MT-THEMA: Weltuntergang Was passiert in der Stadt Minden ohne Menschen? Als Erstes fällt der Strom aus, doch danach lässt der endgültige Verfall lange auf sich warten / Letzte Spuren wohl erst in Jahrtausenden getilgt Von Jürgen Langenkämper Minden (mt). Es ist kein Weltuntergang, aber von einer Sekunde zur anderen verschwindet die Menschheit: eine pure Fiktion aus Anlass des Endes des Maya-Kalenders am 21. Dezember 2012. Doch was passiert mit Minden ohne Menschen? Werden Dom und Rathaus von Pflanzen überwuchert wie die Tempel und Pyramiden auf Yucatan? Mit einem Mal sind die Straßen der Mindener Innenstadt menschenleer - und es ist nicht nach 22 Uhr! Auf dem Markt und auf dem Scharn stehen die Buden des Weihnachtsmarktes, das Karussell dreht sich, aber es sitzen keine Kinder in den Autos.Noch liefert das Kraftwerk Heyden in Lahde Strom - die Achillesferse einer hochkomplexen modernen Gesellschaft. Für vier bis sechs Stunden reiche der Vorrat eines gut gefüllten Kohlebunkers, hatte Pressesprecher Heiko Deterding noch vor ein paar Tagen gesagt. Greift kein Mensch mehr ein, schaltet die Kohlemühle danach ab, und der 900-Megawatt-Reaktor fährt herunter.Dieser Zeitpunkt wird jedoch schon früher in irgendeinem anderen Kraftwerk im deutschen Netz erreicht, danach folgen andere. Auf dem Weihnachtsmarkt flackern die Lichter und an den Geschäften die Leuchtreklame, in verwaisten Büros brechen Computer zusammen, schließlich das gesamte Stromnetz - in der ganzen Region, deutschlandweit, weltweit. Das Karussell auf dem Weihnachtsmarkt dreht sich nicht mehr - und niemand stört das.Auf dem rechten Weserufer führt der Ausfall von Hilfsenergien dazu, dass bei BASF, dem größten Chemie-Werk in weitem Umkreis, alle Prozesse vollautomatisch "in sichere Stellungen" übergeleitet werden, wie Jörg Schmidt, Leiter für Sicherheit, Gesundheit und Umwelt, es vorgesehen hat. Die chemischen Reaktionen "schlafen ein" - kein großer Knall, keine Explosion.Der Frosteinbruch zum Jahreswechsel bringt in vielen unbeheizten Häusern Wasserleitungen und Heizungsrohre zum Bersten. Erst das Frühjahrstauwetter bringt die Wirkungen zum Vorschein - aber für wen, wo doch niemand mehr da ist? Da auch die Wasserversorgung nachgelassen hat und der Wasserdruck aus dem ehemals öffentlichen Leitungssystem mangels Pumpen verschwunden ist, sprudelt kein Wasser nach. Nur die vorhandene Feuchtigkeit schadet der Bausubstanz. "Der Prozess beschleunigt sich, wenn die Holzfenster nach zehn bis 15 Jahren verfallen", hatte Prof. Wolfgang Pützschler, Spezialist für Baustofflehre an der Fachhochschule, prognostiziert. Dann dringt Regen in die Innenräume ein.Die üblichen Frühjahrsstürme zur Tag-und-Nacht-Gleiche reißen die ersten Pfannen aus den Dächern, Löcher, die unrepariert eine gute Angriffsfläche für weitere Windböen bieten und so viele Häuser beschleunigt dem Verfall preisgeben. Am neuen Rathaus lockern sich Kupferverkleidungen und fallen beim nächsten Sturm herab - und kein Metalldieb nimmt sie mit. Auf dem Weihnachtsmarkt brechen um Ostern herum die ersten Buden zusammen. Tiere machen es sich, ungestört vom Menschen, auch hier gemütlich.Im Glacis sagen sich jetzt Hase und Igel gute Nacht, wenn sie nicht vor verwilderten Hunden und Katzen auf der Hut sind. Die Lufthoheit haben die Raben vom Nordfriedhof aus erobert, die in den Wipfeln der hundert Jahre alten Bäume eine Kolonie gründen. Doch immer wieder stürzen morsche Äste herab, bis schließlich die auch von den Seiten her zugewucherten Spazierwege kaum noch auf Anhieb zu erkennen sind. Bis ein Wolfsrudel die ehemaligen Grünanlagen auf der Jagd durchstreift. Auf der Hut müssen die Wölfe nur vor dem Tigerpärchen