Viele Kinder essen zu viel Fleisch Nadine Conti Minden (mt). Man tritt Thomas Hus wohl nicht zu nahe, wenn man ihn als „Gut-und-Gerne-Esser“ charakterisiert. Der Geschäftsführer der „Mensa Stiftung Minden gGmbH“ gibt sich bodenständig und isst auch gerne Fleisch, wie er selbst sagt. Und trotzdem steht er nun vor rund 40 Fachkräften aus Grundschulen und Kindertagesstätten und predigt Fleischverzicht und eine andere Esskultur. „Sinnvolle Essensbestellungen“ heißt die Veranstaltung zu der Hus seine Kunden eingeladen hat. Fast 60 Einrichtungen beliefert der Caterer mittlerweile: Von der Kita über die Grundschule bis zur weiterführenden Schule. In Spitzenzeiten verlassen 3.600 Mahlzeiten die Küche an der Kurt-Tucholsky-Gesamtschule. Nun ist es natürlich nicht so, dass den meisten Erwachsenen hier die Grundlagen einer gesunden und ausgewogenen Ernährung nicht klar sind. Natürlich kennen sie die Lebensmittelpyramide genauso wie die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Hus und seine Kollegin Janina Goldenberg, die als Diätassistentin einen strengen Blick auf die Speisepläne hat, wissen aber auch, an welchen Punkten Theorie und Praxis gerne mal auseinanderklaffen. Die unterschiedlichen Ansprüche sind ja oft auch schwer unter einen Hut zu kriegen: Eltern möchten es bitte möglichst gesund und nährstoffreich, aber nicht zu teuer. Kinder lieben Ungesundes: Zu viel Fleisch, Fast Food, alles was süß und fettig ist. Für die Betreuer ist die Essensituation vorallem erst einmal Stress Und dazwischen stehen die Betreuer. Für die ist die Essenssituation oft erst einmal stressig, laut und hektisch. In vielen Einrichtungen wird in Schichten gegessen, weil sonst nicht genug Platz ist. Also bevorzugen sie Dinge, die wenig Stress machen: Gerichte, die einfach zu handhaben sind, beim Eindecken, Abräumen und Spülen wenig Geschirr benötigen und von den Kindern ohne große Diskussionen verputzt werden. Dabei kommt aber eines zu kurz, mahnen Hus und Goldenberg: „Machen Sie sich bitte klar, welche Verantwortung sie haben! Die Prägung des Essverhaltens findet längst nicht mehr nur in der Familie statt.“ Wenn Kinder immer früher in die Kita kommen und auch in der Schule über Mittag bleiben, bedeutet das auch, dass sie in den prägenden Jahren immer mehr Mahlzeiten nicht mit Mama oder Papa, Oma oder Opa einnehmen. Das bietet Chancen und Risiken: Einerseits kann hier ein wenig ausgeglichen werden, was zuhause vielleicht nicht so gut läuft. In Gesellschaft essen Kinder plötzlich auch Dinge, die sie zuhause vielleicht nie anrühren würden. Andrerseits, sagt Hus, gibt es natürlich auch das „Leitwolf-Phänomen“: Wenn da einer der kleinen Wortführer die Beilage anguckt und „iiiiiih“ macht, essen die nächsten zehn Kinder in der Schlange das Zeug auch nicht. Trotzdem predigt Janina Goldenberg: Dranbleiben ist das A und O. Im Alter von vier bis fünf Jahren werden die meisten Kinder zu schlechten, mäkeligen Essern. Ihr zunehmendes Streben nach Selbstständigkeit und Selbstbestimmung geht mit Misstrauen und Skepsis einher. In dieser Phase gilt oft: Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht. Dafür essen sie dann mit erstaunlicher Vehemenz und Ausdauer die kleine Hand voll von Lebensmitteln, die sie als genießbar eingestuft haben – auch wenn das auf die Erwachsenen unfassbar eintönig wirkt. Aber auch diese Phase geht vorbei. Und häufig würden Eltern und Betreuer zu schnell einknicken, glauben Hus und