"Vergessen kann man das nicht": Ehemaliger Sparkassen-Geschäftsstellenleiter spricht über erlebte Banküberfälle Leonie Meyer Minden. Heinz-Günther Kelle kann sich an den gefährlichen Moment noch gut erinnern. „Ich habe in die dunkle Öffnung der Waffe geschaut, stand dabei hinter einer Panzerglasscheibe. In drei Minuten war es ein Spiel mit dem Leben und dem Tod." Heinz-Günther Kelle, ehemaliger Geschäftsstellenleiter der Sparkassenfiliale in Häverstädt, spricht von den bangen Minuten, als er von einem Bankräuber bedroht wurde. Vier Überfälle hat der 73-Jährige in seinem Berufsleben miterlebt „oder besser gesagt: überlebt", wie er es formuliert. Im MT erzählt er, welche psychische Belastung die Überfälle für ihn bedeutet haben, wie er damit umgegangen ist – und warum er heute nur noch tagsüber ein Geldinstitut aufsucht. Beim ersten Banküberfall bei der Sparkasse – Kelle schätzt, dass es zwischen 1985 und 1990 gewesen sein müsste – arbeitete er noch alleine in der Filiale. Er habe nach dem Betreten des Gebäudes wie jeden Morgen das Licht anschalten wollen. „Im selben Moment stand der Täter plötzlich vor mir und zielte mit einer Waffe auf mich." Es sei alles so schnell gegangen. Kelle hatte gerade noch die Möglichkeit den Alarmknopf auszulösen. „Der Täter muss wohl daraufhin Angst bekommen haben", vermutet der heutige Ortsbürgermeister von Häverstädt. Der Verbrecher ergriff die Flucht. „In einer Seitenstraße stand wohl das Fluchtauto bereit. Ich war aber nicht schnell genug, um ihn einzuholen", erinnert sich Kelle. Die Polizei traf wenig später am Tatort ein, die Filiale wurde zunächst geschlossen. Die Beamten fragten Kelle, ob er freinehmen möchte oder in der Lage sei weiterzuarbeiten. Diese Frage konnte er schnell für sich beantworten: Kelle entschied sich dafür, die Filiale noch am selben Tag wieder zu öffnen, „damit ich besser darüber hinwegkomme". Dieser Gedanke hat ihm auch nach den folgenden Banküberfällen geholfen, das Erlebte durchzustehen, berichtet Kelle. Außerdem konnte er eine psychotherapeutische Behandlung in Anspruch nehmen. „Sie wird auch heute für diejenigen angeboten, die einen Überfall erleben mussten", bestätigt Gerald Watermann, Pressesprecher der Sparkasse Minden-Lübbecke. Zudem gebe es auch intern ausgebildete betriebliche Überfallbetreuer, die nach einem solchen Ereignis „umgehend die betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor Ort betreuen". Das rechnet Heinz-Günther Kelle der Sparkasse hoch an. Er nahm diese Unterstützung nach jedem der vier Banküberfälle in Anspruch. „Es ist zwar eine Überwindung darüber zu sprechen, aber es hat geholfen." Auch heute würden die Mitarbeiter entsprechend geschult und es gebe regelmäßige Unterweisungen zum Verhalten bei Überfällen, erklärt Watermann. Auszubildende würden zu Beginn unterrichtet. Ebenso handhabt es die Volksbank Herford-Mindener Land, teilt Pressesprecher Andreas Kelch dem MT mit. „Ich habe in der Hand eine Bombe! Geld her!" Das waren die Worte des Täters beim nächsten Überfall, erinnert sich Kelle. Ein Kunde sei zu dem Zeitpunkt ebenfalls in der Filiale gewesen. „Meine Mitarbeiterin konnte ich noch schnell nach hinten ziehen." In diesem Moment hinterfragte der Angestellte nicht, ob die angebliche Bombe nur eine Attrappe gewesen sei – wie sich im Nachhinein herausstellte. Dem ehemaligen Geschäftsstellenleiter blieb nichts anderes übrig, als das geforderte Geld herauszugeben. Der Täter sei mit einem Fahrrad geflüchtet. „Ich drückte direkt den Alarmknopf." Die Fahndung der Polizei war erfolgreich: Der Verbrecher wurde noch im alten Porta-Markt aufgegriffen. Kelle: „Er hatte sich umgezogen und bereits 8.000 DM ausgegeben." Nach diesem Überfall gab es ein Ereignis, an das sich Kelle besonders erinnert: „Die Mutter des Täters kam in die Filiale und hat sich für die Tat ihres Sohnes entschuldigt." Sie habe davon nichts gewusst. Die Entschuldigung habe ihm geholfen. Nach jedem Banküberfall wurden die Sicherheitsmaßnahmen verbessert, zum Beispiel wurde die Videoüberwachung verstärkt, berichtet Kelle. Wie genau die Geldinstitute ihre Filialen sichern, dazu halten sie sich bedeckt. Es gebe ausreichend verschiedene Sicherheitsvorkehrungen, jedoch sollen diese nicht an die Öffentlichkeiten geraten, teilen sowohl die Sparkasse als auch Volksbank mit. Bei Letzterer würden die Maßnahmen „permanent auf den Prüfstand" gestellt, betont Sprecher Kelch. Die deutlich zurückgegangene Anzahl an Überfällen verdeutliche, „dass die Maßnahmen Wirkung zeigen ebenso wie insbesondere der