Vor allem die Industrie im Mühlenkreis ist im Aufwind - doch es gibt auch Risiken Henning Wandel Minden. Der Abschwung in der Minden-Lübbecker Wirtschaft war nur ein kurzes Intermezzo. In einer Sonderumfrage der Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen (IHK) zur Konjunktur waren die Aussichten im Sommer 2020 ebenso düster wie die damals aktuelle Lage. Schon im Frühjahr war die Zuversicht zurück, jetzt deutet sich ein kräftiger Aufschwung an. Der Konjunkturindikator liegt aktuell bei 139, der höchste Wert seit dem Frühjahr 2018. Die Entwicklung wird vor allem von der Industrie getragen. Hier erreicht der Indikator 158 – so hoch lag er in den vergangenen 23 Jahren noch nie. Knapp zwei Drittel der Unternehmen bewertet die aktuelle Geschäftslage als gut, ebenso viele glauben, dass sich die Situation in den kommenden zwölf Monaten noch verbessert. An der Umfrage hatten sich zwischen dem 9. August und dem 13. September 349 Unternehmen mit insgesamt knapp 23.000 Beschäftigten beteiligt. Die Rücklaufquote liegt laut IHK damit bei 23 Prozent. Auch unterm Strich hat sich die Lage deutlich verbessert. Knapp 40 Prozent bezeichnen die Erträge als gut, fast 70 Prozent erwarten, dass die Gewinne weiter steigen. Für die künftige Entwicklung sind die Erträge eine wichtige Kennzahl. In der Folge offenbaren die guten Zahlen aber auch eines der großen Probleme der Wirtschaft insgesamt: Mehr als die Hälfte der Firmen erwarten eine Zunahme der Mitarbeiterzahl. Gleichzeitig ist der Fachkräftemangel eines der größten Risiken. Der Mindener Unternehmer Eckhard Rüter geht bei der Vorstellung der Umfrageergebnisse sogar noch einen Schritt weiter und spricht von einem Arbeitskräftemangel. Der Geschäftsführer der Rüter EPV-Systeme fordert politische Weichenstellungen, mehr Flexibilität im Arbeitsrecht etwa oder neue Einwanderungsregeln: „Sonst kommen wir mittelfristig nicht mehr zurecht“, so Rüter. Auch müssten mehr Abi-turienten von den Chancen einer dualen Ausbildung überzeugt werden. Die aktuell größten Herausforderungen sind allerdings der Mangel an Rohstoffen und die hohen Energiepreise. Wie sich zum Beispiel der Mangel an Halbleitern in der Automobilindustrie auswirkt, beschreibt Horst Kottmeyer. Für seine Bad Oeynhausener Spedition seien zuletzt neue Lkw mit halb fertiger Elektronik ausgeliefert worden. Die Spiegel auf der Beifahrerseite lassen sich so nicht mehr einstellen – dass dort auch der Fensterheber nicht funktioniert, ist da noch das kleinere Übel. 98 Prozent der Befragten nannten Energie- und Rohstoffpreise als Risiko bei der wirtschaftlichen Entwicklung. Kottmeyer fasst den Mangel zusammen: „Das trifft uns in allen Bereichen härter als erwartet.“ Es sind diese Langzeitfolgen der Corona-Krise, die in ihrer Wirkung derzeit kaum abzuschätzen sind. In Anlehnung an gesundheitliche Folgen nach einer Infektion spricht Eckhard Rüter von „Long Covid auch in der Wirtschaft“. Noch überdeckt der deutliche Aufschwung Themen wie Mitarbeitermangel, Ressourcen-Knappheit oder lange Lieferzeiten. Auch die Entwicklung der Insolvenzen ist noch unklar. Im ersten Halbjahr 2021 wurden 16 Verfahren eröffnet, im Vergleichszeitraum des Vorjahres waren es noch 33, sagt Karl-Ernst Hunting, Leiter der Mindener IHK-Zweigstelle. Allerdings wurden zwischenzeitlich auch die Insolvenzregeln gelockert. „Ich bin schon gespannt auf die Ergebnisse der nächsten Umfrage im Frühjahr“, sagt Rüter. Jetzt seien die Unternehmer gefragt, Lösungen zu finden und auch die Politik müsse Signale aussenden, zum Beispiel in Form von schnellen Koalitionsverhandlungen. „Der Motor Wirtschaft läuft nicht von allein.“ Etwas weniger gut sind die Aussichten in den Bereichen Handel und Dienstleistung, auch wenn die Entwicklung in eine ähnliche Richtung zeigt. Im Handel melden gut 30 Prozent der Befragten steigende Umsätze, bei ebenso vielen sind sie zurückgegangen. Vor einem halben Jahr lagen die Werte noch bei 26 respektive 44 Prozent. Wohl auch vor diesem Hintergrund bewerten 46 Prozent die aktuelle Geschäftslage als gut, nur 11 Prozent als schlecht. In den kommenden zwölf Monaten erwarten 23 Prozent steigende Erlöse nur noch 16 Prozent prognostizieren einen Rückgang. Im Dienstleistungsbereich ist die Einschätzung ähnlich. Für beide gilt aber, dass kaum Gewinne erwartet werden. Das trifft vor allem den Handel. Hier sind die Aussichten schon seit 2019 düster, noch immer kalkuliert jedes vierte Befragte Handelsunternehmen mit sinkenden Erträgen, nur 13 Prozent erwarten eine Steigerung. Im Fazit heißt es dazu, dass im Handel die Ertragserwartungen „noch nicht zukunftsfähig“ seien. Gleiches gilt auch für die Dienstleister. Bei allen Unsicherheiten erwarten die Wirtschaftsvertreter jetzt also vor allem einen klaren politischen Kurs. Das unterstreicht auch Horst Kottmeyer noch einmal am Beispiel der Energiewende. 25.000 Windräder seien derzeit in Deutschland in Betrieb. Würde der gesamte Verkehr im Land elektrifiziert, müsste diese Zahl verdreifacht werden, sagt der Spediteur. Ein elektrischer Lkw wäre mit einer halben Million Euro in etwa fünf Mal so teuer wie ein konventioneller: „Wir brauchen Planungssicherheit, die länger gilt als eine Legislaturperiode“, sagt Kottmeyer. „Dann können wir auch die Ärmel hochkrempeln.

