ist Ortsheimatpfleger in Leteln. Nicht nur an seinem Haus, sondern auch in der Nachbarschaft befinden sich Inschriften, die viel zu erzählen haben. Für ihn sind sie wichtige Hinweise zur Geschichte des Dorfes. MT-Foto: Stefan Koch © Stefan Koch

Minden. Als Karsten Geier und Melanie Eliseit das alte Fachwerkhaus an der Videbullenstraße 1 kauften, war von vorherein für sie klar, dass es dort viel zu tun gibt. Das unter Denkmalschutz stehende Gebäude mit dem grünen Tor hatte jahrelang leer gestanden und wurde zuletzt vom Mindener Museum als Lagerraum genutzt. Da fiel der Blick zunächst auf instabiles Gebälk, Wasserschäden, fehlende Sanitäranlagen und vieles mehr. Nur unscheinbar wirkten in einer Rumpelkammer im ersten Obergeschoss mehrere hingekritzelte Namen – versehen mit Jahreszahlen, die in das 19. Jahrhundert zurück gingen. Geier: „Ich wollte wissen, wer diese Schriften hinterlassen hatte.“

Baugeschichtliche Hinweise zu dem Haus Videbullenstraße 1 gibt es seit Mitte des 17. Jahrhunderts. Möglicherweise diente es als Lagerhaus. Wie in der Reihe „Bau- und Kunstdenkmäler von Westfalen“ beschrieben, wurde das Haus später als Wirtschaftsgebäude genutzt. 1906 erfolge der Anschluss an die Kanalisation der Stadt Minden und 1937 kam es zum Einbau einer Wohnung, wobei Teile der Innenwände erneuert wurden. 1970 hatte die Stadt Minden das Haus erworben. Und in der ganzen Zeit waren die mit Bleistift geschriebenen Namen erhalten geblieben. Es handelte sich um einen „August Haase“ mit Jahreszahl „1893“, um „Wilhelm Haase 1895“, „August Scharnhorst“, „W. Nordmann 1893“ sowie „Wilh. Barkhaus 1899“.

„Warum diese Menschen ihre Namen dort hinterlassen haben, dürfte – wenn überhaupt – schwierig zu erklären sein“, teilte Monika Schulte, die langjährige Leiterin des Kommunalarchivs, mit. Bei ihr hatte sich vor vier Jahren Karsten Geier erkundigt und sie fand Hinweise. In einer Volkszählungsliste von 1890 stand zu August Haase, dass er als Knecht gearbeitet hatte und 1867 in Osterwald (Kreis Neustadt am Rübenberge) mit evangelischer Konfession geboren worden war. Wilhelm Nordmann wurde am 14. Juli 1890 in Minden geboren und lebte in der Brüderhofstraße 4. Er war Katholik und Sohn eines Schieferdeckergesellen. Im Adressbuch der Stadt Minden für 1900 fand Schulte dann noch den Namen „Wilhelmine Backhaus“ zur Videbullenstraße 1.


Auch ein anderes Haus in der Videbullenstraße weist einen schriftlichen Hinweis auf einen längst verstorbenen Bewohner auf. Ein Mindener hatte die Nummer 17 im Jahr 2015 erworben, um das Gebäude vor dem endgültigen Verfall zu bewahren. Das Dielenhaus aus dem 16./17. Jahrhundert hat eine wechselvolle Baugeschichte. Schon 1783 musste es aufgrund großer Bauschäden saniert werden. Im Jahr 1825 erweiterte dann ein Maurermeister als neuer Eigentümer das Haus im rückwärtigen Bereich derart aufwendig, dass er sein Projekt als Neubau betrachtete. Das verewigte er dann über der rückwärtigen Tür mit der in Stein gemeißelten Inschrift „Erbaut von C. Bernhardt M“.

