Warum der Kreis sich weigert, eine Inzidenz der Ungeimpften zu erfassen Der Krisenstab hat die Zahl der Wochen-Neuinfektionen bisher als Frühwarnsystem genutzt. Weil immer mehr Menschen geimpft sind, verliert der Wert an Bedeutung. Ulf Hanke Kreis Minden-Lübbecke. Unter den zahlreichen Zahlen der Coronakrise war ein Kennwert besonders wichtig: die Zahl der Neuinfizierten binnen sieben Tagen. Der Krisenstab des Mühlenkreises hat diesen Wert täglich für alle Städte und Gemeinden ausgewiesen. Die Sieben-Tage-Inzidenz war Grundlage für Ausgangsbeschränkungen in einzelnen Städten mit besonders vielen Neuinfektionen. Schnellten die Zahlen hoch, füllten sich wenig später auch die Intensivbetten. Die Inzidenz war das Frühwarnsystem im Mühlenkreis. Inzwischen stagniert der Wert und trotzdem landen wieder deutlich mehr Coronakranke im Krankenhaus. Wie kann das sein? Derzeit stecken sich vor allem junge Menschen und Ungeimpfte mit dem Virus an. Meist in der Schule oder in der Familie. Nach Angaben des Gesundheitsamts sind Menschen bis 30 Jahre derzeit am stärksten vom Infektionsgeschehen betroffen. Nicht alle Ungeimpften sind Impfverweigerer. Vielen konnte bisher noch kein Impfangebot gemacht werden oder sie sind erst vor kurzem geimpft worden. Immerhin: Wegen der hohen Testquote in den Schulen werden die allermeisten Infektionen bei den Jüngsten schnell entdeckt. Die Corona-Intensivpatienten in den Mühlenkreiskliniken sind jedoch allesamt ungeimpft. Zwar können auch Geimpfte und bereits Genesene erkranken. Ihr Krankheitsverlauf ist aber in der weit überwiegenden Zahl der Fälle nicht lebensgefährlich. Das Gesundheitsamt des Kreises hat in der Woche vom 6. bis 12. September 347 Infektionen gezählt. Nur 42 Erkrankte waren vollständig geimpft, niemand davon musste ins Krankenhaus. Das Virus wütet vor allem unter Ungeimpften. So hoch ist die Inzidenz der Ungeimpften Das wird besonders deutlich, wenn man versucht, eine Inzidenz der Ungeimpften auszurechnen. Das ist nicht einfach, denn der Krisenstab des Kreises schaut bei den Impfungen nicht ganz so genau hin wie bei den Infizierten. Die Impfzahlen veröffentlicht zudem nicht der Kreis, sondern die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe. Sie weist zwar Impfzahlen für den ganzen Mühlenkreis aus, nicht jedoch für einzelne Städte. Und die Impfzahlen der Ärztelobby kommen meist erst mit erheblicher Verspätung. In der zweiten Septemberwoche lag die Inzidenz im Mühlenkreis bei 112. Zieht man die bereits vollständig Geimpften ab, kommt man auf eine Inzidenz der Ungeimpften von 290. Das ist mehr als doppelt so hoch. Der erste Wert gaukelt also eine relative Sicherheit vor, die Ungeimpfte nicht haben. Zum Vergleich: Die Inzidenz der mindesten einmal Geimpften liegt für den gleichen Zeitraum bei 21. Das Virus wütet also vor allem unter Ungeimpften. Der Krisenstab des Kreises verzichtet darauf, eine tägliche Inzidenz der Ungeimpften auszuweisen. Dabei mehren sich in der Bundespolitik Stimmen, die sich fragen, warum das nicht deutschlandweit einheitlich geschieht. Der SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz hat schon zum wiederholten Mal in den sogenannten Triells im Fernsehen eine Inzidenz der Ungeimpften gefordert. Bundesländer wie