Weißt du noch? - Matthias Kalle, stellvertretender Chefredakteur des Zeitmagazins, über seine Jugend in Minden Ilja Regier Minden (mt). „Wir sind nämlich nicht so verschieden, wie wir glauben“, behauptet Matthias Kalle. In 87 prägnanten Kapiteln schafft der Journalist einen Rahmen, der für ein kollektives Erinnern sorgen kann - oder einfach nur für Nostalgie. Der Mindener geht auf seine liebsten Songs und die Idole ein. Immer wieder steht das problematische Erwachsenwerden im Mittelpunkt, das wiederum für ganz neue Erfahrungen wie den ersten Kuss oder die erste Kippe steht.Der Walkman oder das Tamagotchi, Geräte, die heute wie Dinosaurier wirken, haben ihn beeinflusst. Genauso prägte ihn die Literatur. Aus den Werken von Hermann Hesse oder F. Scott Fitzgerald zog er Schlüsse fürs Leben. All diese Mosaiksteine hat er zu einem Buch gefasst. „Als wir für immer jung waren - Die prägenden Erinnerungen unserer Jugend“ erscheint am Donnerstag, 23. März, im S. Fischer-Verlag. Am Erscheinungstag liest Matthias Kalle um 18 Uhr im Besselgymnasium aus seinem Sachbuch - dort, wo er vor über zwanzig Jahren sein Abitur gemacht hat. Der Eintritt ist kostenlos. Jüngst haben Mr. President und Snap!, stellvertretend für die Musik und Kultur der 90er, viele Menschen in die Kampa-Halle gezogen. Warum werden solche Partys besucht, und warum haben Sie ein Buch über die Jugend in den 80er und 90er Jahren geschrieben?Zu diesen Partys gehen die Leute aus rein nostalgischen Gründen. Sie wollen sich wieder wie 17 fühlen, weil diese Zeit im Rückblick einfacher oder behüteter erscheint, nicht ganz so kompliziert und verwirrend wie die Gegenwart. Das war aber nicht der Grundgedanke, der am Anfang meines Buches stand. Ich glaube, dass mein Jahrgang und die Jahrgänge davor und danach gar nicht so verschieden sind, wie wir immer hoffen. Die Erinnerungen, die wir teilen, ähneln sich am Ende alle.Genau das könnte für die Leserin oder den Leser ein Ansporn sein, zu überlegen, was zu der eigenen Teenager-Zeit modern war, unabhängig davon, wann sie oder er geboren wurde.Das ist der Effekt, der hoffentlich auch bei den Jüngeren einsetzt. Meine Generation hatte natürlich auch weniger als die Generation, für die das Internet immer schon da war. In meinem Buch gibt es die Episode, in der ich mir 1997 von meinem ersten selbst verdienten Geld ein Fax-Gerät gekauft habe. Ich dachte, dass ich damit meine Texte in die Redaktion senden müsste. Als ich 22 war, war das tatsächlich noch Zukunftsmusik, dass ich meine Texte irgendwohin mailen kann. Die heutige Generation wächst mit über 30 TV-Sendern auf, kann auf Amazon-Prime, Netflix und andere Streaming-Dienste zurückgreifen und die Lieblingsserien täglich wechseln. Wir hatten nur „Miami Vice“ und „Ein Colt für alle Fälle“ und freuten uns eine Woche darauf - so etwas bleibt viel mehr haften.An was werden sich denn die heutigen Teenager in zwanzig Jahren erinnern?An Instagram. Meine Erinnerungen sind ja alle analog und nicht digital. Wenn man heute auf Facebook, Twitter oder Instagram aktiv ist, kann man seine Erinnerungen digital nachvollziehen. Man muss sich nicht mehr kraft seiner Gedanken erinnern - man kann seine Erinnerungen in seinem News-Feed nachschlagen. Aber ob analog oder digital: Das gemeinsame Erinnern scheint ein Grundbedürfnis zu sein, so wie sich Sprache dadurch entwickelt hat, indem sich Menschen gegenseitig Geschichten am Lagerfeuer erzählt haben. Das drückt Zugehörigkeit aus. Und wenn man Erinnerungen teilen kann, weiß man, dass man nicht alleine und kein Freak ist.In den Kapiteln Ihres Buches erinnern Sie sich immer wieder an einzelne Lieder wie „Smells Like Teen Spirit“ von Nirvana, Sänger wie Morrissey oder Bands wie Guns ’n’ Roses. Warum bleibt die Musik besonders hängen?Ganz viele haben das ja mit Gerüchen. Wenn sie etwas riechen und dann an Mutters Apfelkuchen denken oder an das Parfüm ihrer ersten Liebe. Auf meiner Liste standen auch Gerüche, zum Beispiel das Parfüm „Tresor“. Nur habe ich festgestellt, dass ich darüber nicht schreiben kann - ich bin nicht Patrick Süskind. Bei Nirvana ist es zum Beispiel nicht so sehr die Musik, sondern mehr das, was Kurt Cobain für uns war. Bei Morrissey und The Smiths erinnere ich mich an die Kinder-Depression, die wir mit 14 hatten, als kein Mensch uns verstand, nur dieser affektierte Sänger aus England. Im Prinzip sucht man sich Seelenverwandte, und ich habe sie immer in der Musik gefunden, später dann in der Literatur.Sie sind in Minden aufgewachsen. Ich habe unter anderem mit dem Friseursalon Hildebrandt, der Familienvideothek „Video