nur noch eingeschränkte Zugang zu Bargeld", sagt Sparkassen-Sprecher Watermann. Dennoch sei es in den vergangen fünf Jahren zu Überfällen auf Filialen gekommen. Bei der Volksbank sieht das anders aus: In den vergangenen Jahren habe man keine Überfälle in Mindener Filialen verzeichnet, so Kelch. In der Vergangenheit gab es im Mühlenkreis mehrere Überfälle, die für Aufsehen sorgten. Vielen Mindenern ist vor allem der Überfall auf die Volksbank Mindener Land am Markt in Erinnerung geblieben. Die Tat am 6. November 2014 war lange Gesprächsthema Nummer eins in der Stadt. Rückblick: Um 17.30 Uhr lauerten drei maskierte Männer einem 51-jährigen Angestellten im Untergeschoss auf. Sie überwältigten ihn mit Schlägen und Tritten, fesselten und bedrohten ihn mit einer Waffe. Schließlich entwendeten die Räuber etliche Geldschein-Bündel aus dem Tresorraum. Der WDR berichtete von einer Beute in Höhe von 700.000 Euro. Die Polizei durchsuchte vergeblich das gesamte Gebäude, welches zu dem Zeitpunkt komplett umgebaut wurde. Die Täter hätten also einen genauen Plan des Gebäudes haben müssen, waren sich die Ermittler sicher. Der Volksbank-Angestellte konnte sich selber mit einer Schere von den Fesseln befreien, nach oben Laufen und den Alarm auslösen – 14 Minuten, nachdem ihn die Täter brutal angegriffen hatten. Einer der damaligen Ermittler, Matthias Blase, sprach im Jahr 2017 von einem „atypischen Banküberfall". Er war davon überzeugt, dass ein „klassischer Überfall am Schalter" keinen Erfolg gehabt hätte. Einzelne Spuren der Täter konnten bis in die Niederlande  verfolgt werden: Ein Zeuge bemerkte bei einem Feuer verschiedene Banderolen, die zur Bündelung von Geldscheinen verwendet werden. Darauf waren Fragmente eines Stempelaufdrucks der Volksbank Mindener Land erkennbar – höchstwahrscheinlich stammten diese vom Überfall am Markt. Eine heiße Spur ergab sich für die Ermittler daraus allerdings nicht. Der Fall bleibt bis heute ungelöst. Im Oktober 2012 überfiel ein 40-Jähriger die Volksbankfiliale in Volmerdingsen. Außerdem versuchte ein 21-Jähriger im Januar 2014 in der Sparkassenfiliale Tonnenheide Geld zu erbeuten. Er flüchtete fußläufig. Beide Täter wurden festgenommen. Die Polizei berichtet außerdem von einem „atypischen Banküberfall in Hille". Dort hebelten zwei Männer ein Fenster auf und bedrohten und fesselten morgens den Filialleiter. Doch die Sicherheitsmaßnahmen hielten stand, die Täter gelangten nicht in den Tresorraum. In den vergangenen Jahren hat sich die Vorgehensweise der Täter geändert. Die Kreispolizei registriert eine Zunahme bei Sprengungen von Geldautomaten, berichtet Sprecher Thomas Bensch. Demnach wurde im März 2018 in Espelkamp ein Automat durch eine Sprengung zerstört und Geld entwendet. Im Oktober darauf scheiterten die Kriminellen in der Commerzbank am Domhof und flüchteten. Zwei weitere Sprengungen folgten in Bad Oeynhausen: in Dehme war im Juni 2021 eine Sparkassen-Filiale betroffen, zuletzt traf es Anfang Oktober am Rehmer Eck eine Volksbank-Niederlassung ziemlich stark. „Die Verbrecher wenden verschiedene Methoden bei der Sprengung an, wie Gasgemisch oder feste Explosivstoffe", erläutert der Polizeisprecher. Positiv: Mindener Filialen der Sparkasse sowie der Volksbank sind in den vergangenen fünf Jahren von Geldautomatensprengungen verschont worden. Das Landeskriminalamt reagierte auf die zunehmende Zahl der Automatensprengungen und sprach im Mai 2020 die Empfehlung aus, die Selbstbedienungsbereiche der Geldinstitute nachts zu schließen. Darin heißt es wörtlich: „Insbesondere Straftäter aus den Niederlanden greifen derzeit vermehrt Geldautomaten im Außenbereich von Gebäuden an. Dabei setzen sie zunehmend Sprengstoffe ein, die zum Teil zu verheerenden Schadensbildern führen können." Auch das Bundeskriminalamt (BKA) verzeichnete eine Zunahme der Tatverdächtigen aus den Niederlanden.  Seit Oktober 2020 setzt die Sparkasse Minden-Lübbecke diese Empfehlung zur Vorbeugung um. Die Bargeldreserven würden insgesamt deutlich heruntergeschraubt, berichtet Gerald Watermann. „Größtenteils ist Bargeld nur in Geldautomaten vorhanden". Auch bei der Volksbank Herford-Mindener Land sei der Bestand an Bargeld „stark rückläufig", berichtet Andreas Kelch. Heinz-Günther Kelle sucht mittlerweile nur noch am hellichten Tag während der Geschäftszeiten eine Bankfiliale auf. „Ich passe auf, wer sich in den Räumlichkeiten aufhält." Seitdem der 73-Jährige 2006 in den Vorruhestand ging, kann er mit dem Erlebten gut umgehen. Aber: „Vergessen kann man das nicht."