Vor allem die Industrie im Mühlenkreis ist im Aufwind - doch es gibt auch Risiken

Besonders die Industrie im Kreis Minden-Lübbecke hat die Pandemie offenbar gut verkraftet. © Pixabay

Minden. Der Abschwung in der Minden-Lübbecker Wirtschaft war nur ein kurzes Intermezzo. In einer Sonderumfrage der Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen (IHK) zur Konjunktur waren die Aussichten im Sommer 2020 ebenso düster wie die damals aktuelle Lage. Schon im Frühjahr war die Zuversicht zurück, jetzt deutet sich ein kräftiger Aufschwung an. Der Konjunkturindikator liegt aktuell bei 139, der höchste Wert seit dem Frühjahr 2018.

Die Entwicklung wird vor allem von der Industrie getragen. Hier erreicht der Indikator 158 – so hoch lag er in den vergangenen 23 Jahren noch nie. Knapp zwei Drittel der Unternehmen bewertet die aktuelle Geschäftslage als gut, ebenso viele glauben, dass sich die Situation in den kommenden zwölf Monaten noch verbessert. An der Umfrage hatten sich zwischen dem 9. August und dem 13. September 349 Unternehmen mit insgesamt knapp 23.000 Beschäftigten beteiligt. Die Rücklaufquote liegt laut IHK damit bei 23 Prozent. Auch unterm Strich hat sich die Lage deutlich verbessert. Knapp 40 Prozent bezeichnen die Erträge als gut, fast 70 Prozent erwarten, dass die Gewinne weiter steigen. Für die künftige Entwicklung sind die Erträge eine wichtige Kennzahl.

In der Folge offenbaren die guten Zahlen aber auch eines der großen Probleme der Wirtschaft insgesamt: Mehr als die Hälfte der Firmen erwarten eine Zunahme der Mitarbeiterzahl. Gleichzeitig ist der Fachkräftemangel eines der größten Risiken. Der Mindener Unternehmer Eckhard Rüter geht bei der Vorstellung der Umfrageergebnisse sogar noch einen Schritt weiter und spricht von einem Arbeitskräftemangel. Der Geschäftsführer der Rüter EPV-Systeme fordert politische Weichenstellungen, mehr Flexibilität im Arbeitsrecht etwa oder neue Einwanderungsregeln: „Sonst kommen wir mittelfristig nicht mehr zurecht“, so Rüter. Auch müssten mehr Abi-turienten von den Chancen einer dualen Ausbildung überzeugt werden.


