Wandlung der Bestattungskultur: Der Stadt laufen die Toten weg Stefan Koch Minden (mt). Der gesellschaftliche Wandel macht auch vor dem Tod nicht halt: Das wurde beim Vortrag von Alwin Pamin, Leiter der städtischen Friedhofsverwaltung, bei der jüngsten Sitzung des Betriebsausschusses deutlich. Die mobile Gesellschaft legt Wert auf pflegeleichte Grabstellen, sodass das Erdreihengrab immer unbeliebter wird. Der Anteil von Urnenbeisetzung nimmt gegenüber den herkömmlichen Erdbestattungen weiter zu. Und schon jede zehnte Urne wird heutzutage in einem Friedwald jenseits des kommunalen Friedhofs beigesetzt. Dieser Entwicklung müsse sich auch die Mindener Friedhofsverwaltung mit entsprechenden Angeboten stellen, so Pamin. „Es gilt: möglichst billig unter die Erde.“Die Folgen sind laut Pamin verkürzte Ruhefristen auf dem Friedhof sowie ein Umsatzverlust der beteiligten Gewerke wie Steinmetze oder Friedhofsgärtner. Die Bindung der Friedhöfe an die Kirche sei nicht nicht mehr so eng wie in früheren Jahrzehnten. Zuwanderer aus anderen Kulturen stellten neue Anforderungen an die letzte Ruhestätte. Und es müsse damit gerechnet werden, dass auch der Friedhofszwang zur Aufbewahrung sterblicher Überreste nicht von Dauer sein werde, sodass jeder die Urne mit nach Hause nehmen könne. „In Bremen hat es solche Versuche schon gegeben“, klärte Pamin die Mitglieder des Betriebsausschusses auf. Außer in Deutschland oder Österreich gebe es in keinem anderen Land der Europäischen Union diesen Bestattungszwang. „Wo die Urne bleibt, kontrolliert in Deutschland keiner mehr.“ Es müsse sich aber jeder, der gegen die Regelung verstoße, bewusst machen, dass es eine Ordnungswidrigkeit sei.Wie Pamin weiter ausführte, seien auf Mindener Friedhöfen im Schnitt 800 Beerdigungen oder Beisetzungen pro Jahr zu verzeichnen, wobei der Nord- und der Südfriedhof den größten Anteil hätten. Während in Minden 70 Prozent davon auf Urnenbestattungen entfielen, seien es in Großstädten bereits 90 Prozent. Auch die Nutzung der Kapellen in Minden entwickele sich rückläufig - ein Trend, der nach Aussagen Pamins gestoppt wurde.Während der Ausschusssitzung erinnerte der Leiter der städtischen Friedhofsverwaltung daran, wie im Jahr 2003 ein neues Bestattungsrecht in Nordrhein-Westfalen eingeführt wurde, was aus Kostengründen zu einem Bestattungstourismus in die Niederlande geführt habe. Auch heutzutage stehe bei der letzten Ruhe das Geld an erster Stelle. Bundesweit gebe es jährlich 900 000 Erdbestattungen und 450 000 Urnenbeisetzungen. Während dabei die Friedwälder vor wenigen Jahren kaum eine Rolle gespielt hätten, gebe es heute 150 Orte, an denen Interessierte die Urne anonym beisetzen lassen könnten. „Franchise-Unternehmen machen hier das Geschäft.“ Andere Konkurrenz zu kommunalen Friedhöfen komme von den Seebestattern. Und: „In Holland gibt es bereits die Möglichkeit, Urnenasche mit Baumsubstrat zu vermengen und im eigenen Garten mit einem Baum einzusetzen.“Pamin machte deutlich, dass die kommunale Friedhofsverwaltung mit ihren Angeboten der Abwanderung in Friedwälder oder Ruheforste begegnen müsse. Gebühren müssten dabei stabilisiert werden. Eine Alternative könne ein kommunaler Memoriengarten sein. Wichtig sei auch, dass bei den Beratungen von Hinterbliebenen die Angebote der kommunalen Friedhofsverwaltung vorgestellt würden. Hier müsse die Stadt mit den Bestattern noch mehr zusammenarbeiten.