Paradies“ und der ersten McDonald’s-Filiale viele lokale Bezüge in den Kapiteln gefunden. Sprechen Sie heute noch mit Freunden aus der Heimat darüber?Nein, ich bin zwar in Minden aufgewachsen, aber diesen Friseursalon, diese Familienvideothek und diesen McDonald’s, im Buch ist das der an der Ringstraße, gab es ja überall in Deutschland.Bei Ihrem ersten Disco-Besuch Anfang der 90er hatten Sie die Wahl zwischen Musikbox, Grille und Studio M. Was war das für eine Zeit?Mit 15, 16 haben wir unseren Platz gesucht - auch im Nachtleben. Und mit der Haltung, mit der wir durchs Leben gehen wollten, wollten wir auch ausgehen. Da kam einiges eben nicht infrage: Die, die Tennis-Stunden und ein sehr behütetes Leben hatten, die sind ins Studio M gegangen. Hemd in die Hose gesteckt, Lederschuhe an und bescheuerte Cocktails trinken. In unseren Augen machte man das einfach nicht. In die Grille haben wir uns überhaupt nicht reingetraut. Es hieß, dass da die Rocker hingingen und das Mobiliar zertrümmerten. Stimmte wahrscheinlich gar nicht, aber wir wollten trotzdem nicht aufs Maul bekommen. Blieb also nur die Box, die damals - soweit ich das beurteilen kann - völlig anders war als heute. Da lief „unsere“ Musik, da gingen die hin, die der Gesellschaft mindestens skeptisch gegenüber standen und denen das Ausgehen eigentlich suspekt war. Die Musikbox fühlte sich drei, vier Jahre richtig an.Was hat es mit dem Erdkundelehrer vom Ratsgymnasium auf sich, der etwas mit einer Schülerin gehabt haben soll? Sie erwähnen Ihn am Rande im ersten Kapitel „Die Raucherecke“.Das ist komplett erfunden. [lacht] Ich erinnere mich dunkel, dass Erdkundelehrer einen fragwürdigen Ruf hatten. Ganz bestimmt völlig zu Unrecht natürlich. In Deutschland gibt es aber mehrere Hundert Ratsgymnasien, von daher kann ich nun jegliche Ähnlichkeit bestreiten. Natürlich kommen die Minden-Bezüge vor, weil das das Koordinaten-System ist, in dem ich mich bewegt habe. Ich glaube aber, dass die Raucherecken, über die ich schreibe, 1990 in allen westdeutschen Gymnasien gleich gewesen sind und dort ähnliche Gespräche geführt wurden.Gibt es diese Raucherecken heute überhaupt noch?Ich weiß es nicht. Vor drei Jahren hatte ich zwanzigjähriges Abitur-Treffen. Wir haben uns im Besselgymnasium getroffen, weil wir unsere Abitur-Klausuren einsehen durften. Da war ich zum ersten Mal wieder an meiner ehemaligen Schule und bin direkt dahin gegangen, wo die Raucherecke war. Ich habe aber keine Ahnung mehr, ob das noch eine Raucherecke ist oder ob die Raucherbereiche ohnehin nicht auf Schulhöfen verboten wurden.Was es noch in unserem MT-Archiv gibt, sind Ihre ersten journalistischen Schritte. Für das MT haben Sie zu Beginn Ihrer journalistischen Laufbahn die ersten Artikel verfasst. Erinnern Sie sich daran?Das muss in der 13. Klasse gewesen sein, denn ich hatte schon einen Führerschein. Für das MT habe ich als freier Mitarbeiter Texte geschrieben. Ich bin in die Redaktion, habe eine Kamera ausgeliehen und lernte noch, wie Filme entwickelt werden. Dann hatte ich Ortstermine, sprach mit den Leuten dort - guter, alter Lokaljournalismus halt. An einem Freitagabend war ich auf einer Veranstaltung in der Kampa-Halle, die damals noch Kreissporthalle hieß, wo mehrere Country-Bands gespielt haben -ich fand das total befremdlich. Mit der Musik konnte ich nichts anfangen, und alle sahen so aus, wie sich Menschen aus Westdeutschland Cowboys vorstellten, mit Hüten und Westen. Ich weiß noch, dass ich einen ziemlich bösen Text darüber geschrieben habe.Nach mehreren Sachbüchern arbeiten Sie schon länger an Ihrem ersten Roman-Projekt. Ist ein Ende in Sicht?100 Seiten sind fertig, das ist etwa ein Drittel. In dem Roman geht es um das Scheitern einer großen Freundschaft. Das Schreiben eines Romans ist für mich eine irre, aber tolle Anstrengung, die mich an Grenzen stoßen lässt. „Als wir für immer jung waren“ war zum Schreiben relativ dankbar, weil es aus vielen kurzen, abgeschlossenen Kapiteln besteht, an denen ich abends schreiben konnte. So einen Roman schafft man leider nicht am Feierabend. Dann habe ich noch ein weiteres Sachbuch in der Schublade, an dem ich mit drei anderen Kollegen schreibe.Ihr Lebensmittelpunkt befindet sich in Berlin. Sind Sie noch häufiger dort, wo alles begann?Mir tut das gut, hin und wieder von Freitag bis Sonntag in Minden zu bleiben. Ich mag es hier sehr, und ich gehöre nicht zu den Leuten, die das Provinzielle unbedingt abstreifen wollen, weil sie in der größten Stadt Deutschlands wohnen. Man bekommt zwar den Jungen aus der Provinz, aber nicht die Provinz aus dem Jungen.

