Weißes Gold: Das steckt hinter dem Geheimnis um das Fachwerkhaus am Brüderhof Minden. Manchmal sind es nicht die kleinen, sondern die großen Dinge, die eine interessante Geschichte haben. In diesem Fall handelt es sich um ein Haus, von dem kaum jemand weiß, für welchen Zweck es errichtet wurde. Groß ist das Gebäude, um das es geht, vor allem im Vergleich zu den vielen kleinen Häusern in seiner Umgebung. Groß war aber einst auch die wirtschaftliche Bedeutung für Minden, die von hier ausging. Sonja Weichert, die sich viel mit der Geschichte Mindens befasst und private Stadtführungen unternimmt, kennt die zuckersüße Geschichte dazu. Die kleine Gasse, in der das auffällige Fachwerkhaus steht, heißt Brüderhof. Sie liegt in der Oberen Altstadt in einem Viertel, das über Jahrhunderte zum Dominikanerkloster St. Pauli gehörte. Der Name, so steht es auf einem Schild an einer Wand des Hauses Nummer 6 geschrieben, erinnert an jenen Hof zwischen Videbullenstraße und Brüderstraße, der den „Brüdern“ des Dominikanerordens 1236 von der Familie von Beldersen zur Klostergründung überlassen wurde. Es wurde also von den Dominikanern erbaut? „Nein“, sagt Sonja Weichert, „das Haus wurde 1780 von den Betreibern einer Zuckerfabrik als repräsentatives Direktionsgebäude errichtet.“ Zu jener Zeit existierte das Kloster bereits seit 250 Jahren nicht mehr. Im Zuge der Reformation war es 1530 aufgelöst und das gesamte Gelände von der Stadt übernommen worden. Den ehemaligen Friedhof des Klosters östlich der kleinen Gasse, die erst in den 1870er-Jahren den Namen „Brüderhof” erhielt, ließ die Stadt mit kleinen Wohnhäusern bebauen, die sie später an Privatleute verkaufte. Das westlich gelegene Gelände behielt die Stadt größtenteils selbst und errichtete an der Stelle des heutigen Hauses Brüderhof 6 ein Zeughaus. Nach 1730, also 200 Jahre später, gelangten die städtischen Liegenschaften des ehemaligen Klostergeländes in den Besitz der preußischen Regierung unter Friedrich II., dem Großen (1712-1786). Und dieser war es auch, der sich bemühte, Minden über die enormen Schäden und die wirtschaftliche Krise hinwegzuhelfen, die die Stadt im Siebenjährigen Krieg (1756-1763) und insbesondere durch die Schlacht bei Minden 1759 erlitten hatte. So förderte Friedrich gezielt die nach dem Krieg wieder aufkeimenden wirtschaftlichen Aktivitäten Mindener Kaufleute. Adolf Heinrich Harten sowie den beiden Brüdern Friedrich und Rudolph Möller stellte die preußische Regierung unentgeltlich Gelände für eine Fabrik zur Verfügung, darunter das ehemalige Zeughaus der Stadt am Brüderhof. „Am 11. Januar 1764 erhielten die drei Kaufleute nicht nur das Privileg zur Errichtung einer Zuckerfabrik samt Siederei“, erzählt Sonja Weichert, „der König erteilte ihnen sogar das Monopol für Minden, Ravensberg, Tecklenburg und Lingen.“ „1774 wurde die Klosterkirche abgerissen, die übrigen Gebäude verschwanden kurz danach oder wurden überbaut. Im heute noch erhaltenen Westflügel des Klosters in der Alten Kirchstraße wurde eine Zuckerfabrik gegründet“, berichtet die Stadtkennerin. Schon seit Längerem hatte es in Minden Bemühungen um die Ansiedlung einer Zuckerfabrik gegeben. Ab 1724 gab es in der Obermarktstraße 33 einen entsprechenden Betrieb, der aber bereits vier Jahre später wieder eingestellt wurde. Das Vorhaben der Kaufleute Harten und Gebrüder Möller, nun erneut einen Versuch zu starten, wurde wohl auch deshalb unterstützt, weil dies dem Wunsch der Stadt im Rahmen ihrer Gewerbepolitik entsprach. Über Jahrhunderte war Zucker eine seltene und teure Kostbarkeit, zunächst Arzneimittel, dann Luxusartikel des reichen Adels. Gewonnen wurde er aus Zuckerrohr. Die Karibik entwickelte sich ab dem 16. Jahrhundert zu dessen Hauptanbaugebiet und Rohrzucker zum Exportschlager