Weihnachten in der Krise... Driving home for Christmas - unterwegs auf der A2 Henning Wandel Stille Nacht oder doch eher Last Christmas? Ich weiß, das ist mehr eine Glaubens- als eine Stilfrage. Persönlich wäre ich eher in der Mitte, also bei Irving Berlin und Bing Crosby. Dem alten Wham-Klassiker dagegen versuche ich jedes Jahr aufs Neue fast schon krampfhaft aus dem Weg zu gehen. Meistens endet der Versuch allerdings erfolglos schon vor dem Nikolaustag. Noch heimtückischer als das lediglich als Weihnachtslied verkleidete Last Christmas allerdings kommt ein anderer Klassiker daher: Driving home for Christmas. Ganz unschuldig trällert Chris Rea seinen Hit in bester Swing-Manier durch die Radios dieser Welt. Musikalisch passt das erstmal ganz gut in meine jazzige Weihnachts-Playlist, irgendwo zwischen Nat King Cole und Frank Sinatra. Und textlich ist das Ganze so platt, dass niemand argwöhnisch wird. Überall lächelnde Gesichter und so. Dabei verbirgt sich zwischen den Zeilen ein Zynismus, den nur versteht, wer eine West-Ost-Familie hat – also zu Weihnachten regelmäßig auf der A2 und dem Berliner Ring unterwegs ist, um die Verwandtschaft im – sagen wir mal – fernen Brandenburg zu besuchen. Denn viele der Menschen dort haben nach der Wende „rübergemacht“ (kein schönes Wort übrigens). Das Ergebnis ist noch heute in den Bevölkerungsstatistiken abzulesen. Und all diese Menschen wollen über die Feiertage wieder zu ihren Wurzeln zurück. Das ist natürlich völlig verständlich und irgendwie sogar ein sehr biblischer Ansatz, auch wenn es keinen Kaiser mehr gibt, der gerne seine Untertanen zählt. Aber wenn zigtausende mit Geschenken vollgestopfte Autos gleichzeitig in eine Richtung wollen, wird es eben voll auf den Straßen. Und dann kommt Chris Rea und tut so, als wäre die Heimfahrt zum Fest nicht mehr als ein entspannter Adventsspaziergang. Dabei ist die A2 schon an normalen Tagen eher eine Art Vorhölle, am 23. Dezember – kurz nach Feierabend – mutiert sie dann vollends zum Fegefeuer. Da kann Chris singen, was er will, er macht es nicht besser. Im Gegenteil. In diesem Jahr aber dürfte das alles anders sein. Wenn es eh keine großen Familienfeiern gibt, werden sich viele Menschen gar nicht erst auf den Weg machen. Wer es dennoch tut, kann vielleicht noch seinen Enkeln von der sagenhaft freien Autobahn erzählen, damals, im Winter 20/21. Die Gelegenheit würde ich nur zu gerne nutzen. Und das nicht nur, weil in der Lausitz die Chance auf Schnee größer ist als in Ostwestfalen. Wir werden in diesem Jahr trotzdem auf Abstand bleiben, ich muss mich also weder über Staus, noch über Chris Rea ärgern. Freuen kann ich mich darüber trotzdem nicht. Die gegenseitigen Besuche sind allein schon wegen der Entfernung selten, ein Wiedersehen wäre so langsam also wirklich an der Zeit gewesen. Und ganz ehrlich: Irgendwie gehört auch diese vermaledeite Autofahrt zu Weihnachten. Ein Ritual, das zwar jedes Mal nervt, und doch fehlt, wenn es einmal ausbleibt. Genau wie die fürchterlichen Ohrwürmer von Wham und Chris Rea.

Weihnachten in der Krise... Driving home for Christmas - unterwegs auf der A2

© Dorothee Meinhardt

Stille Nacht oder doch eher Last Christmas? Ich weiß, das ist mehr eine Glaubens- als eine Stilfrage. Persönlich wäre ich eher in der Mitte, also bei Irving Berlin und Bing Crosby. Dem alten Wham-Klassiker dagegen versuche ich jedes Jahr aufs Neue fast schon krampfhaft aus dem Weg zu gehen. Meistens endet der Versuch allerdings erfolglos schon vor dem Nikolaustag.

Noch heimtückischer als das lediglich als Weihnachtslied verkleidete Last Christmas allerdings kommt ein anderer Klassiker daher: Driving home for Christmas. Ganz unschuldig trällert Chris Rea seinen Hit in bester Swing-Manier durch die Radios dieser Welt. Musikalisch passt das erstmal ganz gut in meine jazzige Weihnachts-Playlist, irgendwo zwischen Nat King Cole und Frank Sinatra. Und textlich ist das Ganze so platt, dass niemand argwöhnisch wird. Überall lächelnde Gesichter und so. Dabei verbirgt sich zwischen den Zeilen ein Zynismus, den nur versteht, wer eine West-Ost-Familie hat – also zu Weihnachten regelmäßig auf der A2 und dem Berliner Ring unterwegs ist, um die Verwandtschaft im – sagen wir mal – fernen Brandenburg zu besuchen.

Denn viele der Menschen dort haben nach der Wende „rübergemacht“ (kein schönes Wort übrigens). Das Ergebnis ist noch heute in den Bevölkerungsstatistiken abzulesen. Und all diese Menschen wollen über die Feiertage wieder zu ihren Wurzeln zurück. Das ist natürlich völlig verständlich und irgendwie sogar ein sehr biblischer Ansatz, auch wenn es keinen Kaiser mehr gibt, der gerne seine Untertanen zählt. Aber wenn zigtausende mit Geschenken vollgestopfte Autos gleichzeitig in eine Richtung wollen, wird es eben voll auf den Straßen.

Und dann kommt Chris Rea und tut so, als wäre die Heimfahrt zum Fest nicht mehr als ein entspannter Adventsspaziergang. Dabei ist die A2 schon an normalen Tagen eher eine Art Vorhölle, am 23. Dezember – kurz nach Feierabend – mutiert sie dann vollends zum Fegefeuer. Da kann Chris singen, was er will, er macht es nicht besser. Im Gegenteil.

In diesem Jahr aber dürfte das alles anders sein. Wenn es eh keine großen Familienfeiern gibt, werden sich viele Menschen gar nicht erst auf den Weg machen. Wer es dennoch tut, kann vielleicht noch seinen Enkeln von der sagenhaft freien Autobahn erzählen, damals, im Winter 20/21.

Die Gelegenheit würde ich nur zu gerne nutzen. Und das nicht nur, weil in der Lausitz die Chance auf Schnee größer ist als in Ostwestfalen. Wir werden in diesem Jahr trotzdem auf Abstand bleiben, ich muss mich also weder über Staus, noch über Chris Rea ärgern. Freuen kann ich mich darüber trotzdem nicht. Die gegenseitigen Besuche sind allein schon wegen der Entfernung selten, ein Wiedersehen wäre so langsam also wirklich an der Zeit gewesen.

Und ganz ehrlich: Irgendwie gehört auch diese vermaledeite Autofahrt zu Weihnachten. Ein Ritual, das zwar jedes Mal nervt, und doch fehlt, wenn es einmal ausbleibt. Genau wie die fürchterlichen Ohrwürmer von Wham und Chris Rea.

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