Wasserdicht im Zeitplan: Das ist der aktuelle Stand beim Projekt am Deichhof Monika Jäger Minden. Andere Baustellen in der Stadt sind außerhalb des Zeitplans: Die Corona-Krise hat Lieferzeiten verlängert und Arbeitscrews auseinandergerissen. Am Deichhof hingegen läuft alles weitgehend problemlos, sagt Marc Pierro. Er ist Koordinator für das Stiftungshaus, das dort zurzeit entsteht. Dabei hatte auch er es mit jeder Menge Unwägbarkeiten zu tun: „Man rechnet mit Vielem und weiß, was kommt. Aber wie lange zum Beispiel die Archäologen brauchen, war keinem klar." Was sich an so einer zentralen Stelle der Mindener Siedlungsgeschichte im Boden findet, kann vorher niemand wissen. Wie lange der Kampfmittelräumdienst brauchen würde, und ob hier vielleicht sogar Blindgänger liegen, auch das unklar. Doch in dieser Woche – ein Jahr, nachdem die Baugenehmigung erteilt wurde – sagt Pierro. „Das Datum passt noch." Eines hat Corona aber doch verändert: Es gab keine Grundsteinlegung und es ist kein Richtfest geplant. Eine Zeit zum Feiern sei das ja nicht gerade, findet Pierro. Die Baustelle begeistert ihn dennoch. Wenn er davon erzählt, sind es vor allem drei Dinge, auf die er immer wieder zurück kommt: auf die verständnisvollen Nachbarn, die archäologischen Erkenntnisse und die Besonderheiten der Baugrube. Denn ein einfaches Projekt ist das hier nicht. Erst kam, wie bei Baustellen in der Stadt üblich, der Kampfmittelräumdienst. Das war im Frühsommer vergangenen Jahres. 956 Bohrungen nahmen die Experten aus Arnsberg auf dem 1.500 Quadratmeter großen Gelände vor. Rund 30 Verdachtsfälle wurden geprüft. Dann musste die Baugrube wasserdicht gemacht werden, denn die besonderen Verhältnisse an dieser Stelle der Stadt machen das Arbeiten in der Tiefe von bis zu vier Metern kompliziert. Hier floss dereinst der Stadtbach, und bis heute sind Grundwasser und Torf ein Thema. Also musste die Baugrube komplett abgedichtet werden. Bloß wie? Eine holländische Fachfirma übernahm und erstellte mit einem Spezialverfahren die umlaufende Betonwand aus einem Boden-Zement Mörtel und Stahlträgern als Bewehrung. Der Vorteil, so Pierro: Das Verfahren sei deutlich leiser und erschütterungsfreier als die Alternativen, etwa das Rammen einer Spundwand. Danach kamen die Archäologen. Und die brauchten tatsächlich länger als erwartet. Insgesamt neun Monate waren sie an dieser Stelle aktiv. Dabei entdeckten sie eine Fülle von interessanten Objekten und schrieben am Ende einen Teil der Stadtgeschichte neu. Sie kamen im Januar, nachdem die ersten Bodenschichten abgetragen waren, und nochmal ab April, als die Grube ausgehoben worden war. Zudem entstanden hier über 100 Betonpfeiler, die elf Meter tief in den Boden ragen. Auf diesen würde die Grundplatte des Gebäudes ruhen. Dann wurden Stahlträger und Rohren an die umgebende Schutzwand geschweißt, um sie für die Aushubarbeiten zu stabilisieren.  