Verführerische venezianische Verzauberung "Costumi" präsentieren ihre preisgekrönten Kostüme auf der Gourmetmeile / Macher Horst Raack stammt aus Bielefeld Von Nadine Conti Minden (nec). Das Trio hat noch keine zwei Schritte vor das Victoria-Hotel gemacht, da geht es schon los: Oooohs und Aaahs aus der einen Ecke, spontaner Beifall aus der anderen, Handy-Kameras werden emporgereckt, Hobby-Fotografen reißen elektrisiert ihre Kameras hoch. "Costumi" sind da. Und Horst Raack, Jochen Schlüter und Margita Jahn genießen die Aufmerksamkeit. Zumindest für diesen Moment. "Irgendwann ist man dann auch froh, aus den Sachen wieder herauszukommen und irgendwo sitzen und etwas essen zu können, ohne angesprochen und fotografiert zu werden", erzählt Schlüter lächelnd. Aber noch ist es an diesem Abend nicht so weit.Man merkt gleich, dass die drei ein eingespieltes Team sind: Wie sie alle zwei Meter stehen bleiben, posieren, in die Runde blicken - bis auch der Letzte sein Kind ins Bild geschoben und den Auslöser gedrückt hat. Würdevoll schreiten sie durch das Gedränge auf der Gourmetmeile, huldvoll lächelnd und winkend."Tea Time" heißt das Motto der Phantasiekostüme, die sie hier spazieren tragen. Mit ihnen haben sie in diesem Jahr zum dritten Mal den Kostümwettbewerb des Karnevals in Venedig gewonnen. Für die dortigen Verhältnisse - Temperaturen um die null Grad und eine zugige Bühne auf dem Markusplatz - sind die Kostüme allerdings auch gemacht, für den hiesigen Sommer sind sie entschieden zu warm."Man braucht schon eine gewisse Leidensfähigkeit", sagt Schlüter achselzuckend. Die drei Schauläufer tragen es mit Fassung, viel Puder im Gesicht und fächeln sich mit einem eigens dazu gerahmten Tellerchen aus einem Teeservice Luft zu.Diese Art von Details sind die Spezialität von Horst Raack. An den Kostümen tüftelt er jahrelang. Von der ersten Idee über das Sammeln von Stoffen und Accessoires auf Flohmärkten und bei Ebay bis zur Realisierung. Der Künstler - im normalen Leben Goldschmied in Bielefeld - macht alles selbst. Er schneidert und bastelt am liebsten allein, "da bin ich eigen." Kein Wunder, dass es ein Weilchen dauert bis alle Kostüme fertig sind."Im nächsten Jahr werden wir in Venedig nicht mit neuen Kostümen antreten, aber für 2014 gibt es schon Pläne", verrät Raack. Seine Inspiration holt er sich aus Ausstellungen, Katalogen und Filmen, manchmal sind es auch einzelne Gegenstände, die seine Phantasie entzünden.Gesamtkunstwerke mit viel Liebe zum DetailWas so entsteht, sind keine historischen Kostüme, auch wenn er sich an der Mode, der Kunst, dem Dekor und der Inneneinrichtung des 18. Jahrhunderts, des Zeitalters von Barock und Rokoko orientiert - es sind Gesamtkunstwerke, die mit viel Liebe zum Detail ausstaffiert werden.So trägt Margita Jahn ein üppiges, reifberocktes Kleid, dazu eine Handtasche aus einer Teedose und eine Teekanne auf der kunstvoll gelockten Perücke. Jochen Schlüter schleppt gleich eine ganze Teetafel mit sich herum, sein Rock besteht aus einer über einen Holzrahmen gespannten Tischdecke, auf der ein kleines Teeservice inklusive Silberlöffel und Petit Four aus Stoff angerichtet sind. Die selben Naschereien - die im Übrigen aus einer Kinderküche stammen - thronen in einer Art Etagere, aus drei silbernen Körbchen auf seinem Kopf.Auf Horst Raackes schwarzem Hut sind dagegen eine Keksdose, Zuckerdöschen und Tässchen kunstvoll arrangiert, seinen blauen Gehrock zieren in goldene Bordüre gefasste Untertassen.Zwei Stunden brauchen sie, um sich gegenseitig in diese Kunstwerke zu helfen, allein anziehen geht nicht. Und dann stolzieren sie über die venezianische Messe in Ludwigsburg, den Maskenzauber an der Alster in Hamburg, durch die Nacht der Schlösser in Potsdam, die Landpartie im Schloss Bückeburg oder eben die Mindener Gourmetmeile.Lust am Verkleiden und am GesehenwerdenUnbestrittener Höhepunkt ihres Jahres ist und bleibt aber Venedig. Mit einer Liebesreise hierher hat alles begonnen. Und hier findet Horst Raack die Anerkennung, die ihm wichtig ist: Die der anderen Kostümverrückten. Die der Jury, in der Kostümdesigner sitzen, die sonst große Hollywood-Produktionen ausstatten."Der Karneval von Venedig ist einfach romantischer, künstlerischer als beispielsweise der in Köln, wo es mehr ums Partymachen geht", erläutert sein Freund Jochen Schlüter. Für den ganz großen Auftritt haben die beiden Freunde, Bekannte und Arbeitskolleginnen rekrutiert, mit bis zu acht Leuten treten sie an. Die Gagen ihrer Auftritte - wenn es überhaupt welche gibt - werden sofort in neue Kostüme investiert. Ums Geldverdienen geht es hier nicht. Eher um die Lust am Verkleiden und Gesehenwerden."Ich pflege meine Mutter, das hier ist für mich der perfekte Ausgleich", sagt Margita Jahn. "Es ist einfach schön, wenn man Erwachsene noch so verzaubern und überraschen kann", sagt Jochen Schlüter - und blickt in die nächste Kamera.

