Warten auf den Zeugen: Prozess nach Bankeinbruch muss unterbrochen werden Hartmut Nolte Minden. Zeugenaussagen gehören in Gerichtsprozessen zu den wichtigsten Beweismitteln – sind aber auch die unsichersten. In Strafprozessen bieten sie Angriffsflächen für die Strategie der Verteidiger. Angeklagt war vor dem Schöffengericht Minden ein 30-jähriger Espelkamper. Er soll am 4. Juni 2020 in Preußisch Ströhen mit einem noch unbekannten Komplizen einen Angriff auf die Volksbank-Filiale verübt haben. Ihre Beute aus einem Geldtresor: 750,62 Euro. Anschließend sollen sie das Tatfahrzeug auf einer Wiese bei Espelkamp angezündet haben. Einzige Indizien für den Einbruchsdiebstahl waren eine vor der Bank aufgefundene Girokarte und eine Video-Aufzeichnung. Fünf Zeugen waren geladen: zwei Anwohner der Bankfiliale, ein Passant, der zur Tatzeit in der Nähe war, sowie zwei Polizeibeamte. Der Angeklagte selbst schwieg auf Anraten seines Verteidigers Andreas Meistermann zu den Vorwürfen. Die erste Zeugin wohnt direkt über der Bankfiliale. Sie sei gegen 3 Uhr von einem lauten Geräusch wach geworden. „Es klang wie Möbelrücken“, sagte die 28-Jährige. Aus ihrem Schlafzimmer sah sie ein Auto auf dem Parkstreifen. Sie ging in die Küche auf der Rückseite. Als sie zurückkam, stand eine Gestalt am geöffneten Kofferraum und beim dritten Blick aus dem Schlafzimmer sah sie das Auto wegfahren. Sie rief ihren Nachbarn an, der nichts gehört hatte. Gemeinsam gingen beide hinaus, entdeckten den Einbruch und riefen die Polizei. Vor Ort fanden sie die Girokarte einer anderen Bank, die dann später zum Angeklagten führte. Aber ist damit seine Täterschaft erwiesen? Wann hat er die Karte dort verloren? Oder könnte sie nicht schon länger dort gelegen haben? Und wo lag sie genau? Dort, wo das Auto stand? Auf dem Gehweg? Oder auf dem Parkstreifen? Der Angeklagte durfte schweigen. Der 56-jährige Zeuge war nach Arbeitsende kurz vor Mitternacht noch mit seinem Hund Gassi gegangen. Getroffen habe er niemanden. „Bei uns werden nachts die Bürgersteige hoch geklappt.“ Er habe die Karte nicht gesehen. War es möglich, dass er sie nur übersehen hatte, wollte der Verteidiger wissen. Gleiches galt für die 28-Jährige, die nach ihrer Aussage vor der Polizei letztmalig um 22 Uhr draußen war. Jetzt sprach sie davon, um Mitternacht noch einmal vor der Tür gewesen zu sein. Da stand aber kein Auto auf dem Parkstreifen, waren sich beide sicher. Möglicherweise könne jemand etwas sagen, den die Anwohnerin am Haus vorbeifahren hörte („Ich erkenne den Schweinetransporter am Fahrgeräusch“). Noch am Vormittag rief sie den Bekannten an. In der Tat war der 52-jährige Unternehmer mit seinem Sohn gegen 3 Uhr beim Kälbertransport vorbeigekommen und hatte das Auto dort gesehen. Doch hier erwies sich, dass eigentlich der Sohn der bessere Zeuge ist. Die Überlegung, ihn rasch zur Verhandlung zu holen, scheiterte daran, dass er als Coronaverdachtsfall in Quarantäne ist und somit nicht erscheinen konnte. Von ihm erhofft man sich aber nähere Hinweise, zum Beispiel auf das Kennzeichen des Autos. Offenbar lag ein Missverständnis bei der Aussage des Vaters bei der Polizei oder zu deren Bewertung vor. Denn die genauen Kenntnisse, so stellte sich im Gericht heraus, hatte er nur von seinem Sohn. Nun soll der Junior zum nächsten Termin geladen werden. Dem Vater wurde vom Gericht auferlegt, nicht mit seinem Sohn darüber zu sprechen. Bei dem Termin könnte eventuell geklärt werden, ob das Fahrzeug, das um 3 Uhr vor der Bank stand, auch das ist, das zwei Stunden später brennend auf einer Wiese bei Espelkamp entdeckt wurde. Die beiden zum Brandort gesandten Polizeibeamten konnten dazu nicht viel beitragen. Ihr erster Blick galt möglichen Personen im oder in der Nähe des Fahrzeugs und dann ersten Löschversuchen. Nah ans Auto kamen sie nicht, da es lichterloh brannte. Kennzeichen fanden sie keine. Die Frage des Verteidigers, ob sie Brandbeschleuniger bemerkt und DNA-Spuren vor Ort gesichert hätten, versetzte die Zeugen etwas in Erstaunen. Dafür sei die Spurensicherung zuständig, auch die weiteren Ermittlungen würden von anderen Beamten geführt. Einige offene Fragen also und neue Zeugen, die am 21. September gehört werden sollen. Unter ihnen auch ein nicht erschienener Zeuge, der dafür eine Ordnungsstrafe von 200 Euro bekam. Ohne Zeugenaussagen ist die Wahrheitsfindung schwierig. Auch wenn sie unsicher und angriffsfähig sind.