und seinem Nachwuchs sein, das im Winter 2012/13 aus dem Tierpark Ströhen ausgebrochen ist und auf seinen Streifzügen auch die menschenleere Kreisstadt seinem Revier einverleibt hat.Die Natur erobert sich auch die befestigten und asphaltierten Straßen zurück. "Wo keine Autos und keine Kehrmaschinen mehr fahren, bleiben Ablagerungen liegen, aus denen Gräser und Kraut sprießen", hatte Sven Johanning, Pressesprecher bei Straßen-NRW, Ende 2012 noch prophezeit.Der Eisgang auf der nun nicht mehr unter der Salzfracht leidenden Weser zerstört nach zwei Jahrzehnten die MKB-Brücke in Minden.Rund 100 Jahre nach seinem Bau macht der Fernsehturm auf dem Jakobsberg den Verfall ohne Wartung durch den Menschen weithin sichtbar. Die Dauerschwingungsbelastung in luftiger Höhe bringt ihn zum Einsturz. Der Riese kippt um - wie schon viele Windkraftanlagen vor ihm.Der Zahn der Zeit nagt zwar an den Brücken, aber da die Hauptbelastung durch Lkw-Verkehr fortfällt, steigt deren Lebenserwartung trotz ausbleibender regelmäßiger Kontrollen von 80 bis 100 Jahren auf zwei bis drei Jahrhunderte, wie der Leiter von Straßen-NRW in Bielefeld, Andreas Meyer, vorhersieht. Zuerst fassen Birken in den Fugen und Fahrbahnübergängen Fuß, später platzt Beton ab, und der Stahl korrodiert schneller.Der erste Brückenbogen stürzt jedoch aufgrund eines entfernten Ereignisses ein. 250 Jahre nach seinem Bau bricht der Eder-Staudamm, wie seit Jahrzehnten die Überläufe durch herausgerissene Bäume und treibende Boote verstopft sind. Nach anderthalb Tagen schwappt die Flutwelle von 200 Millionen Kubikmetern wie ein Tsunami durch die Porta Westfalica und reißt die Überreste der längst verfallenen Eisenbahnbrücke in Neesen mit sich. Treibgut blockiert den Durchfluss der Südbrücke und bringt diese zum Einsturz. In Minden rollt die Welle fast komplett über den einstigen Brückenkopf hinweg, in Petershagen verschwinden die letzten Reste des Stauwehrs in den Fluten, das schon 2014 unter dem Druck eines Hochwassers gebrochen war.Die alljährlichen Hochwasser haben den Lauf der Weser geändert. Auenwälder sind entstanden. Auch im Mittellandkanal steht noch Wasser, hier und da versinkt ein durchgerosteter Kahn. Doch mehr als 100 Jahre nach Verschwinden der Menschen haben die Wurzeln von Bäumen und Bisamratten den Damm bei Hahlen so weit durchlöchert, dass Wasser aus dem Kanal in die tiefer gelegenen Bastauwiesen strömt. Unablässlich stromt das Wasser und vergrößert das Leck. Schließlich laufen 28 Millionen Kubikmeter aus, nahezu die gesamte Menge von 170 Kanalkilometern von Bergeshövede bis nach Hannover-Anderten. "Dazu kommt noch Wasser aus 50 Kilometern des Dortmund-Ems-Kanals bis zur Schleuse Münster", blickt Henning Buchholz, Leiter des Wasser- und Schifffahrtsamtes (WSA), in die ferne Zukunft.Als er nicht mehr unter Wasser steht, ist auch der Trog der Kanalbrücke über die Weser stärker dem Verfall des Betons und der Stahlträger in seinem Innern ausgesetzt. Ein Zweihundertjahreshochwasser flutet nicht nur in die Innenstadt Mindens und durchfeuchtet den Baugrund der 1400 Jahre alten Stadt.Selbst nach 500 Jahren stehen noch massive Gebäude, auch wenn an vielen Stellen Pflanzen und selbst Bäume aus Mauerritzen und Nischen wachsen. Viele Häuser aber sind schon verfallen und überwuchert. "Bis kaum noch etwas von den heutigen Menschen zu sehen ist, müssen Jahre im deutlich vierstelligen Bereich vergehen", schätzt Prof. Pützschler. Und mangels Hurrikanen und Erdbeben in hiesigen Breiten muss wohl erst die nächste Eiszeit kommen, um die baulichen Fingerabdrücke des Menschen nahezu spurlos aus dem Mindener Land zu tilgen - oder der totale Weltuntergang!
MT-THEMA: Weltuntergang

