Vom Zauber des Selbstgemachten Monika Jäger Minden. Vermutlich bin ich eine Rabenmutter. Aber mir ist ehrlich gesagt im vergangenen Vierteljahrhundert nicht immer das Herz aufgegangen, wenn mir meine Tochter ein selbstgewirktes Etwas geschenkt hat. Und ehe mir jetzt jemand Stinkbomben vor die Haustür wirft: Natürlich habe ich mich gefreut, dass ich was geschenkt bekommen habe. Natürlich fand ich super, dass sie Spaß an kreativem Tun hatte und habe sie bestärkt und ermutigt. Aber da das Selbstgebastelte in der Vor-Instagram-Zeit halt genau das war (und kein Anlass für einen „Schaut mal her, wie niedlich“-Post für die Ewigkeit), habe ich so manchen liebevoll überreichten Staubfänger nach einigen Wochen in Blisterfolie gepackt und in einem Kellerregal verstaut. Die Galerie der Gaben ist in meiner Erinnerung schier unendlich, sie enthält gemalte Kopffüßer und braune Tonklumpen, die wohl eine Hühnerfamilie darstellen; selbstgebatikte Halstücher in krassen Farben und mit schrillbunten Strass-Steinchen versehene Marmeladengläser; einmal war sogar ein riesiges „Vogelhaus“ aus Glas darunter. Gebastelt wurde immer: Bei Ferienspielen („Sockenmonster mit Augen aus Knöpfen“) und Projektwochen („Armband aus Strickliesel-Faden“), an kreativen Kindergeburtstagen („Kette mit Plastikperlen“) und bei Oma („Pumuckl aus Windowcolor“). Die Ehrenposition auf dem Küchentisch war der Ritterschlag fürs Up-gecycelte. Längst ist meine Tochter ausgezogen, und die Zeiten, dass sie „Mama guck mal“-rufend und Kreatives schwenkend auf mich zugerannt kam, sind lange vorbei. Das Asservatenregal im Keller ist inzwischen für „Ach ja, das waren noch Zeiten“-Momente gut. Allerdings hat es nicht alles dahin geschafft. Ein besonderer Kopffüßer, der offenbar mit Uhu gemalt und dann mit Sand gestaltet wurde, hängt in meinem Arbeitszimmer an der Wand. Über den freue ich mich immer noch. Im Bücherregal hocken zwei Hasen aus Ton – ein brauner, ein weißer. Mein Kind beäugte die letztes Weihnachten eher misstrauisch: „Die passen nicht so ganz in die Jahreszeit, oder?“, sagte sie trocken. Kurz danach war Bescherung. Ich bekam einen äußerst praktischen faltbaren Regenschirm – nicht selbstgemacht; dazu eine gemalte Karte mit einem Spruch über Regentage und Schirme. Das hatte sie in Kalligrafie gestaltet und geschrieben – das neueste Hobby. Und ja, ehe jemand fragt: Die habe ich mir eingerahmt. Sie hängt jetzt auch hier an der Wand. In diesem Jahr schenken wir uns nichts. Nicht Gekauftes. Nichts Gemachtes. Nur Zeit miteinander. Aber mal sehen, vielleicht werden wir auch was basteln. Ich wollte uns da noch so ein Puzzle besorgen. . .

Vom Zauber des Selbstgemachten

© Alex Lehn

Minden. Vermutlich bin ich eine Rabenmutter. Aber mir ist ehrlich gesagt im vergangenen Vierteljahrhundert nicht immer das Herz aufgegangen, wenn mir meine Tochter ein selbstgewirktes Etwas geschenkt hat. Und ehe mir jetzt jemand Stinkbomben vor die Haustür wirft: Natürlich habe ich mich gefreut, dass ich was geschenkt bekommen habe. Natürlich fand ich super, dass sie Spaß an kreativem Tun hatte und habe sie bestärkt und ermutigt. Aber da das Selbstgebastelte in der Vor-Instagram-Zeit halt genau das war (und kein Anlass für einen „Schaut mal her, wie niedlich“-Post für die Ewigkeit), habe ich so manchen liebevoll überreichten Staubfänger nach einigen Wochen in Blisterfolie gepackt und in einem Kellerregal verstaut.

Die Galerie der Gaben ist in meiner Erinnerung schier unendlich, sie enthält gemalte Kopffüßer und braune Tonklumpen, die wohl eine Hühnerfamilie darstellen; selbstgebatikte Halstücher in krassen Farben und mit schrillbunten Strass-Steinchen versehene Marmeladengläser; einmal war sogar ein riesiges „Vogelhaus“ aus Glas darunter.

Gebastelt wurde immer: Bei Ferienspielen („Sockenmonster mit Augen aus Knöpfen“) und Projektwochen („Armband aus Strickliesel-Faden“), an kreativen Kindergeburtstagen („Kette mit Plastikperlen“) und bei Oma („Pumuckl aus Windowcolor“). Die Ehrenposition auf dem Küchentisch war der Ritterschlag fürs Up-gecycelte.

Längst ist meine Tochter ausgezogen, und die Zeiten, dass sie „Mama guck mal“-rufend und Kreatives schwenkend auf mich zugerannt kam, sind lange vorbei. Das Asservatenregal im Keller ist inzwischen für „Ach ja, das waren noch Zeiten“-Momente gut. Allerdings hat es nicht alles dahin geschafft. Ein besonderer Kopffüßer, der offenbar mit Uhu gemalt und dann mit Sand gestaltet wurde, hängt in meinem Arbeitszimmer an der Wand. Über den freue ich mich immer noch. Im Bücherregal hocken zwei Hasen aus Ton – ein brauner, ein weißer. Mein Kind beäugte die letztes Weihnachten eher misstrauisch: „Die passen nicht so ganz in die Jahreszeit, oder?“, sagte sie trocken.

Kurz danach war Bescherung. Ich bekam einen äußerst praktischen faltbaren Regenschirm – nicht selbstgemacht; dazu eine gemalte Karte mit einem Spruch über Regentage und Schirme. Das hatte sie in Kalligrafie gestaltet und geschrieben – das neueste Hobby. Und ja, ehe jemand fragt: Die habe ich mir eingerahmt. Sie hängt jetzt auch hier an der Wand.

In diesem Jahr schenken wir uns nichts. Nicht Gekauftes. Nichts Gemachtes. Nur Zeit miteinander. Aber mal sehen, vielleicht werden wir auch was basteln. Ich wollte uns da noch so ein Puzzle besorgen. . .

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