Von Bauern und Rittern: Mindener auf Suche nach Namensherkunft Monika Jäger Minden. Falko Marien hat zu vielen der heimischen Mühlen eine besondere Beziehung: Sie gehörten nämlich einst Verwandten. Doch er löst auch für andere Menschen Rätsel in deren Familiengeschichte. Eines führte zum Grab eines toten Soldaten in England. Sie sind Berufsschullehrer mit Fächern wie Politik und Technik und entwickeln da auch schon mal energiearme Autos mit Ihren Schülern. Wie kommen Sie zur Genealogie? Ich finde es spannend, die allgemeine Geschichte mit der eigenen Familiengeschichte zu kombinieren. Das habe ich schon vor vielen Jahren mal probiert, aber die Möglichkeiten waren damals beschränkt, auch, weil ich keine kommerziellen Dienste nutzen wollte. Vor vier oder fünf Jahren haben wir dann mal im Familienkreis über das Thema gesprochen, und es stellte sich heraus, dass meine Nichte auch großes Interesse hatte. Seither forschen wir gemeinsam, vor allem bei Ancestry. Und ich habe auch einen DNA-Test machen lassen. Trotz Ihrer Vorbehalte gegen kommerzielle Anbieter? Man muss sich gut Gedanken über die Daten machen, die man da hin gibt. Aber für uns hat das einen richtigen Schub gegeben – wir sind sehr weit gekommen und haben viele interessante Menschen kennengelernt: Verwandte oder solche, die einem einfach weiterhelfen. Was war Ihr Haupt-Forschungsinteresse? Mein Name. Ich wollte immer wissen, woher der kommt und was der eigentlich bedeutet. Und? „Vom Meer“. Zweitens ging es mir um die Mühlen. Meine Großmutter ist eine geborene Meyer und kommt von der Rothen Mühle hier in Frille. Ich habe festgestellt: In der Vergangenheit haben die Müller-Familien immer untereinander geheiratet. Ebenso übrigens die Scharfrichter, über Jahrhunderte – da habe ich auch Verwandtschaft. . . Henker? Tatsächlich? Ja, da schluckt man erst mal. Aber erstens ist das angeheiratet, im Windheimer-Döhrener Bereich. Zweitens waren das nur „Halbmeister“, wie man damals sagte, der richtige Scharfrichter, Meister Hans, lebte in Minden, und der durfte auch das Schwert führen. Die anderen hatten als Nebenberuf Abdeckerei und waren auch für die Reinigung des Dorfes zuständig, verwerteten Tierkadaver. Das ist auch das Spannende: Man lernt wirklich viel dazu.Beim kommerziellen Anbieter Ancestry geht es vor allem um Daten. Wie erfahren Sie mehr über das Alltagsleben? Über die Leute, die man da trifft. Ich habe auch in anderen Stammbäumen geguckt und dann die Menschen kontaktiert und die hatten oft überlieferte Erzählungen aus ihrer Familie. Zum Beispiel? Ich habe herausgefunden, woher mein Name kommt. Im Netz habe ich immer nur gefunden, dass es zwei, drei Varianten gibt, es könnte von „Müritz“ kommen oder von Marienverehrung. Aber der Name stammt aus dem 12., 13 Jahrhundert, und damals, als alle noch katholisch waren, hätte sich doch keiner getraut, diesen Namen zu wählen. Es rührt vielmehr von einem Ortsnamen her, oder auch von einem Geschlecht, das an der Müritz lebte. Deren Name „de Morin“ ist slawisch und bedeutet „ der vom Meer kommende“ – das Meer ist dann die Müritz. Da schauen Sie weit zurück.Das waren Leute, die mit Heinrich dem Löwen ins Land gekommen sind und auch mal auf Kreuzzug waren, aber wo die wirklich her kommen, weiß ich nicht. Dieses Rittergeschlecht gab es bis zum 30-jährigen Krieg. Die haben eine Ortschaft gegründet, die heute noch Marihn heißt.Keine Ahnung aber, ob meine Urahnen Ritter oder Tagelöhner waren. Die Unterlagen reichen meistens bis zum 30-jährigen Krieg. Mehr bekommt man dann nur, wenn man adelig ist. Spannend war für mich auch: Wohin haben sie sich dann bewegt? Die sind tatsächlich in 300 Jahren keine 50 Kilometer weitergekommen. Wir haben übrigens da auch mal Urlaub gemacht und uns alles angesehen. Und was ist nun mit dem toten Soldaten? Vor etwa eineinhalb Jahren schrieb mir eine Frau aus England – dass ich mit ihr verwandt bin, wusste ich bis dahin nicht. Diese Mrs Bromley war auch 2014 in Minden und suchte Verwandte, die Mutter ist eine geborene Meyer von der Mühle in Leteln, also auch Verwandtschaft von mir. Die hat aber nie über Deutschland geredet. Doch es gab da noch einen Jungen „Erwin“ aus der Kindheit, von dem wir zwei Fotos hatten – eines mit seinem Geburtsdatum, eines mit ihm als junger Soldat. Er ist über England abgeschossen worden. Das ist auch Verwandtschaft? Den entscheidenden Hinweis hat mir hier Vinzenz Lübben vom Kommunalarchiv gegeben, der einen Eintrag auf der Verlustkarte der Luftwaffe als Aktennotiz erkannte. Durch einen Anruf im Kommunalarchiv München erfuhr ich dann, wer seine Mutter war. Und so wissen wir heute, dass er ein Cousin ihrer Mutter war und sogar über Birmingham abgeschossen wurde – der Stadt, in der Mrs. Bromley heute lebt. Dort ist er auch begraben. Man denkt immer, Genealogie ist etwas für ältere. Aber Ihre Nichte macht mit. Franziska ist da ähnlich interessiert wie ich – wenn sie im Studium Zeit hat, haben wir uns schon mal die Nächte um die Ohren geschlagen. Sie sucht hauptsächlich die mütterliche Seite in Pommern und Preußen. Sehen Sie „Familie“ heute anders? Vor allem hat sich der Blick geweitet: Wenn man sieht, wie viel Migration immer da und auch normal war, dann lacht man über so manche politische Diskussion von heute. Migration hat in Wirklichkeit jeder in seiner Geschichte drin. Und ich schaue heute auch mehr auf die Alltagsgeschichten der Menschen, oder mache so eine Henkerführung hier in Minden mit, die übrigens ganz toll ist. Sie sind Politiklehrer. Hat Ihr Hobby Ihren Unterricht verändert? Die Frage, wie die Leute ticken, ist präsenter und der Blick wird weiter. Bei uns haben Menschen gebrannt, weil fanatische Gläubige an Hexen glaubten. Wir schütteln heute den Kopf über Fundamentalisten anderer Religionen. Aber das ist nicht einzigartig – und das zu sehen, ist wichtig. Das heißt aber nicht, dass wir für alles Verständnis entwickeln sollten.

