Viele Corona-Fälle hängen zusammen: Warum die Suche nach dem Ausgangspunkt so schwierig ist Sebastian Radermacher Minden. Wo haben sich die nachweislich mit dem Corona-Virus infizierten Personen angesteckt? So lautet eine der am häufigsten gestellten Fragen im Zusammenhang mit der Infektionsstatistik, die der Kreis Minden-Lübbecke täglich veröffentlicht. Die Verwaltung ist mit dieser Auskunft sehr zurückhaltend – oft lasse sich die Frage gar nicht eindeutig beantworten, sagt Hans-Joerg Deichholz, Gesundheitsdezernent des Kreises, auf MT-Anfrage. Was aber zuletzt bei der Aufarbeitung der nachgewiesenen Corona-Fällen aufgefallen sei: Häufig gebe es Zusammenhänge bei den Infektionsketten. Das war zum Beispiel in der vergangenen Woche bei den positiven Testergebnissen einer Lehrkraft des Freiherr-vom-Stein-Berufskollegs sowie eines Schülers des Leo-Sympher der Fall. Diese hingen mit einem größeren Ausbruchsgeschehen zusammen, bei denen es solche Querverbindungen gab, wie Deichholz gegenüber dem MT bestätigte. Details zu möglichen Ansteckungsorten und der Ausbreitung nannte und nennt er weiterhin nicht – „aus Datenschutzgründen“. Ein fiktives Beispiel, um die komplexe Situation zu veranschaulichen: Ein Mann infiziert sich – wo auch immer – mit dem Corona-Virus. Er hat keinerlei Symptome, fühlt sich vollständig fit und geht morgens ganz normal zur Arbeit. Am Abend steht noch die Übungsstunde mit der Sportgruppe an, am nächsten Tag trifft er sich mit Bekannten im Eiscafé. Er nimmt wie jeder andere auch am gesellschaftlichen Leben teil – ohne allerdings zu wissen, dass er das Virus in sich trägt. Er hat den üblichen Kontakt zu seinen Mitmenschen. Die Gefahr, dass er Corona weiterträgt, ist riesig. So kann ein einziger nicht frühzeitig erkannter Fall schnell eine lange Kette von weiteren Infizierungen nach sich ziehen. Und das ist zurzeit keine Seltenheit. Ein großer Teil der positiv Getesteten weist mittlerweile geringe oder keine Symptome auf, erklärte zum Beispiel Peter Witte, Direktor des Instituts für Krankenhaushygiene der Mühlenkreiskliniken, vor Kurzem gegenüber dem MT. „Je mehr Kontakte wir in unserem Alltag haben, desto höher ist das Gefährdungspotenzial“, verdeutlicht auch Hans-Joerg Deichholz. Vor allem dort, wo Menschen längere Zeit ohne Mund-Nasen-Schutz und ohne Abstand in engen Räumen zusammen seien. Wie lässt sich dieser „Schneeballeffekt“ verhindern? Die Antwort ist ernüchternd: In der aktuellen Lage, in der nach dem Corona-Shutdown nach und nach die Einschränkungen wieder gelockert worden sind, sei das nicht gänzlich möglich, stellt der Dezernent klar: „So etwas kann und wird immer wieder passieren. Sollen wir den Menschen verbieten, abends zum Sport zu gehen, wenn sie sich absolut gesund fühlen?“ Dass immer mehr Menschen infiziert seien und keinerlei Symptome hätten, sei ein Problem und mache die Suche nach dem Ausgangspunkt derart schwierig. Selbst wenn man sich sofort komplett isoliere, sobald die ersten Anzeichen einer Corona-Infektion spürbar werden, könnten die Folgen bereits erheblich sein. „Zwei Tage, bevor Symptome auftreten, ist die Ansteckungsgefahr am größten“, erklärt Deichholz. Er könne nur appellieren, durch verantwortungsbewusstes Handeln – also striktes Einhalten der geltenden Abstands- und Hygieneregeln – solche Ausbrüche so gut es geht zu minimieren. Wie oft die Corona-Fälle Querverbindungen zueinander haben, dazu ist keine pauschale Aussage möglich. Jeder dieser etwas größeren Ausbrüche habe einen Ursprung – zum Beispiel bei Reiserückkehrern, Beschäftigten in einem Unternehmen oder bei Gästen einer öffentlichen Veranstaltung oder einer privaten Feier. Deichholz sieht dies ganz pragmatisch, er möchte in diesem Zusammenhang keine Schuldigen suchen oder mit dem Finger auf jemanden zeigen. Fakt sei, dass es immer wieder zur Ausbreitung des Virus kommen könne. „Und das kann sehr schnell gehen – das hat man in Heinsberg, bei Tönnies oder auch bei dem Bayrischen Abend in Espelkamp im März gesehen“, betont der Gesundheitsdezernent. Für das Team des Kreis-Gesundheitsamtes ist die Vorgehensweise bei positiven Testergebnissen immer die gleiche. Das oberste Ziel: „Wir müssen die verschiedenen Infektionsketten so schnell wie möglich durchbrechen.“ Wer hatte zu welcher Zeit noch Kontakt zu der nachweislich infizierten Person? Wie lange dauerten die Treffen oder Gespräche? Trugen alle eine Maske? Wurde der Mindestabstand von 1,50 Metern eingehalten? Gab es anschließend weitere Treffen? Gibt es zusätzliche Kontaktpersonen? Solche Fragen muss das Team im Gesundheitsamt tagtäglich stellen. „Und die Beantwortung ist nicht leicht“, gibt Deichholz zu. Im Schnitt seien elf bis 15 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit der Nachverfolgung beschäftigt, die Belastung sei hoch. Die besondere Herausforderung ist laut Deichholz für die Experten immer, im Umgang mit positiven Corona-Fällen die richtige Balance zu finden, also angemessene einschränkende Maßnahmen anzuordnen und nicht auf Anhieb alles lahmzulegen. Nicht in Panik verfallen, sondern jeden Fall einzeln bewerten und dann eine Entscheidung treffen – so lautet das Motto. Wenn aber die Gefahr besteht, dass die Situation aus dem Ruder läuft, dann müsse man mitunter auch drastische Entschlüsse fassen. Beispiel Lahde: Nachdem sich zwei Geschwisterkinder mit dem Virus infiziert hatten, konnte das Gesundheitsamt die Infektionsketten auf die Schnelle nicht ausreichend nachverfolgen – die Grundschule wurde vorübergehend geschlossen, alle Kinder sowie die Beschäftigten auf Corona getestet. Ergebnis: Es gab keine weiteren positiven Fälle, der Schulbetrieb kann wieder laufen. Deichholz betont in diesem Zusammenhang aber noch einmal, dass ein negatives Testergebnis immer nur eine Momentaufnahme sei. „Am nächsten Tag kann alles schon wieder anders aussehen.“ Beim beschriebenen größeren Corona-Ausbruch, der Verbindungen in die beiden Mindener Berufskollegs hatte, hofft Deichholz, dass es in den nächsten Tagen keine weiteren Infizierungen in diesem Zusammenhang geben wird. Über knapp zweieinhalb Wochen hätte der Fall das Gesundheitsamt beschäftigt. „Jetzt macht es den Anschein, dass wir es geschafft haben, die Infektionsketten zu trennen.“