Verführerische venezianische Verzauberung

Minden (nec). Das Trio hat noch keine zwei Schritte vor das Victoria-Hotel gemacht, da geht es schon los: Oooohs und Aaahs aus der einen Ecke, spontaner Beifall aus der anderen, Handy-Kameras werden emporgereckt, Hobby-Fotografen reißen elektrisiert ihre Kameras hoch. "Costumi" sind da.

Venezianische Verzauberung - © MINDEN
Venezianische Verzauberung - © MINDEN

Und Horst Raack, Jochen Schlüter und Margita Jahn genießen die Aufmerksamkeit. Zumindest für diesen Moment. "Irgendwann ist man dann auch froh, aus den Sachen wieder herauszukommen und irgendwo sitzen und etwas essen zu können, ohne angesprochen und fotografiert zu werden", erzählt Schlüter lächelnd. Aber noch ist es an diesem Abend nicht so weit.

Man merkt gleich, dass die drei ein eingespieltes Team sind: Wie sie alle zwei Meter stehen bleiben, posieren, in die Runde blicken - bis auch der Letzte sein Kind ins Bild geschoben und den Auslöser gedrückt hat. Würdevoll schreiten sie durch das Gedränge auf der Gourmetmeile, huldvoll lächelnd und winkend.

- © Foto: Alexander Lehn
© Foto: Alexander Lehn

"Tea Time" heißt das Motto der Phantasiekostüme, die sie hier spazieren tragen. Mit ihnen haben sie in diesem Jahr zum dritten Mal den Kostümwettbewerb des Karnevals in Venedig gewonnen. Für die dortigen Verhältnisse - Temperaturen um die null Grad und eine zugige Bühne auf dem Markusplatz - sind die Kostüme allerdings auch gemacht, für den hiesigen Sommer sind sie entschieden zu warm.

Der Meister legt letzte Hand an: Für seine barocken Phantasiekostüme ist der Bielefelder Horst Raack schon dreimal in Venedig ausgezeichnet worden. - © Foto: Conti --
Der Meister legt letzte Hand an: Für seine barocken Phantasiekostüme ist der Bielefelder Horst Raack schon dreimal in Venedig ausgezeichnet worden. - © Foto: Conti --

"Man braucht schon eine gewisse Leidensfähigkeit", sagt Schlüter achselzuckend. Die drei Schauläufer tragen es mit Fassung, viel Puder im Gesicht und fächeln sich mit einem eigens dazu gerahmten Tellerchen aus einem Teeservice Luft zu.