Die Namen im Haus Videbullenstraße 1 wurden nach der Sanierung überstrichen. Foto (privat): Karsten Geier - © privat
Die Namen im Haus Videbullenstraße 1 wurden nach der Sanierung überstrichen. Foto (privat): Karsten Geier - © privat

Wer Interesse hat, kann das Haus übriges kaufen. Der Eigentümer hat es auf der Internetseite „Verkäufliche Baudenkmäler in Westfalen-Lippe“ des Landschaftsverbandes eingestellt. Dort befinden sich etliche Oldtimer aus Holz und Stein, deren Preise zwar niedrig, die Sanierungskosten aber immens sind. Der Mindener meint nach einer Begutachtung, dass mindestens 600.000 Euro notwendig seien, um das alte Schätzchen aus der Videbullenstraße wieder bewohnbar zu machen.

Der ehemalige Hof Stemmer Nummer 7 wurde einst reichhaltig verziert. Mittlerweile ist er abgerissen. Foto (privat): Jürgen Sturma - © Jürgen Sturma
Der ehemalige Hof Stemmer Nummer 7 wurde einst reichhaltig verziert. Mittlerweile ist er abgerissen. Foto (privat): Jürgen Sturma - © Jürgen Sturma

Eine besondere Bedeutung haben alte Inschriften auf den Torbögen alter Bauernhäuser. Sie enthalten die Namen der Erbauer und des beteiligten Zimmermanns, das Datum der Fertigstellung, einen Segensspruch und mitunter einen Hinweis auf historische Ereignisse. In Hahlen hat auf diese Weise die Schlacht bei Minden vom 1. August 1759 einen bleibenden Eindruck hinterlassen, wie der dortige Ortsheimatpfleger Eberhard Brandhorst feststellt. Ein Haus enthalte den Hinweis, dass der Feind – gemeint ist die französische Armee – beim Rückzug 38 Gebäude niedergebrannt hatte. „Es gibt heute noch vier Inschriften in Hahlen, die sich auf die Schlacht beziehen“, weiß Brandhorst.

Die Hinweise aus früheren Jahrhunderten beschäftigen den Ortsheimatpfleger vor allem dann, wenn neue Eigentümer ein altes Haus beziehen und sich darin einrichten wollen. So hatte ein Ehepaar in Hahlen damit begonnen, ein altes Gebäude zu renovieren und im Inneren Inschriften aus andren, längst abgerissenen Häusern entdeckt, die der Großvater zusammengetragen hatte. Auch weiterhin sollten die Balken zum Haus gehören und kamen im Wohnbereich unter.

„In einem anderen kleinen Haus hat ein Käufer ebenfalls Inschriften im Inneren der Diele rechts oben und auf der linken Seite gefunden, die zu unterschiedlichen Zeiten entstanden waren“, sagt Brandhorst. „Da wird man dann als Ortsheimatpfleger zur Begutachtung hinzu gezogen.“

Bei der Zuordnung der Daten auf den alten Holzbalken bedient sich der Ortsheimatpfleger alter Kirchenbücher oder Katasterunterlagen. „Diese Hinweise gehen bis ins 17.Jahrhundert zurück.“ Meist gingen die Hausinschriften in den Torbögen mit Verzierungen wie Herzen oder Blumen einher, für deren Interpretation dann die Volkskunde zuständig sei, sagt der Historiker.

Bei derartigen Fragen ist Jürgen Sturma kompetent. Er hat sich als wissenschaftlicher Koordinator und Autor zahlreicher volkskundlicher und regionalhistorischer Beträge unter anderem auch dieser Aufgabe verschrieben. Sturma ist Ortsheimatpfleger in Leteln. „Repräsentative Elemente in der volkskundlichen Landschaft am Haus sind aber nicht nur Inschriften, sondern auch Möbel, Gärten, die Tracht, ja sogar der Misthaufen“, meint er. Letzter war früher vor allem deshalb von Bedeutung, weil er ein Anzeichen für die wirtschaftlichen Leistungskraft des Hofes gewesen sei.

Die Inschrift verrate viel über das Objekt selbst, was nicht immer offensichtlich sei, meint der Ortsheimatpfleger. „Wenn man nämlich das Haus in einen Kontext setzt, wirft das einen tieferen Blick auf den Hof und seine Stellung in der bäuerlichen Hierarchie.“ Interessant sei auch, dass Häuser aus unterschiedlichen Gründen demontiert und an anderer Stelle wieder aufgebaut wurden.

