Vom Punk in den Mainstream: Was in der "Box" gespielt wird, hat sich stark verändert Vasco Stemmer Minden. Als in der Musikbox am 10. Oktober 1980 das erste Mal das Licht aus- und die Musik angeht, ist Heiko Linnert nicht dabei – in den folgenden 32 Jahren soll aus ihm trotzdem ein echtes „Box"-Urgestein werden. Aber von vorne: Anfang November im Jahr 1980, drei Wochen nach der Eröffnung der Diskothek an der Portastraße, legt der damals erst 19 Jahre alte Lehrling das erste mal in Minden auf. Seine Liebe gehört dem Rock, dem Blues und dem Jazz. „Ich hab damals zum Beispiel The Police gespielt", erinnert er sich. Doch auch die Neue Deutsche Welle und der damals noch junge Punk prägen den Sound der „Box" in den frühen 80er-Jahren mit. „Wir hatten dienstags sogar eine Zeit lang einen Punk-Tag", erzählt Linnert. Der sei zwar ein Erfolg gewesen und habe viele Leute auch aus dem weiteren Umfeld angezogen, viel Geld hätten die Anarchos aber nicht in die Kasse gespült. Doch darum ging es auch nicht – in der „Box" wurde eine Niedrigpreispolitik gefahren. „Jeder sollte bei uns einen Drink bekommen können", erinnert sich Linnert. Das Publikum ist in den achtziger und neunziger Jahren oft eine krude Mischung: Punks, Hippies, Leute, die günstig trinken wollen, und Musikliebhaber sind gleichermaßen Gäste in der Disco. Besonders die Musikenthusiasten machen den DJ's manchmal das Leben schwer. „Puristen sind ja oft engstirnig", berichtet Linnert. Deren Unmut zieht er sich bereits 1980 zum ersten Mal zu. Als er das Dancefloor-Stück „Upside Down" von Diana Ross vor dem noch stark vom Rock geprägten Publikum auflegt, wird er ausgebuht – und das, obwohl die Menge tanzt. „Da haben schon viele gesagt, dass wir jetzt kommerziell werden und dass das der Anfang vom Ende ist", sagt Linnert. Dabei machen es sich die DJ's selbst nicht einfach. „Wir haben immer versucht, die Top-40-Stücke außen vor zu lassen", erklärt der DJ. Bis in die Nuller Jahre hinein wird außerdem kein Stück zweimal pro Abend gespielt. Auch auf die Klangqualität wird Wert gelegt. „Es wurde darauf geachtet, dass es vernünftig klingt und auch, dass die Lautstärke passt", sagt Linnert weiter. Die Gäste sollten sich am Tresen auch noch dann unterhalten können, wenn auf der Tanzfläche Musik gespielt wurde. Erst mit der in den neunziger Jahren aufkeimenden Techno-Szene wird es auch in der Box lauter. Einer, der zu dieser Zeit Techno in der Disco an der Portastraße auflegt, ist der heute international erfolgreiche DJ und Produzent Timo Maas. „Ich habe Mitte der neunziger für ein paar Jahre jeden Mittwoch im damaligen ,Backstage' gespielt in der Box. Good old times", sagt er rückblickend. Während in vielen Großraumdiscos der neunziger Jahre die DJ's auch Anheizer sind, wird ein Mikrofon für Durchsagen in der Box erst kurz vor der Jahrtausendwende installiert. Auf den berühmten und berüchtigten „La Noche"-Partys, auf denen ab den späten neunziger Jahren immer am ersten Samstag im Monat die mexikanische Partykultur zelebriert wird, beginnt auch Linnert über das Mikrofon mit den Gästen zu sprechen. Das treibt mitunter seltsame Blüten. „Ich habe die Leute mal dazu animiert, ein Kickerturnier auf der Tanzfläche auszutragen." Während dieser Zeit verschenkt er auch Unmengen an Bier an das Publikum: „Einmal waren es zwölf Kisten Sol an einem Abend, das musste ich dann hinterher auch erklären." Obwohl nach und nach immer mehr kommerzielle Musik ihren Weg in die Box findet, versucht Linnert, auch den „Musiknerds" weiterhin etwas zu bieten. So spielt er neben eher populären Stücken wie „Walking on Sunshine" auch Titel von Frank Zappa – und zwar nicht Bobby Bown. „Das ist für ungeübte Hörer dann schon eher anstrengend", erklärt er. Daniel Maierhofer gehört zu einer jüngeren Generation von Box-DJ's und ist in ganz anderen Musikrichtungen zu Hause. „Ich habe zwischen 2010 und 2015 die Urban Dance Night gemacht", erzählt Maierhofer. R'n'B und Hip-Hop standen bei ihm auf dem Programm. Musik aus dem Underground gib es in der Box heute kaum noch zu hören. Das bestätigt auch Samet Kaya, der als DJ-Sky in der Box auflegt: „Deutscher Rap hat in den letzten Jahren wirklich stark zugelegt." 50 Prozent der Songs, die er dreimal im Monat im Backstage spielt, kommen aus diesem Genre. Und auch auf der großen Tanzfläche bewegen sich die Gäste heute hauptsächlich zu kommerzieller Musik. Heiko Linnert hat seine DJ-Karriere im Jahr 2012 an den Nagel gehängt. Auf ein Wiedersehen mit alten Bekannten hätte er sich in diesem Jahr sehr gefreut. „Ich hätte gern noch mal mit den alten Kollegen ein Paar Platten aufgelegt". Alle drei DJ's loben an der Box die gleichen Dinge: die familiäre Atmosphäre, den Zusammenhalt im Team und den Enthusiasmus des Besitzers. „Wenn man sich gut aufgehoben fühlt dort, wo man auflegt, ist das Gold wert", erklärt Samet Kaya.