"Vergessen kann man das nicht": Ehemaliger Sparkassen-Geschäftsstellenleiter spricht über erlebte Banküberfälle

Im Jahr 2020 betrug nach Angaben von Statista die polizeiliche Aufklärungsquote bei Raubüberfällen auf Geldinstitute in Deutschland rund 70 Prozent. MT-Symbolfoto: Alex Lehn

Minden. Heinz-Günther Kelle kann sich an den gefährlichen Moment noch gut erinnern. „Ich habe in die dunkle Öffnung der Waffe geschaut, stand dabei hinter einer Panzerglasscheibe. In drei Minuten war es ein Spiel mit dem Leben und dem Tod." Heinz-Günther Kelle, ehemaliger Geschäftsstellenleiter der Sparkassenfiliale in Häverstädt, spricht von den bangen Minuten, als er von einem Bankräuber bedroht wurde. Vier Überfälle hat der 73-Jährige in seinem Berufsleben miterlebt „oder besser gesagt: überlebt", wie er es formuliert. Im MT erzählt er, welche psychische Belastung die Überfälle für ihn bedeutet haben, wie er damit umgegangen ist – und warum er heute nur noch tagsüber ein Geldinstitut aufsucht.

Heinz-Günther Kelle hat vier Banküberfälle bei der ehemaligen Sparkasse Häverstädt miterleben müssen. MT-Foto: Leonie Meyer - © Leonie Meyer
Heinz-Günther Kelle hat vier Banküberfälle bei der ehemaligen Sparkasse Häverstädt miterleben müssen. MT-Foto: Leonie Meyer - © Leonie Meyer

Beim ersten Banküberfall bei der Sparkasse – Kelle schätzt, dass es zwischen 1985 und 1990 gewesen sein müsste – arbeitete er noch alleine in der Filiale. Er habe nach dem Betreten des Gebäudes wie jeden Morgen das Licht anschalten wollen. „Im selben Moment stand der Täter plötzlich vor mir und zielte mit einer Waffe auf mich." Es sei alles so schnell gegangen. Kelle hatte gerade noch die Möglichkeit den Alarmknopf auszulösen. „Der Täter muss wohl daraufhin Angst bekommen haben", vermutet der heutige Ortsbürgermeister von Häverstädt. Der Verbrecher ergriff die Flucht. „In einer Seitenstraße stand wohl das Fluchtauto bereit. Ich war aber nicht schnell genug, um ihn einzuholen", erinnert sich Kelle.

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Patrick Schwemmling

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Die Polizei traf wenig später am Tatort ein, die Filiale wurde zunächst geschlossen. Die Beamten fragten Kelle, ob er freinehmen möchte oder in der Lage sei weiterzuarbeiten. Diese Frage konnte er schnell für sich beantworten: Kelle entschied sich dafür, die Filiale noch am selben Tag wieder zu öffnen, „damit ich besser darüber hinwegkomme". Dieser Gedanke hat ihm auch nach den folgenden Banküberfällen geholfen, das Erlebte durchzustehen, berichtet Kelle.