Diese Art von Details sind die Spezialität von Horst Raack. An den Kostümen tüftelt er jahrelang. Von der ersten Idee über das Sammeln von Stoffen und Accessoires auf Flohmärkten und bei Ebay bis zur Realisierung. Der Künstler - im normalen Leben Goldschmied in Bielefeld - macht alles selbst. Er schneidert und bastelt am liebsten allein, "da bin ich eigen." Kein Wunder, dass es ein Weilchen dauert bis alle Kostüme fertig sind.

"Im nächsten Jahr werden wir in Venedig nicht mit neuen Kostümen antreten, aber für 2014 gibt es schon Pläne", verrät Raack. Seine Inspiration holt er sich aus Ausstellungen, Katalogen und Filmen, manchmal sind es auch einzelne Gegenstände, die seine Phantasie entzünden.

Gesamtkunstwerke mit viel Liebe zum Detail

- © Foto: Alexander Lehn
© Foto: Alexander Lehn

Was so entsteht, sind keine historischen Kostüme, auch wenn er sich an der Mode, der Kunst, dem Dekor und der Inneneinrichtung des 18. Jahrhunderts, des Zeitalters von Barock und Rokoko orientiert - es sind Gesamtkunstwerke, die mit viel Liebe zum Detail ausstaffiert werden.

So trägt Margita Jahn ein üppiges, reifberocktes Kleid, dazu eine Handtasche aus einer Teedose und eine Teekanne auf der kunstvoll gelockten Perücke. Jochen Schlüter schleppt gleich eine ganze Teetafel mit sich herum, sein Rock besteht aus einer über einen Holzrahmen gespannten Tischdecke, auf der ein kleines Teeservice inklusive Silberlöffel und Petit Four aus Stoff angerichtet sind. Die selben Naschereien - die im Übrigen aus einer Kinderküche stammen - thronen in einer Art Etagere, aus drei silbernen Körbchen auf seinem Kopf.

Auf Horst Raackes schwarzem Hut sind dagegen eine Keksdose, Zuckerdöschen und Tässchen kunstvoll arrangiert, seinen blauen Gehrock zieren in goldene Bordüre gefasste Untertassen.

Zwei Stunden brauchen sie, um sich gegenseitig in diese Kunstwerke zu helfen, allein anziehen geht nicht. Und dann stolzieren sie über die venezianische Messe in Ludwigsburg, den Maskenzauber an der Alster in Hamburg, durch die Nacht der Schlösser in Potsdam, die Landpartie im Schloss Bückeburg oder eben die Mindener Gourmetmeile.

Lust am Verkleiden und am Gesehenwerden

Unbestrittener Höhepunkt ihres Jahres ist und bleibt aber Venedig. Mit einer Liebesreise hierher hat alles begonnen. Und hier findet Horst Raack die Anerkennung, die ihm wichtig ist: Die der anderen Kostümverrückten. Die der Jury, in der Kostümdesigner sitzen, die sonst große Hollywood-Produktionen ausstatten.

"Der Karneval von Venedig ist einfach romantischer, künstlerischer als beispielsweise der in Köln, wo es mehr ums Partymachen geht", erläutert sein Freund Jochen Schlüter. Für den ganz großen Auftritt haben die beiden Freunde, Bekannte und Arbeitskolleginnen rekrutiert, mit bis zu acht Leuten treten sie an. Die Gagen ihrer Auftritte - wenn es überhaupt welche gibt - werden sofort in neue Kostüme investiert. Ums Geldverdienen geht es hier nicht. Eher um die Lust am Verkleiden und Gesehenwerden.

"Ich pflege meine Mutter, das hier ist für mich der perfekte Ausgleich", sagt Margita Jahn. "Es ist einfach schön, wenn man Erwachsene noch so verzaubern und überraschen kann", sagt Jochen Schlüter - und blickt in die nächste Kamera.

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