Von Bauern und Rittern: Mindener auf Suche nach Namensherkunft

„Manchmal schlagen wir uns die Nächte um die Ohren“, sagt Falko Marien. Er reiste vor einigen Jahren sogar in den Ort, aus dem sein Name stammt. Foto: Privat © privat

Minden. Falko Marien hat zu vielen der heimischen Mühlen eine besondere Beziehung: Sie gehörten nämlich einst Verwandten. Doch er löst auch für andere Menschen Rätsel in deren Familiengeschichte. Eines führte zum Grab eines toten Soldaten in England.

Sie sind Berufsschullehrer mit Fächern wie Politik und Technik und entwickeln da auch schon mal energiearme Autos mit Ihren Schülern. Wie kommen Sie zur Genealogie?

Ich finde es spannend, die allgemeine Geschichte mit der eigenen Familiengeschichte zu kombinieren. Das habe ich schon vor vielen Jahren mal probiert, aber die Möglichkeiten waren damals beschränkt, auch, weil ich keine kommerziellen Dienste nutzen wollte. Vor vier oder fünf Jahren haben wir dann mal im Familienkreis über das Thema gesprochen, und es stellte sich heraus, dass meine Nichte auch großes Interesse hatte. Seither forschen wir gemeinsam, vor allem bei Ancestry. Und ich habe auch einen DNA-Test machen lassen.

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Patrick Schwemmling

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Trotz Ihrer Vorbehalte gegen kommerzielle Anbieter?

Man muss sich gut Gedanken über die Daten machen, die man da hin gibt. Aber für uns hat das einen richtigen Schub gegeben – wir sind sehr weit gekommen und haben viele interessante Menschen kennengelernt: Verwandte oder solche, die einem einfach weiterhelfen.

Was war Ihr Haupt-Forschungsinteresse?

Mein Name. Ich wollte immer wissen, woher der kommt und was der eigentlich bedeutet.

Und?

„Vom Meer“. Zweitens ging es mir um die Mühlen. Meine Großmutter ist eine geborene Meyer und kommt von der Rothen Mühle hier in Frille. Ich habe festgestellt: In der Vergangenheit haben die Müller-Familien immer untereinander geheiratet. Ebenso übrigens die Scharfrichter, über Jahrhunderte – da habe ich auch Verwandtschaft. . .

Henker? Tatsächlich?