Außerdem konnte er eine psychotherapeutische Behandlung in Anspruch nehmen. „Sie wird auch heute für diejenigen angeboten, die einen Überfall erleben mussten", bestätigt Gerald Watermann, Pressesprecher der Sparkasse Minden-Lübbecke. Zudem gebe es auch intern ausgebildete betriebliche Überfallbetreuer, die nach einem solchen Ereignis „umgehend die betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor Ort betreuen". Das rechnet Heinz-Günther Kelle der Sparkasse hoch an. Er nahm diese Unterstützung nach jedem der vier Banküberfälle in Anspruch. „Es ist zwar eine Überwindung darüber zu sprechen, aber es hat geholfen." Auch heute würden die Mitarbeiter entsprechend geschult und es gebe regelmäßige Unterweisungen zum Verhalten bei Überfällen, erklärt Watermann. Auszubildende würden zu Beginn unterrichtet. Ebenso handhabt es die Volksbank Herford-Mindener Land, teilt Pressesprecher Andreas Kelch dem MT mit.

„Ich habe in der Hand eine Bombe! Geld her!" Das waren die Worte des Täters beim nächsten Überfall, erinnert sich Kelle. Ein Kunde sei zu dem Zeitpunkt ebenfalls in der Filiale gewesen. „Meine Mitarbeiterin konnte ich noch schnell nach hinten ziehen." In diesem Moment hinterfragte der Angestellte nicht, ob die angebliche Bombe nur eine Attrappe gewesen sei – wie sich im Nachhinein herausstellte. Dem ehemaligen Geschäftsstellenleiter blieb nichts anderes übrig, als das geforderte Geld herauszugeben. Der Täter sei mit einem Fahrrad geflüchtet. „Ich drückte direkt den Alarmknopf." Die Fahndung der Polizei war erfolgreich: Der Verbrecher wurde noch im alten Porta-Markt aufgegriffen. Kelle: „Er hatte sich umgezogen und bereits 8.000 DM ausgegeben." Nach diesem Überfall gab es ein Ereignis, an das sich Kelle besonders erinnert: „Die Mutter des Täters kam in die Filiale und hat sich für die Tat ihres Sohnes entschuldigt." Sie habe davon nichts gewusst. Die Entschuldigung habe ihm geholfen.

Nach jedem Banküberfall wurden die Sicherheitsmaßnahmen verbessert, zum Beispiel wurde die Videoüberwachung verstärkt, berichtet Kelle. Wie genau die Geldinstitute ihre Filialen sichern, dazu halten sie sich bedeckt. Es gebe ausreichend verschiedene Sicherheitsvorkehrungen, jedoch sollen diese nicht an die Öffentlichkeiten geraten, teilen sowohl die Sparkasse als auch Volksbank mit. Bei Letzterer würden die Maßnahmen „permanent auf den Prüfstand" gestellt, betont Sprecher Kelch.

Die deutlich zurückgegangene Anzahl an Überfällen verdeutliche, „dass die Maßnahmen Wirkung zeigen ebenso wie insbesondere der nur noch eingeschränkte Zugang zu Bargeld", sagt Sparkassen-Sprecher Watermann. Dennoch sei es in den vergangen fünf Jahren zu Überfällen auf Filialen gekommen. Bei der Volksbank sieht das anders aus: In den vergangenen Jahren habe man keine Überfälle in Mindener Filialen verzeichnet, so Kelch.

In der Vergangenheit gab es im Mühlenkreis mehrere Überfälle, die für Aufsehen sorgten. Vielen Mindenern ist vor allem der Überfall auf die Volksbank Mindener Land am Markt in Erinnerung geblieben. Die Tat am 6. November 2014 war lange Gesprächsthema Nummer eins in der Stadt. Rückblick: Um 17.30 Uhr lauerten drei maskierte Männer einem 51-jährigen Angestellten im Untergeschoss auf. Sie überwältigten ihn mit Schlägen und Tritten, fesselten und bedrohten ihn mit einer Waffe. Schließlich entwendeten die Räuber etliche Geldschein-Bündel aus dem Tresorraum. Der WDR berichtete von einer Beute in Höhe von 700.000 Euro. Die Polizei durchsuchte vergeblich das gesamte Gebäude, welches zu dem Zeitpunkt komplett umgebaut wurde. Die Täter hätten also einen genauen Plan des Gebäudes haben müssen, waren sich die Ermittler sicher. Der Volksbank-Angestellte konnte sich selber mit einer Schere von den Fesseln befreien, nach oben Laufen und den Alarm auslösen – 14 Minuten, nachdem ihn die Täter brutal angegriffen hatten.