Hessen oder Bayern weisen diese Werte bereits seit Anfang September aus. Zwar gibt es für Corona-Hotspots wie Espelkamp klar sichtbar eine sehr hohe Gesamt-Inzidenz. Rechnet man aber die bereits geimpften Espelkamper heraus, würde dieser Wert wohl deutlich höher liegen. Die Dynamik des Infektionsgeschehens wäre dann täglich für jeden sichtbar. Doch derzeit kann niemand zuverlässig sagen, wie viele Espelkamper eigentlich bereits geimpft sind. Dem Krisenstab des Mühlenkreises fehlen schlicht die notwendigen Daten. Sabine Ohnesorge, Pressesprecherin des Mühlenkreises dazu: "Diese Zahl ist nicht so ohne Weiteres zu erheben. Seitdem auch an anderen Stellen als über die Kassenärztliche Vereinigung geimpft wird, liegen uns nicht mehr die vollständigen Zahlen der Geimpften speziell für das Kreisgebiet vor." Neben den Kassenärzten impfen seit einigen Wochen auch Betriebsärzte. Und die melden ihre Zahlen direkt ans Robert-Koch-Institut, nicht an den Krisenstab. Diese Zahl wird nach Auskunft von Ohnesorge zudem nur für ganz NRW erfasst, nicht für einzelne Kreise. Gesundheitsämter sind längst wieder ausgelastet Außerdem sei die Berechnung für jede einzelne Stadt im Mühlenkreis "leider sehr aufwändig gemessen an ihrer Aussagekraft". Das Gesundheitsamt sei zudem "aktuell wieder mehr als ausgelastet". Derzeit muss das Amt zahlreiche Benachrichtigungen an positiv Getestete verschicken, sich um Kontaktpersonenermittlung und die geänderten Vorgaben zur Quarantäne für Kontaktpersonen kümmern. Ohnesorge: "Dies alles hat zurzeit Vorrang – gerade angesichts des sinkenden Stellenwertes der Inzidenz für die Bewertung der Infektionslage." Die Gesamt-Inzidenz verliert an Bedeutung, je mehr Menschen geimpft werden. Damit wird jedoch auch das bewährte Frühwarnsystem zur Coronalage wirkungslos. Dem Krisenstab droht ein Blindflug durch die vierte Welle. Das Land NRW hat deshalb - wie alle anderen Bundesländer auch - zwei weitere Faktoren zur Beurteilung der Coronalage aufgenommen: Neben der Sieben-Tage-Inzidenz ist das die landesweite Sieben-Tage-Hospitalisierungsinzidenz sowie der Anteil der Covid-19-Patienten an betreibbaren Intensivbetten. Wie aussagekräftig die beiden neuen Krisen-Indikatoren zur Lagebeurteilung sind, ist noch offen. Wer bereits im Krankenhaus liegt, ist allerdings mindestens 14 Tage vorher positiv getestet worden. Und wer erst einmal auf der Intensivstation liegt, kommt da so schnell nicht mehr weg. Noch sind bei den Mühlenkreiskliniken und im Herz- und Diabeteszentrum Bad Oeynhausen genügend Kapazitäten vorhanden, doch die Betten füllen sich. Die Mühlenkreiskliniken haben vergangene Woche bereits über steigende Fallzahlen auf der Intensivstation berichtet und Ungeimpfte dazu aufgefordert, sich impfen zu lassen. Wer bereits an der Herz-Lungenmaschine hängt, hat eine Überlebenschance von 50 Prozent. Der Krisenstab setzt deshalb weiter allein auf eine Erhöhung der Impfquote, vor allem bei den unter 30-Jährigen. Das Impfzentrum in Hille-Unterlübbe ist deshalb samstags weiter geöffnet. Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren können jederzeit vorbeikommen und sich impfen lassen. Außerdem reisen mobile Impfteams in die allgemeinbildenden Schulen und Berufskollegsab der Sekundarstufe 2.