Was Pierro besonders freut: Offensichtlich hätten die Bemühungen gefruchtet, alle Nachbarn möglichst wenig zu belasten und sie umfassend zu informieren. Selbst als zwei Wochen lang die oberen Teile der Bohrpfeiler abgekniffen wurden und viel Lärm entstanden sei, habe sich nur ein Anwohner gemeldet. Auch bei der Infoveranstaltung in der Birke im vergangenen Jahr habe er „viel Gegenwind" erwartet. Doch der sei aus geblieben. Seit Mitte Juli haben die Arbeiten zum Rohbau begonnen. „Jetzt", sagt Pierro, „haben wir das Schwierigste hinter uns." Was soll entstehen Die RS Stiftungshaus Deichhof errichtet das Wohn- und Familienzentrum auf dem früheren Parkplatz. Vier Geschosse und ein leicht zurückliegendes Staffelgeschoss wird das Gebäude hoch. Es hat eine Nutzfläche von 4.000 Quadratmetern, verfügt unter anderem über ein Mutter-Kind Zentrum mit neun Appartements und acht Wohnungen unterschiedlicher Größe. Es soll rund zur Hälfte von vielfältigen Sozialen Diensten genutzt werden. Die RS Stiftungshaus Deichhof GbR ist vor einiger Zeit aus der Günther+Rita Rudloff-Stiftung und der Dr.Hans Joachim+Christa Strothmann Stiftung hervorgegangen, die sich für soziale Zwecke einsetzen. Mit der Idee, ein Haus zu errichten, das Angebote für Familien bietet, setzte sich die Rudloff-Stiftung damals gegen Mitbewerber durch, die dort ein Mehrgenerationenhaus errichten wollten. Holzböden und Rittersporen Archäologen untersuchten seit vergangenem Sommer in Abstimmung mit dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) das Gelände nördlich der Bäckerstraße unterhalb der Marienkirche. Von September bis Anfang Dezember 2020 legte eine Fachfirma im Auftrag des LWL mittelalterliche Mauerreste frei. Sie entdeckten Gebäudegrundrisse und Holzkonstruktionen, die über 700 Jahre alt sind. Die Entdeckung zeigt, dass dieses Stadtgebiet rund 100 Jahre früher besiedelt wurde als bislang angenommen. Schon in einer Tiefe von einem Meter stießen die Archäologen auf Spuren städtischer Häuser aus dem 13. Jahrhundert. Senkrecht im Boden steckten zahlreiche Pfosten und Staken. Diese Hölzer bildeten Unterbauten für verschiedene Nebengebäude wie Schuppen und Kleintierställe. Erst so war es überhaupt möglich, auf dem hier sehr feuchten Boden Häuser zu errichten. LWL-Archäologe Dr. Sven Spiong, der die Ausgrabung betreute, erklärte dazu: Für die Wissenschaftler sei der dauerhaft feuchte Boden ein Glücksfall, da organische Materialien wie Holz darin über sehr lange Zeiträume erhalten bleiben. Auf der 1.200 Quadratmeter großen Grabungsfläche fanden sich auch Überreste von Kanälen. Einst leiteten diese Abwässer und Regenwasser von den ehemaligen Wohnhäusern an der Straße in die hinteren Grundstücksbereiche. Die Spuren der Wohnhäuser fehlen, da sie zur heutigen Straße hin standen, wo später Keller angelegt wurden. In den ehemaligen Gärten lagen Knochen und Scherben. Die Erkenntnis aus der Grabung: Vermutlich sei die Wandlung vom Bischofssitz Minden mit einigen umliegenden Adelshöfen zu einer befestigten Stadt schon im 12. Jahrhundert geschehen – und nicht wie bislang vermutet erst 100 Jahre später. (lwl/mt)

