Weil Lkw-Fahrer fehlen: Regale könnten leer bleiben Lea Oetjen Minden/Porta Westfalica. Die Herangehensweisen sind unterschiedlich. Einige versuchen es kreativ. „Sattelzug braucht Weggefährten.“ Andere setzen auf Humor. „Bezahlte Arbeit mit Sitzplatz in erster Reihe.“ Der Großteil aber probiert es pragmatisch. „Job gesucht? Gefunden.“ Egal, wie Unternehmen die Stellenausschreibungen für Fernfahrer auf dem Heck der Lastkraftwagen gestalten, sie alle eint große Not. Denn: Der Fachkräftemangel macht auch vor der Speditionsbranche nicht halt. Das bestätigten Geschäftsführer aus Minden und Porta Westfalica im Gespräch mit dem Mindener Tageblatt. Es ist eine Entwicklung, die sich seit Jahren angekündigt hat. In Deutschland fehlen derzeit 60.000 bis 80.000 Lastkraftwagenfahrer. Jedes Jahr wird die Lücke um 15.000 größer. Denn: Während jährlich etwa 30.000 von ihnen in Rente gehen, liegt die Zahl der Nachwuchskräfte nur bei 15.000. In den anderen europäischen Ländern sieht das nicht anders aus. Hinzukommt, dass der durchschnittliche europäische Fernfahrer über 50 Jahre alt ist, oft sogar über 55 Jahre. „Ja, das ist leider der Trend. Das ist immer wieder ein Manko in der Branche“, sagt der Geschäftsführer eines Mindener Logistik-Unternehmens, der namentlich in diesem Bericht aber nicht genannt werden möchte. Seiner Einschätzung nach hängt der Fahrermangel in Deutschland vor allem mit dem Aussetzen der Wehrpflicht zusammen. Zahlen des Binnenmarktausschuss des Europäischen Parlaments stützen seine Theorie. Demnach ist zwar die Bundeswehr mit etwa 10.000 Auszubildenden pro Jahr immer noch der größte Fachkräftebeschaffer der Branche. Als es die Wehrpflicht noch gab, wurden allerdings fast doppelt so viele Fahrer ausgebildet. Diese fehlen natürlich nun in der Gegenwart. Und zum Vergleich: Die größten deutschen Logistikunternehmen selbst bilden jeweils nur etwa 100 Fahrer pro Jahr aus. Der Mindener selbst habe in seinem Unternehmen momentan noch keinen akuten Fahrermangel. „Wir arbeiten allerdings auch verstärkt mit Subunternehmen aus Osteuropa“, erklärt der Geschäftsführer. Er begründet die Entscheidung unter anderem mit der niedrigen Frachtrate, die von der Industrie gezahlt werde. Damit ist der Preis für den Transport von Frachtgut gemeint, mit dem sich deutsche Arbeitnehmer kaum noch ausreichend bezahlen lassen. „Außerdem ist die Arbeitsmoral hier im Land gefühlt längst nicht mehr so hoch wie etwa in Osteuropa“, nennt er einen weiteren Grund. Auch das Unternehmen Meyer-Jumbo Logistics, das in Porta Westfalica-Nammen ansässig ist, ist von dem Berufskraftfahrer-Mangel noch nicht direkt betroffen. „Dennoch beobachten wir die aktuell angespannte Lage am Markt, die sich bei unveränderter Wirtschaftslage in naher Zukunft nicht verbessern wird“, sagt der geschäftsführende Gesellschafter Bernd Watermann auf MT-Anfrage. Doch auch wenn die Firma nicht direkt betroffen ist, könnte es früher oder später zu Einschränkungen kommen. Denn: Watermann verrät, dass er zuletzt vermehrt gehört hat, dass „Partner in unseren nationalen und internationalen Logistik-Netzwerken Probleme haben, ihre Fahrzeuge zu besetzen“. Es ist ein Schicksal, mit dem kaum ein Speditions- oder Logistikunternehmen in der Gegenwart alleine da steht. Das weiß auch Luise Hallen. Sie ist angestellt bei Hölkemeier Spedition. Und wie sie auf MT-Anfrage bestätigt, ist das in Minden ansässige Unternehmen tatsächlich bereits vom Fahrermangel betroffen. „Wir sprechen da von zwei bis vier Fahrern“, erklärt sie. Noch sei das allerdings kein allzu großes Problem. „Aufgrund vieler Alternativen können wir das wieder auffangen und haben somit keine Umsatzeinbußen oder Touren, die wir absagen müssen. Unterstützung finden wir vor allem bei anderen Speditionen, dessen Fahrer wir bei uns einsetzen“, gewährt sie einen kleinen Einblick in die internen Abläufe. Zu möglichen Umsatzeinbußen hat sich auch Bernd Watermann von Meyer-Jumbo geäußert. „Von unseren Stammkunden lehnen wir möglichst keine Aufträge ab. Wir informieren unsere Kunden regelmäßig über die aktuelle Situation und vereinbaren bei Bedarf längere Laufzeiten. Im Bereich der Charter-Verkehre, also den Zukauf von Fremd-Laderaum, kann es in Spitzenzeiten Engpässe geben“, erklärt er und verrät, dass seit einiger Zeit vermehrt auch Nachfragen von Neukunden eintrudeln, die „vermutlich nicht oder nicht mehr ausreichend Laderaum von ihren Logistik-Partnern erhalten“. An eine baldige Besserung glaubt Watermann nicht. „Bei gleichbleibender Wirtschaftslage wird sich die Lage in den nächsten Jahren nicht verbessern. Zumal noch mehr Berufskraftfahrerinnen und -fahrer aus dem Markt ausscheiden, als neue dazukommen“, argumentiert der Geschäftsführer. Eine Verbesserung würde erst eintreten, wenn das Berufsbild des Berufskraftfahrers deutlich und kontinuierlich attraktiver gestaltet wird. Und etwa „die Arbeitszeitmodelle an Industriestandards auch im Sinne der Work-Life-Balance angepasst werden“, betont Bernd Watermann. So lange das noch nicht der Fall ist, zählt für die Unternehmen jede einzelne Fachkraft. Das bekräftig auch Luise Hallen von Hölkemeier Speditionen: „Wir sind immer auf der Suche nach neuen Fahrern und haben über etliche Internetseiten Stellenanzeigen geschaltet.“ Doch wie sich das in der Zukunft entwickele, könne sie momentan noch nicht sagen. „Wir hoffen natürlich auf mehr Bewerbungen, sodass wir so weiter machen können, wie es momentan der Fall ist.“ So oder so: Die Unternehmen sind sich einig, dass sich etwas ändern muss. „Es gibt ja schon jetzt große Lieferschwierigkeiten von Rohstoffmaterialien“, warnt etwa der Geschäftsführer des Mindener Logistikunternehmens. Seiner Einschätzung nach könne es passieren, dass „bald das eine oder andere Regal im Supermarkt leer bleibt“. Die Folgen, die das nach sich ziehen würde, lägen auf der Hand. Unter anderem würde damit das Marktgleichgewicht, also das Verhältnis von Angebot und Nachfrage, verändert werden. „Das lässt die Preise dann steigen“, ist er sicher. Gepaart mit den teurer werdenden Spritpreisen, die die Frachtpreise ansteigen lassen, könnten viele Endprodukte eine Inflation erfahren. „Das geht schneller, als man denkt.“ Lesen Sie auch Spurensuche: Gründe für den Fernfahrermangel