Vom Punk in den Mainstream: Was in der "Box" gespielt wird, hat sich stark verändert

In der Box wurde lange versucht, die Top-40-Stücke außen vor zu lassen. Ein weiteres No-Go: einen Song ein zweites Mal am Abend zu spielen. © privat

Minden. Als in der Musikbox am 10. Oktober 1980 das erste Mal das Licht aus- und die Musik angeht, ist Heiko Linnert nicht dabei – in den folgenden 32 Jahren soll aus ihm trotzdem ein echtes „Box"-Urgestein werden. Aber von vorne: Anfang November im Jahr 1980, drei Wochen nach der Eröffnung der Diskothek an der Portastraße, legt der damals erst 19 Jahre alte Lehrling das erste mal in Minden auf. Seine Liebe gehört dem Rock, dem Blues und dem Jazz. „Ich hab damals zum Beispiel The Police gespielt", erinnert er sich. Doch auch die Neue Deutsche Welle und der damals noch junge Punk prägen den Sound der „Box" in den frühen 80er-Jahren mit. „Wir hatten dienstags sogar eine Zeit lang einen Punk-Tag", erzählt Linnert. Der sei zwar ein Erfolg gewesen und habe viele Leute auch aus dem weiteren Umfeld angezogen, viel Geld hätten die Anarchos aber nicht in die Kasse gespült. Doch darum ging es auch nicht – in der „Box" wurde eine Niedrigpreispolitik gefahren. „Jeder sollte bei uns einen Drink bekommen können", erinnert sich Linnert.

Das Publikum ist in den achtziger und neunziger Jahren oft eine krude Mischung: Punks, Hippies, Leute, die günstig trinken wollen, und Musikliebhaber sind gleichermaßen Gäste in der Disco. Besonders die Musikenthusiasten machen den DJ's manchmal das Leben schwer. „Puristen sind ja oft engstirnig", berichtet Linnert. Deren Unmut zieht er sich bereits 1980 zum ersten Mal zu. Als er das Dancefloor-Stück „Upside Down" von Diana Ross vor dem noch stark vom Rock geprägten Publikum auflegt, wird er ausgebuht – und das, obwohl die Menge tanzt. „Da haben schon viele gesagt, dass wir jetzt kommerziell werden und dass das der Anfang vom Ende ist", sagt Linnert. Dabei machen es sich die DJ's selbst nicht einfach. „Wir haben immer versucht, die Top-40-Stücke außen vor zu lassen", erklärt der DJ. Bis in die Nuller Jahre hinein wird außerdem kein Stück zweimal pro Abend gespielt.

