Viele geduldete Flüchtlinge brauchen einen Lotsen durch die Berufsausbildung Jürgen Langenkämper Minden. Ali Reza Rezai kann stolz sein. Der 28-jährige Afghane hat seine Ausbildung zum Konstruktionsmechaniker mit Bravour bestanden. 89 Punkte, das entspricht der Note gut. „In einem Fach sogar 99 von 100 Punkten“ – Mechthild Krämer schüttelt beim Blick auf das Zeugnis den Kopf darüber, dass die IHK-Prüfer in der Teilprüfung nicht die volle Punktzahl gegeben haben. Die ehemalige Lehrerin an Gymnasien und der Gesamtschule in Minden, die zur Schulaufsicht nach Detmold wechselte, kennt sich aus – nicht nur mit dem deutschen Schulsystem. An der gelungenen Ausbildung Ali Reza Rezais und seiner Integration in den deutschen Arbeitsmarkt – sein Arbeitgeber hat ihn aufgrund seiner Leistungen übernommen – ist Mechthild Krämer nicht ganz unschuldig. „Er war in dem Deutschkurs für Flüchtlinge, den ich mit einer Freundin gegeben habe“, erzählt sie, und auch nach dem Abschluss dort hat sie Kontakt zu der inzwischen um zwei Kinder gewachsenen Familie gehalten und Hilfestellungen gegeben, wo dies nötig war. Genau um solche Hilfen für Zugewanderte in der Berufsausbildung – manchmal auch Nachhilfe – geht es Gisela Posch, Koordinatorin für das Ehrenamt im Integrationsbüro der Stadt Minden. Sie sucht nämlich Menschen, die geflüchtete Auszubildende dabei unterstützen, sich in ihrer Ausbildung zurechtzufinden. Denn das viel und meist auch zurecht gepriesene Duale Ausbildungssystem in Deutschland mit der Kombination von Lehrbetrieb und Berufskolleg kann für junge Menschen aus anderen Ländern – aber auch für viele deutsche Jugendliche – zumindest anfangs ein Buch mit sieben Siegeln sein. Selbst Ali Reza Rezai, der vor seiner Flucht aus Afghanistan als Fotograf gearbeitet hatte und sich schnell als sehr talentiert in seiner Ausbildung erwies, hatte anfangs Probleme mit der deutschen Art der Mathematik. „Ich hatte das anders gelernt“, blickt er zurück. Aber mit ein wenig Hilfe und ein paar Erklärungen meisterte er – auch dank seiner Art, geduldig zuzuhören – schnell alle Hürden. Dagegen tat sich ein zweiter Schützling Mechthild Krämers, den sie ebenfalls schon aus ihrem Deutschkurs kannte, deutlich schwerer. „Das fing damit an, dass er in Hille wohnte und einen weiten Weg zu seinem ersten Ausbildungsbetrieb in Minden hatte.“ Denn „Geduldete“ dürfen nicht einfach umziehen, selbst wenn ihr Arbeitsplatz weiter weg ist. Schnell stellte sich heraus, dass auch die Chemie am Arbeitsplatz nicht stimmte, um es höflich zu umschreiben. Mit Krämers Hilfe und Zustimmung der Ausländerbehörde fand der junge Mann aus Marokko aber einen neuen Ausbildungsplatz zum Maschinen- und Anlagenführer, den er nach zwei Jahren mit Erfolg abschloss. „Ich musste aber erheblich mehr Aufwand investieren“, versucht die erfahrene Pädagogin zu verdeutlichen, dass es eine beträchtliche Spannbreite unter den geduldeten Auszubildenden gibt. „Man muss Menschen helfen, in unserer komplexer werdenden Gesellschaft zurecht zu kommen, sich zu integrieren und Fuß zu fassen“, beschreibt Steffen Hitzemann seine Motivation, Menschen mit Flucht- und Migrationserfahrung bei der Ausbildung zu unterstützen. Bei den eigenen Söhnen scheint das dem Mitarbeiter der DB Systemtechnik gut gelungen zu sein. Sie studieren Maschinenbau und Mathematik. „Ich hatte einen Aufruf von Frau Posch gelesen“, sagt der Maschinenbauer. Nun soll und will er ehrenamtlich einen Azubi in der Lagerlogistik betreuen. Er bemüht sich, sich dabei selbst keinen Illusionen hinzugeben, um nicht enttäuscht zu werden. „Es wird eine Herausforderung für beide Seiten“, sagt er. „Die Chemie muss stimmen.“ Mit einem Nachmittag pro Woche rechnet er schon, um seinen Schützling zum Erfolg zu begleiten. Seine Frau und die Söhne, auch wenn sie fern sind, tragen dieses Engagement mit. Neben den Frusterfahrungen, die alle jungen Menschen während ihrer Ausbildung sammeln können, die aber in einer noch unzureichend bekannten Kultur schwerer zu durchschauen und umso schwieriger zu verarbeiten sein mögen, muss auch der Ausbildungspate zu einer Frusttoleranz bereit sein. Nach manchen Mühen und auch Zeitaufwand zieht Mechthild Krämer für sich jedoch eine positive Bilanz, und das unterstreicht sie mit Nachdruck. Deshalb werde der Kontakt zu Ali Reza Rezai und seiner Familie bleiben. Der Ausbildungserfolg in seinem Fall ist übrigens umso erstaunlicher, als der junge Mann seinen Schulbesuch in Afghanistan nach acht statt der üblichen zwölf Jahre bis zur Hochschulreife beenden musste. Obwohl er keinen Schulabschluss vorweisen konnte, ging sein Arbeitgeber das Wagnis eines Praktikums und einer Ausbildung trotz eines höher qualifizierten Mitbewerbers – aus demselben Deutschkurs – ein, weil er offenbar einen besseren Gesamteindruck hinterließ. „Er hört sehr aufmerksam zu und lässt sich was sagen“, sucht die Patin nach einer möglichen Erklärung. Die entscheidende Hilfestellung, die die Mindenerin dem afghanischen Familienvater auf seinem Ausbildungsweg geben konnte, waren auch gar nicht Grundlagenkenntnisse oder Fachwissen, sondern eine Entscheidung über eine höherwertige Ausbildung: Der Arbeitgeber wollte seinen Azubi nämlich aufgrund seiner guten Leistungen dazu überreden, in die sechs Monate längere, anspruchsvollere Ausbildung zum Konstruktionsmechaniker umzusteigen. „Ich wollte aber schnell fertig werden und Geld für meine Familie verdienen“, sagt Ali Reza Rezai über seine damalige Unsicherheit und sein Zögern. Mechthild Krämer ermutigte ihn aber schließlich aufgrund der besseren beruflichen Chancen und der Verdienstmöglichkeiten zu dem Schritt. Es hat sich gelohnt: Weil er dann eine gute Zwischenprüfung machte, durfte er die Ausbildungszeit verkürzen – um genau die sechs Monate. Inzwischen bereitet das Integrationsbüro mit dem bundesweiten Netzwerk Vera des Senioren-Experten-Service SES Bonn zusammen. Wer Interesse hat, junge Menschen mit Ausbildungsduldung auf dem Weg ins Berufsleben zu begleiten, kann sich an deren Regionalkoordinatoren sowie Ehrenamtskoordinatorin Gisela Posch im Integrationsbüro der Stadt Minden, Telefon (05 71) 89-1 46 und E-Mail: g.posch@minden.de, wenden.