Ja, da schluckt man erst mal. Aber erstens ist das angeheiratet, im Windheimer-Döhrener Bereich. Zweitens waren das nur „Halbmeister“, wie man damals sagte, der richtige Scharfrichter, Meister Hans, lebte in Minden, und der durfte auch das Schwert führen. Die anderen hatten als Nebenberuf Abdeckerei und waren auch für die Reinigung des Dorfes zuständig, verwerteten Tierkadaver. Das ist auch das Spannende: Man lernt wirklich viel dazu.

Beim kommerziellen Anbieter Ancestry geht es vor allem um Daten. Wie erfahren Sie mehr über das Alltagsleben?

Über die Leute, die man da trifft. Ich habe auch in anderen Stammbäumen geguckt und dann die Menschen kontaktiert und die hatten oft überlieferte Erzählungen aus ihrer Familie.

Zum Beispiel?

Ich habe herausgefunden, woher mein Name kommt. Im Netz habe ich immer nur gefunden, dass es zwei, drei Varianten gibt, es könnte von „Müritz“ kommen oder von Marienverehrung. Aber der Name stammt aus dem 12., 13 Jahrhundert, und damals, als alle noch katholisch waren, hätte sich doch keiner getraut, diesen Namen zu wählen. Es rührt vielmehr von einem Ortsnamen her, oder auch von einem Geschlecht, das an der Müritz lebte. Deren Name „de Morin“ ist slawisch und bedeutet „ der vom Meer kommende“ – das Meer ist dann die Müritz.

Da schauen Sie weit zurück.

Das waren Leute, die mit Heinrich dem Löwen ins Land gekommen sind und auch mal auf Kreuzzug waren, aber wo die wirklich her kommen, weiß ich nicht. Dieses Rittergeschlecht gab es bis zum 30-jährigen Krieg. Die haben eine Ortschaft gegründet, die heute noch Marihn heißt.

Keine Ahnung aber, ob meine Urahnen Ritter oder Tagelöhner waren. Die Unterlagen reichen meistens bis zum 30-jährigen Krieg. Mehr bekommt man dann nur, wenn man adelig ist. Spannend war für mich auch: Wohin haben sie sich dann bewegt? Die sind tatsächlich in 300 Jahren keine 50 Kilometer weitergekommen. Wir haben übrigens da auch mal Urlaub gemacht und uns alles angesehen.

Und was ist nun mit dem toten Soldaten?

Vor etwa eineinhalb Jahren schrieb mir eine Frau aus England – dass ich mit ihr verwandt bin, wusste ich bis dahin nicht. Diese Mrs Bromley war auch 2014 in Minden und suchte Verwandte, die Mutter ist eine geborene Meyer von der Mühle in Leteln, also auch Verwandtschaft von mir. Die hat aber nie über Deutschland geredet. Doch es gab da noch einen Jungen „Erwin“ aus der Kindheit, von dem wir zwei Fotos hatten – eines mit seinem Geburtsdatum, eines mit ihm als junger Soldat. Er ist über England abgeschossen worden.

Das ist auch Verwandtschaft?

Den entscheidenden Hinweis hat mir hier Vinzenz Lübben vom Kommunalarchiv gegeben, der einen Eintrag auf der Verlustkarte der Luftwaffe als Aktennotiz erkannte. Durch einen Anruf im Kommunalarchiv München erfuhr ich dann, wer seine Mutter war. Und so wissen wir heute, dass er ein Cousin ihrer Mutter war und sogar über Birmingham abgeschossen wurde – der Stadt, in der Mrs. Bromley heute lebt. Dort ist er auch begraben.

Man denkt immer, Genealogie ist etwas für ältere. Aber Ihre Nichte macht mit.

Franziska ist da ähnlich interessiert wie ich – wenn sie im Studium Zeit hat, haben wir uns schon mal die Nächte um die Ohren geschlagen. Sie sucht hauptsächlich die mütterliche Seite in Pommern und Preußen.

Sehen Sie „Familie“ heute anders?

Vor allem hat sich der Blick geweitet: Wenn man sieht, wie viel Migration immer da und auch normal war, dann lacht man über so manche politische Diskussion von heute. Migration hat in Wirklichkeit jeder in seiner Geschichte drin. Und ich schaue heute auch mehr auf die Alltagsgeschichten der Menschen, oder mache so eine Henkerführung hier in Minden mit, die übrigens ganz toll ist.

Sie sind Politiklehrer. Hat Ihr Hobby Ihren Unterricht verändert?

Die Frage, wie die Leute ticken, ist präsenter und der Blick wird weiter. Bei uns haben Menschen gebrannt, weil fanatische Gläubige an Hexen glaubten. Wir schütteln heute den Kopf über Fundamentalisten anderer Religionen. Aber das ist nicht einzigartig – und das zu sehen, ist wichtig. Das heißt aber nicht, dass wir für alles Verständnis entwickeln sollten.

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