Weißt du noch? - Matthias Kalle, stellvertretender Chefredakteur des Zeitmagazins, über seine Jugend in Minden

Der erste Walkman, „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ und die erste Zigarette - all das sind Teile der Erinnerungsstücke von Matthias Kalle. © Foto: Schiller Design

Minden (mt). „Wir sind nämlich nicht so verschieden, wie wir glauben“, behauptet Matthias Kalle. In 87 prägnanten Kapiteln schafft der Journalist einen Rahmen, der für ein kollektives Erinnern sorgen kann - oder einfach nur für Nostalgie. Der Mindener geht auf seine liebsten Songs und die Idole ein. Immer wieder steht das problematische Erwachsenwerden im Mittelpunkt, das wiederum für ganz neue Erfahrungen wie den ersten Kuss oder die erste Kippe steht.

Der Walkman oder das Tamagotchi, Geräte, die heute wie Dinosaurier wirken, haben ihn beeinflusst. Genauso prägte ihn die Literatur. Aus den Werken von Hermann Hesse oder F. Scott Fitzgerald zog er Schlüsse fürs Leben. All diese Mosaiksteine hat er zu einem Buch gefasst. „Als wir für immer jung waren - Die prägenden Erinnerungen unserer Jugend“ erscheint am Donnerstag, 23. März, im S. Fischer-Verlag. Am Erscheinungstag liest Matthias Kalle um 18 Uhr im Besselgymnasium aus seinem Sachbuch - dort, wo er vor über zwanzig Jahren sein Abitur gemacht hat. Der Eintritt ist kostenlos.

Matthias Kalle - © Foto: Jonas Lindstroem
Matthias Kalle - © Foto: Jonas Lindstroem

Jüngst haben Mr. President und Snap!, stellvertretend für die Musik und Kultur der 90er, viele Menschen in die Kampa-Halle gezogen. Warum werden solche Partys besucht, und warum haben Sie ein Buch über die Jugend in den 80er und 90er Jahren geschrieben?

Zu diesen Partys gehen die Leute aus rein nostalgischen Gründen. Sie wollen sich wieder wie 17 fühlen, weil diese Zeit im Rückblick einfacher oder behüteter erscheint, nicht ganz so kompliziert und verwirrend wie die Gegenwart. Das war aber nicht der Grundgedanke, der am Anfang meines Buches stand. Ich glaube, dass mein Jahrgang und die Jahrgänge davor und danach gar nicht so verschieden sind, wie wir immer hoffen. Die Erinnerungen, die wir teilen, ähneln sich am Ende alle.