Die Polizei war nach dem Bankraub am 6. November mit einem Großaufgebot im Einsatz. MT-Foto: - © Nadine Schwan
Die Polizei war nach dem Bankraub am 6. November mit einem Großaufgebot im Einsatz. MT-Foto: - © Nadine Schwan

Einer der damaligen Ermittler, Matthias Blase, sprach im Jahr 2017 von einem „atypischen Banküberfall". Er war davon überzeugt, dass ein „klassischer Überfall am Schalter" keinen Erfolg gehabt hätte. Einzelne Spuren der Täter konnten bis in die Niederlande  verfolgt werden: Ein Zeuge bemerkte bei einem Feuer verschiedene Banderolen, die zur Bündelung von Geldscheinen verwendet werden. Darauf waren Fragmente eines Stempelaufdrucks der Volksbank Mindener Land erkennbar – höchstwahrscheinlich stammten diese vom Überfall am Markt. Eine heiße Spur ergab sich für die Ermittler daraus allerdings nicht. Der Fall bleibt bis heute ungelöst.

Im Oktober 2012 überfiel ein 40-Jähriger die Volksbankfiliale in Volmerdingsen. Außerdem versuchte ein 21-Jähriger im Januar 2014 in der Sparkassenfiliale Tonnenheide Geld zu erbeuten. Er flüchtete fußläufig. Beide Täter wurden festgenommen. Die Polizei berichtet außerdem von einem „atypischen Banküberfall in Hille". Dort hebelten zwei Männer ein Fenster auf und bedrohten und fesselten morgens den Filialleiter. Doch die Sicherheitsmaßnahmen hielten stand, die Täter gelangten nicht in den Tresorraum.

In den vergangenen Jahren hat sich die Vorgehensweise der Täter geändert. Die Kreispolizei registriert eine Zunahme bei Sprengungen von Geldautomaten, berichtet Sprecher Thomas Bensch. Demnach wurde im März 2018 in Espelkamp ein Automat durch eine Sprengung zerstört und Geld entwendet. Im Oktober darauf scheiterten die Kriminellen in der Commerzbank am Domhof und flüchteten. Zwei weitere Sprengungen folgten in Bad Oeynhausen: in Dehme war im Juni 2021 eine Sparkassen-Filiale betroffen, zuletzt traf es Anfang Oktober am Rehmer Eck eine Volksbank-Niederlassung ziemlich stark. „Die Verbrecher wenden verschiedene Methoden bei der Sprengung an, wie Gasgemisch oder feste Explosivstoffe", erläutert der Polizeisprecher. Positiv: Mindener Filialen der Sparkasse sowie der Volksbank sind in den vergangenen fünf Jahren von Geldautomatensprengungen verschont worden.

Durch die Explosion flogen Glasscherben und Trümmerteile auf den Gehweg und die Straße. Foto: - © Polizei Minden-Lübbecke
Durch die Explosion flogen Glasscherben und Trümmerteile auf den Gehweg und die Straße. Foto: - © Polizei Minden-Lübbecke

Das Landeskriminalamt reagierte auf die zunehmende Zahl der Automatensprengungen und sprach im Mai 2020 die Empfehlung aus, die Selbstbedienungsbereiche der Geldinstitute nachts zu schließen. Darin heißt es wörtlich: „Insbesondere Straftäter aus den Niederlanden greifen derzeit vermehrt Geldautomaten im Außenbereich von Gebäuden an. Dabei setzen sie zunehmend Sprengstoffe ein, die zum Teil zu verheerenden Schadensbildern führen können." Auch das Bundeskriminalamt (BKA) verzeichnete eine Zunahme der Tatverdächtigen aus den Niederlanden. 

Seit Oktober 2020 setzt die Sparkasse Minden-Lübbecke diese Empfehlung zur Vorbeugung um. Die Bargeldreserven würden insgesamt deutlich heruntergeschraubt, berichtet Gerald Watermann. „Größtenteils ist Bargeld nur in Geldautomaten vorhanden". Auch bei der Volksbank Herford-Mindener Land sei der Bestand an Bargeld „stark rückläufig", berichtet Andreas Kelch.

Heinz-Günther Kelle sucht mittlerweile nur noch am hellichten Tag während der Geschäftszeiten eine Bankfiliale auf. „Ich passe auf, wer sich in den Räumlichkeiten aufhält." Seitdem der 73-Jährige 2006 in den Vorruhestand ging, kann er mit dem Erlebten gut umgehen. Aber: „Vergessen kann man das nicht."

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