Was passiert in der Stadt Minden ohne Menschen?

Minden (mt). Es ist kein Weltuntergang, aber von einer Sekunde zur anderen verschwindet die Menschheit: eine pure Fiktion aus Anlass des Endes des Maya-Kalenders am 21. Dezember 2012. Doch was passiert mit Minden ohne Menschen? Werden Dom und Rathaus von Pflanzen überwuchert wie die Tempel und Pyramiden auf Yucatan?

Mit einem Mal sind die Straßen der Mindener Innenstadt menschenleer - und es ist nicht nach 22 Uhr! Auf dem Markt und auf dem Scharn stehen die Buden des Weihnachtsmarktes, das Karussell dreht sich, aber es sitzen keine Kinder in den Autos.

Wenn heute 

die Welt unterginge... - © MINDEN
Wenn heute
die Welt unterginge... - © MINDEN

Noch liefert das Kraftwerk Heyden in Lahde Strom - die Achillesferse einer hochkomplexen modernen Gesellschaft. Für vier bis sechs Stunden reiche der Vorrat eines gut gefüllten Kohlebunkers, hatte Pressesprecher Heiko Deterding noch vor ein paar Tagen gesagt. Greift kein Mensch mehr ein, schaltet die Kohlemühle danach ab, und der 900-Megawatt-Reaktor fährt herunter.

Sturm, Frost, Verfall, Hochwasser: Ohne Wartung durch den Menschen sind seine Hinterlassenschaften dem Zahn der Zeit preisgegeben. Doch es dürfte Jahrhunderte und länger dauern, bis die meisten Spuren getilgt sind. MT-Montage: Detlev Stoll
Sturm, Frost, Verfall, Hochwasser: Ohne Wartung durch den Menschen sind seine Hinterlassenschaften dem Zahn der Zeit preisgegeben. Doch es dürfte Jahrhunderte und länger dauern, bis die meisten Spuren getilgt sind. MT-Montage: Detlev Stoll

Dieser Zeitpunkt wird jedoch schon früher in irgendeinem anderen Kraftwerk im deutschen Netz erreicht, danach folgen andere. Auf dem Weihnachtsmarkt flackern die Lichter und an den Geschäften die Leuchtreklame, in verwaisten Büros brechen Computer zusammen, schließlich das gesamte Stromnetz - in der ganzen Region, deutschlandweit, weltweit. Das Karussell auf dem Weihnachtsmarkt dreht sich nicht mehr - und niemand stört das.

Auf dem rechten Weserufer führt der Ausfall von Hilfsenergien dazu, dass bei BASF, dem größten Chemie-Werk in weitem Umkreis, alle Prozesse vollautomatisch "in sichere Stellungen" übergeleitet werden, wie Jörg Schmidt, Leiter für Sicherheit, Gesundheit und Umwelt, es vorgesehen hat. Die chemischen Reaktionen "schlafen ein" - kein großer Knall, keine Explosion.

Der Frosteinbruch zum Jahreswechsel bringt in vielen unbeheizten Häusern Wasserleitungen und Heizungsrohre zum Bersten. Erst das Frühjahrstauwetter bringt die Wirkungen zum Vorschein - aber für wen, wo doch niemand mehr da ist? Da auch die Wasserversorgung nachgelassen hat und der Wasserdruck aus dem ehemals öffentlichen Leitungssystem mangels Pumpen verschwunden ist, sprudelt kein Wasser nach. Nur die vorhandene Feuchtigkeit schadet der Bausubstanz. "Der Prozess beschleunigt sich, wenn die Holzfenster nach zehn bis 15 Jahren verfallen", hatte Prof. Wolfgang Pützschler, Spezialist für Baustofflehre an der Fachhochschule, prognostiziert. Dann dringt Regen in die Innenräume ein.

Die üblichen Frühjahrsstürme zur Tag-und-Nacht-Gleiche reißen die ersten Pfannen aus den Dächern, Löcher, die unrepariert eine gute Angriffsfläche für weitere Windböen bieten und so viele Häuser beschleunigt dem Verfall preisgeben. Am neuen Rathaus lockern sich Kupferverkleidungen und fallen beim nächsten Sturm herab - und kein Metalldieb nimmt sie mit. Auf dem Weihnachtsmarkt brechen um Ostern herum die ersten Buden zusammen. Tiere machen es sich, ungestört vom Menschen, auch hier gemütlich.

Im Glacis sagen sich jetzt Hase und Igel gute Nacht, wenn sie nicht vor verwilderten Hunden und Katzen auf der Hut sind. Die Lufthoheit haben die Raben vom Nordfriedhof aus erobert, die in den Wipfeln der hundert Jahre alten Bäume eine Kolonie gründen. Doch immer wieder stürzen morsche Äste herab, bis schließlich die auch von den Seiten her zugewucherten Spazierwege kaum noch auf Anhieb zu erkennen sind. Bis ein Wolfsrudel die ehemaligen Grünanlagen auf der Jagd durchstreift. Auf der Hut müssen die Wölfe nur vor dem Tigerpärchen und seinem Nachwuchs sein, das im Winter 2012/13 aus dem Tierpark Ströhen ausgebrochen ist und auf seinen Streifzügen auch die menschenleere Kreisstadt seinem Revier einverleibt hat.

