Warum es selbst im stressigen Notarzt-Alltag einige Glücksmomente gibt Anja Peper Minden. Die Patienten vor Ort verarzten, dann Hecktüren zu und mit Blaulicht ins nächste Krankenhaus? – So wie im Fernsehen läuft es längst nicht immer ab. Der Mindener Notarzt Dr. Jan Persson (35) erinnert sich an Tage, in denen die Einsätze völlig anders gelaufen sind. Er erinnert sich an skurrile Fälle wie die unerwartete Begegnung mit hochgiftigen Schlangen. Und ja, ein paar Glücksmomente gibt es tatsächlich auch im anstrengenden Blaulicht-Alltag. So oder so: In den dramatischen Minuten sind schnelle Entscheidungen gefragt. Wenn ein Notruf eintrifft, sind die ersten Infos oft ziemlich knapp. So war es auch an dem Tag im April 2015, als ein Mann – der Besitzer – von einer Giftschlange in den Finger gebissen wurde. „Von dieser Schlangenart hatte ich vorher noch nie gehört", erinnert sich der Notarzt. Also informierte er sich auf dem Weg in einem Online-Lexikon. Was dort zu lesen war, klang wenig ermutigend. Diese Viper sei eine besonders gefährliche Schlangenart, die kräftig zubeißt. Die langen Giftzähne bohren sich tief in das Fleisch der Opfer. Diese Art ist lang und gilt mit gilt mit bis zu zehn Kilogramm als eine der schwersten Giftschlangen der Welt. Höchste Lebensgefahr: „Das Gift lähmt den Atem und zersetzt das Blut." Und wie sich am Einsatzort noch herausstellen sollte: Davon gab es mehr als eine. Das Gefühl bei Jan Persson und seinen Kollegen angesichts des Risikos lässt sich mindestens als „mulmig" bezeichnen. In welchem Zustand würden sie den verletzten Mann antreffen? Als der Notarztwagen ankam, erwartete der Züchter die Helfer schon vor der Tür und hielt den Arm in die Höhe. Zum Glück: „Ich wäre definitiv nicht zu den 30 Vipern in das Terrarium gestiegen." So viele waren nämlich dort untergebracht. Weil zu befürchten war, dass sich der Zustand des Mannes schnell verschlechtern würde, wurden alle Hebel in Bewegung gesetzt. „Es brauchte zahlreiche Telefonate vor Ort mit Giftnotrufzentralen und Unikliniken, bis endlich feststand, dass der Zoo in Wuppertal über das passende Gegengift verfügte", so Dr. Persson. Das Medikament wurde per Hubschrauber nach Bielefeld geflogen. Dieser Tag bleibt auch deshalb unvergesslich, weil er komplett aus der Norm fiel. „Meist sind es unspektakuläre Einsätze", sagt Dr. Jan Persson. Oft sind seine Patienten alt und ihr Zustand hat sich über einen längeren Zeitraum immer weiter verschlechtert – bis es nicht mehr geht. „Ich würde mir wünschen, dass der Zugang zum ambulanten Sektor für alle Patienten einfacher wäre. So könnten viele Notarzt-Einsätze vermieden werden." Im Zweifel entscheiden sich Patienten und Angehörige dann für die schnelle Hilfe. Für Notärzte gilt ohnehin die Regel „Lieber einmal zu früh als einmal zu spät." Denn medizinische Laien können die Dringlichkeit oft nicht einschätzen. Bei Herzinfarkten gilt „Zeit ist Herzmuskel”. Gemeint ist damit: Je schneller ein Patient behandelt wird, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass keine bleibenden Schäden auftreten. Die schlimmsten Momente seiner Laufbahn hat Dr. Jan Persson bei Kindernotfällen erlebt. Er war vor Ort, als im September 2019 ein anderthalbjähriges Kind aus dem zweiten Stock eines Wohn- und Geschäftshauses fiel. Bei dem Sturz erlitt der Junge lebensgefährliche Verletzungen. Auch unter erhöhtem Stress müssen die Handgriffe sitzen und Entscheidungen in Sekundenschnelle getroffen sein. Das war eine extrem belastende Situation für das Team. Solche Einsätze wirken lange nach. Wenn er also nach Glücksmomenten im Beruf gefragt wird, muss Dr. Persson schon ein bisschen überlegen. Doch es gibt sie, auch im anstrengenden Blaulicht-Alltag mit Toten und Verletzten. „Es sind die Augenblicke, wo das Team gut funktioniert, wo alle Hand in Hand arbeiten und man sich ohne Worte versteht." Wenn er dann auf dem Rückweg vom Einsatzort weiß: „Das ist richtig gut gelaufen" – dann ist das ein Stück Glück im stressigen Alltag. Als Notarzt arbeitet Dr. Persson eng mit Notfallsanitätern und Rettungsassistenten zusammen. „Wir sind Teamplayer."