Wasserdicht im Zeitplan: Das ist der aktuelle Stand beim Projekt am Deichhof

Juli 2020: Die umlaufende Betonwand ist in der Grube gut zu erkennen. Dicke Rohre halten sie stabil. MT- © Foto: Alex Lehn

Minden. Andere Baustellen in der Stadt sind außerhalb des Zeitplans: Die Corona-Krise hat Lieferzeiten verlängert und Arbeitscrews auseinandergerissen. Am Deichhof hingegen läuft alles weitgehend problemlos, sagt Marc Pierro. Er ist Koordinator für das Stiftungshaus, das dort zurzeit entsteht.

Dabei hatte auch er es mit jeder Menge Unwägbarkeiten zu tun: „Man rechnet mit Vielem und weiß, was kommt. Aber wie lange zum Beispiel die Archäologen brauchen, war keinem klar." Was sich an so einer zentralen Stelle der Mindener Siedlungsgeschichte im Boden findet, kann vorher niemand wissen. Wie lange der Kampfmittelräumdienst brauchen würde, und ob hier vielleicht sogar Blindgänger liegen, auch das unklar. Doch in dieser Woche – ein Jahr, nachdem die Baugenehmigung erteilt wurde – sagt Pierro. „Das Datum passt noch."

August 2019: Erst sondierte der Kampfmittelräumdienst den Boden. Danach begann der Tiefbau.
August 2019: Erst sondierte der Kampfmittelräumdienst den Boden. Danach begann der Tiefbau.

Eines hat Corona aber doch verändert: Es gab keine Grundsteinlegung und es ist kein Richtfest geplant. Eine Zeit zum Feiern sei das ja nicht gerade, findet Pierro. Die Baustelle begeistert ihn dennoch. Wenn er davon erzählt, sind es vor allem drei Dinge, auf die er immer wieder zurück kommt: auf die verständnisvollen Nachbarn, die archäologischen Erkenntnisse und die Besonderheiten der Baugrube. Denn ein einfaches Projekt ist das hier nicht.

Erst kam, wie bei Baustellen in der Stadt üblich, der Kampfmittelräumdienst. Das war im Frühsommer vergangenen Jahres. 956 Bohrungen nahmen die Experten aus Arnsberg auf dem 1.500 Quadratmeter großen Gelände vor. Rund 30 Verdachtsfälle wurden geprüft. Dann musste die Baugrube wasserdicht gemacht werden, denn die besonderen Verhältnisse an dieser Stelle der Stadt machen das Arbeiten in der Tiefe von bis zu vier Metern kompliziert. Hier floss dereinst der Stadtbach, und bis heute sind Grundwasser und Torf ein Thema. Also musste die Baugrube komplett abgedichtet werden. Bloß wie?

Februar 2020: Noch sind die großen Stahlträger und Rohre nicht verbaut, die die Grube sichern werden.
Februar 2020: Noch sind die großen Stahlträger und Rohre nicht verbaut, die die Grube sichern werden.

Eine holländische Fachfirma übernahm und erstellte mit einem Spezialverfahren die umlaufende Betonwand aus einem Boden-Zement Mörtel und Stahlträgern als Bewehrung. Der Vorteil, so Pierro: Das Verfahren sei deutlich leiser und erschütterungsfreier als die Alternativen, etwa das Rammen einer Spundwand.

Danach kamen die Archäologen. Und die brauchten tatsächlich länger als erwartet. Insgesamt neun Monate waren sie an dieser Stelle aktiv. Dabei entdeckten sie eine Fülle von interessanten Objekten und schrieben am Ende einen Teil der Stadtgeschichte neu. Sie kamen im Januar, nachdem die ersten Bodenschichten abgetragen waren, und nochmal ab April, als die Grube ausgehoben worden war. Zudem entstanden hier über 100 Betonpfeiler, die elf Meter tief in den Boden ragen. Auf diesen würde die Grundplatte des Gebäudes ruhen. Dann wurden Stahlträger und Rohren an die umgebende Schutzwand geschweißt, um sie für die Aushubarbeiten zu stabilisieren.

Hier ist unten im Bild (liegend) eine hölzerne Wandkonstruktion mit geflochtenen Weidenruten zu sehen. Für Archäologen „ein echtes Highlight der Grabung aus dem 14. Jahrhundert“.
Hier ist unten im Bild (liegend) eine hölzerne Wandkonstruktion mit geflochtenen Weidenruten zu sehen. Für Archäologen „ein echtes Highlight der Grabung aus dem 14. Jahrhundert“.