der europäischen Kolonien. In Europa fand das Süßungsmittel, das auch als „weißes Gold“ bezeichnet wurde, immer mehr Anhänger. Zuckerfabriken, in denen der importierte Rohrzucker raffiniert wurde, entstanden und florierten. Auch das Unternehmen in Minden in der Oberen Altstadt war schon nach kurzer Zeit der bedeutendste Gewerbebetrieb der Stadt. „Den Rohrzucker bezog die Fabrik von den Westindischen Inseln. Mit Schiffen kam er über Bremen und die Weser nach Minden“, erzählt Sonja Weichert. Nachdem die preußische Regierung in Berlin das Privileg für die Zuckerfabrik 1779 um weitere 20 Jahre verlängert hatte, ließ Friedrich Möller, inzwischen alleiniger Eigentümer, das alte Zeughaus am Brüderhof abreißen und durch das Fachwerkhaus ersetzen, das heute noch dort steht. „Es wurde wohl als repräsentatives Bürogebäude genutzt, aber auch als Wohnhaus des Fabrikbesitzers“, berichtet Sonja Weichert. Unterstützung kam abermals aus Berlin, diesmal vom Bank- und Handelshaus Splitgerber & Daum, das sich in die Mindener Zuckerfabrik einkaufte. Als Friedrich Möller sich kurze Zeit später aus dem Geschäft zurückzog, übernahmen die Berliner die Firma ganz und machten sie damit zu einem Teil des größten Wirtschaftsunternehmens Preußens. Zucker aus Zuckerrohr war allerdings nach wie vor ein teures Luxusgut – Friedrich der Große unterstützte die Suche nach Alternativen. Bereits 1747 hatte der Berliner Apotheker Andreas Sigismund Marggraf (1709-1782) eine neue Zuckerquelle entdeckt: die Rübe. Seinem Mitarbeiter Franz Carl Achard (1753-1823) gelang es dann, die ergiebigere Zuckerrübe zu züchten. Sie setzte sich schließlich ab Anfang des 19. Jahrhunderts als Ersatz für Zuckerrohr durch. Denn die Kontinentalsperre Napoleons und dessen Verlust der französischen Zuckerrohr-Kolonie Saint-Domingue, heute Haiti, nach einem Sklavenaufstand machten den Import von Rohrzucker nun unmöglich. Für die traditionellen Zuckerraffinerien bedeutete dies das Aus, so auch für den Betrieb in Minden. „Die Böden hierzulande eigneten sich nicht für den Anbau von Zuckerrüben“, berichtet Sonja Weichert. „Somit war auch die Umstellung der Produktion keine Alternative.“ Zwar gab es nach der Aufhebung der Kontinentalsperre noch Versuche, die Zuckerindustrie in der Stadt wieder aufleben zu lassen, letztlich aber ohne Erfolg. Aus ihrer Blütezeit übrig geblieben ist aber das Fachwerkhaus am Brüderhof – einst repräsentatives Aushängeschild für Mindens zuckersüßes „weißes Gold“. So geht’s zum Fachwerkhaus: Es steht in der Altstadt-Gasse Brüderhof 6. Bezugsquellen: Das Buch „Mindener Geheimnisse Band 2“ ist in Kooperation mit dem Bast Medien Verlag erschienen. Das Buch (Hardcover) kostet 19,90 Euro, hat 192 Seiten und ist durchgehend bebildert. Erhältlich beim „express-Ticketservice & mehr“, Obermarktstraße 26-30 in Minden (direkt neben der Geschäftsstelle des Mindener Tageblatts), online unter www.mt-lesershop.de, im Buchhandel oder direkt beim Verlag: bestellungen@bast-medien.de (versandkostenfrei). Auch Band 1, (2017 erschienen, Paperback, 14,90 Euro) ist über diese Bezugsquellen erhältlich.ISBN Band 1: 978-3-946581-19-2ISBN Band 2: 978-3-946581-75-8 Das Buch „Mindener Geheimnisse Band 2“ ist in Kooperation mit dem Bast Medien Verlag erschienen. Das Buch (Hardcover) kostet 19,90 Euro, hat 192 Seiten und ist durchgehend bebildert. Erhältlich beim „express-Ticketservice & mehr“, Obermarktstraße 26-30 in Minden (direkt neben der Geschäftsstelle des Mindener Tageblatts), online unter www.mt-lesershop.de, im Buchhandel oder direkt beim Verlag: bestellungen@bast-medien.de (versandkostenfrei). Auch Band 1, (2017 erschienen, Paperback, 14,90 Euro) ist über diese Bezugsquellen erhältlich.ISBN Band 1: 978-3-946581-19-2ISBN Band 2: 978-3-946581-75-8