Goldenberg. Fünf bis zehn Mal sollte man ein Lebensmittel anbieten, wieder und wieder. Stattdessen werde oft schon nach dem zweiten Mal abbestellt. Und auch die Vorbildfunktion der Erwachsenen sollte nicht unterschätzt werden: Wenn die in der Kita oder der Schule mit am Tisch sitzen, erhöht auch das die Wahrscheinlichkeit, das Kinder sich darauf einlassen, Dinge zumindest einmal zu probieren. Dranbleiben und aussitzen ist auch eine Methode, die sich Thomas Hus seinen Kunden gegenüber bei der ein oder anderen Gelegenheit angewöhnt hat. Bei der Einführung der Vollkornnudeln oder der Kartoffel-Dinkel-Brötchen beispielsweise – wo er monatelang den Wunsch nach „weißen“ Nudeln oder Brötchen einfach ignoriert hat. Auch bei den vielen Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder -allergien führt er ein hartes Regiment: „Sonderessen ohne Allergene gibt es nur für diejenigen, die ein ärztliches Attest vorlegen können“, sagt er. Wer sich seine Lactose- oder Glutenunverträglichkeit selbst diagnostiziert hat oder spezielle Ernährungsweisen einfach einmal ausprobieren möchte, kann das ja gerne tun, sagt er. Auf dem Speiseplan sind die Hauptallergene ausgewiesen, wer sie meiden möchte, muss das dann auf eigene Faust tun. Trotzdem steigt die Zahl der Allergien und Unverträglichkeiten auch mit ärztlichem Attest seit Jahren. Und noch etwas macht sich auch in Hus kleinem Reich bemerkbar: Ernährungsfragen sind immer auch soziale Fragen. „Ich könnte an den Essensbestellungen ablesen, wo die Schule oder Kita liegt und wer sie besucht“, sagt Hus. Je niedriger der Bildungsstand der Familien, desto höher ist der Fleischkonsum. Das ist ein Thema, das ihn gerade umtreibt. 75 Prozent des Speiseplans sind mittlerweile vegetarisch – aber nur 25 bis 30 Prozent der Bestellungen. Dabei, betont auch die Diätassistentin, ist das gar nicht nötig, um etwa den kindlichen Bedarf an Eiweißen, Vitamin B12 oder tierischen Fetten zu decken. Kein Mensch benötigt täglich Fleisch – Käse, Eier, Milchprodukte und Hülsenfrüchte reichen hier völlig. Zumal die meisten Kinder ja auch zu den anderen Mahlzeiten oder zwischendurch oft noch ein Wurstbrot oder ähnliches bekommen. Früher gab es auch nicht jeden Tag Fleisch auf den Teller Er wolle ja überhaupt niemanden zum Vegetarier erziehen, sagt Hus. Er esse selbst ja auch ganz gerne Fleisch. Aber eben in Maßen. „Das hat es ja früher auch nicht gegeben, dass jeden Tag Fleisch oder Wurst auf den Tisch kam“, erinnert er. „Wenn wir zuhause ein Schwein geschlachtet haben, dann musste das fast für ein Jahr reichen.“ Aber diese Haltung, dass Fleisch eben etwas Kostbares und Gutes sei und zu einer vollständigen Mahlzeit gehört, ist immer noch da. Das ist sowohl gesundheitlich als auch ökologisch ein Problem. Hus rechnet den Erzieherinnen detailliert vor, dass quasi ein ganzer Maststall voller Hühner – mitsamt der Flächenverschwendung für den Futteranbau verschwinden könnte, wenn sie weniger Fleischmahlzeiten bestellen würden. Die meisten nicken vorsichtig, interessieren sich dann aber doch lieber für die praktischen Details: Kann man bei der Essensbestellung das Gericht A mit den Beilagen von Gericht B kombinieren? Können wir weniger Nudeln, aber genauso viel Soße geliefert kriegen? Geht alles, sagt Hus, der mit seiner Mission hier wohl auch ein bisschen offene Türen einrennt. „Natürlich sind die Einrichtungen, die es eigentlich viel nötiger hätten, nicht gekommen“, seufzt er.