Warum der Kreis sich weigert, eine Inzidenz der Ungeimpften zu erfassen

Besonders unter jungen und ungeimpften Menschen gibt es derzeit viel Neu-Infizierte. Der Kreis steuert deshalb mit einer mobilen Impfkampagne dagegen. © Symbolbild: Pixabay

Kreis Minden-Lübbecke. Unter den zahlreichen Zahlen der Coronakrise war ein Kennwert besonders wichtig: die Zahl der Neuinfizierten binnen sieben Tagen. Der Krisenstab des Mühlenkreises hat diesen Wert täglich für alle Städte und Gemeinden ausgewiesen. Die Sieben-Tage-Inzidenz war Grundlage für Ausgangsbeschränkungen in einzelnen Städten mit besonders vielen Neuinfektionen. Schnellten die Zahlen hoch, füllten sich wenig später auch die Intensivbetten. Die Inzidenz war das Frühwarnsystem im Mühlenkreis. Inzwischen stagniert der Wert und trotzdem landen wieder deutlich mehr Coronakranke im Krankenhaus. Wie kann das sein?

Derzeit stecken sich vor allem junge Menschen und Ungeimpfte mit dem Virus an. Meist in der Schule oder in der Familie. Nach Angaben des Gesundheitsamts sind Menschen bis 30 Jahre derzeit am stärksten vom Infektionsgeschehen betroffen. Nicht alle Ungeimpften sind Impfverweigerer. Vielen konnte bisher noch kein Impfangebot gemacht werden oder sie sind erst vor kurzem geimpft worden. Immerhin: Wegen der hohen Testquote in den Schulen werden die allermeisten Infektionen bei den Jüngsten schnell entdeckt.

- © Grafik: Jürgen Schultheiß/NW/MT
© Grafik: Jürgen Schultheiß/NW/MT

Die Corona-Intensivpatienten in den Mühlenkreiskliniken sind jedoch allesamt ungeimpft. Zwar können auch Geimpfte und bereits Genesene erkranken. Ihr Krankheitsverlauf ist aber in der weit überwiegenden Zahl der Fälle nicht lebensgefährlich. Das Gesundheitsamt des Kreises hat in der Woche vom 6. bis 12. September 347 Infektionen gezählt. Nur 42 Erkrankte waren vollständig geimpft, niemand davon musste ins Krankenhaus. Das Virus wütet vor allem unter Ungeimpften.

So hoch ist die Inzidenz der Ungeimpften

Das wird besonders deutlich, wenn man versucht, eine Inzidenz der Ungeimpften auszurechnen. Das ist nicht einfach, denn der Krisenstab des Kreises schaut bei den Impfungen nicht ganz so genau hin wie bei den Infizierten. Die Impfzahlen veröffentlicht zudem nicht der Kreis, sondern die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe. Sie weist zwar Impfzahlen für den ganzen Mühlenkreis aus, nicht jedoch für einzelne Städte. Und die Impfzahlen der Ärztelobby kommen meist erst mit erheblicher Verspätung.

In der zweiten Septemberwoche lag die Inzidenz im Mühlenkreis bei 112. Zieht man die bereits vollständig Geimpften ab, kommt man auf eine Inzidenz der Ungeimpften von 290. Das ist mehr als doppelt so hoch. Der erste Wert gaukelt also eine relative Sicherheit vor, die Ungeimpfte nicht haben. Zum Vergleich: Die Inzidenz der mindesten einmal Geimpften liegt für den gleichen Zeitraum bei 21. Das Virus wütet also vor allem unter Ungeimpften.

Der Krisenstab des Kreises verzichtet darauf, eine tägliche Inzidenz der Ungeimpften auszuweisen. Dabei mehren sich in der Bundespolitik Stimmen, die sich fragen, warum das nicht deutschlandweit einheitlich geschieht. Der SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz hat schon zum wiederholten Mal in den sogenannten Triells im Fernsehen eine Inzidenz der Ungeimpften gefordert. Bundesländer wie Hessen oder Bayern weisen diese Werte bereits seit Anfang September aus.