Weißes Gold: Das steckt hinter dem Geheimnis um das Fachwerkhaus am Brüderhof

Fachwerkhaus in der Brüderhof-Straße: Sonja Weichert kennt die zuckersüße Geschichte dieses Hauses. Fotos: Kerstin Rickert © Kerstin Rickert

Minden. Manchmal sind es nicht die kleinen, sondern die großen Dinge, die eine interessante Geschichte haben. In diesem Fall handelt es sich um ein Haus, von dem kaum jemand weiß, für welchen Zweck es errichtet wurde. Groß ist das Gebäude, um das es geht, vor allem im Vergleich zu den vielen kleinen Häusern in seiner Umgebung. Groß war aber einst auch die wirtschaftliche Bedeutung für Minden, die von hier ausging. Sonja Weichert, die sich viel mit der Geschichte Mindens befasst und private Stadtführungen unternimmt, kennt die zuckersüße Geschichte dazu.

Die kleine Gasse, in der das auffällige Fachwerkhaus steht, heißt Brüderhof. Sie liegt in der Oberen Altstadt in einem Viertel, das über Jahrhunderte zum Dominikanerkloster St. Pauli gehörte. Der Name, so steht es auf einem Schild an einer Wand des Hauses Nummer 6 geschrieben, erinnert an jenen Hof zwischen Videbullenstraße und Brüderstraße, der den „Brüdern“ des Dominikanerordens 1236 von der Familie von Beldersen zur Klostergründung überlassen wurde. Es wurde also von den Dominikanern erbaut? „Nein“, sagt Sonja Weichert, „das Haus wurde 1780 von den Betreibern einer Zuckerfabrik als repräsentatives Direktionsgebäude errichtet.“

Hinweis: Das Schild zeigt, wie die Straße zu ihrem Namen kam. - © Kerstin Rickert
Hinweis: Das Schild zeigt, wie die Straße zu ihrem Namen kam. - © Kerstin Rickert

Zu jener Zeit existierte das Kloster bereits seit 250 Jahren nicht mehr. Im Zuge der Reformation war es 1530 aufgelöst und das gesamte Gelände von der Stadt übernommen worden. Den ehemaligen Friedhof des Klosters östlich der kleinen Gasse, die erst in den 1870er-Jahren den Namen „Brüderhof” erhielt, ließ die Stadt mit kleinen Wohnhäusern bebauen, die sie später an Privatleute verkaufte. Das westlich gelegene Gelände behielt die Stadt größtenteils selbst und errichtete an der Stelle des heutigen Hauses Brüderhof 6 ein Zeughaus.

Nach 1730, also 200 Jahre später, gelangten die städtischen Liegenschaften des ehemaligen Klostergeländes in den Besitz der preußischen Regierung unter Friedrich II., dem Großen (1712-1786). Und dieser war es auch, der sich bemühte, Minden über die enormen Schäden und die wirtschaftliche Krise hinwegzuhelfen, die die Stadt im Siebenjährigen Krieg (1756-1763) und insbesondere durch die Schlacht bei Minden 1759 erlitten hatte.

So förderte Friedrich gezielt die nach dem Krieg wieder aufkeimenden wirtschaftlichen Aktivitäten Mindener Kaufleute. Adolf Heinrich Harten sowie den beiden Brüdern Friedrich und Rudolph Möller stellte die preußische Regierung unentgeltlich Gelände für eine Fabrik zur Verfügung, darunter das ehemalige Zeughaus der Stadt am Brüderhof. „Am 11. Januar 1764 erhielten die drei Kaufleute nicht nur das Privileg zur Errichtung einer Zuckerfabrik samt Siederei“, erzählt Sonja Weichert, „der König erteilte ihnen sogar das Monopol für Minden, Ravensberg, Tecklenburg und Lingen.“

„1774 wurde die Klosterkirche abgerissen, die übrigen Gebäude verschwanden kurz danach oder wurden überbaut. Im heute noch erhaltenen Westflügel des Klosters in der Alten Kirchstraße wurde eine Zuckerfabrik gegründet“, berichtet die Stadtkennerin. Schon seit Längerem hatte es in Minden Bemühungen um die Ansiedlung einer Zuckerfabrik gegeben. Ab 1724 gab es in der Obermarktstraße 33 einen entsprechenden Betrieb, der aber bereits vier Jahre später wieder eingestellt wurde. Das Vorhaben der Kaufleute Harten und Gebrüder Möller, nun erneut einen Versuch zu starten, wurde wohl auch deshalb unterstützt, weil dies dem Wunsch der Stadt im Rahmen ihrer Gewerbepolitik entsprach.