Wandlung der Bestattungskultur: Der Stadt laufen die Toten weg

Mehr als 100 Jahre ist der Nordfriedhof alt. Der rasante Wandel in der Bestattungskultur macht auch vor ihm nicht halt. © Foto: MT-Archiv

Minden (mt). Der gesellschaftliche Wandel macht auch vor dem Tod nicht halt: Das wurde beim Vortrag von Alwin Pamin, Leiter der städtischen Friedhofsverwaltung, bei der jüngsten Sitzung des Betriebsausschusses deutlich. Die mobile Gesellschaft legt Wert auf pflegeleichte Grabstellen, sodass das Erdreihengrab immer unbeliebter wird. Der Anteil von Urnenbeisetzung nimmt gegenüber den herkömmlichen Erdbestattungen weiter zu. Und schon jede zehnte Urne wird heutzutage in einem Friedwald jenseits des kommunalen Friedhofs beigesetzt. Dieser Entwicklung müsse sich auch die Mindener Friedhofsverwaltung mit entsprechenden Angeboten stellen, so Pamin. „Es gilt: möglichst billig unter die Erde.“

Die Folgen sind laut Pamin verkürzte Ruhefristen auf dem Friedhof sowie ein Umsatzverlust der beteiligten Gewerke wie Steinmetze oder Friedhofsgärtner. Die Bindung der Friedhöfe an die Kirche sei nicht nicht mehr so eng wie in früheren Jahrzehnten. Zuwanderer aus anderen Kulturen stellten neue Anforderungen an die letzte Ruhestätte. Und es müsse damit gerechnet werden, dass auch der Friedhofszwang zur Aufbewahrung sterblicher Überreste nicht von Dauer sein werde, sodass jeder die Urne mit nach Hause nehmen könne. „In Bremen hat es solche Versuche schon gegeben“, klärte Pamin die Mitglieder des Betriebsausschusses auf. Außer in Deutschland oder Österreich gebe es in keinem anderen Land der Europäischen Union diesen Bestattungszwang. „Wo die Urne bleibt, kontrolliert in Deutschland keiner mehr.“ Es müsse sich aber jeder, der gegen die Regelung verstoße, bewusst machen, dass es eine Ordnungswidrigkeit sei.

Wie Pamin weiter ausführte, seien auf Mindener Friedhöfen im Schnitt 800 Beerdigungen oder Beisetzungen pro Jahr zu verzeichnen, wobei der Nord- und der Südfriedhof den größten Anteil hätten. Während in Minden 70 Prozent davon auf Urnenbestattungen entfielen, seien es in Großstädten bereits 90 Prozent. Auch die Nutzung der Kapellen in Minden entwickele sich rückläufig - ein Trend, der nach Aussagen Pamins gestoppt wurde.

Während der Ausschusssitzung erinnerte der Leiter der städtischen Friedhofsverwaltung daran, wie im Jahr 2003 ein neues Bestattungsrecht in Nordrhein-Westfalen eingeführt wurde, was aus Kostengründen zu einem Bestattungstourismus in die Niederlande geführt habe. Auch heutzutage stehe bei der letzten Ruhe das Geld an erster Stelle. Bundesweit gebe es jährlich 900 000 Erdbestattungen und 450 000 Urnenbeisetzungen. Während dabei die Friedwälder vor wenigen Jahren kaum eine Rolle gespielt hätten, gebe es heute 150 Orte, an denen Interessierte die Urne anonym beisetzen lassen könnten. „Franchise-Unternehmen machen hier das Geschäft.“ Andere Konkurrenz zu kommunalen Friedhöfen komme von den Seebestattern. Und: „In Holland gibt es bereits die Möglichkeit, Urnenasche mit Baumsubstrat zu vermengen und im eigenen Garten mit einem Baum einzusetzen.“

Pamin machte deutlich, dass die kommunale Friedhofsverwaltung mit ihren Angeboten der Abwanderung in Friedwälder oder Ruheforste begegnen müsse. Gebühren müssten dabei stabilisiert werden. Eine Alternative könne ein kommunaler Memoriengarten sein. Wichtig sei auch, dass bei den Beratungen von Hinterbliebenen die Angebote der kommunalen Friedhofsverwaltung vorgestellt würden. Hier müsse die Stadt mit den Bestattern noch mehr zusammenarbeiten.

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