Viele geduldete Flüchtlinge brauchen einen Lotsen durch die Berufsausbildung

Paten gesucht: Nicht nur Flüchtlinge benötigten bei ihrer Ausbildung Unterstützung. Foto (Archiv): Stadt Minden © Stadt Minden

Minden. Ali Reza Rezai kann stolz sein. Der 28-jährige Afghane hat seine Ausbildung zum Konstruktionsmechaniker mit Bravour bestanden. 89 Punkte, das entspricht der Note gut. „In einem Fach sogar 99 von 100 Punkten“ – Mechthild Krämer schüttelt beim Blick auf das Zeugnis den Kopf darüber, dass die IHK-Prüfer in der Teilprüfung nicht die volle Punktzahl gegeben haben.

Die ehemalige Lehrerin an Gymnasien und der Gesamtschule in Minden, die zur Schulaufsicht nach Detmold wechselte, kennt sich aus – nicht nur mit dem deutschen Schulsystem. An der gelungenen Ausbildung Ali Reza Rezais und seiner Integration in den deutschen Arbeitsmarkt – sein Arbeitgeber hat ihn aufgrund seiner Leistungen übernommen – ist Mechthild Krämer nicht ganz unschuldig. „Er war in dem Deutschkurs für Flüchtlinge, den ich mit einer Freundin gegeben habe“, erzählt sie, und auch nach dem Abschluss dort hat sie Kontakt zu der inzwischen um zwei Kinder gewachsenen Familie gehalten und Hilfestellungen gegeben, wo dies nötig war.

Genau um solche Hilfen für Zugewanderte in der Berufsausbildung – manchmal auch Nachhilfe – geht es Gisela Posch, Koordinatorin für das Ehrenamt im Integrationsbüro der Stadt Minden. Sie sucht nämlich Menschen, die geflüchtete Auszubildende dabei unterstützen, sich in ihrer Ausbildung zurechtzufinden. Denn das viel und meist auch zurecht gepriesene Duale Ausbildungssystem in Deutschland mit der Kombination von Lehrbetrieb und Berufskolleg kann für junge Menschen aus anderen Ländern – aber auch für viele deutsche Jugendliche – zumindest anfangs ein Buch mit sieben Siegeln sein.


Selbst Ali Reza Rezai, der vor seiner Flucht aus Afghanistan als Fotograf gearbeitet hatte und sich schnell als sehr talentiert in seiner Ausbildung erwies, hatte anfangs Probleme mit der deutschen Art der Mathematik. „Ich hatte das anders gelernt“, blickt er zurück. Aber mit ein wenig Hilfe und ein paar Erklärungen meisterte er – auch dank seiner Art, geduldig zuzuhören – schnell alle Hürden.