Über Jahrhunderte war Zucker eine seltene und teure Kostbarkeit, zunächst Arzneimittel, dann Luxusartikel des reichen Adels. Gewonnen wurde er aus Zuckerrohr. Die Karibik entwickelte sich ab dem 16. Jahrhundert zu dessen Hauptanbaugebiet und Rohrzucker zum Exportschlager der europäischen Kolonien. In Europa fand das Süßungsmittel, das auch als „weißes Gold“ bezeichnet wurde, immer mehr Anhänger. Zuckerfabriken, in denen der importierte Rohrzucker raffiniert wurde, entstanden und florierten. Auch das Unternehmen in Minden in der Oberen Altstadt war schon nach kurzer Zeit der bedeutendste Gewerbebetrieb der Stadt. „Den Rohrzucker bezog die Fabrik von den Westindischen Inseln. Mit Schiffen kam er über Bremen und die Weser nach Minden“, erzählt Sonja Weichert.

Nachdem die preußische Regierung in Berlin das Privileg für die Zuckerfabrik 1779 um weitere 20 Jahre verlängert hatte, ließ Friedrich Möller, inzwischen alleiniger Eigentümer, das alte Zeughaus am Brüderhof abreißen und durch das Fachwerkhaus ersetzen, das heute noch dort steht. „Es wurde wohl als repräsentatives Bürogebäude genutzt, aber auch als Wohnhaus des Fabrikbesitzers“, berichtet Sonja Weichert. Unterstützung kam abermals aus Berlin, diesmal vom Bank- und Handelshaus Splitgerber & Daum, das sich in die Mindener Zuckerfabrik einkaufte. Als Friedrich Möller sich kurze Zeit später aus dem Geschäft zurückzog, übernahmen die Berliner die Firma ganz und machten sie damit zu einem Teil des größten Wirtschaftsunternehmens Preußens. Zucker aus Zuckerrohr war allerdings nach wie vor ein teures Luxusgut – Friedrich der Große unterstützte die Suche nach Alternativen. Bereits 1747 hatte der Berliner Apotheker Andreas Sigismund Marggraf (1709-1782) eine neue Zuckerquelle entdeckt: die Rübe. Seinem Mitarbeiter Franz Carl Achard (1753-1823) gelang es dann, die ergiebigere Zuckerrübe zu züchten. Sie setzte sich schließlich ab Anfang des 19. Jahrhunderts als Ersatz für Zuckerrohr durch. Denn die Kontinentalsperre Napoleons und dessen Verlust der französischen Zuckerrohr-Kolonie Saint-Domingue, heute Haiti, nach einem Sklavenaufstand machten den Import von Rohrzucker nun unmöglich.

Für die traditionellen Zuckerraffinerien bedeutete dies das Aus, so auch für den Betrieb in Minden. „Die Böden hierzulande eigneten sich nicht für den Anbau von Zuckerrüben“, berichtet Sonja Weichert. „Somit war auch die Umstellung der Produktion keine Alternative.“ Zwar gab es nach der Aufhebung der Kontinentalsperre noch Versuche, die Zuckerindustrie in der Stadt wieder aufleben zu lassen, letztlich aber ohne Erfolg. Aus ihrer Blütezeit übrig geblieben ist aber das Fachwerkhaus am Brüderhof – einst repräsentatives Aushängeschild für Mindens zuckersüßes „weißes Gold“.

So geht’s zum Fachwerkhaus: Es steht in der Altstadt-Gasse Brüderhof 6.

Bezugsquellen:

Das Buch „Mindener Geheimnisse Band 2“ ist in Kooperation mit dem Bast Medien Verlag erschienen. Das Buch (Hardcover) kostet 19,90 Euro, hat 192 Seiten und ist durchgehend bebildert. Erhältlich beim „express-Ticketservice & mehr“, Obermarktstraße 26-30 in Minden (direkt neben der Geschäftsstelle des Mindener Tageblatts), online unter www.mt-lesershop.de, im Buchhandel oder direkt beim Verlag: bestellungen@bast-medien.de (versandkostenfrei). Auch Band 1, (2017 erschienen, Paperback, 14,90 Euro) ist über diese Bezugsquellen erhältlich.ISBN Band 1: 978-3-946581-19-2ISBN Band 2: 978-3-946581-75-8

Das Buch „Mindener Geheimnisse Band 2“ ist in Kooperation mit dem Bast Medien Verlag erschienen. Das Buch (Hardcover) kostet 19,90 Euro, hat 192 Seiten und ist durchgehend bebildert. Erhältlich beim „express-Ticketservice & mehr“, Obermarktstraße 26-30 in Minden (direkt neben der Geschäftsstelle des Mindener Tageblatts), online unter www.mt-lesershop.de, im Buchhandel oder direkt beim Verlag: bestellungen@bast-medien.de (versandkostenfrei). Auch Band 1, (2017 erschienen, Paperback, 14,90 Euro) ist über diese Bezugsquellen erhältlich.ISBN Band 1: 978-3-946581-19-2ISBN Band 2: 978-3-946581-75-8

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