 Was Pierro besonders freut: Offensichtlich hätten die Bemühungen gefruchtet, alle Nachbarn möglichst wenig zu belasten und sie umfassend zu informieren. Selbst als zwei Wochen lang die oberen Teile der Bohrpfeiler abgekniffen wurden und viel Lärm entstanden sei, habe sich nur ein Anwohner gemeldet. Auch bei der Infoveranstaltung in der Birke im vergangenen Jahr habe er „viel Gegenwind" erwartet. Doch der sei aus geblieben. Seit Mitte Juli haben die Arbeiten zum Rohbau begonnen. „Jetzt", sagt Pierro, „haben wir das Schwierigste hinter uns."

Was soll entstehen

Die RS Stiftungshaus Deichhof errichtet das Wohn- und Familienzentrum auf dem früheren Parkplatz. Vier Geschosse und ein leicht zurückliegendes Staffelgeschoss wird das Gebäude hoch. Es hat eine Nutzfläche von 4.000 Quadratmetern, verfügt unter anderem über ein Mutter-Kind Zentrum mit neun Appartements und acht Wohnungen unterschiedlicher Größe. Es soll rund zur Hälfte von vielfältigen Sozialen Diensten genutzt werden.

Die RS Stiftungshaus Deichhof GbR ist vor einiger Zeit aus der Günther+Rita Rudloff-Stiftung und der Dr.Hans Joachim+Christa Strothmann Stiftung hervorgegangen, die sich für soziale Zwecke einsetzen. Mit der Idee, ein Haus zu errichten, das Angebote für Familien bietet, setzte sich die Rudloff-Stiftung damals gegen Mitbewerber durch, die dort ein Mehrgenerationenhaus errichten wollten.

Holzböden und Rittersporen

Von September bis Dezember 2019 wurden mittelalterliche Mauerreste frei gelegt.
Von September bis Dezember 2019 wurden mittelalterliche Mauerreste frei gelegt.

Archäologen untersuchten seit vergangenem Sommer in Abstimmung mit dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) das Gelände nördlich der Bäckerstraße unterhalb der Marienkirche. Von September bis Anfang Dezember 2020 legte eine Fachfirma im Auftrag des LWL mittelalterliche Mauerreste frei. Sie entdeckten Gebäudegrundrisse und Holzkonstruktionen, die über 700 Jahre alt sind. Die Entdeckung zeigt, dass dieses Stadtgebiet rund 100 Jahre früher besiedelt wurde als bislang angenommen.

Schon in einer Tiefe von einem Meter stießen die Archäologen auf Spuren städtischer Häuser aus dem 13. Jahrhundert. Senkrecht im Boden steckten zahlreiche Pfosten und Staken. Diese Hölzer bildeten Unterbauten für verschiedene Nebengebäude wie Schuppen und Kleintierställe. Erst so war es überhaupt möglich, auf dem hier sehr feuchten Boden Häuser zu errichten.

Der untere Teil einer im Boden eingegrabenen Fassdaube. Fotos: LWL/S. Spiong
Der untere Teil einer im Boden eingegrabenen Fassdaube. Fotos: LWL/S. Spiong

LWL-Archäologe Dr. Sven Spiong, der die Ausgrabung betreute, erklärte dazu: Für die Wissenschaftler sei der dauerhaft feuchte Boden ein Glücksfall, da organische Materialien wie Holz darin über sehr lange Zeiträume erhalten bleiben. Auf der 1.200 Quadratmeter großen Grabungsfläche fanden sich auch Überreste von Kanälen. Einst leiteten diese Abwässer und Regenwasser von den ehemaligen Wohnhäusern an der Straße in die hinteren Grundstücksbereiche. Die Spuren der Wohnhäuser fehlen, da sie zur heutigen Straße hin standen, wo später Keller angelegt wurden. In den ehemaligen Gärten lagen Knochen und Scherben.

Die ältesten Funde stammen aus dem 11. Jahrhundert: ein Sporn.
Die ältesten Funde stammen aus dem 11. Jahrhundert: ein Sporn.

Die Erkenntnis aus der Grabung: Vermutlich sei die Wandlung vom Bischofssitz Minden mit einigen umliegenden Adelshöfen zu einer befestigten Stadt schon im 12. Jahrhundert geschehen – und nicht wie bislang vermutet erst 100 Jahre später. (lwl/mt)

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