Viele Kinder essen zu viel Fleisch

Die Diätessen für Allergiker und Co. werden von Hand zubereitet. Die Anzahl wächst, obwohl die Mensa ein ärztliches Attest verlangt. © Alex Lehn

Minden (mt). Man tritt Thomas Hus wohl nicht zu nahe, wenn man ihn als „Gut-und-Gerne-Esser“ charakterisiert. Der Geschäftsführer der „Mensa Stiftung Minden gGmbH“ gibt sich bodenständig und isst auch gerne Fleisch, wie er selbst sagt. Und trotzdem steht er nun vor rund 40 Fachkräften aus Grundschulen und Kindertagesstätten und predigt Fleischverzicht und eine andere Esskultur.

„Sinnvolle Essensbestellungen“ heißt die Veranstaltung zu der Hus seine Kunden eingeladen hat. Fast 60 Einrichtungen beliefert der Caterer mittlerweile: Von der Kita über die Grundschule bis zur weiterführenden Schule. In Spitzenzeiten verlassen 3.600 Mahlzeiten die Küche an der Kurt-Tucholsky-Gesamtschule.

Die Anforderungen an die Mahlzeiten sind höchst unterschiedlich: Den Kindern soll es schmecken, für die Eltern genauso gesund wie billig sein, für die Betreuer leicht zu handhaben. MT-Fotos: Alex Lehn - © Alex Lehn
Die Anforderungen an die Mahlzeiten sind höchst unterschiedlich: Den Kindern soll es schmecken, für die Eltern genauso gesund wie billig sein, für die Betreuer leicht zu handhaben. MT-Fotos: Alex Lehn - © Alex Lehn

Nun ist es natürlich nicht so, dass den meisten Erwachsenen hier die Grundlagen einer gesunden und ausgewogenen Ernährung nicht klar sind. Natürlich kennen sie die Lebensmittelpyramide genauso wie die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung.

Hus und seine Kollegin Janina Goldenberg, die als Diätassistentin einen strengen Blick auf die Speisepläne hat, wissen aber auch, an welchen Punkten Theorie und Praxis gerne mal auseinanderklaffen. Die unterschiedlichen Ansprüche sind ja oft auch schwer unter einen Hut zu kriegen: Eltern möchten es bitte möglichst gesund und nährstoffreich, aber nicht zu teuer. Kinder lieben Ungesundes: Zu viel Fleisch, Fast Food, alles was süß und fettig ist.

Für die Betreuer ist die Essensituation vorallem erst einmal Stress

Die Esskultur in den Kitas und Schulen muss sich wandeln, glaubt Thomas Hus. - © Alex Lehn
Die Esskultur in den Kitas und Schulen muss sich wandeln, glaubt Thomas Hus. - © Alex Lehn

Und dazwischen stehen die Betreuer. Für die ist die Essenssituation oft erst einmal stressig, laut und hektisch. In vielen Einrichtungen wird in Schichten gegessen, weil sonst nicht genug Platz ist. Also bevorzugen sie Dinge, die wenig Stress machen: Gerichte, die einfach zu handhaben sind, beim Eindecken, Abräumen und Spülen wenig Geschirr benötigen und von den Kindern ohne große Diskussionen verputzt werden.

Dabei kommt aber eines zu kurz, mahnen Hus und Goldenberg: „Machen Sie sich bitte klar, welche Verantwortung sie haben! Die Prägung des Essverhaltens findet längst nicht mehr nur in der Familie statt.“ Wenn Kinder immer früher in die Kita kommen und auch in der Schule über Mittag bleiben, bedeutet das auch, dass sie in den prägenden Jahren immer mehr Mahlzeiten nicht mit Mama oder Papa, Oma oder Opa einnehmen.

Das bietet Chancen und Risiken: Einerseits kann hier ein wenig ausgeglichen werden, was zuhause vielleicht nicht so gut läuft. In Gesellschaft essen Kinder plötzlich auch Dinge, die sie zuhause vielleicht nie anrühren würden. Andrerseits, sagt Hus, gibt es natürlich auch das „Leitwolf-Phänomen“: Wenn da einer der kleinen Wortführer die Beilage anguckt und „iiiiiih“ macht, essen die nächsten zehn Kinder in der Schlange das Zeug auch nicht.

Trotzdem predigt Janina Goldenberg: Dranbleiben ist das A und O. Im Alter von vier bis fünf Jahren werden die meisten Kinder zu schlechten, mäkeligen Essern. Ihr zunehmendes Streben nach Selbstständigkeit und Selbstbestimmung geht mit Misstrauen und Skepsis einher. In dieser Phase gilt oft: Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht. Dafür essen sie dann mit erstaunlicher Vehemenz und Ausdauer die kleine Hand voll von Lebensmitteln, die sie als genießbar eingestuft haben – auch wenn das auf die Erwachsenen unfassbar eintönig wirkt. Aber auch diese Phase geht vorbei.