Genau das könnte für die Leserin oder den Leser ein Ansporn sein, zu überlegen, was zu der eigenen Teenager-Zeit modern war, unabhängig davon, wann sie oder er geboren wurde.

Das ist der Effekt, der hoffentlich auch bei den Jüngeren einsetzt. Meine Generation hatte natürlich auch weniger als die Generation, für die das Internet immer schon da war. In meinem Buch gibt es die Episode, in der ich mir 1997 von meinem ersten selbst verdienten Geld ein Fax-Gerät gekauft habe. Ich dachte, dass ich damit meine Texte in die Redaktion senden müsste. Als ich 22 war, war das tatsächlich noch Zukunftsmusik, dass ich meine Texte irgendwohin mailen kann. Die heutige Generation wächst mit über 30 TV-Sendern auf, kann auf Amazon-Prime, Netflix und andere Streaming-Dienste zurückgreifen und die Lieblingsserien täglich wechseln. Wir hatten nur „Miami Vice“ und „Ein Colt für alle Fälle“ und freuten uns eine Woche darauf - so etwas bleibt viel mehr haften.

An was werden sich denn die heutigen Teenager in zwanzig Jahren erinnern?

An Instagram. Meine Erinnerungen sind ja alle analog und nicht digital. Wenn man heute auf Facebook, Twitter oder Instagram aktiv ist, kann man seine Erinnerungen digital nachvollziehen. Man muss sich nicht mehr kraft seiner Gedanken erinnern - man kann seine Erinnerungen in seinem News-Feed nachschlagen. Aber ob analog oder digital: Das gemeinsame Erinnern scheint ein Grundbedürfnis zu sein, so wie sich Sprache dadurch entwickelt hat, indem sich Menschen gegenseitig Geschichten am Lagerfeuer erzählt haben. Das drückt Zugehörigkeit aus. Und wenn man Erinnerungen teilen kann, weiß man, dass man nicht alleine und kein Freak ist.

In den Kapiteln Ihres Buches erinnern Sie sich immer wieder an einzelne Lieder wie „Smells Like Teen Spirit“ von Nirvana, Sänger wie Morrissey oder Bands wie Guns ’n’ Roses. Warum bleibt die Musik besonders hängen?

Ganz viele haben das ja mit Gerüchen. Wenn sie etwas riechen und dann an Mutters Apfelkuchen denken oder an das Parfüm ihrer ersten Liebe. Auf meiner Liste standen auch Gerüche, zum Beispiel das Parfüm „Tresor“. Nur habe ich festgestellt, dass ich darüber nicht schreiben kann - ich bin nicht Patrick Süskind. Bei Nirvana ist es zum Beispiel nicht so sehr die Musik, sondern mehr das, was Kurt Cobain für uns war. Bei Morrissey und The Smiths erinnere ich mich an die Kinder-Depression, die wir mit 14 hatten, als kein Mensch uns verstand, nur dieser affektierte Sänger aus England. Im Prinzip sucht man sich Seelenverwandte, und ich habe sie immer in der Musik gefunden, später dann in der Literatur.

Sie sind in Minden aufgewachsen. Ich habe unter anderem mit dem Friseursalon Hildebrandt, der Familienvideothek „Video Paradies“ und der ersten McDonald’s-Filiale viele lokale Bezüge in den Kapiteln gefunden. Sprechen Sie heute noch mit Freunden aus der Heimat darüber?

Nein, ich bin zwar in Minden aufgewachsen, aber diesen Friseursalon, diese Familienvideothek und diesen McDonald’s, im Buch ist das der an der Ringstraße, gab es ja überall in Deutschland.

Bei Ihrem ersten Disco-Besuch Anfang der 90er hatten Sie die Wahl zwischen Musikbox, Grille und Studio M. Was war das für eine Zeit?

