Späte Einsicht - das Privileg, Familie zu haben Nina Könemann Minden. Mag sein, dass Sie sich noch an einen kleinen Wutausbruch meinerseits aus dem Frühjahr erinnern. Darüber, wie gruselig doch so ein Lockdown mit zwei kleinen Kindern ist, wie sehr ich das Alleinsein vermisse und wie unfassbar aggressiv mich Instagram-Bilder von Power-Muttis machen. Der damalige Text enthielt immerhin genug Kraftausdrücke, als dass mich Kollegen freundlich darauf hinwiesen, welche Wörter man so gemeinhin denken kann, aber nicht unbedingt zu Papier bringen muss. Noch dazu Zehntausendfach. Nun ist das nicht unbedingt meine herausstechendste Eigenschaft, aber ich kann Ihnen mitteilen: Ich habe meinen Frieden gemacht. Mit der Situation und auch mit meiner Familie. Denn beim Blick über den Tellerrand musste ich feststellen: Eigentlich gibt es kein Lebensstadium, das gerade besser ist, als kleine Kinder zu haben. Im Gegensatz zu den meisten anderen Menschen verpasse ich wenig bis nichts. Mit einem Baby ist der Aktionsradius ohnehin eingeschränkt, Einsamkeit ist kein Problem. Im Zweifel ist immer jemand da, der sich über Aufmerksamkeit freut. Meiner Schwester und auch meiner Schwägerin geht das gerade grundlegend anders. Beide leben in größeren Städten in WGs, haben einen Job und sind Ende 20. Beide würden ihre Abende normalerweise mit Freunden verbringen, mit Essen gehen, Partys, Geselligkeit. Stattdessen sitzen sie seit Monaten im Home-Office und schleppen sich tagein tagaus vom Bett zum Rechner zurück ins Bett. Das Highlight des Tages: Nach Feierabend im Dunkeln zum nächsten Supermarkt gehen. Ansonsten sehen sie sieben Tage in der Woche das gleiche Zimmer, Gesellschaft gibt es nur auf dem Bildschirm. Meine Schwägerin sagte dazu nur: „Ich vermisse gerade so vieles, vor allem Umarmungen.“ Ich habe es nicht gefragt, vermute aber, dass tindern in so einer Pandemie auch nicht zum guten Ton gehört. Es ist trostlos. Das Gespräch mit meiner Schwägerin öffnete mir in jedem Fall die Augen. Denn auch wenn ich manchmal schwer genervt bin, kann ich meine Kinder doch immer und jederzeit knuddeln. Und selbst wenn wir irgendwann wieder in der kompletten Kontaktsperre sitzen, habe ich drei Menschen in meinem Haushalt, die mich ertragen müssen. Egal, wie schlecht meine Laune ist oder wie gruselig ich morgens im Schlafanzug aussehe. Was mir oft wie ein zu enger Käfig vorkommt, ist für andere vermutlich Luxus pur. Mein Vorsatz für 2021 lautet also: Öfter mal über den Tellerrand schauen. Viele wären sicherlich froh, wenn sie nicht allein zu Hause, im Altenheim oder in einer fremden Stadt sitzen müssten. Ich habe schon nach dem Aufstehen mehr persönlichen Kontakt als sie in einer ganzen Woche. Also: Ich habe meinen Frieden gemacht. Zumindest weitestgehend. Nur die fehlenden Weihnachtsmärkte werde ich nicht so schnell überwinden...

Späte Einsicht - das Privileg, Familie zu haben

© Alex Lehn

Minden. Mag sein, dass Sie sich noch an einen kleinen Wutausbruch meinerseits aus dem Frühjahr erinnern. Darüber, wie gruselig doch so ein Lockdown mit zwei kleinen Kindern ist, wie sehr ich das Alleinsein vermisse und wie unfassbar aggressiv mich Instagram-Bilder von Power-Muttis machen. Der damalige Text enthielt immerhin genug Kraftausdrücke, als dass mich Kollegen freundlich darauf hinwiesen, welche Wörter man so gemeinhin denken kann, aber nicht unbedingt zu Papier bringen muss. Noch dazu Zehntausendfach.

Nun ist das nicht unbedingt meine herausstechendste Eigenschaft, aber ich kann Ihnen mitteilen: Ich habe meinen Frieden gemacht. Mit der Situation und auch mit meiner Familie. Denn beim Blick über den Tellerrand musste ich feststellen: Eigentlich gibt es kein Lebensstadium, das gerade besser ist, als kleine Kinder zu haben. Im Gegensatz zu den meisten anderen Menschen verpasse ich wenig bis nichts. Mit einem Baby ist der Aktionsradius ohnehin eingeschränkt, Einsamkeit ist kein Problem. Im Zweifel ist immer jemand da, der sich über Aufmerksamkeit freut.

Meiner Schwester und auch meiner Schwägerin geht das gerade grundlegend anders. Beide leben in größeren Städten in WGs, haben einen Job und sind Ende 20. Beide würden ihre Abende normalerweise mit Freunden verbringen, mit Essen gehen, Partys, Geselligkeit. Stattdessen sitzen sie seit Monaten im Home-Office und schleppen sich tagein tagaus vom Bett zum Rechner zurück ins Bett. Das Highlight des Tages: Nach Feierabend im Dunkeln zum nächsten Supermarkt gehen. Ansonsten sehen sie sieben Tage in der Woche das gleiche Zimmer, Gesellschaft gibt es nur auf dem Bildschirm. Meine Schwägerin sagte dazu nur: „Ich vermisse gerade so vieles, vor allem Umarmungen.“ Ich habe es nicht gefragt, vermute aber, dass tindern in so einer Pandemie auch nicht zum guten Ton gehört. Es ist trostlos.

Das Gespräch mit meiner Schwägerin öffnete mir in jedem Fall die Augen. Denn auch wenn ich manchmal schwer genervt bin, kann ich meine Kinder doch immer und jederzeit knuddeln. Und selbst wenn wir irgendwann wieder in der kompletten Kontaktsperre sitzen, habe ich drei Menschen in meinem Haushalt, die mich ertragen müssen. Egal, wie schlecht meine Laune ist oder wie gruselig ich morgens im Schlafanzug aussehe. Was mir oft wie ein zu enger Käfig vorkommt, ist für andere vermutlich Luxus pur.

Mein Vorsatz für 2021 lautet also: Öfter mal über den Tellerrand schauen. Viele wären sicherlich froh, wenn sie nicht allein zu Hause, im Altenheim oder in einer fremden Stadt sitzen müssten. Ich habe schon nach dem Aufstehen mehr persönlichen Kontakt als sie in einer ganzen Woche. Also: Ich habe meinen Frieden gemacht. Zumindest weitestgehend. Nur die fehlenden Weihnachtsmärkte werde ich nicht so schnell überwinden...

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