Volkshochschule und MT starten die „Mindener Mediengespräche“ Minden. Die Medienrevolution hat schon lange begonnen. Klassische Medien und Journalisten sind Anfeindungen ausgesetzt, andererseits als Erklärer des Lebens im Wandel gefragt. Gleichzeitig kann jeder Handynutzer selbst Inhalte veröffentlichen. Während die Anforderungen einer ausgeprägten Medienkompetenz steigen, hat das Bildungswesen Mühe, die Fähigkeiten ausreichend zu vermitteln. Inmitten dieser Spannungsfelder starten die Volkshochschule Minden (VHS) und das Mindener Tageblatt die „Mindener Mediengespräche“. Vier Mal im Jahr wollen sie journalistische Persönlichkeiten in die Stadt holen und mit der Öffentlichkeit ins Gespräch bringen. Start ist am Tag der Pressefreiheit (Dienstag, 3. Mai, ab 19 Uhr im Kleinen Theater am Weingarten). VHS-Direktor Marco Düsterwald und MT-Chefredakteur Benjamin Piel erklären, wie sie auf die gemeinsame Idee gekommen sind. Warum das Format „Mindener Mediengespräche“? Marco Düsterwald: Zunächst entstand das ja aus unserer beider Motivation, einen Beitrag zur Medienkompetenzförderung zu leisten. Was ich oft vermisse, ist ein gesellschaftlicher Dialog über wichtige Themen mit einer Kultur, die auf gegenseitigem Verstehenwollen basiert und nicht auf das bloße konfrontative Diskutieren. Ich sehe in der Arbeit mit den lokalen Zeitungsgestaltern eine sehr gute Synergie. Benjamin Piel: Die sinkende Medienkompetenz ist etwas, das mir durchaus Bauchschmerzen bereitet. Denn wir alle sind zu Journalisten geworden, aber wir verhalten uns nicht wie welche. Soll heißen: Fast alle Menschen veröffentlichen den ganzen Tag Inhalte, Thesen, Behauptungen. Aber oft wird nicht ausreichend geprüft, was man da so alles bei WhatsApp, Facebook und Twitter weiterleitet und teilt. So haben Desinformationsstrategien leichtes Spiel. Wir können dieses Problem zwar nicht von Minden aus lösen, aber wir wollen unbedingt einen Beitrag dazu leisten. Was ist die Motivation der VHS, so ein Format mitzugestalten? Düsterwald: Volkshochschulen sind Orte des Lernens. Aber noch viel mehr: Sie sind Orte des Austausches, des Diskurses und Orte der Demokratie. Im gegenseitigen Miteinander können auch kontroverse Themen angegangen und Erkenntnis gewonnen werden. Noch einmal zur Medienkompetenz, wie ist es um die aus Ihrer Erfahrung an der VHS bestellt?Düsterwald: Medienkompetenz ist ein Schlagwort. Dahinter verbergen sich die Kategorien: Medienkritik, Medienkunde, Mediennutzung und Mediengestaltung. Die Mediennutzung ist breit angelegt. Nahezu jede und jeder nutzt Medien zur Information und Unterhaltung. Wenn es aber darum geht, Medienkunde zu zeigen, etwa durch die Überprüfung von Quellen, wird es deutlich schwieriger. Bei der wachsenden Flut an Information braucht es ein erhöhtes Maß an Kompetenz, diese einordnen zu können. Hier sehe ich noch viel vermittelnde und aufklärende Arbeit vor uns: Von den Schulen über die VHS bis hin zur Tageszeitung. Was ist der Auftrag der VHS in zwei Sätzen und welche Rolle spielt dabei die Medienkompetenz? Düsterwald: Unser Auftrag ist Bildung für alle. Das machen wir als kommunale Dienstleisterin. Wir sind kommunale Pflichtaufgabe und gehören zur Daseinsfürsorge. In allen unseren Angeboten vermitteln wir spezielle Fachkenntnisse und in fast jedem Angebot kommen wir mit Medien in Kontakt und wenden sie an. Daher gehört die Medienkompetenz zu einem übergreifenden Thema. Übrigens ist die VHS Minden/Bad Oeynhausen auch Trägerin im offenen Ganztag an 17 Schulen. Damit reicht die Vermittlung von Medienkompetenz von den jüngsten Zielgruppen bis zu den ältesten. Wir sind gelebtes lebenslanges Lernen. Die Mediengespräche wählen den Weg der Vermittlung über eine Person. Warum dieser Weg? Piel: Es ist gar nicht so einfach, Menschen für das Thema Medienkompetenz zu begeistern. Das klingt nach viel Theorie und nach etwas, das mit eigenen Leben nicht viel zu tun hat. In Wirklichkeit ist es allerdings ganz anders. Denn wenn wir nicht sehr genau prüfen, welche Inhalte wir weiterverbreiten, machen wir uns zu Mittätern von Despoten und anderen Menschen, die schlechte Absichten haben. Und das, ohne es überhaupt zu merken. Das Thema hat also sehr viel mit uns und unserer Verantwortung zu tun. Wir wählen mit den Gesprächen einen weniger theoretischen, sondern persönlichen Zugang zum Thema. Über bekannte Gesichter und spannende Persönlichkeiten wollen wir vermitteln, wie Journalisten arbeiten. Vor allem, wollen wir Öffentlichkeit und Journalismus miteinander ins Gespräch bringen.Haben Sie ein Lieblingsmedium und einen Lieblingsjournalisten? Düsterwald: Ich bin ein Freund von dicken Sonntags- oder Wochenzeitungen. Gerade im Urlaub freue ich mich darauf, einmal intensiv so eine Zeitung zu lesen. Der Geruch des Papiers, eine Tasse Kaffee – perfekt! Früher war mein Lieblingsjournalist Ulrich Wickert. Er war für mich die Verkörperung des seriösen Journalisten, der mir die Welt erklärte. Heute