Mit 15, 16 haben wir unseren Platz gesucht - auch im Nachtleben. Und mit der Haltung, mit der wir durchs Leben gehen wollten, wollten wir auch ausgehen. Da kam einiges eben nicht infrage: Die, die Tennis-Stunden und ein sehr behütetes Leben hatten, die sind ins Studio M gegangen. Hemd in die Hose gesteckt, Lederschuhe an und bescheuerte Cocktails trinken. In unseren Augen machte man das einfach nicht. In die Grille haben wir uns überhaupt nicht reingetraut. Es hieß, dass da die Rocker hingingen und das Mobiliar zertrümmerten. Stimmte wahrscheinlich gar nicht, aber wir wollten trotzdem nicht aufs Maul bekommen. Blieb also nur die Box, die damals - soweit ich das beurteilen kann - völlig anders war als heute. Da lief „unsere“ Musik, da gingen die hin, die der Gesellschaft mindestens skeptisch gegenüber standen und denen das Ausgehen eigentlich suspekt war. Die Musikbox fühlte sich drei, vier Jahre richtig an.

Was hat es mit dem Erdkundelehrer vom Ratsgymnasium auf sich, der etwas mit einer Schülerin gehabt haben soll? Sie erwähnen Ihn am Rande im ersten Kapitel „Die Raucherecke“.

Das ist komplett erfunden. [lacht] Ich erinnere mich dunkel, dass Erdkundelehrer einen fragwürdigen Ruf hatten. Ganz bestimmt völlig zu Unrecht natürlich. In Deutschland gibt es aber mehrere Hundert Ratsgymnasien, von daher kann ich nun jegliche Ähnlichkeit bestreiten. Natürlich kommen die Minden-Bezüge vor, weil das das Koordinaten-System ist, in dem ich mich bewegt habe. Ich glaube aber, dass die Raucherecken, über die ich schreibe, 1990 in allen westdeutschen Gymnasien gleich gewesen sind und dort ähnliche Gespräche geführt wurden.

Gibt es diese Raucherecken heute überhaupt noch?

Ich weiß es nicht. Vor drei Jahren hatte ich zwanzigjähriges Abitur-Treffen. Wir haben uns im Besselgymnasium getroffen, weil wir unsere Abitur-Klausuren einsehen durften. Da war ich zum ersten Mal wieder an meiner ehemaligen Schule und bin direkt dahin gegangen, wo die Raucherecke war. Ich habe aber keine Ahnung mehr, ob das noch eine Raucherecke ist oder ob die Raucherbereiche ohnehin nicht auf Schulhöfen verboten wurden.

Was es noch in unserem MT-Archiv gibt, sind Ihre ersten journalistischen Schritte. Für das MT haben Sie zu Beginn Ihrer journalistischen Laufbahn die ersten Artikel verfasst. Erinnern Sie sich daran?

Das muss in der 13. Klasse gewesen sein, denn ich hatte schon einen Führerschein. Für das MT habe ich als freier Mitarbeiter Texte geschrieben. Ich bin in die Redaktion, habe eine Kamera ausgeliehen und lernte noch, wie Filme entwickelt werden. Dann hatte ich Ortstermine, sprach mit den Leuten dort - guter, alter Lokaljournalismus halt. An einem Freitagabend war ich auf einer Veranstaltung in der Kampa-Halle, die damals noch Kreissporthalle hieß, wo mehrere Country-Bands gespielt haben -ich fand das total befremdlich. Mit der Musik konnte ich nichts anfangen, und alle sahen so aus, wie sich Menschen aus Westdeutschland Cowboys vorstellten, mit Hüten und Westen. Ich weiß noch, dass ich einen ziemlich bösen Text darüber geschrieben habe.

Nach mehreren Sachbüchern arbeiten Sie schon länger an Ihrem ersten Roman-Projekt. Ist ein Ende in Sicht?

100 Seiten sind fertig, das ist etwa ein Drittel. In dem Roman geht es um das Scheitern einer großen Freundschaft. Das Schreiben eines Romans ist für mich eine irre, aber tolle Anstrengung, die mich an Grenzen stoßen lässt. „Als wir für immer jung waren“ war zum Schreiben relativ dankbar, weil es aus vielen kurzen, abgeschlossenen Kapiteln besteht, an denen ich abends schreiben konnte. So einen Roman schafft man leider nicht am Feierabend. Dann habe ich noch ein weiteres Sachbuch in der Schublade, an dem ich mit drei anderen Kollegen schreibe.

Ihr Lebensmittelpunkt befindet sich in Berlin. Sind Sie noch häufiger dort, wo alles begann?

Mir tut das gut, hin und wieder von Freitag bis Sonntag in Minden zu bleiben. Ich mag es hier sehr, und ich gehöre nicht zu den Leuten, die das Provinzielle unbedingt abstreifen wollen, weil sie in der größten Stadt Deutschlands wohnen. Man bekommt zwar den Jungen aus der Provinz, aber nicht die Provinz aus dem Jungen.

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