Viele Corona-Fälle hängen zusammen: Warum die Suche nach dem Ausgangspunkt so schwierig ist

Nachdem sich zwei Kinder der Grundschule Lahde infiziert hatten, konnte der Kreis die Infektionsketten nicht ausreichend nachverfolgen – die Schule wurde geschlossen, Kinder und Beschäftigte getestet. © MT-Foto: Plöger

Minden. Wo haben sich die nachweislich mit dem Corona-Virus infizierten Personen angesteckt? So lautet eine der am häufigsten gestellten Fragen im Zusammenhang mit der Infektionsstatistik, die der Kreis Minden-Lübbecke täglich veröffentlicht. Die Verwaltung ist mit dieser Auskunft sehr zurückhaltend – oft lasse sich die Frage gar nicht eindeutig beantworten, sagt Hans-Joerg Deichholz, Gesundheitsdezernent des Kreises, auf MT-Anfrage.

Was aber zuletzt bei der Aufarbeitung der nachgewiesenen Corona-Fällen aufgefallen sei: Häufig gebe es Zusammenhänge bei den Infektionsketten. Das war zum Beispiel in der vergangenen Woche bei den positiven Testergebnissen einer Lehrkraft des Freiherr-vom-Stein-Berufskollegs sowie eines Schülers des Leo-Sympher der Fall. Diese hingen mit einem größeren Ausbruchsgeschehen zusammen, bei denen es solche Querverbindungen gab, wie Deichholz gegenüber dem MT bestätigte. Details zu möglichen Ansteckungsorten und der Ausbreitung nannte und nennt er weiterhin nicht – „aus Datenschutzgründen“.

Ein fiktives Beispiel, um die komplexe Situation zu veranschaulichen: Ein Mann infiziert sich – wo auch immer – mit dem Corona-Virus. Er hat keinerlei Symptome, fühlt sich vollständig fit und geht morgens ganz normal zur Arbeit. Am Abend steht noch die Übungsstunde mit der Sportgruppe an, am nächsten Tag trifft er sich mit Bekannten im Eiscafé. Er nimmt wie jeder andere auch am gesellschaftlichen Leben teil – ohne allerdings zu wissen, dass er das Virus in sich trägt. Er hat den üblichen Kontakt zu seinen Mitmenschen. Die Gefahr, dass er Corona weiterträgt, ist riesig.