Weil Lkw-Fahrer fehlen: Regale könnten leer bleiben

Die Lieferzeiten vieler Rohstoffen sind länger denn je. Das hängt vor allem mit dem Fernfahrer-Mangel in Deutschland zusammen. Oft arbeiten hiesige Firmen deshalb mit osteuropäischen Subunternehmen zusammen. Foto: Imago © imago images/Arnulf Hettrich

Minden/Porta Westfalica. Die Herangehensweisen sind unterschiedlich. Einige versuchen es kreativ. „Sattelzug braucht Weggefährten.“ Andere setzen auf Humor. „Bezahlte Arbeit mit Sitzplatz in erster Reihe.“ Der Großteil aber probiert es pragmatisch. „Job gesucht? Gefunden.“ Egal, wie Unternehmen die Stellenausschreibungen für Fernfahrer auf dem Heck der Lastkraftwagen gestalten, sie alle eint große Not. Denn: Der Fachkräftemangel macht auch vor der Speditionsbranche nicht halt. Das bestätigten Geschäftsführer aus Minden und Porta Westfalica im Gespräch mit dem Mindener Tageblatt.

Es ist eine Entwicklung, die sich seit Jahren angekündigt hat. In Deutschland fehlen derzeit 60.000 bis 80.000 Lastkraftwagenfahrer. Jedes Jahr wird die Lücke um 15.000 größer. Denn: Während jährlich etwa 30.000 von ihnen in Rente gehen, liegt die Zahl der Nachwuchskräfte nur bei 15.000. In den anderen europäischen Ländern sieht das nicht anders aus. Hinzukommt, dass der durchschnittliche europäische Fernfahrer über 50 Jahre alt ist, oft sogar über 55 Jahre. „Ja, das ist leider der Trend. Das ist immer wieder ein Manko in der Branche“, sagt der Geschäftsführer eines Mindener Logistik-Unternehmens, der namentlich in diesem Bericht aber nicht genannt werden möchte.

Seiner Einschätzung nach hängt der Fahrermangel in Deutschland vor allem mit dem Aussetzen der Wehrpflicht zusammen. Zahlen des Binnenmarktausschuss des Europäischen Parlaments stützen seine Theorie. Demnach ist zwar die Bundeswehr mit etwa 10.000 Auszubildenden pro Jahr immer noch der größte Fachkräftebeschaffer der Branche. Als es die Wehrpflicht noch gab, wurden allerdings fast doppelt so viele Fahrer ausgebildet. Diese fehlen natürlich nun in der Gegenwart. Und zum Vergleich: Die größten deutschen Logistikunternehmen selbst bilden jeweils nur etwa 100 Fahrer pro Jahr aus.