finde ich neue Formen des Journalismus und deutlich auch weiblichere Akzentuierungen interssant. Ich mag gerne die Arbeiten von Dunja Hajali und Annett Selle. Piel: Mich begeistert der Lokaljournalismus. Auf ein einziges Medium kann ich mich da nicht festlegen. Vorbilder waren für mich immer Leute, die gegen Widerstände gearbeitet und sich nichts haben verbieten lassen. Aus meiner eigenen Generation zum Beispiel der Investigativ-Journalist Bastian Obermayer, der kürzlich verkündet hat, dass er die Süddeutsche Zeitung verlassen wird. Welche Bedeutung haben Lokalmedien für Sie? Piel: Eine kaum zu unterschätzende. Jedenfalls dann, wenn Lokaljournalisten willens und in der Lage sind, ein breites Bild zu zeichnen. Das ist so eine Sache mit dem Lokaljournalismus, weil er nicht das beste Image hat. Dieses überkommene Bild geht davon aus, dass der Lokaljournalist mit dem Bürgermeister auf Kuschelkurs ist und die Eliten vor Ort bepuschelt. Wo das stattfindet, halte ich es für gefährlich. In Minden ist das nicht der Fall. Auf der anderen Seite müssen wir uns immer selbstkritisch fragen, ob unser Blick weit genug reicht. Da gibt es immer Verbesserungspotenzial. Ein fähiger Lokaljournalismus hat für die Gesellschaft vor Ort eine ganz wichtige Funktion – er bringt Menschen zusammen, schafft eine gemeinsame Wissensbasis, kann Bewegung in festgefahrene Situationen bringen, Missstände aufzeigen und Lösungen anfragen.Düsterwald: Ich sehe das ähnlich, wie ich die Volkshochschulen sehe: als lebendigen wesentlichen Bestandteil einer Stadtgesellschaft. Eine Lokalzeitung stellt stadtgesellschaftliche Entwicklungen dar, regt Diskussionen an und begleitet Diskurse. Journalisten haben nicht den besten Ruf. Das zeigen Befragungen zum Ansehen von Berufsgruppen regelmäßig. Wie erklären Sie sich das? Düsterwald: Ich glaube, so pauschal lässt sich die Frage nicht beantworten. Es kommt sehr darauf an, in welchem Zusammenhang von Journalisten gesprochen wird. Auch ist der Berufsstand nicht homogen. Es gibt Gute und weniger Gute – eben wie im gesamten Leben. Da die Arbeit aber sehr öffentlich wahrnehmbar ist, können Negativbeispiele schnell instrumentalisiert werden. Piel: Journalisten sind ein Stück weit immer Parias, wenn sie ihren Beruf ernst nehmen. Es gibt sie und sie bewegen sich in der Welt, aber sie gehören nirgendwo so recht dazu. Einerseits wird von uns zurecht erwartet, dass wir Verhältnisse kritisieren. Doch immer, wenn wir das tun, gibt es auch Menschen, die auf der anderen Seite stehen und mit dieser Kritik so gar nicht einverstanden sind. Das kann im Lokalen sogar zu Spannungen im Privatleben führen. Wir müssen das aushalten, aber das ist gar nicht so einfach. Wir sind da immer auf der Suche nach dem richtigen Maß. Allein das zeigt schon ein paar Spannungsfelder auf, in denen wir uns bewegen und die zu einer negativen Fremdwahrnehmung beitragen könnten. Journalisten sollten öfter mal klarmachen, dass sie vieles auch nur schwerlich einordnen können statt so zu tun als wüssten sie alles – und das vielleicht sogar besser. Das sage ich kritisch auch in meine eigene Richtung. Die Mediengespräche wollen aber genau dazu einen Beitrag leisten: Journalisten zeigen, Gespräche mit ihnen ermöglichen, falsche Bilder abbauen helfen, Dialog fördern.Eine Welt ohne Journalismus wäre... Düsterwald: ...traurig. Sehr traurig. Piel: ...ganz sicher nicht demokratisch organisiert. Schauen Sie nach Russland. Was schaffen Diktatoren wie Putin als erstes ab? Freien Journalismus. Sie brauchen die Dunkelheit, in der sie die Demokratie um die Ecke bringen können. Journalismus leuchtet bestenfalls die Welt aus – ohne bleibt es dunkel und wird es orientierungslos. Mindener Mediengespräche Für das Jahr 2022 sind vier Veranstaltungen geplant. Alle sind kostenlos und beginnen jeweils um 19 Uhr im Theater am Weingarten, Königswall 97.Los geht es am 3. Mai, dem Tag der Pressefreiheit, mit Matthias Kalle, MT-Ombudsmann und ehemaliger stellvertretender Chefredakteur des „Zeit Magazins“. Er wird etwas zur Bedeutung der Pressefreiheit und seinen Erlebnissen als Ombudsmann sagen. Im Gespräch mit VHS-Direktor Marco Düsterwald und MT-Lokalleiter Henning Wandel ist außerdem Raum für die Fragen und Anregungen.Tagesthemen-Chefredakteur und -Moderator Helge Fuhst berichtet am 16. August, wie die Tagesthemen ihre Nachrichten auswählen und gewichten. Aus seinem neuesten Buch „Afrika! Rückblicke in die Zukunft eines Kontinents“ liest am 19. Oktober Bartholomäus Grill, der frühere Afrika-Korrespondent von Spiegel und Zeit.Der Medienwissenschaftler Prof. Dr. Michael Haller ist am 22. November zu Gast in Minden. Er berichtet über seine Forschung, in der er die Arbeit von Journalisten immer wieder kritisch beleuchtet. Zuletzt hatte er mit einer Untersuchung zur Corona-Berichterstattung Aufsehen erregt.
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Volkshochschule und MT starten die „Mindener Mediengespräche“