Heiko Linnert am Plattenteller. - © Foto: privat
Heiko Linnert am Plattenteller. - © Foto: privat

Auch auf die Klangqualität wird Wert gelegt. „Es wurde darauf geachtet, dass es vernünftig klingt und auch, dass die Lautstärke passt", sagt Linnert weiter. Die Gäste sollten sich am Tresen auch noch dann unterhalten können, wenn auf der Tanzfläche Musik gespielt wurde. Erst mit der in den neunziger Jahren aufkeimenden Techno-Szene wird es auch in der Box lauter. Einer, der zu dieser Zeit Techno in der Disco an der Portastraße auflegt, ist der heute international erfolgreiche DJ und Produzent Timo Maas. „Ich habe Mitte der neunziger für ein paar Jahre jeden Mittwoch im damaligen ,Backstage' gespielt in der Box. Good old times", sagt er rückblickend.

Während in vielen Großraumdiscos der neunziger Jahre die DJ's auch Anheizer sind, wird ein Mikrofon für Durchsagen in der Box erst kurz vor der Jahrtausendwende installiert. Auf den berühmten und berüchtigten „La Noche"-Partys, auf denen ab den späten neunziger Jahren immer am ersten Samstag im Monat die mexikanische Partykultur zelebriert wird, beginnt auch Linnert über das Mikrofon mit den Gästen zu sprechen. Das treibt mitunter seltsame Blüten. „Ich habe die Leute mal dazu animiert, ein Kickerturnier auf der Tanzfläche auszutragen." Während dieser Zeit verschenkt er auch Unmengen an Bier an das Publikum: „Einmal waren es zwölf Kisten Sol an einem Abend, das musste ich dann hinterher auch erklären."

Obwohl nach und nach immer mehr kommerzielle Musik ihren Weg in die Box findet, versucht Linnert, auch den „Musiknerds" weiterhin etwas zu bieten. So spielt er neben eher populären Stücken wie „Walking on Sunshine" auch Titel von Frank Zappa – und zwar nicht Bobby Bown. „Das ist für ungeübte Hörer dann schon eher anstrengend", erklärt er.

Daniel Maierhofer gehört zu einer jüngeren Generation von Box-DJ's und ist in ganz anderen Musikrichtungen zu Hause. „Ich habe zwischen 2010 und 2015 die Urban Dance Night gemacht", erzählt Maierhofer. R'n'B und Hip-Hop standen bei ihm auf dem Programm. Musik aus dem Underground gib es in der Box heute kaum noch zu hören. Das bestätigt auch Samet Kaya, der als DJ-Sky in der Box auflegt: „Deutscher Rap hat in den letzten Jahren wirklich stark zugelegt." 50 Prozent der Songs, die er dreimal im Monat im Backstage spielt, kommen aus diesem Genre. Und auch auf der großen Tanzfläche bewegen sich die Gäste heute hauptsächlich zu kommerzieller Musik.

Heiko Linnert hat seine DJ-Karriere im Jahr 2012 an den Nagel gehängt. Auf ein Wiedersehen mit alten Bekannten hätte er sich in diesem Jahr sehr gefreut. „Ich hätte gern noch mal mit den alten Kollegen ein Paar Platten aufgelegt". Alle drei DJ's loben an der Box die gleichen Dinge: die familiäre Atmosphäre, den Zusammenhalt im Team und den Enthusiasmus des Besitzers. „Wenn man sich gut aufgehoben fühlt dort, wo man auflegt, ist das Gold wert", erklärt Samet Kaya.

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