Malina Reckordt

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Der Mindener selbst habe in seinem Unternehmen momentan noch keinen akuten Fahrermangel. „Wir arbeiten allerdings auch verstärkt mit Subunternehmen aus Osteuropa“, erklärt der Geschäftsführer. Er begründet die Entscheidung unter anderem mit der niedrigen Frachtrate, die von der Industrie gezahlt werde. Damit ist der Preis für den Transport von Frachtgut gemeint, mit dem sich deutsche Arbeitnehmer kaum noch ausreichend bezahlen lassen. „Außerdem ist die Arbeitsmoral hier im Land gefühlt längst nicht mehr so hoch wie etwa in Osteuropa“, nennt er einen weiteren Grund.

Auch das Unternehmen Meyer-Jumbo Logistics, das in Porta Westfalica-Nammen ansässig ist, ist von dem Berufskraftfahrer-Mangel noch nicht direkt betroffen. „Dennoch beobachten wir die aktuell angespannte Lage am Markt, die sich bei unveränderter Wirtschaftslage in naher Zukunft nicht verbessern wird“, sagt der geschäftsführende Gesellschafter Bernd Watermann auf MT-Anfrage. Doch auch wenn die Firma nicht direkt betroffen ist, könnte es früher oder später zu Einschränkungen kommen. Denn: Watermann verrät, dass er zuletzt vermehrt gehört hat, dass „Partner in unseren nationalen und internationalen Logistik-Netzwerken Probleme haben, ihre Fahrzeuge zu besetzen“. Es ist ein Schicksal, mit dem kaum ein Speditions- oder Logistikunternehmen in der Gegenwart alleine da steht.

Das weiß auch Luise Hallen. Sie ist angestellt bei Hölkemeier Spedition. Und wie sie auf MT-Anfrage bestätigt, ist das in Minden ansässige Unternehmen tatsächlich bereits vom Fahrermangel betroffen. „Wir sprechen da von zwei bis vier Fahrern“, erklärt sie. Noch sei das allerdings kein allzu großes Problem. „Aufgrund vieler Alternativen können wir das wieder auffangen und haben somit keine Umsatzeinbußen oder Touren, die wir absagen müssen. Unterstützung finden wir vor allem bei anderen Speditionen, dessen Fahrer wir bei uns einsetzen“, gewährt sie einen kleinen Einblick in die internen Abläufe.

Zu möglichen Umsatzeinbußen hat sich auch Bernd Watermann von Meyer-Jumbo geäußert. „Von unseren Stammkunden lehnen wir möglichst keine Aufträge ab. Wir informieren unsere Kunden regelmäßig über die aktuelle Situation und vereinbaren bei Bedarf längere Laufzeiten. Im Bereich der Charter-Verkehre, also den Zukauf von Fremd-Laderaum, kann es in Spitzenzeiten Engpässe geben“, erklärt er und verrät, dass seit einiger Zeit vermehrt auch Nachfragen von Neukunden eintrudeln, die „vermutlich nicht oder nicht mehr ausreichend Laderaum von ihren Logistik-Partnern erhalten“.

An eine baldige Besserung glaubt Watermann nicht. „Bei gleichbleibender Wirtschaftslage wird sich die Lage in den nächsten Jahren nicht verbessern. Zumal noch mehr Berufskraftfahrerinnen und -fahrer aus dem Markt ausscheiden, als neue dazukommen“, argumentiert der Geschäftsführer. Eine Verbesserung würde erst eintreten, wenn das Berufsbild des Berufskraftfahrers deutlich und kontinuierlich attraktiver gestaltet wird. Und etwa „die Arbeitszeitmodelle an Industriestandards auch im Sinne der Work-Life-Balance angepasst werden“, betont Bernd Watermann.

So lange das noch nicht der Fall ist, zählt für die Unternehmen jede einzelne Fachkraft. Das bekräftig auch Luise Hallen von Hölkemeier Speditionen: „Wir sind immer auf der Suche nach neuen Fahrern und haben über etliche Internetseiten Stellenanzeigen geschaltet.“ Doch wie sich das in der Zukunft entwickele, könne sie momentan noch nicht sagen. „Wir hoffen natürlich auf mehr Bewerbungen, sodass wir so weiter machen können, wie es momentan der Fall ist.“

So oder so: Die Unternehmen sind sich einig, dass sich etwas ändern muss. „Es gibt ja schon jetzt große Lieferschwierigkeiten von Rohstoffmaterialien“, warnt etwa der Geschäftsführer des Mindener Logistikunternehmens. Seiner Einschätzung nach könne es passieren, dass „bald das eine oder andere Regal im Supermarkt leer bleibt“. Die Folgen, die das nach sich ziehen würde, lägen auf der Hand. Unter anderem würde damit das Marktgleichgewicht, also das Verhältnis von Angebot und Nachfrage, verändert werden. „Das lässt die Preise dann steigen“, ist er sicher. Gepaart mit den teurer werdenden Spritpreisen, die die Frachtpreise ansteigen lassen, könnten viele Endprodukte eine Inflation erfahren. „Das geht schneller, als man denkt.“

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