Volkshochschule und MT starten die „Mindener Mediengespräche“. Sie holen vier Mal im Jahr Persönlichkeiten ?aus dem Journalismus zum öffentlichen Gespräch in die Stadt. © Pixabay

Minden. Die Medienrevolution hat schon lange begonnen. Klassische Medien und Journalisten sind Anfeindungen ausgesetzt, andererseits als Erklärer des Lebens im Wandel gefragt. Gleichzeitig kann jeder Handynutzer selbst Inhalte veröffentlichen. Während die Anforderungen einer ausgeprägten Medienkompetenz steigen, hat das Bildungswesen Mühe, die Fähigkeiten ausreichend zu vermitteln. Inmitten dieser Spannungsfelder starten die Volkshochschule Minden (VHS) und das Mindener Tageblatt die „Mindener Mediengespräche“. Vier Mal im Jahr wollen sie journalistische Persönlichkeiten in die Stadt holen und mit der Öffentlichkeit ins Gespräch bringen. Start ist am Tag der Pressefreiheit (Dienstag, 3. Mai, ab 19 Uhr im Kleinen Theater am Weingarten). VHS-Direktor Marco Düsterwald und MT-Chefredakteur Benjamin Piel erklären, wie sie auf die gemeinsame Idee gekommen sind.