Warum es selbst im stressigen Notarzt-Alltag einige Glücksmomente gibt

Minden. Die Patienten vor Ort verarzten, dann Hecktüren zu und mit Blaulicht ins nächste Krankenhaus? – So wie im Fernsehen läuft es längst nicht immer ab. Der Mindener Notarzt Dr. Jan Persson (35) erinnert sich an Tage, in denen die Einsätze völlig anders gelaufen sind. Er erinnert sich an skurrile Fälle wie die unerwartete Begegnung mit hochgiftigen Schlangen. Und ja, ein paar Glücksmomente gibt es tatsächlich auch im anstrengenden Blaulicht-Alltag. So oder so: In den dramatischen Minuten sind schnelle Entscheidungen gefragt.

Dr. Jan Persson ist Notarzt. Selbst im anstrengenden Blaulicht-Alltag finden sich manchmal kleine Glücksmomente. MT-Foto: Anja Peper - © Anja Peper
Dr. Jan Persson ist Notarzt. Selbst im anstrengenden Blaulicht-Alltag finden sich manchmal kleine Glücksmomente. MT-Foto: Anja Peper - © Anja Peper

Wenn ein Notruf eintrifft, sind die ersten Infos oft ziemlich knapp. So war es auch an dem Tag im April 2015, als ein Mann – der Besitzer – von einer Giftschlange in den Finger gebissen wurde. „Von dieser Schlangenart hatte ich vorher noch nie gehört", erinnert sich der Notarzt. Also informierte er sich auf dem Weg in einem Online-Lexikon. Was dort zu lesen war, klang wenig ermutigend. Diese Viper sei eine besonders gefährliche Schlangenart, die kräftig zubeißt. Die langen Giftzähne bohren sich tief in das Fleisch der Opfer. Diese Art ist lang und gilt mit gilt mit bis zu zehn Kilogramm als eine der schwersten Giftschlangen der Welt. Höchste Lebensgefahr: „Das Gift lähmt den Atem und zersetzt das Blut." Und wie sich am Einsatzort noch herausstellen sollte: Davon gab es mehr als eine.

Das Gefühl bei Jan Persson und seinen Kollegen angesichts des Risikos lässt sich mindestens als „mulmig" bezeichnen. In welchem Zustand würden sie den verletzten Mann antreffen? Als der Notarztwagen ankam, erwartete der Züchter die Helfer schon vor der Tür und hielt den Arm in die Höhe. Zum Glück: „Ich wäre definitiv nicht zu den 30 Vipern in das Terrarium gestiegen." So viele waren nämlich dort untergebracht. Weil zu befürchten war, dass sich der Zustand des Mannes schnell verschlechtern würde, wurden alle Hebel in Bewegung gesetzt. „Es brauchte zahlreiche Telefonate vor Ort mit Giftnotrufzentralen und Unikliniken, bis endlich feststand, dass der Zoo in Wuppertal über das passende Gegengift verfügte", so Dr. Persson. Das Medikament wurde per Hubschrauber nach Bielefeld geflogen.

Dieser Tag bleibt auch deshalb unvergesslich, weil er komplett aus der Norm fiel. „Meist sind es unspektakuläre Einsätze", sagt Dr. Jan Persson. Oft sind seine Patienten alt und ihr Zustand hat sich über einen längeren Zeitraum immer weiter verschlechtert – bis es nicht mehr geht. „Ich würde mir wünschen, dass der Zugang zum ambulanten Sektor für alle Patienten einfacher wäre. So könnten viele Notarzt-Einsätze vermieden werden." Im Zweifel entscheiden sich Patienten und Angehörige dann für die schnelle Hilfe. Für Notärzte gilt ohnehin die Regel „Lieber einmal zu früh als einmal zu spät." Denn medizinische Laien können die Dringlichkeit oft nicht einschätzen. Bei Herzinfarkten gilt „Zeit ist Herzmuskel”. Gemeint ist damit: Je schneller ein Patient behandelt wird, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass keine bleibenden Schäden auftreten.

Die schlimmsten Momente seiner Laufbahn hat Dr. Jan Persson bei Kindernotfällen erlebt. Er war vor Ort, als im September 2019 ein anderthalbjähriges Kind aus dem zweiten Stock eines Wohn- und Geschäftshauses fiel. Bei dem Sturz erlitt der Junge lebensgefährliche Verletzungen. Auch unter erhöhtem Stress müssen die Handgriffe sitzen und Entscheidungen in Sekundenschnelle getroffen sein. Das war eine extrem belastende Situation für das Team. Solche Einsätze wirken lange nach.

Wenn er also nach Glücksmomenten im Beruf gefragt wird, muss Dr. Persson schon ein bisschen überlegen. Doch es gibt sie, auch im anstrengenden Blaulicht-Alltag mit Toten und Verletzten. „Es sind die Augenblicke, wo das Team gut funktioniert, wo alle Hand in Hand arbeiten und man sich ohne Worte versteht." Wenn er dann auf dem Rückweg vom Einsatzort weiß: „Das ist richtig gut gelaufen" – dann ist das ein Stück Glück im stressigen Alltag. Als Notarzt arbeitet Dr. Persson eng mit Notfallsanitätern und Rettungsassistenten zusammen. „Wir sind Teamplayer."

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