Was passiert mit Menschen, die einen brutalen Überfall erleben? Ein Psychologe gibt Antworten Benjamin Piel Minden. Verbrechen wie Raubüberfälle sind nicht einfach vorbei, wenn die Tat beendet ist. Anschließend beginnt für die Kriminalitätsopfer eine Phase der Aufarbeitung. Sie kann Monate bis Jahre dauern. Noch schwerer als der materielle Verlust wiegt nicht selten die mentale Belastung. Der Psychologe Florian Wedell arbeitet für die Opferschutzorganisation Weißer Ring und weiß, dass Zuhören oft am meisten hilft. Die Frau beschreibt, dass sie zunächst ganz gut mit den Folgen klargekommen, dann aber in ein Loch gefallen sei. Kommt so etwas häufiger vor? So eine Verzögerung kann ganz normal sein. Wir vergleichen oft zu Unrecht körperliche mit psychischen Reaktionen. Wenn jemand hinfällt, bricht er sich vielleicht einen Arm. Die Psyche funktioniert anders. Sie möchte, dass wir eine Situation überstehen. Deshalb gibt es oft erstmal keine Reaktion. Sie braucht nach einem Ereignis Zeit, um das Geschehene einzuordnen. Das, was die Frau erlebt hat, lässt sich als potenziell traumatisierendes Ereignis beschreiben. Darauf reagiert die Psyche häufig erst nach rund einem halben Jahr nach der Tat. Was rät der Weiße Ring Menschen, die Opfer derartiger Verbrechen werden? Die Kernfrage ist: Was brauche ich, um Normalität, Stabilität und Orientierung zu finden? Das kann von Mensch zu Mensch genauso unterschiedlich sein wie die Reaktion auf ein Verbrechen. Bei dem einen ist es Sport, bei dem anderen die Arbeit. Und es ist gut, so schnell wie möglich jemanden zu kontaktieren, der sich auskennt, wenn es sinnvoll erscheint. Es gilt: Je früher der therapeutische Fuß in der Tür ist, desto besser der Behandlungserfolg. Was ja gar nicht so leicht ist angesichts des Mangels an Psychotherapeuten. Das ist tatsächlich ein großes Problem. Der Weiße Ring vermittelt über ein Netz von Ehrenamtlichen vor Ort materielle und immaterielle Hilfe. Es müsste sich aber im Gesundheitssystem viel mehr tun und das fordern wir auch. Bisher hat sich zu wenig bewegt. Das System ist eh schon auf Kante genäht und Situationen wie die Pandemie oder der Krieg in der Ukraine lassen den Bedarf zusätzlich ansteigen. Das Prinzip „je früher, desto besser“ kann ein so ausgelastetes System gar nicht leisten. Wenn es Wartezeiten von einem Jahr gibt, dann ist das eine eklatante Unterversorgung. Und die gilt gerade für den ländlichen Raum. Die Betroffene berichtete, sie fühle sich teilweise verlassen. Kommt das öfter vor? Es gibt eine Bewegung in beide Richtungen. Manchmal ziehen sich Betroffene zurück, weil sie erstmal selbst mit der Situation klarkommen müssen. Aber manchmal verhält sich auch das Umfeld passiv, denn mit dem macht ein Verbrechen ja auch etwas. Wie sollen sie mit dem Betroffenen umgehen? Was sollen sie sagen? Diese Fragen sind manchmal gar nicht so leicht zu beantworten. Was ist Ihre Antwort auf derlei Fragen? Es ist immer gut, ruhig zu bleiben und aktiv zuzuhören. Ratschläge zu erteilen, geht meistens schief. Besser ist es, nicht zu werten und Fragen zu stellen. „Was kann ich für dich tun?“ Erreichbar zu sein, ist immer empfehlenswert – zu bedrängen dagegen nicht, denn das könnte übergriffig wirken. Dann ist es manchmal gut, zu fragen: „Ist dir das zu viel?“ Es hilft, wenn sich das Umfeld, aber auch die Betroffenen klarmachen: Jemand, der ein Verbrechen erleben musste, reagiert ganz normal auf ein ganz und gar unnormales Ereignis.

