Weihnachten in der Krise - Lange Nächte mit Mai Monika Jäger Minden. Mein Handy muss jetzt nachts im Wohnzimmer schlafen – Mai Lab ist Schuld. Und Viva La Dirt League und die Corridor Crew. Die strudeln mich nämlich weg, wenn ich nachts wach werde und nur kurz und nur ein bisschen zur Ablenkung das tue, was früher mal „im Internet surfen" hieß. Surfen – von wegen. Das suggeriert doch, dass man die Kräfte der Natur bändigt und seinen eigenen Weg zwischen Wellenbergen sucht. Tatsächlich ist es aber eher so, als wenn Anglerfische mit mir Fangen spielen. Der Algorithmus des „Guck mal, sowas gefällt dir, dann magst du bestimmt das hier auch" zieht mich in die Tiefen des Meeres der unendlichen Information. Ein paar Experten, die die Tricks der Kinomacher auseinandernehmen, oder eine US-amerikanische Sängerin, die bekannte Songs zig Mal von Google übersetzen lässt und das Ergebnis dann zur Originalmelodie singt: Nein, das gehört nicht zu den notwendigen Dingen des Lebens. Aber es macht Spaß. Leider bin ich anfällig dafür, einfach immer weiter zu machen. Und so kommt auf das „bin mal gerade aufgewacht" schnell ein „habe grade eine Stunde weitgehend sinnbefreit ins Handy geschaut." Beim Internet-Shoppen ist das ähnlich, und da weiß ich längst, was mich lockt und was ich vermeiden sollte. Spezielle Empfehlungen einer Plattform lassen mich kalt. Mich fängt stattdessen sowas wie „andere, die diesen USB-Stick gekauft haben, haben sich das hier auch angesehen." Dabei gibt es doch kaum was Nutzloseres: Warum sollte mich das Lan-Kabel interessieren, das Johny B. gekauft hat? Aber dann überlege ich, ob Johnny vielleicht auch gerade einen neuen Computer hat oder im Home Office bessere Verbindung zu seinem Router braucht. Mit Einkaufen hat das nun wirklich nichts mehr zu tun. Und so kann auch Internet-Shoppen am Marianengraben in den Tiefen der Weltmeere enden. Noch nicht mal bei der Suche nach Weihnachtsgeschenken hilft das Trudeln im Informationsstrom. Früher, da wusste ich, was Freude bereitet, denn da habe ich öfter und ungeplant mit allen reden können. Dieses Jahr war das anders. Und so klicke ich mich nachts per Handy im Bett durch Empfehlungen und Links und finde doch nichts. Woher auch. wie soll der Algorithmus wissen, was das Besondere an denen ist, die ich beschenken möchte? Sinnfreies Klicken frustet. Und so gehe ich zurück zu Mai Thi Nguyen-Kim auf Youtube, dann zu den drei Australiern, die Mechanismen in Computerspielen satirisch überzeichnen, zum Aufritt des Nilpferds bei „The Masked Singer", und Moment, da ist was Neues bei Kurzgesagt, dem Erklär-Channel. Ob ich mir dann noch ansehen sollte, wie der Zaubertrick mit der zersägen Frau funktioniert? Es gibt gute Gründe, warum mein Handy jetzt im Wohnzimmer schlafen muss. Oh Moment. Vorher muss ich gerade noch einen Wecker besorgen. Schnell mal im Web schauen!

Weihnachten in der Krise - Lange Nächte mit Mai

© Illustration: Alex Lehn

Minden. Mein Handy muss jetzt nachts im Wohnzimmer schlafen – Mai Lab ist Schuld. Und Viva La Dirt League und die Corridor Crew. Die strudeln mich nämlich weg, wenn ich nachts wach werde und nur kurz und nur ein bisschen zur Ablenkung das tue, was früher mal „im Internet surfen" hieß. Surfen – von wegen. Das suggeriert doch, dass man die Kräfte der Natur bändigt und seinen eigenen Weg zwischen Wellenbergen sucht. Tatsächlich ist es aber eher so, als wenn Anglerfische mit mir Fangen spielen. Der Algorithmus des „Guck mal, sowas gefällt dir, dann magst du bestimmt das hier auch" zieht mich in die Tiefen des Meeres der unendlichen Information.

Ein paar Experten, die die Tricks der Kinomacher auseinandernehmen, oder eine US-amerikanische Sängerin, die bekannte Songs zig Mal von Google übersetzen lässt und das Ergebnis dann zur Originalmelodie singt: Nein, das gehört nicht zu den notwendigen Dingen des Lebens. Aber es macht Spaß. Leider bin ich anfällig dafür, einfach immer weiter zu machen. Und so kommt auf das „bin mal gerade aufgewacht" schnell ein „habe grade eine Stunde weitgehend sinnbefreit ins Handy geschaut."

Beim Internet-Shoppen ist das ähnlich, und da weiß ich längst, was mich lockt und was ich vermeiden sollte. Spezielle Empfehlungen einer Plattform lassen mich kalt. Mich fängt stattdessen sowas wie „andere, die diesen USB-Stick gekauft haben, haben sich das hier auch angesehen." Dabei gibt es doch kaum was Nutzloseres: Warum sollte mich das Lan-Kabel interessieren, das Johny B. gekauft hat? Aber dann überlege ich, ob Johnny vielleicht auch gerade einen neuen Computer hat oder im Home Office bessere Verbindung zu seinem Router braucht. Mit Einkaufen hat das nun wirklich nichts mehr zu tun. Und so kann auch Internet-Shoppen am Marianengraben in den Tiefen der Weltmeere enden.

Noch nicht mal bei der Suche nach Weihnachtsgeschenken hilft das Trudeln im Informationsstrom. Früher, da wusste ich, was Freude bereitet, denn da habe ich öfter und ungeplant mit allen reden können. Dieses Jahr war das anders. Und so klicke ich mich nachts per Handy im Bett durch Empfehlungen und Links und finde doch nichts. Woher auch. wie soll der Algorithmus wissen, was das Besondere an denen ist, die ich beschenken möchte?

Sinnfreies Klicken frustet. Und so gehe ich zurück zu Mai Thi Nguyen-Kim auf Youtube, dann zu den drei Australiern, die Mechanismen in Computerspielen satirisch überzeichnen, zum Aufritt des Nilpferds bei „The Masked Singer", und Moment, da ist was Neues bei Kurzgesagt, dem Erklär-Channel. Ob ich mir dann noch ansehen sollte, wie der Zaubertrick mit der zersägen Frau funktioniert?

Es gibt gute Gründe, warum mein Handy jetzt im Wohnzimmer schlafen muss. Oh Moment. Vorher muss ich gerade noch einen Wecker besorgen. Schnell mal im Web schauen!

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