Walter Sittler ist unterwegs mit Texten von Dieter Hildebrandt Rolf Graff Minden (rgr). Es ist die erstaunliche Aktualität der Texte des Kabarettisten Dieter Hildebrandt, die dafür sorgt, dass das Zuhören auch heute noch zum Gewinn wird und auf humorvolle Weise ganz nebenbei Einsichten für heute und morgen vermittelt. Der Schauspieler Walter Sittler, vielen aus „Der Kommissar und das Meer“ bekannt, hatte vor einiger Zeit das Hörbuch zu „Was aber bleibt“ von Rolf Cyriax eingelesen. Nun ist er unterwegs mit Texten aus dem Buch und aus den Werken von Dieter Hildebrandt. Er vereint in seinem Programm „Ich bin immer noch da” die Betrachtungen des Kabarettisten aus etwa 60 Jahren, von den Auftritten des Kabaretts „Die Lach- und Schießgesellschaft“ über den „Scheibenwischer“ bis zum Buch „Letzte Zugabe”, die zusammen so etwas wie einen kompakten satirischen Kommentar zur Geschichte der Bundesrepublik liefern. Die Rede, die Hildebrandt hielt, als er den Erich Kästner-Preis bekam, vermittelte dem Publikum einen Eindruck von den Anfängen des Satirikers. Er begann als Platzanweiser im Münchener Theater „Die kleine Freiheit“, für das sein großes Vorbild Erich Kästner die Texte schrieb. 1955 gründete er mit Kommilitonen das Kabarett „Die Namenlosen“, mit dem er im Fernsehen auftrat. Nach dessen Auflösung entstand „Die Lach- und Schießgesellschaft“, die er gemeinsam mit dem Sportreporter Sammy Drechsel gründete. In einem älteren Text hatte sich Hildebrand mit den Verspätungen der Bahn befasst, die nicht zu der von der Bahn akribisch verfassten Definition des Bahnhofs passten, die Sittler mit Genuss vorlas und kommentierte: Was Dieter Hildebrandt hier in seinen Anfängen beschrieb, dürfen wir nun in „vollen Zügen genießen“. Über Hildebrandts Drang zum Betrinken an Wahltagen ging es dann zu dem reichen einen Prozent, das so viel besitzt wie der Rest der Menschheit zusammen, und immer unsichtbar bleibt. Es gibt mehr Millionen als Millionäre und immer wieder finden einige dieser umherirrenden Millionen ihren Weg in die Parteikassen und niemand weiß, woher sie kommen. Im Gegensatz dazu verschwinden immer wieder „laufende Akten“. Viele Texte des Abends stammen aus der Kohl-Ära. Das Gedicht „Der Mond ist aufgegangen“ von Matthias Claudius präsentiert er wie eine Rede von Helmut Kohl, zur mehrfachen Länge aufgepumpt mit leeren Phrasen wie „Ich sage hier in aller Deutlichkeit“. Dem folgt eine böse Rede im Stil von Herbert Wehner. Hildebrandt war ein Meister der Sätze, die er oft durch Stottern, Verhaspeln und Verdrehen demaskierte wie seine Ausführungen über die Management-Sprache, in der das Wort Mensch nie vorkommt, sondern durch Begriffe wie Stellen oder Lasten ersetzt wird. Walter Sittler erwies sich als kompetenter Interpret dieser Texte, das Publikum im bestens besuchten Stadttheater geizte nicht mit Applaus und bekam als Zugabe noch eine humorvolle Sprachverdrehung. Sparkassendirektor Volker Böttcher hatte zu Beginn Publikum und Walter Sittler begrüßt. Die Stiftung der Sparkasse Minden-Lübbecke zur Förderung von Kunst und Kultur wurde für ihr Engagement gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen mit dem Deutschen Kulturförderpreis 2018 ausgezeichnet, der jährlich vom Kulturkreis des Bundesverbands der Deutschen Industrie, dem Handelsblatt und dem ZDF ausgeschrieben wird. Walter Sittler hielt als Mitglied der Jury bei der Preisverleihung in Berlin die Laudatio für die Stiftung und zeigte seine Begeisterung für das von der Stiftung gesponserte Theaterstück „Mein Körper gehört mir“, mit dem Kinder seit 13 Jahren über die Gefahren des Missbrauchs aufgeklärt werden. Er entschied sich danach spontan zu einer Lesung zugunsten des Stiftungsprojekts. Die Gage für diesen Abend stellte er den Beratungsstellen Wildwasser Minden und Mannigfaltig Minden-Lübbecke für ihre wertvolle Arbeit – auch im Rahmen des Stiftungsprojekts – zur Verfügung.

