Weihnachten in der Krise: „... Weise gehen in den Garten“ Ursula Koch „Narren hasten, Kluge warten, Weise gehen in den Garten.“ Den letzten Teil dieses dem indischen Dichter und Philosophen Tagore zugeschriebene Zitats, das aber wohl von dem deutschen Autor und Kabarettisten Joachim Ringelnatz stammt, kann man wunderbar auf die Phasen von Lockdown und Teil-Lockdown übertragen. Die Aerosole fordern geradezu, nach draußen zu gehen. Viele Menschen tun das offenbar auch: Allein in Minden gibt es sieben Kleingartenanlagen mit rund 450 Mitgliedern. Von den Privatgärten einmal ganz abgesehen. Im Frühling waren daher die Gartencenter so voll, wie kürzlich am Black Friday die Elektronikmärkte. Das allerdings ist mit Blick auf das Infektionsrisiko nicht gerade die weiseste Entscheidung. Aber geschenkt – die Welle im Frühjahr wurde ja rechtzeitig gebrochen. Ende Mai jedenfalls sagte die Mitarbeiterin einer Baumschule, dass sie kaum noch Pflanzen anbieten könne, weil im Frühjahr das meiste verkauft worden sei. Trampoline und Planschbecken fanden in diesem Sommer ebenso reißenden Absatz. Und jetzt scheint es die Weihnachtsdeko zu sein: Mir und einer Kollegin kommt es so vor, als würden in diesem Jahr deutlich mehr Gärten in der Dunkelheit leuchten. Die Sehnsucht nach dem Garten ist so alt wie die Menschheit. Das Paradies wird als Garten Eden bezeichnet. Schon im Alten Ägypten wurde Gartenbau betrieben und die Hängenden Gärten der Königin Semiramis zählen zu den sieben Weltwundern der Antike und beflügeln bis heute die Fantasie von Künstlern. In Pompeji haben die Archäologen 625 Gärten ausgegraben. Seit Jahrhunderten sucht der Mensch die Natur zu zähmen und sich nach seinen Bedürfnissen zu gestalten. Ich würde ja auch gerne – daran hindern mich zur Zeit allerdings noch die Betonfundamente zweier Garagen und das davor verlegte Pflaster. Die Abbruchunternehmer sind aktuell aber ebenfalls ausgelastet, so dass meine ersten gärtnerischen Übungen noch ein wenig warten müssen. Aber Freiraum immerhin doch, den wir für Treffen mit Freunden (selbstverständlich immer nur ein Haushalt) entdeckt haben. Dann wird eben unterm Carport gegrillt. Mit Lammfellen auf den Stühlen, Decken über den Knien, dem Klima zuliebe besser mit einer Wärmflasche als unterm Heizpilz, und einem Becher Glühwein in der Hand lässt sich das auch zu dieser Jahreszeit eine Weile aushalten. Das halten wir mit meiner Familie seit März auch schon so: Bei Treffen mit unseren Eltern, beide in den 80ern, wird der Garten zum Wohnzimmer. Das lässt sich nicht immer widerspruchsfrei mit christlichen Traditionen vereinbaren. Aber wenn die Wetterprognose für Karfreitag nun mal besser ist, als für Ostersonntag, muss man eben flexibel sein. Alles geht nicht. Die Gesundheit meiner Eltern ist mir dann deutlich wichtiger. Nur: Ein Weihnachtsessen im Garten – das kann auch ich mir nicht so richtig vorstellen, auch wenn es die weisere Lösung wäre . . .

Weihnachten in der Krise: „... Weise gehen in den Garten“

© Alex Lehn

„Narren hasten, Kluge warten, Weise gehen in den Garten.“ Den letzten Teil dieses dem indischen Dichter und Philosophen Tagore zugeschriebene Zitats, das aber wohl von dem deutschen Autor und Kabarettisten Joachim Ringelnatz stammt, kann man wunderbar auf die Phasen von Lockdown und Teil-Lockdown übertragen. Die Aerosole fordern geradezu, nach draußen zu gehen.

Viele Menschen tun das offenbar auch: Allein in Minden gibt es sieben Kleingartenanlagen mit rund 450 Mitgliedern. Von den Privatgärten einmal ganz abgesehen. Im Frühling waren daher die Gartencenter so voll, wie kürzlich am Black Friday die Elektronikmärkte. Das allerdings ist mit Blick auf das Infektionsrisiko nicht gerade die weiseste Entscheidung. Aber geschenkt – die Welle im Frühjahr wurde ja rechtzeitig gebrochen. Ende Mai jedenfalls sagte die Mitarbeiterin einer Baumschule, dass sie kaum noch Pflanzen anbieten könne, weil im Frühjahr das meiste verkauft worden sei. Trampoline und Planschbecken fanden in diesem Sommer ebenso reißenden Absatz. Und jetzt scheint es die Weihnachtsdeko zu sein: Mir und einer Kollegin kommt es so vor, als würden in diesem Jahr deutlich mehr Gärten in der Dunkelheit leuchten.

Die Sehnsucht nach dem Garten ist so alt wie die Menschheit. Das Paradies wird als Garten Eden bezeichnet. Schon im Alten Ägypten wurde Gartenbau betrieben und die Hängenden Gärten der Königin Semiramis zählen zu den sieben Weltwundern der Antike und beflügeln bis heute die Fantasie von Künstlern. In Pompeji haben die Archäologen 625 Gärten ausgegraben.

Seit Jahrhunderten sucht der Mensch die Natur zu zähmen und sich nach seinen Bedürfnissen zu gestalten. Ich würde ja auch gerne – daran hindern mich zur Zeit allerdings noch die Betonfundamente zweier Garagen und das davor verlegte Pflaster. Die Abbruchunternehmer sind aktuell aber ebenfalls ausgelastet, so dass meine ersten gärtnerischen Übungen noch ein wenig warten müssen.

Aber Freiraum immerhin doch, den wir für Treffen mit Freunden (selbstverständlich immer nur ein Haushalt) entdeckt haben. Dann wird eben unterm Carport gegrillt. Mit Lammfellen auf den Stühlen, Decken über den Knien, dem Klima zuliebe besser mit einer Wärmflasche als unterm Heizpilz, und einem Becher Glühwein in der Hand lässt sich das auch zu dieser Jahreszeit eine Weile aushalten.

Das halten wir mit meiner Familie seit März auch schon so: Bei Treffen mit unseren Eltern, beide in den 80ern, wird der Garten zum Wohnzimmer. Das lässt sich nicht immer widerspruchsfrei mit christlichen Traditionen vereinbaren. Aber wenn die Wetterprognose für Karfreitag nun mal besser ist, als für Ostersonntag, muss man eben flexibel sein. Alles geht nicht. Die Gesundheit meiner Eltern ist mir dann deutlich wichtiger. Nur: Ein Weihnachtsessen im Garten – das kann auch ich mir nicht so richtig vorstellen, auch wenn es die weisere Lösung wäre . . .

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