Die aktuell größten Herausforderungen sind allerdings der Mangel an Rohstoffen und die hohen Energiepreise. Wie sich zum Beispiel der Mangel an Halbleitern in der Automobilindustrie auswirkt, beschreibt Horst Kottmeyer. Für seine Bad Oeynhausener Spedition seien zuletzt neue Lkw mit halb fertiger Elektronik ausgeliefert worden. Die Spiegel auf der Beifahrerseite lassen sich so nicht mehr einstellen – dass dort auch der Fensterheber nicht funktioniert, ist da noch das kleinere Übel. 98 Prozent der Befragten nannten Energie- und Rohstoffpreise als Risiko bei der wirtschaftlichen Entwicklung. Kottmeyer fasst den Mangel zusammen: „Das trifft uns in allen Bereichen härter als erwartet.“

- © Jörg Barner
© Jörg Barner

Es sind diese Langzeitfolgen der Corona-Krise, die in ihrer Wirkung derzeit kaum abzuschätzen sind. In Anlehnung an gesundheitliche Folgen nach einer Infektion spricht Eckhard Rüter von „Long Covid auch in der Wirtschaft“. Noch überdeckt der deutliche Aufschwung Themen wie Mitarbeitermangel, Ressourcen-Knappheit oder lange Lieferzeiten. Auch die Entwicklung der Insolvenzen ist noch unklar. Im ersten Halbjahr 2021 wurden 16 Verfahren eröffnet, im Vergleichszeitraum des Vorjahres waren es noch 33, sagt Karl-Ernst Hunting, Leiter der Mindener IHK-Zweigstelle. Allerdings wurden zwischenzeitlich auch die Insolvenzregeln gelockert. „Ich bin schon gespannt auf die Ergebnisse der nächsten Umfrage im Frühjahr“, sagt Rüter. Jetzt seien die Unternehmer gefragt, Lösungen zu finden und auch die Politik müsse Signale aussenden, zum Beispiel in Form von schnellen Koalitionsverhandlungen. „Der Motor Wirtschaft läuft nicht von allein.“

Etwas weniger gut sind die Aussichten in den Bereichen Handel und Dienstleistung, auch wenn die Entwicklung in eine ähnliche Richtung zeigt. Im Handel melden gut 30 Prozent der Befragten steigende Umsätze, bei ebenso vielen sind sie zurückgegangen. Vor einem halben Jahr lagen die Werte noch bei 26 respektive 44 Prozent. Wohl auch vor diesem Hintergrund bewerten 46 Prozent die aktuelle Geschäftslage als gut, nur 11 Prozent als schlecht. In den kommenden zwölf Monaten erwarten 23 Prozent steigende Erlöse nur noch 16 Prozent prognostizieren einen Rückgang. Im Dienstleistungsbereich ist die Einschätzung ähnlich. Für beide gilt aber, dass kaum Gewinne erwartet werden. Das trifft vor allem den Handel. Hier sind die Aussichten schon seit 2019 düster, noch immer kalkuliert jedes vierte Befragte Handelsunternehmen mit sinkenden Erträgen, nur 13 Prozent erwarten eine Steigerung. Im Fazit heißt es dazu, dass im Handel die Ertragserwartungen „noch nicht zukunftsfähig“ seien. Gleiches gilt auch für die Dienstleister.

Bei allen Unsicherheiten erwarten die Wirtschaftsvertreter jetzt also vor allem einen klaren politischen Kurs. Das unterstreicht auch Horst Kottmeyer noch einmal am Beispiel der Energiewende. 25.000 Windräder seien derzeit in Deutschland in Betrieb. Würde der gesamte Verkehr im Land elektrifiziert, müsste diese Zahl verdreifacht werden, sagt der Spediteur. Ein elektrischer Lkw wäre mit einer halben Million Euro in etwa fünf Mal so teuer wie ein konventioneller: „Wir brauchen Planungssicherheit, die länger gilt als eine Legislaturperiode“, sagt Kottmeyer. „Dann können wir auch die Ärmel hochkrempeln.

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