Die Natur erobert sich auch die befestigten und asphaltierten Straßen zurück. "Wo keine Autos und keine Kehrmaschinen mehr fahren, bleiben Ablagerungen liegen, aus denen Gräser und Kraut sprießen", hatte Sven Johanning, Pressesprecher bei Straßen-NRW, Ende 2012 noch prophezeit.

Der Eisgang auf der nun nicht mehr unter der Salzfracht leidenden Weser zerstört nach zwei Jahrzehnten die MKB-Brücke in Minden.

Rund 100 Jahre nach seinem Bau macht der Fernsehturm auf dem Jakobsberg den Verfall ohne Wartung durch den Menschen weithin sichtbar. Die Dauerschwingungsbelastung in luftiger Höhe bringt ihn zum Einsturz. Der Riese kippt um - wie schon viele Windkraftanlagen vor ihm.

Der Zahn der Zeit nagt zwar an den Brücken, aber da die Hauptbelastung durch Lkw-Verkehr fortfällt, steigt deren Lebenserwartung trotz ausbleibender regelmäßiger Kontrollen von 80 bis 100 Jahren auf zwei bis drei Jahrhunderte, wie der Leiter von Straßen-NRW in Bielefeld, Andreas Meyer, vorhersieht. Zuerst fassen Birken in den Fugen und Fahrbahnübergängen Fuß, später platzt Beton ab, und der Stahl korrodiert schneller.

Der erste Brückenbogen stürzt jedoch aufgrund eines entfernten Ereignisses ein. 250 Jahre nach seinem Bau bricht der Eder-Staudamm, wie seit Jahrzehnten die Überläufe durch herausgerissene Bäume und treibende Boote verstopft sind. Nach anderthalb Tagen schwappt die Flutwelle von 200 Millionen Kubikmetern wie ein Tsunami durch die Porta Westfalica und reißt die Überreste der längst verfallenen Eisenbahnbrücke in Neesen mit sich. Treibgut blockiert den Durchfluss der Südbrücke und bringt diese zum Einsturz. In Minden rollt die Welle fast komplett über den einstigen Brückenkopf hinweg, in Petershagen verschwinden die letzten Reste des Stauwehrs in den Fluten, das schon 2014 unter dem Druck eines Hochwassers gebrochen war.

Die alljährlichen Hochwasser haben den Lauf der Weser geändert. Auenwälder sind entstanden. Auch im Mittellandkanal steht noch Wasser, hier und da versinkt ein durchgerosteter Kahn. Doch mehr als 100 Jahre nach Verschwinden der Menschen haben die Wurzeln von Bäumen und Bisamratten den Damm bei Hahlen so weit durchlöchert, dass Wasser aus dem Kanal in die tiefer gelegenen Bastauwiesen strömt. Unablässlich stromt das Wasser und vergrößert das Leck. Schließlich laufen 28 Millionen Kubikmeter aus, nahezu die gesamte Menge von 170 Kanalkilometern von Bergeshövede bis nach Hannover-Anderten. "Dazu kommt noch Wasser aus 50 Kilometern des Dortmund-Ems-Kanals bis zur Schleuse Münster", blickt Henning Buchholz, Leiter des Wasser- und Schifffahrtsamtes (WSA), in die ferne Zukunft.

Als er nicht mehr unter Wasser steht, ist auch der Trog der Kanalbrücke über die Weser stärker dem Verfall des Betons und der Stahlträger in seinem Innern ausgesetzt. Ein Zweihundertjahreshochwasser flutet nicht nur in die Innenstadt Mindens und durchfeuchtet den Baugrund der 1400 Jahre alten Stadt.

Selbst nach 500 Jahren stehen noch massive Gebäude, auch wenn an vielen Stellen Pflanzen und selbst Bäume aus Mauerritzen und Nischen wachsen. Viele Häuser aber sind schon verfallen und überwuchert. "Bis kaum noch etwas von den heutigen Menschen zu sehen ist, müssen Jahre im deutlich vierstelligen Bereich vergehen", schätzt Prof. Pützschler. Und mangels Hurrikanen und Erdbeben in hiesigen Breiten muss wohl erst die nächste Eiszeit kommen, um die baulichen Fingerabdrücke des Menschen nahezu spurlos aus dem Mindener Land zu tilgen - oder der totale Weltuntergang!

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