Warten auf den Zeugen: Prozess nach Bankeinbruch muss unterbrochen werden

Weitere Zeugen sollen zur Urteilsfindung beitragen. Foto: NW © Wolfgang Rudolf/nw

Minden. Zeugenaussagen gehören in Gerichtsprozessen zu den wichtigsten Beweismitteln – sind aber auch die unsichersten. In Strafprozessen bieten sie Angriffsflächen für die Strategie der Verteidiger.

Angeklagt war vor dem Schöffengericht Minden ein 30-jähriger Espelkamper. Er soll am 4. Juni 2020 in Preußisch Ströhen mit einem noch unbekannten Komplizen einen Angriff auf die Volksbank-Filiale verübt haben. Ihre Beute aus einem Geldtresor: 750,62 Euro. Anschließend sollen sie das Tatfahrzeug auf einer Wiese bei Espelkamp angezündet haben. Einzige Indizien für den Einbruchsdiebstahl waren eine vor der Bank aufgefundene Girokarte und eine Video-Aufzeichnung.

Fünf Zeugen waren geladen: zwei Anwohner der Bankfiliale, ein Passant, der zur Tatzeit in der Nähe war, sowie zwei Polizeibeamte. Der Angeklagte selbst schwieg auf Anraten seines Verteidigers Andreas Meistermann zu den Vorwürfen.


Die erste Zeugin wohnt direkt über der Bankfiliale. Sie sei gegen 3 Uhr von einem lauten Geräusch wach geworden. „Es klang wie Möbelrücken“, sagte die 28-Jährige. Aus ihrem Schlafzimmer sah sie ein Auto auf dem Parkstreifen. Sie ging in die Küche auf der Rückseite. Als sie zurückkam, stand eine Gestalt am geöffneten Kofferraum und beim dritten Blick aus dem Schlafzimmer sah sie das Auto wegfahren. Sie rief ihren Nachbarn an, der nichts gehört hatte. Gemeinsam gingen beide hinaus, entdeckten den Einbruch und riefen die Polizei.

Vor Ort fanden sie die Girokarte einer anderen Bank, die dann später zum Angeklagten führte. Aber ist damit seine Täterschaft erwiesen? Wann hat er die Karte dort verloren? Oder könnte sie nicht schon länger dort gelegen haben? Und wo lag sie genau? Dort, wo das Auto stand? Auf dem Gehweg? Oder auf dem Parkstreifen? Der Angeklagte durfte schweigen.

Der 56-jährige Zeuge war nach Arbeitsende kurz vor Mitternacht noch mit seinem Hund Gassi gegangen. Getroffen habe er niemanden. „Bei uns werden nachts die Bürgersteige hoch geklappt.“ Er habe die Karte nicht gesehen. War es möglich, dass er sie nur übersehen hatte, wollte der Verteidiger wissen.

Gleiches galt für die 28-Jährige, die nach ihrer Aussage vor der Polizei letztmalig um 22 Uhr draußen war. Jetzt sprach sie davon, um Mitternacht noch einmal vor der Tür gewesen zu sein.

Da stand aber kein Auto auf dem Parkstreifen, waren sich beide sicher. Möglicherweise könne jemand etwas sagen, den die Anwohnerin am Haus vorbeifahren hörte („Ich erkenne den Schweinetransporter am Fahrgeräusch“). Noch am Vormittag rief sie den Bekannten an. In der Tat war der 52-jährige Unternehmer mit seinem Sohn gegen 3 Uhr beim Kälbertransport vorbeigekommen und hatte das Auto dort gesehen.

Doch hier erwies sich, dass eigentlich der Sohn der bessere Zeuge ist. Die Überlegung, ihn rasch zur Verhandlung zu holen, scheiterte daran, dass er als Coronaverdachtsfall in Quarantäne ist und somit nicht erscheinen konnte.

Von ihm erhofft man sich aber nähere Hinweise, zum Beispiel auf das Kennzeichen des Autos. Offenbar lag ein Missverständnis bei der Aussage des Vaters bei der Polizei oder zu deren Bewertung vor. Denn die genauen Kenntnisse, so stellte sich im Gericht heraus, hatte er nur von seinem Sohn. Nun soll der Junior zum nächsten Termin geladen werden. Dem Vater wurde vom Gericht auferlegt, nicht mit seinem Sohn darüber zu sprechen.

Bei dem Termin könnte eventuell geklärt werden, ob das Fahrzeug, das um 3 Uhr vor der Bank stand, auch das ist, das zwei Stunden später brennend auf einer Wiese bei Espelkamp entdeckt wurde.

Die beiden zum Brandort gesandten Polizeibeamten konnten dazu nicht viel beitragen. Ihr erster Blick galt möglichen Personen im oder in der Nähe des Fahrzeugs und dann ersten Löschversuchen. Nah ans Auto kamen sie nicht, da es lichterloh brannte. Kennzeichen fanden sie keine. Die Frage des Verteidigers, ob sie Brandbeschleuniger bemerkt und DNA-Spuren vor Ort gesichert hätten, versetzte die Zeugen etwas in Erstaunen. Dafür sei die Spurensicherung zuständig, auch die weiteren Ermittlungen würden von anderen Beamten geführt.

Einige offene Fragen also und neue Zeugen, die am 21. September gehört werden sollen. Unter ihnen auch ein nicht erschienener Zeuge, der dafür eine Ordnungsstrafe von 200 Euro bekam. Ohne Zeugenaussagen ist die Wahrheitsfindung schwierig. Auch wenn sie unsicher und angriffsfähig sind.

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