Wie Sturma feststellte, gibt es bei der Ausführung der Inschriften im Mindener Land lokale Unterschiede. „Im Kirchspiel Hartum sind rechts und links vom Torbogen unter den Hausinschriften große Lebensbäume zu sehen und häufig ist die Schrift erhaben.“ In Leteln, das früher zum Kirchspiel Frille gehört habe, seien die Buchstaben dagegen ins Holz eingeschnitten worden. In Hille herrschten wiederum Fabelwesen als begleitende Figuren auf den Torbögen am Haus vor.

Die Unterschiede in der Gestaltung der Torbögen und der Schrift lassen sich durch den Wirkungskreis der beteiligten Handwerker erklären. Manche von ihnen haben sich durch die Verewigung ihrer Namen auf den Balken über Jahrhunderte im Gedächtnis bewahrt, wie Friedrich-Wilhelm Scheidemann, ein Zimmerermeister aus Stemmer, der seit der Mitte des 19. Jahrhunderts an mehreren Fassaden präsent ist. Ein anderer ist Christian Niemann aus Friedewalde, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts tätig war.

Wenn es um spannende Bezüge der Inschriften zur Ortsgeschichte geht, muss sich Sturma nicht weit umsehen. Gleich in seiner Nachbarschaft an der Straße Im Gang in Leteln weisen die Buchstaben auf eine Katastrophe hin: „So hab ich nicht gebaut aus Wollust oder Pracht, die Feuersbrunst hat mich dazu gebracht“, lauten die Zeilen an einem Haus, zu deren Interpretation ein Blick in das „Minden-Lübbecker Kreisblatt“ genügt, wie damals noch das Mindener Tageblatt hieß. Die Zeitung berichtete im Jahr 1894, wie in der Nacht vom 27. auf den 28. Januar in Leteln ein Brand in einer Scheue ausgebrochen war und sich rasch auf die umliegenden Bauernhäuser ausbreitete. Pioniere unterstützten die Einsatzkräfte der Feuerwehr, die wegen Wassermangels Schwierigkeiten bei der Brandbekämpfung hatten. Ein Mann im Alter von 38 Jahren kam ums Leben, als er seine Habseligkeiten retten wollte und das brennende Gebälk über ihm einstürzte. Insgesamt vier Häuser seien damals zerstört worden, berichtet der Ortsvorsteher. Nicht nur das Bauernhaus mit dem Unglückshinweis seiner Nachbarn, sondern auch das, in dem er lebt, war ein Neubau auf der Brandstelle.

Auch Sturmas Großvater hatte sich im vergangenen Jahrhundert auf die Geschichte bezogen, als er in Friedewalde seine Scheune umbaute und auf einen Balken schreiben ließ: „Umgebaut nach der Revolutionszeit Chr. Kanning u. Sophie Kanning Süd. errichtet d. 29. Sept. 1921.“ Sturma meint, dass der Großvater kaisertreu gewesen sei und damit sein Missfallen an der politischen Entwicklung nach dem Ersten Weltkrieg zum Ausdruck gebracht habe.

Nicht alle Inschriften haben sich bis in die Gegenwart gut erhalten. „Wenn sie an der Ost- oder Nordseite angebracht waren, gab es mit der Verwitterung wenig Probleme“, sagt der Ortsheimatpfleger. Hauseingänge auf der Südseite seien dagegen stark dem Sonnenlicht ausgesetzt, während von Westen her Wind und Regen auf die Fassade eingewirkt hätten. Hauseigentümer lassen deshalb verblasste Buchstaben durch den Maler vor Ort erneuern oder legen selbst Hand an. Das MT berichtete am 28. Juli sogar darüber, dass eine Holzbildhauerin aus Flensburg eine Giebel-Inschrift von 1890 in Friedewalde nachgearbeitet hatte. 400 Buchstaben musste sie erneuern.

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