Walter Sittler ist unterwegs mit Texten von Dieter Hildebrandt

Der Schauspieler Walter Sittler erinnerte mit gekonnt gelesenen Texten an den Kabarettisten Dieter Hildebrandt. © Foto: Rolf Graff

Minden (rgr). Es ist die erstaunliche Aktualität der Texte des Kabarettisten Dieter Hildebrandt, die dafür sorgt, dass das Zuhören auch heute noch zum Gewinn wird und auf humorvolle Weise ganz nebenbei Einsichten für heute und morgen vermittelt. Der Schauspieler Walter Sittler, vielen aus „Der Kommissar und das Meer“ bekannt, hatte vor einiger Zeit das Hörbuch zu „Was aber bleibt“ von Rolf Cyriax eingelesen. Nun ist er unterwegs mit Texten aus dem Buch und aus den Werken von Dieter Hildebrandt. Er vereint in seinem Programm „Ich bin immer noch da” die Betrachtungen des Kabarettisten aus etwa 60 Jahren, von den Auftritten des Kabaretts „Die Lach- und Schießgesellschaft“ über den „Scheibenwischer“ bis zum Buch „Letzte Zugabe”, die zusammen so etwas wie einen kompakten satirischen Kommentar zur Geschichte der Bundesrepublik liefern.

Die Rede, die Hildebrandt hielt, als er den Erich Kästner-Preis bekam, vermittelte dem Publikum einen Eindruck von den Anfängen des Satirikers. Er begann als Platzanweiser im Münchener Theater „Die kleine Freiheit“, für das sein großes Vorbild Erich Kästner die Texte schrieb. 1955 gründete er mit Kommilitonen das Kabarett „Die Namenlosen“, mit dem er im Fernsehen auftrat. Nach dessen Auflösung entstand „Die Lach- und Schießgesellschaft“, die er gemeinsam mit dem Sportreporter Sammy Drechsel gründete. In einem älteren Text hatte sich Hildebrand mit den Verspätungen der Bahn befasst, die nicht zu der von der Bahn akribisch verfassten Definition des Bahnhofs passten, die Sittler mit Genuss vorlas und kommentierte: Was Dieter Hildebrandt hier in seinen Anfängen beschrieb, dürfen wir nun in „vollen Zügen genießen“.

Über Hildebrandts Drang zum Betrinken an Wahltagen ging es dann zu dem reichen einen Prozent, das so viel besitzt wie der Rest der Menschheit zusammen, und immer unsichtbar bleibt. Es gibt mehr Millionen als Millionäre und immer wieder finden einige dieser umherirrenden Millionen ihren Weg in die Parteikassen und niemand weiß, woher sie kommen. Im Gegensatz dazu verschwinden immer wieder „laufende Akten“.

Viele Texte des Abends stammen aus der Kohl-Ära. Das Gedicht „Der Mond ist aufgegangen“ von Matthias Claudius präsentiert er wie eine Rede von Helmut Kohl, zur mehrfachen Länge aufgepumpt mit leeren Phrasen wie „Ich sage hier in aller Deutlichkeit“. Dem folgt eine böse Rede im Stil von Herbert Wehner.

Hildebrandt war ein Meister der Sätze, die er oft durch Stottern, Verhaspeln und Verdrehen demaskierte wie seine Ausführungen über die Management-Sprache, in der das Wort Mensch nie vorkommt, sondern durch Begriffe wie Stellen oder Lasten ersetzt wird.

Walter Sittler erwies sich als kompetenter Interpret dieser Texte, das Publikum im bestens besuchten Stadttheater geizte nicht mit Applaus und bekam als Zugabe noch eine humorvolle Sprachverdrehung.

Sparkassendirektor Volker Böttcher hatte zu Beginn Publikum und Walter Sittler begrüßt. Die Stiftung der Sparkasse Minden-Lübbecke zur Förderung von Kunst und Kultur wurde für ihr Engagement gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen mit dem Deutschen Kulturförderpreis 2018 ausgezeichnet, der jährlich vom Kulturkreis des Bundesverbands der Deutschen Industrie, dem Handelsblatt und dem ZDF ausgeschrieben wird.

Walter Sittler hielt als Mitglied der Jury bei der Preisverleihung in Berlin die Laudatio für die Stiftung und zeigte seine Begeisterung für das von der Stiftung gesponserte Theaterstück „Mein Körper gehört mir“, mit dem Kinder seit 13 Jahren über die Gefahren des Missbrauchs aufgeklärt werden. Er entschied sich danach spontan zu einer Lesung zugunsten des Stiftungsprojekts.

Die Gage für diesen Abend stellte er den Beratungsstellen Wildwasser Minden und Mannigfaltig Minden-Lübbecke für ihre wertvolle Arbeit – auch im Rahmen des Stiftungsprojekts – zur Verfügung.

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