Warum das Format „Mindener Mediengespräche“?

Marco Düsterwald: Zunächst entstand das ja aus unserer beider Motivation, einen Beitrag zur Medienkompetenzförderung zu leisten. Was ich oft vermisse, ist ein gesellschaftlicher Dialog über wichtige Themen mit einer Kultur, die auf gegenseitigem Verstehenwollen basiert und nicht auf das bloße konfrontative Diskutieren. Ich sehe in der Arbeit mit den lokalen Zeitungsgestaltern eine sehr gute Synergie.

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Benjamin Piel: Die sinkende Medienkompetenz ist etwas, das mir durchaus Bauchschmerzen bereitet. Denn wir alle sind zu Journalisten geworden, aber wir verhalten uns nicht wie welche. Soll heißen: Fast alle Menschen veröffentlichen den ganzen Tag Inhalte, Thesen, Behauptungen. Aber oft wird nicht ausreichend geprüft, was man da so alles bei WhatsApp, Facebook und Twitter weiterleitet und teilt. So haben Desinformationsstrategien leichtes Spiel. Wir können dieses Problem zwar nicht von Minden aus lösen, aber wir wollen unbedingt einen Beitrag dazu leisten.

Was ist die Motivation der VHS, so ein Format mitzugestalten?

Düsterwald: Volkshochschulen sind Orte des Lernens. Aber noch viel mehr: Sie sind Orte des Austausches, des Diskurses und Orte der Demokratie. Im gegenseitigen Miteinander können auch kontroverse Themen angegangen und Erkenntnis gewonnen werden.

Marco Düsterwald - © Alex Lehn
Marco Düsterwald - © Alex Lehn

Noch einmal zur Medienkompetenz, wie ist es um die aus Ihrer Erfahrung an der VHS bestellt?

Düsterwald: Medienkompetenz ist ein Schlagwort. Dahinter verbergen sich die Kategorien: Medienkritik, Medienkunde, Mediennutzung und Mediengestaltung. Die Mediennutzung ist breit angelegt. Nahezu jede und jeder nutzt Medien zur Information und Unterhaltung. Wenn es aber darum geht, Medienkunde zu zeigen, etwa durch die Überprüfung von Quellen, wird es deutlich schwieriger. Bei der wachsenden Flut an Information braucht es ein erhöhtes Maß an Kompetenz, diese einordnen zu können. Hier sehe ich noch viel vermittelnde und aufklärende Arbeit vor uns: Von den Schulen über die VHS bis hin zur Tageszeitung.

Was ist der Auftrag der VHS in zwei Sätzen und welche Rolle spielt dabei die Medienkompetenz?