So kann ein einziger nicht frühzeitig erkannter Fall schnell eine lange Kette von weiteren Infizierungen nach sich ziehen. Und das ist zurzeit keine Seltenheit. Ein großer Teil der positiv Getesteten weist mittlerweile geringe oder keine Symptome auf, erklärte zum Beispiel Peter Witte, Direktor des Instituts für Krankenhaushygiene der Mühlenkreiskliniken, vor Kurzem gegenüber dem MT. „Je mehr Kontakte wir in unserem Alltag haben, desto höher ist das Gefährdungspotenzial“, verdeutlicht auch Hans-Joerg Deichholz. Vor allem dort, wo Menschen längere Zeit ohne Mund-Nasen-Schutz und ohne Abstand in engen Räumen zusammen seien. Wie lässt sich dieser „Schneeballeffekt“ verhindern? Die Antwort ist ernüchternd: In der aktuellen Lage, in der nach dem Corona-Shutdown nach und nach die Einschränkungen wieder gelockert worden sind, sei das nicht gänzlich möglich, stellt der Dezernent klar: „So etwas kann und wird immer wieder passieren. Sollen wir den Menschen verbieten, abends zum Sport zu gehen, wenn sie sich absolut gesund fühlen?“

Dass immer mehr Menschen infiziert seien und keinerlei Symptome hätten, sei ein Problem und mache die Suche nach dem Ausgangspunkt derart schwierig. Selbst wenn man sich sofort komplett isoliere, sobald die ersten Anzeichen einer Corona-Infektion spürbar werden, könnten die Folgen bereits erheblich sein. „Zwei Tage, bevor Symptome auftreten, ist die Ansteckungsgefahr am größten“, erklärt Deichholz. Er könne nur appellieren, durch verantwortungsbewusstes Handeln – also striktes Einhalten der geltenden Abstands- und Hygieneregeln – solche Ausbrüche so gut es geht zu minimieren.

Wie oft die Corona-Fälle Querverbindungen zueinander haben, dazu ist keine pauschale Aussage möglich. Jeder dieser etwas größeren Ausbrüche habe einen Ursprung – zum Beispiel bei Reiserückkehrern, Beschäftigten in einem Unternehmen oder bei Gästen einer öffentlichen Veranstaltung oder einer privaten Feier. Deichholz sieht dies ganz pragmatisch, er möchte in diesem Zusammenhang keine Schuldigen suchen oder mit dem Finger auf jemanden zeigen. Fakt sei, dass es immer wieder zur Ausbreitung des Virus kommen könne. „Und das kann sehr schnell gehen – das hat man in Heinsberg, bei Tönnies oder auch bei dem Bayrischen Abend in Espelkamp im März gesehen“, betont der Gesundheitsdezernent.

Für das Team des Kreis-Gesundheitsamtes ist die Vorgehensweise bei positiven Testergebnissen immer die gleiche. Das oberste Ziel: „Wir müssen die verschiedenen Infektionsketten so schnell wie möglich durchbrechen.“ Wer hatte zu welcher Zeit noch Kontakt zu der nachweislich infizierten Person? Wie lange dauerten die Treffen oder Gespräche? Trugen alle eine Maske? Wurde der Mindestabstand von 1,50 Metern eingehalten? Gab es anschließend weitere Treffen? Gibt es zusätzliche Kontaktpersonen? Solche Fragen muss das Team im Gesundheitsamt tagtäglich stellen. „Und die Beantwortung ist nicht leicht“, gibt Deichholz zu. Im Schnitt seien elf bis 15 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit der Nachverfolgung beschäftigt, die Belastung sei hoch.

Die besondere Herausforderung ist laut Deichholz für die Experten immer, im Umgang mit positiven Corona-Fällen die richtige Balance zu finden, also angemessene einschränkende Maßnahmen anzuordnen und nicht auf Anhieb alles lahmzulegen. Nicht in Panik verfallen, sondern jeden Fall einzeln bewerten und dann eine Entscheidung treffen – so lautet das Motto. Wenn aber die Gefahr besteht, dass die Situation aus dem Ruder läuft, dann müsse man mitunter auch drastische Entschlüsse fassen. Beispiel Lahde: Nachdem sich zwei Geschwisterkinder mit dem Virus infiziert hatten, konnte das Gesundheitsamt die Infektionsketten auf die Schnelle nicht ausreichend nachverfolgen – die Grundschule wurde vorübergehend geschlossen, alle Kinder sowie die Beschäftigten auf Corona getestet. Ergebnis: Es gab keine weiteren positiven Fälle, der Schulbetrieb kann wieder laufen. Deichholz betont in diesem Zusammenhang aber noch einmal, dass ein negatives Testergebnis immer nur eine Momentaufnahme sei. „Am nächsten Tag kann alles schon wieder anders aussehen.“

Beim beschriebenen größeren Corona-Ausbruch, der Verbindungen in die beiden Mindener Berufskollegs hatte, hofft Deichholz, dass es in den nächsten Tagen keine weiteren Infizierungen in diesem Zusammenhang geben wird. Über knapp zweieinhalb Wochen hätte der Fall das Gesundheitsamt beschäftigt. „Jetzt macht es den Anschein, dass wir es geschafft haben, die Infektionsketten zu trennen.“

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