Was passiert mit Menschen, die einen brutalen Überfall erleben? Ein Psychologe gibt Antworten

Symbolbild: © imago images/Rolf Poss

Minden. Verbrechen wie Raubüberfälle sind nicht einfach vorbei, wenn die Tat beendet ist. Anschließend beginnt für die Kriminalitätsopfer eine Phase der Aufarbeitung. Sie kann Monate bis Jahre dauern. Noch schwerer als der materielle Verlust wiegt nicht selten die mentale Belastung. Der Psychologe Florian Wedell arbeitet für die Opferschutzorganisation Weißer Ring und weiß, dass Zuhören oft am meisten hilft.

Die Frau beschreibt, dass sie zunächst ganz gut mit den Folgen klargekommen, dann aber in ein Loch gefallen sei. Kommt so etwas häufiger vor?

So eine Verzögerung kann ganz normal sein. Wir vergleichen oft zu Unrecht körperliche mit psychischen Reaktionen. Wenn jemand hinfällt, bricht er sich vielleicht einen Arm. Die Psyche funktioniert anders. Sie möchte, dass wir eine Situation überstehen. Deshalb gibt es oft erstmal keine Reaktion. Sie braucht nach einem Ereignis Zeit, um das Geschehene einzuordnen. Das, was die Frau erlebt hat, lässt sich als potenziell traumatisierendes Ereignis beschreiben. Darauf reagiert die Psyche häufig erst nach rund einem halben Jahr nach der Tat.


Was rät der Weiße Ring Menschen, die Opfer derartiger Verbrechen werden?

Die Kernfrage ist: Was brauche ich, um Normalität, Stabilität und Orientierung zu finden? Das kann von Mensch zu Mensch genauso unterschiedlich sein wie die Reaktion auf ein Verbrechen. Bei dem einen ist es Sport, bei dem anderen die Arbeit. Und es ist gut, so schnell wie möglich jemanden zu kontaktieren, der sich auskennt, wenn es sinnvoll erscheint. Es gilt: Je früher der therapeutische Fuß in der Tür ist, desto besser der Behandlungserfolg.

Was ja gar nicht so leicht ist angesichts des Mangels an Psychotherapeuten.

Das ist tatsächlich ein großes Problem. Der Weiße Ring vermittelt über ein Netz von Ehrenamtlichen vor Ort materielle und immaterielle Hilfe. Es müsste sich aber im Gesundheitssystem viel mehr tun und das fordern wir auch. Bisher hat sich zu wenig bewegt. Das System ist eh schon auf Kante genäht und Situationen wie die Pandemie oder der Krieg in der Ukraine lassen den Bedarf zusätzlich ansteigen. Das Prinzip „je früher, desto besser“ kann ein so ausgelastetes System gar nicht leisten. Wenn es Wartezeiten von einem Jahr gibt, dann ist das eine eklatante Unterversorgung. Und die gilt gerade für den ländlichen Raum.

Die Betroffene berichtete, sie fühle sich teilweise verlassen. Kommt das öfter vor?

Es gibt eine Bewegung in beide Richtungen. Manchmal ziehen sich Betroffene zurück, weil sie erstmal selbst mit der Situation klarkommen müssen. Aber manchmal verhält sich auch das Umfeld passiv, denn mit dem macht ein Verbrechen ja auch etwas. Wie sollen sie mit dem Betroffenen umgehen? Was sollen sie sagen? Diese Fragen sind manchmal gar nicht so leicht zu beantworten.

Was ist Ihre Antwort auf derlei Fragen?

Es ist immer gut, ruhig zu bleiben und aktiv zuzuhören. Ratschläge zu erteilen, geht meistens schief. Besser ist es, nicht zu werten und Fragen zu stellen. „Was kann ich für dich tun?“ Erreichbar zu sein, ist immer empfehlenswert – zu bedrängen dagegen nicht, denn das könnte übergriffig wirken. Dann ist es manchmal gut, zu fragen: „Ist dir das zu viel?“ Es hilft, wenn sich das Umfeld, aber auch die Betroffenen klarmachen: Jemand, der ein Verbrechen erleben musste, reagiert ganz normal auf ein ganz und gar unnormales Ereignis.

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