Düsterwald: Unser Auftrag ist Bildung für alle. Das machen wir als kommunale Dienstleisterin. Wir sind kommunale Pflichtaufgabe und gehören zur Daseinsfürsorge. In allen unseren Angeboten vermitteln wir spezielle Fachkenntnisse und in fast jedem Angebot kommen wir mit Medien in Kontakt und wenden sie an. Daher gehört die Medienkompetenz zu einem übergreifenden Thema. Übrigens ist die VHS Minden/Bad Oeynhausen auch Trägerin im offenen Ganztag an 17 Schulen. Damit reicht die Vermittlung von Medienkompetenz von den jüngsten Zielgruppen bis zu den ältesten. Wir sind gelebtes lebenslanges Lernen.

Die Mediengespräche wählen den Weg der Vermittlung über eine Person. Warum dieser Weg?

Piel: Es ist gar nicht so einfach, Menschen für das Thema Medienkompetenz zu begeistern. Das klingt nach viel Theorie und nach etwas, das mit eigenen Leben nicht viel zu tun hat. In Wirklichkeit ist es allerdings ganz anders. Denn wenn wir nicht sehr genau prüfen, welche Inhalte wir weiterverbreiten, machen wir uns zu Mittätern von Despoten und anderen Menschen, die schlechte Absichten haben. Und das, ohne es überhaupt zu merken. Das Thema hat also sehr viel mit uns und unserer Verantwortung zu tun. Wir wählen mit den Gesprächen einen weniger theoretischen, sondern persönlichen Zugang zum Thema. Über bekannte Gesichter und spannende Persönlichkeiten wollen wir vermitteln, wie Journalisten arbeiten. Vor allem, wollen wir Öffentlichkeit und Journalismus miteinander ins Gespräch bringen.

Haben Sie ein Lieblingsmedium und einen Lieblingsjournalisten?

Düsterwald: Ich bin ein Freund von dicken Sonntags- oder Wochenzeitungen. Gerade im Urlaub freue ich mich darauf, einmal intensiv so eine Zeitung zu lesen. Der Geruch des Papiers, eine Tasse Kaffee – perfekt! Früher war mein Lieblingsjournalist Ulrich Wickert. Er war für mich die Verkörperung des seriösen Journalisten, der mir die Welt erklärte. Heute finde ich neue Formen des Journalismus und deutlich auch weiblichere Akzentuierungen interssant. Ich mag gerne die Arbeiten von Dunja Hajali und Annett Selle.

Piel: Mich begeistert der Lokaljournalismus. Auf ein einziges Medium kann ich mich da nicht festlegen. Vorbilder waren für mich immer Leute, die gegen Widerstände gearbeitet und sich nichts haben verbieten lassen. Aus meiner eigenen Generation zum Beispiel der Investigativ-Journalist Bastian Obermayer, der kürzlich verkündet hat, dass er die Süddeutsche Zeitung verlassen wird.

Benjamin Piel - © Lehn
Benjamin Piel - © Lehn

Welche Bedeutung haben Lokalmedien für Sie?

Piel: Eine kaum zu unterschätzende. Jedenfalls dann, wenn Lokaljournalisten willens und in der Lage sind, ein breites Bild zu zeichnen. Das ist so eine Sache mit dem Lokaljournalismus, weil er nicht das beste Image hat. Dieses überkommene Bild geht davon aus, dass der Lokaljournalist mit dem Bürgermeister auf Kuschelkurs ist und die Eliten vor Ort bepuschelt. Wo das stattfindet, halte ich es für gefährlich. In Minden ist das nicht der Fall. Auf der anderen Seite müssen wir uns immer selbstkritisch fragen, ob unser Blick weit genug reicht. Da gibt es immer Verbesserungspotenzial. Ein fähiger Lokaljournalismus hat für die Gesellschaft vor Ort eine ganz wichtige Funktion – er bringt Menschen zusammen, schafft eine gemeinsame Wissensbasis, kann Bewegung in festgefahrene Situationen bringen, Missstände aufzeigen und Lösungen anfragen.

