Weihnachten in der Krise: Gedanken an den ersten Schnee Monika Jäger „Der Himmel wird gerade so bleigrau. Ob es gleich schneit?“, tickere ich einem Freund per Telegram. Der sitzt in Berlin, da, wo gerade die Corona-Zahlen explodieren. Es ist Sonntagmittag, eigentlich wäre Geburtstagsbrunch, aber naja. „Wir hatten hier Anfang der Woche ein paar Flocken“, bekomme ich zurück. Den Smalltalk per Handyapp ergänze ich – taktlos, wie sich zeigt – mit „dann wäre ich gleich mal weg: Schneespaziergang“. Während ich vor meinem inneren Auge „Glacis“ sehe, schaut er aus dem Fenster auf eine eng bebaute Innenstadt. Merke: Schneematsch macht keine gute Laune. Der erste Schnee, das ist ja sowieso eines dieser Dinge, mit denen die romantisch verklärte Jahresendidylle gerne mal weiß überzuckert wird. Tatsächlich gibt es die außer in Weihnachtsliedern und in der Werbung hier im Norden von Nordrhein-Westfalen ja nun aber mal eher nicht. Passt irgendwie zum Jahr, dass draußen gerade bestenfalls Nadeln von zu früh geschlagenen Tannenbäumen rieseln. Denn – das belegen die Zahlen des Deutschen Wetterdienstes – es wird immer wärmer. 1,4 Grad war es im Mittel für Deutschland, knapp drei Grad sogar in NRW – wenn man auf das vergangene Jahrhundert blickt. Von seltenen Ausreißern wie 1978/79 mal abgesehen, können wir gut ohne Wintermantel durch den im Schnitt zehn Grad warmen Dezember spazieren. In meinem Gärtchen blühen immer noch ein paar trotzige Rosen. Wenn Weihnachten da eine knospt, wäre das niemals das im Lied besungene Wunder. In meiner Fotokiste habe ich noch ein paar Bilder von einem Ausflug auf den Rodelberg neben dem Fernsehturm. Wir sind da zu fünft, 16 oder 17 Jahre alt, haben tatsächlich zwei Schlitten dabei, aber Schnee ist da so gut wie nicht zu sehen. War wohl ein Schnee-Such-Ausflug . Mein Handgelenk habe ich mal angebrochen, als ich im Glacis rodeln war, so mit zehn. Da ging es die Wege runter, quer durch Bäume und Gebüsch. Selten so viel Angst gehabt: Würden wir es schaffen, allem auszuweichen? Verletzt habe ich mich allerdings beim Heimweg, bin ausgerutscht. Und dann war da noch dieser Winter, wo alle auf dem dick zugefrorenen Schwanenteich Schlittschuh gelaufen sind. Eisige Zehen, zu kleine Schuhe, Blasen: Vergessen. Voll im Kopf: Das Bild, wie ich gebückt unter einer der Brücken durchsauste. An besondere Nachmittage in tristen, grauen Wintern erinnere ich mich hingegen nicht. Meine wenigen echten Schnee-Erlebnisse werden in der Rückschau eine Dauerschleife von Dezemberträumen. So funktioniert Erinnerung nun einmal. Vielleicht ist das ein Glück. Ich habe mir vorgenommen, das zu nutzen. Ich werde in diesem Dezember Schönes tun, das später meinen aktuellen Ausnahme-Alltag überdeckt. Wie zum Beispiel dieser digitale Geburtstagsbrunch mit Verwandten und Freunden. Da können wir dann in drei Jahren sagen: „Weißt du noch, wie wir damals gefeiert haben?“ Und vielleicht wird das in der Rückschau dann auch was Besonderes. Wie der erste Schnee – der übrigens dann doch nicht kam.

Weihnachten in der Krise: Gedanken an den ersten Schnee

Illustration: Alex Lehn © Alex Lehn

„Der Himmel wird gerade so bleigrau. Ob es gleich schneit?“, tickere ich einem Freund per Telegram. Der sitzt in Berlin, da, wo gerade die Corona-Zahlen explodieren. Es ist Sonntagmittag, eigentlich wäre Geburtstagsbrunch, aber naja. „Wir hatten hier Anfang der Woche ein paar Flocken“, bekomme ich zurück. Den Smalltalk per Handyapp ergänze ich – taktlos, wie sich zeigt – mit „dann wäre ich gleich mal weg: Schneespaziergang“. Während ich vor meinem inneren Auge „Glacis“ sehe, schaut er aus dem Fenster auf eine eng bebaute Innenstadt. Merke: Schneematsch macht keine gute Laune.

Der erste Schnee, das ist ja sowieso eines dieser Dinge, mit denen die romantisch verklärte Jahresendidylle gerne mal weiß überzuckert wird. Tatsächlich gibt es die außer in Weihnachtsliedern und in der Werbung hier im Norden von Nordrhein-Westfalen ja nun aber mal eher nicht. Passt irgendwie zum Jahr, dass draußen gerade bestenfalls Nadeln von zu früh geschlagenen Tannenbäumen rieseln.

Denn – das belegen die Zahlen des Deutschen Wetterdienstes – es wird immer wärmer. 1,4 Grad war es im Mittel für Deutschland, knapp drei Grad sogar in NRW – wenn man auf das vergangene Jahrhundert blickt. Von seltenen Ausreißern wie 1978/79 mal abgesehen, können wir gut ohne Wintermantel durch den im Schnitt zehn Grad warmen Dezember spazieren. In meinem Gärtchen blühen immer noch ein paar trotzige Rosen. Wenn Weihnachten da eine knospt, wäre das niemals das im Lied besungene Wunder.

In meiner Fotokiste habe ich noch ein paar Bilder von einem Ausflug auf den Rodelberg neben dem Fernsehturm. Wir sind da zu fünft, 16 oder 17 Jahre alt, haben tatsächlich zwei Schlitten dabei, aber Schnee ist da so gut wie nicht zu sehen. War wohl ein Schnee-Such-Ausflug .

Mein Handgelenk habe ich mal angebrochen, als ich im Glacis rodeln war, so mit zehn. Da ging es die Wege runter, quer durch Bäume und Gebüsch. Selten so viel Angst gehabt: Würden wir es schaffen, allem auszuweichen? Verletzt habe ich mich allerdings beim Heimweg, bin ausgerutscht. Und dann war da noch dieser Winter, wo alle auf dem dick zugefrorenen Schwanenteich Schlittschuh gelaufen sind. Eisige Zehen, zu kleine Schuhe, Blasen: Vergessen. Voll im Kopf: Das Bild, wie ich gebückt unter einer der Brücken durchsauste. An besondere Nachmittage in tristen, grauen Wintern erinnere ich mich hingegen nicht. Meine wenigen echten Schnee-Erlebnisse werden in der Rückschau eine Dauerschleife von Dezemberträumen.

So funktioniert Erinnerung nun einmal. Vielleicht ist das ein Glück. Ich habe mir vorgenommen, das zu nutzen. Ich werde in diesem Dezember Schönes tun, das später meinen aktuellen Ausnahme-Alltag überdeckt. Wie zum Beispiel dieser digitale Geburtstagsbrunch mit Verwandten und Freunden. Da können wir dann in drei Jahren sagen: „Weißt du noch, wie wir damals gefeiert haben?“ Und vielleicht wird das in der Rückschau dann auch was Besonderes. Wie der erste Schnee – der übrigens dann doch nicht kam.

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