Und häufig würden Eltern und Betreuer zu schnell einknicken, glauben Hus und Goldenberg. Fünf bis zehn Mal sollte man ein Lebensmittel anbieten, wieder und wieder. Stattdessen werde oft schon nach dem zweiten Mal abbestellt. Und auch die Vorbildfunktion der Erwachsenen sollte nicht unterschätzt werden: Wenn die in der Kita oder der Schule mit am Tisch sitzen, erhöht auch das die Wahrscheinlichkeit, das Kinder sich darauf einlassen, Dinge zumindest einmal zu probieren.

Dranbleiben und aussitzen ist auch eine Methode, die sich Thomas Hus seinen Kunden gegenüber bei der ein oder anderen Gelegenheit angewöhnt hat. Bei der Einführung der Vollkornnudeln oder der Kartoffel-Dinkel-Brötchen beispielsweise – wo er monatelang den Wunsch nach „weißen“ Nudeln oder Brötchen einfach ignoriert hat.

Auch bei den vielen Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder -allergien führt er ein hartes Regiment: „Sonderessen ohne Allergene gibt es nur für diejenigen, die ein ärztliches Attest vorlegen können“, sagt er. Wer sich seine Lactose- oder Glutenunverträglichkeit selbst diagnostiziert hat oder spezielle Ernährungsweisen einfach einmal ausprobieren möchte, kann das ja gerne tun, sagt er. Auf dem Speiseplan sind die Hauptallergene ausgewiesen, wer sie meiden möchte, muss das dann auf eigene Faust tun.

Trotzdem steigt die Zahl der Allergien und Unverträglichkeiten auch mit ärztlichem Attest seit Jahren. Und noch etwas macht sich auch in Hus kleinem Reich bemerkbar: Ernährungsfragen sind immer auch soziale Fragen. „Ich könnte an den Essensbestellungen ablesen, wo die Schule oder Kita liegt und wer sie besucht“, sagt Hus. Je niedriger der Bildungsstand der Familien, desto höher ist der Fleischkonsum. Das ist ein Thema, das ihn gerade umtreibt. 75 Prozent des Speiseplans sind mittlerweile vegetarisch – aber nur 25 bis 30 Prozent der Bestellungen.

Dabei, betont auch die Diätassistentin, ist das gar nicht nötig, um etwa den kindlichen Bedarf an Eiweißen, Vitamin B12 oder tierischen Fetten zu decken. Kein Mensch benötigt täglich Fleisch – Käse, Eier, Milchprodukte und Hülsenfrüchte reichen hier völlig. Zumal die meisten Kinder ja auch zu den anderen Mahlzeiten oder zwischendurch oft noch ein Wurstbrot oder ähnliches bekommen.

Früher gab es auch nicht jeden Tag Fleisch auf den Teller

Er wolle ja überhaupt niemanden zum Vegetarier erziehen, sagt Hus. Er esse selbst ja auch ganz gerne Fleisch. Aber eben in Maßen. „Das hat es ja früher auch nicht gegeben, dass jeden Tag Fleisch oder Wurst auf den Tisch kam“, erinnert er. „Wenn wir zuhause ein Schwein geschlachtet haben, dann musste das fast für ein Jahr reichen.“

Aber diese Haltung, dass Fleisch eben etwas Kostbares und Gutes sei und zu einer vollständigen Mahlzeit gehört, ist immer noch da. Das ist sowohl gesundheitlich als auch ökologisch ein Problem. Hus rechnet den Erzieherinnen detailliert vor, dass quasi ein ganzer Maststall voller Hühner – mitsamt der Flächenverschwendung für den Futteranbau verschwinden könnte, wenn sie weniger Fleischmahlzeiten bestellen würden.

Die meisten nicken vorsichtig, interessieren sich dann aber doch lieber für die praktischen Details: Kann man bei der Essensbestellung das Gericht A mit den Beilagen von Gericht B kombinieren? Können wir weniger Nudeln, aber genauso viel Soße geliefert kriegen? Geht alles, sagt Hus, der mit seiner Mission hier wohl auch ein bisschen offene Türen einrennt. „Natürlich sind die Einrichtungen, die es eigentlich viel nötiger hätten, nicht gekommen“, seufzt er.

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