Düsterwald: Ich sehe das ähnlich, wie ich die Volkshochschulen sehe: als lebendigen wesentlichen Bestandteil einer Stadtgesellschaft. Eine Lokalzeitung stellt stadtgesellschaftliche Entwicklungen dar, regt Diskussionen an und begleitet Diskurse.

Journalisten haben nicht den besten Ruf. Das zeigen Befragungen zum Ansehen von Berufsgruppen regelmäßig. Wie erklären Sie sich das?

Düsterwald: Ich glaube, so pauschal lässt sich die Frage nicht beantworten. Es kommt sehr darauf an, in welchem Zusammenhang von Journalisten gesprochen wird. Auch ist der Berufsstand nicht homogen. Es gibt Gute und weniger Gute – eben wie im gesamten Leben. Da die Arbeit aber sehr öffentlich wahrnehmbar ist, können Negativbeispiele schnell instrumentalisiert werden.

Piel: Journalisten sind ein Stück weit immer Parias, wenn sie ihren Beruf ernst nehmen. Es gibt sie und sie bewegen sich in der Welt, aber sie gehören nirgendwo so recht dazu. Einerseits wird von uns zurecht erwartet, dass wir Verhältnisse kritisieren. Doch immer, wenn wir das tun, gibt es auch Menschen, die auf der anderen Seite stehen und mit dieser Kritik so gar nicht einverstanden sind. Das kann im Lokalen sogar zu Spannungen im Privatleben führen. Wir müssen das aushalten, aber das ist gar nicht so einfach. Wir sind da immer auf der Suche nach dem richtigen Maß. Allein das zeigt schon ein paar Spannungsfelder auf, in denen wir uns bewegen und die zu einer negativen Fremdwahrnehmung beitragen könnten. Journalisten sollten öfter mal klarmachen, dass sie vieles auch nur schwerlich einordnen können statt so zu tun als wüssten sie alles – und das vielleicht sogar besser. Das sage ich kritisch auch in meine eigene Richtung. Die Mediengespräche wollen aber genau dazu einen Beitrag leisten: Journalisten zeigen, Gespräche mit ihnen ermöglichen, falsche Bilder abbauen helfen, Dialog fördern.

Eine Welt ohne Journalismus wäre...

Düsterwald: ...traurig. Sehr traurig.

Piel: ...ganz sicher nicht demokratisch organisiert. Schauen Sie nach Russland. Was schaffen Diktatoren wie Putin als erstes ab? Freien Journalismus. Sie brauchen die Dunkelheit, in der sie die Demokratie um die Ecke bringen können. Journalismus leuchtet bestenfalls die Welt aus – ohne bleibt es dunkel und wird es orientierungslos.

Mindener Mediengespräche

Für das Jahr 2022 sind vier Veranstaltungen geplant. Alle sind kostenlos und beginnen jeweils um 19 Uhr im Theater am Weingarten, Königswall 97.

Los geht es am 3. Mai, dem Tag der Pressefreiheit, mit Matthias Kalle, MT-Ombudsmann und ehemaliger stellvertretender Chefredakteur des „Zeit Magazins“. Er wird etwas zur Bedeutung der Pressefreiheit und seinen Erlebnissen als Ombudsmann sagen. Im Gespräch mit VHS-Direktor Marco Düsterwald und MT-Lokalleiter Henning Wandel ist außerdem Raum für die Fragen und Anregungen.Tagesthemen-Chefredakteur und -Moderator Helge Fuhst berichtet am 16. August, wie die Tagesthemen ihre Nachrichten auswählen und gewichten.

Aus seinem neuesten Buch „Afrika! Rückblicke in die Zukunft eines Kontinents“ liest am 19. Oktober Bartholomäus Grill, der frühere Afrika-Korrespondent von Spiegel und Zeit.

Der Medienwissenschaftler Prof. Dr. Michael Haller ist am 22. November zu Gast in Minden. Er berichtet über seine Forschung, in der er die Arbeit von Journalisten immer wieder kritisch beleuchtet. Zuletzt hatte er mit einer Untersuchung zur Corona-Berichterstattung Aufsehen erregt.

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