Zwar gibt es für Corona-Hotspots wie Espelkamp klar sichtbar eine sehr hohe Gesamt-Inzidenz. Rechnet man aber die bereits geimpften Espelkamper heraus, würde dieser Wert wohl deutlich höher liegen. Die Dynamik des Infektionsgeschehens wäre dann täglich für jeden sichtbar. Doch derzeit kann niemand zuverlässig sagen, wie viele Espelkamper eigentlich bereits geimpft sind. Dem Krisenstab des Mühlenkreises fehlen schlicht die notwendigen Daten.

Sabine Ohnesorge, Pressesprecherin des Mühlenkreises dazu: "Diese Zahl ist nicht so ohne Weiteres zu erheben. Seitdem auch an anderen Stellen als über die Kassenärztliche Vereinigung geimpft wird, liegen uns nicht mehr die vollständigen Zahlen der Geimpften speziell für das Kreisgebiet vor." Neben den Kassenärzten impfen seit einigen Wochen auch Betriebsärzte. Und die melden ihre Zahlen direkt ans Robert-Koch-Institut, nicht an den Krisenstab. Diese Zahl wird nach Auskunft von Ohnesorge zudem nur für ganz NRW erfasst, nicht für einzelne Kreise.

Gesundheitsämter sind längst wieder ausgelastet

Außerdem sei die Berechnung für jede einzelne Stadt im Mühlenkreis "leider sehr aufwändig gemessen an ihrer Aussagekraft". Das Gesundheitsamt sei zudem "aktuell wieder mehr als ausgelastet". Derzeit muss das Amt zahlreiche Benachrichtigungen an positiv Getestete verschicken, sich um Kontaktpersonenermittlung und die geänderten Vorgaben zur Quarantäne für Kontaktpersonen kümmern. Ohnesorge: "Dies alles hat zurzeit Vorrang – gerade angesichts des sinkenden Stellenwertes der Inzidenz für die Bewertung der Infektionslage."

Die Gesamt-Inzidenz verliert an Bedeutung, je mehr Menschen geimpft werden. Damit wird jedoch auch das bewährte Frühwarnsystem zur Coronalage wirkungslos. Dem Krisenstab droht ein Blindflug durch die vierte Welle. Das Land NRW hat deshalb - wie alle anderen Bundesländer auch - zwei weitere Faktoren zur Beurteilung der Coronalage aufgenommen: Neben der Sieben-Tage-Inzidenz ist das die landesweite Sieben-Tage-Hospitalisierungsinzidenz sowie der Anteil der Covid-19-Patienten an betreibbaren Intensivbetten. Wie aussagekräftig die beiden neuen Krisen-Indikatoren zur Lagebeurteilung sind, ist noch offen. Wer bereits im Krankenhaus liegt, ist allerdings mindestens 14 Tage vorher positiv getestet worden. Und wer erst einmal auf der Intensivstation liegt, kommt da so schnell nicht mehr weg.

Noch sind bei den Mühlenkreiskliniken und im Herz- und Diabeteszentrum Bad Oeynhausen genügend Kapazitäten vorhanden, doch die Betten füllen sich. Die Mühlenkreiskliniken haben vergangene Woche bereits über steigende Fallzahlen auf der Intensivstation berichtet und Ungeimpfte dazu aufgefordert, sich impfen zu lassen. Wer bereits an der Herz-Lungenmaschine hängt, hat eine Überlebenschance von 50 Prozent.

Der Krisenstab setzt deshalb weiter allein auf eine Erhöhung der Impfquote, vor allem bei den unter 30-Jährigen. Das Impfzentrum in Hille-Unterlübbe ist deshalb samstags weiter geöffnet. Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren können jederzeit vorbeikommen und sich impfen lassen. Außerdem reisen mobile Impfteams in die allgemeinbildenden Schulen und Berufskollegsab der Sekundarstufe 2.

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