Dagegen tat sich ein zweiter Schützling Mechthild Krämers, den sie ebenfalls schon aus ihrem Deutschkurs kannte, deutlich schwerer. „Das fing damit an, dass er in Hille wohnte und einen weiten Weg zu seinem ersten Ausbildungsbetrieb in Minden hatte.“ Denn „Geduldete“ dürfen nicht einfach umziehen, selbst wenn ihr Arbeitsplatz weiter weg ist. Schnell stellte sich heraus, dass auch die Chemie am Arbeitsplatz nicht stimmte, um es höflich zu umschreiben. Mit Krämers Hilfe und Zustimmung der Ausländerbehörde fand der junge Mann aus Marokko aber einen neuen Ausbildungsplatz zum Maschinen- und Anlagenführer, den er nach zwei Jahren mit Erfolg abschloss. „Ich musste aber erheblich mehr Aufwand investieren“, versucht die erfahrene Pädagogin zu verdeutlichen, dass es eine beträchtliche Spannbreite unter den geduldeten Auszubildenden gibt.

„Man muss Menschen helfen, in unserer komplexer werdenden Gesellschaft zurecht zu kommen, sich zu integrieren und Fuß zu fassen“, beschreibt Steffen Hitzemann seine Motivation, Menschen mit Flucht- und Migrationserfahrung bei der Ausbildung zu unterstützen. Bei den eigenen Söhnen scheint das dem Mitarbeiter der DB Systemtechnik gut gelungen zu sein. Sie studieren Maschinenbau und Mathematik. „Ich hatte einen Aufruf von Frau Posch gelesen“, sagt der Maschinenbauer. Nun soll und will er ehrenamtlich einen Azubi in der Lagerlogistik betreuen. Er bemüht sich, sich dabei selbst keinen Illusionen hinzugeben, um nicht enttäuscht zu werden. „Es wird eine Herausforderung für beide Seiten“, sagt er. „Die Chemie muss stimmen.“ Mit einem Nachmittag pro Woche rechnet er schon, um seinen Schützling zum Erfolg zu begleiten. Seine Frau und die Söhne, auch wenn sie fern sind, tragen dieses Engagement mit.

Neben den Frusterfahrungen, die alle jungen Menschen während ihrer Ausbildung sammeln können, die aber in einer noch unzureichend bekannten Kultur schwerer zu durchschauen und umso schwieriger zu verarbeiten sein mögen, muss auch der Ausbildungspate zu einer Frusttoleranz bereit sein. Nach manchen Mühen und auch Zeitaufwand zieht Mechthild Krämer für sich jedoch eine positive Bilanz, und das unterstreicht sie mit Nachdruck. Deshalb werde der Kontakt zu Ali Reza Rezai und seiner Familie bleiben.

Der Ausbildungserfolg in seinem Fall ist übrigens umso erstaunlicher, als der junge Mann seinen Schulbesuch in Afghanistan nach acht statt der üblichen zwölf Jahre bis zur Hochschulreife beenden musste. Obwohl er keinen Schulabschluss vorweisen konnte, ging sein Arbeitgeber das Wagnis eines Praktikums und einer Ausbildung trotz eines höher qualifizierten Mitbewerbers – aus demselben Deutschkurs – ein, weil er offenbar einen besseren Gesamteindruck hinterließ. „Er hört sehr aufmerksam zu und lässt sich was sagen“, sucht die Patin nach einer möglichen Erklärung.

Die entscheidende Hilfestellung, die die Mindenerin dem afghanischen Familienvater auf seinem Ausbildungsweg geben konnte, waren auch gar nicht Grundlagenkenntnisse oder Fachwissen, sondern eine Entscheidung über eine höherwertige Ausbildung: Der Arbeitgeber wollte seinen Azubi nämlich aufgrund seiner guten Leistungen dazu überreden, in die sechs Monate längere, anspruchsvollere Ausbildung zum Konstruktionsmechaniker umzusteigen. „Ich wollte aber schnell fertig werden und Geld für meine Familie verdienen“, sagt Ali Reza Rezai über seine damalige Unsicherheit und sein Zögern. Mechthild Krämer ermutigte ihn aber schließlich aufgrund der besseren beruflichen Chancen und der Verdienstmöglichkeiten zu dem Schritt. Es hat sich gelohnt: Weil er dann eine gute Zwischenprüfung machte, durfte er die Ausbildungszeit verkürzen – um genau die sechs Monate.

Inzwischen bereitet das Integrationsbüro mit dem bundesweiten Netzwerk Vera des Senioren-Experten-Service SES Bonn zusammen. Wer Interesse hat, junge Menschen mit Ausbildungsduldung auf dem Weg ins Berufsleben zu begleiten, kann sich an deren Regionalkoordinatoren sowie Ehrenamtskoordinatorin Gisela Posch im Integrationsbüro der Stadt Minden, Telefon (05 71) 89-1 46 und E-Mail: g.posch@minden.de, wenden.

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