Verdacht auf Kindesmisshandlung ist für Kinderärzte oft eine Gratwanderung Doris Christoph Minden. Blutergüsse an untypischen Körperstellen, unklare Brüche beim Kind, Erklärungen der Eltern, die nicht dazu passen – das können Indizien für Misshandlungen sein, mit denen sich Kinderärzte auseinandersetzen müssen. Um medizinische Anhaltspunkte auf körperliche Gewalt abzuklären, wäre der Austausch mit einem Kollegen hilfreich – auch, um Eltern nicht voreilig zu belasten. Doch die ärztliche Schweigepflicht erschwert das – noch. Denn eine Gesetzesänderung könnte dies einfacher machen. Aber wie gehen Kinderärzte im Moment mit Verdachtsfällen um? „Es gibt nicht das typische Vorgehen“, erklärt Dr. Melanie Dargatz von der Praxis für Kinder- und Jugendmedizin Henry Boss in Minden. Als Ärzte haben sie und ihre Kollegen mit einem breiten Spektrum an Kindeswohlgefährdungen zu tun, Misshandlungen sind nur eine Form davon. „Kindeswohlgefährdung umfasst die Gefahr für die körperliche, geistige und seelische Entwicklung des Kindes“, erklärt die Medizinerin. Dazu gehört auch, wenn Eltern den Nachwuchs vernachlässigen oder ihn nicht richtig fördern. Wann Verhalten darunter fällt, ist manchmal schwierig einzuschätzen. „Es gibt ja keine Norm, wie Eltern sein müssen“, erklärt die Kinderärztin. Manchmal könnten auch psychische Erkrankungen der Grund für Missstände sein. Aber manchmal passen die Erklärungsversuche zu Verletzungen nicht ins Bild. „Ansprechen ist meistens gut“, nennt Dargatz als ersten Schritt in solchen Fällen. „Durch die Bereitstellung von Hilfen kann man schon viel machen.“ Sie vermittelt dann zum Beispiel an die Frühen Hilfen, ein Unterstützungsangebot in der Stadt Minden für Kinder unter drei Jahren. In der Pädiatrie gibt es laut Dargatz drei Stufen der Vorbeugung. Unter die primäre Prävention fallen die Vorsorgeuntersuchungen (U-Untersuchungen). Hier wird die Entwicklung des Kindes beobachtet, die ersten U-Termine für Säuglinge sind dafür eng getaktet – aber sie sind keine Pflicht. Das fände Dargatz allerdings besser. Die Vermittlung von Unterstützungsangeboten wie den Frühen Hilfen zählt zur sogenannten sekundären Prävention. Handelt es sich aber um eine akute Gefährdung und das offene Ansprechen könnte die Situation verschärfen, die Eltern sozusagen abtauchen und der Kontakt verloren gehen, informiert die Ärztin das Jugendamt oder die Polizei: „Das Kindeswohl steht über der ärztlichen Schweigepflicht.“ Liegen gewichtige Anhaltspunkte für eine Gefährdung vor, dürfen Ärzte geschützte Informationen an das Jugendamt weitergeben, ohne dass sie gegen die Schweigepflicht verstoßen. Das regelt Paragraf 4 im Bundeskinderschutzgesetz (KKG). „Hier besteht ein hoher Ermessensspielraum bei den Ärzten und stellt sie immer wieder vor Probleme bei der Abwägung von Vertrauens- und Kinderschutz“, erklärt Eckhard Mohrmann, Leiter des Jugendamts Minden. Kinderschutz, Elternrecht, Vertrauensschutz und Schweigepflicht seien allesamt hohe Rechtsgüter. „Und in diesem Spannungsfeld bewegen sich die Ärzte unverändert.“ Deshalb können sie Verdachtsfälle den Jugendamtsmitarbeitern auch anonym vorstellen und sich von ihnen bei der Einschätzung beraten lassen. Der enge Austausch mit dem Jugendamt fällt unter die tertiäre Prävention. Derzeit wird im Bundesrat eine Ergänzung zum bisherigen Paragrafen 4 KKG diskutiert. Der Paragraf 4a würde den Austausch unter Medizinern in Verdachtsfällen erleichtern, bevor das Jugendamt informiert wird. Das soll Eltern auch vor zu schnellen Verdächtigungen schützen. Die Regelung würde auch einen Austausch in Fällen von sogenanntem Doktor-Hopping vereinfachen. Damit ist der häufige Wechsel des Kinderarztes gemeint, um Misshandlungen zu vertuschen. Die Schweigepflicht erschwert es den Medizinern bislang, sich über Verdachtsfälle auszutauschen. „Die potenziellen Misshandler müssen ihr Einverständnis für das Gespräch geben. Das ist absurd“, kritisiert Dr. Ralf Kownatzki die bisherige Praxis. Er ist Kinderarzt in Duisburg und Gründungsmitglied von „Riskid“, das steht für Risikokinderinformationssystem Deutschland. Das wurde initiiert, nachdem 2005 in Duisburg fünf Kinder nach Misshandlungen starben. Mit einigen von ihnen waren die Eltern bei unterschiedlichen Kinderärzten gewesen, um die Folgen ihrer Gewalt zu vertuschen. Kownatzki und seine Kollegen entwickelten daraufhin eine Datenbank, in der Kinderärzte in Verdachtsfällen die Namen der Kinder hinterlegen können. Tauchen die kleinen Patienten mit auffälligen Verletzungen bei einem Kollegen auf, kann dieser den Namen bei Riskid eingeben und es erscheint die Praxisadresse des anderen Arztes – nach dem Motto „Sprich mit mir.“ Behörden haben keinen Zugriff darauf. „Wir Ärzte müssen kommunizieren können“, fordert Kownatzki. „Wir stellen keine Kindeswohlgefährdung fest, sondern Diagnosen.“ Und wenn sich daraufhin der Verdacht auf eine Kindeswohlgefährdung erhärte, könne die Jugendhilfe informiert werden. Doktor-Hopping spielt bei den im heimischen Jugendamt bekannten Fällen laut Leiter Eckhard Mohrmann nur eine sehr geringe Rolle. Ein häufiger Arztwechsel ist in Minden auch aus einem einfachen Grund schwierig, wie Melanie Dargatz erklärt: Es gibt einen Versorgungsengpass. „Hier werden alle Eltern, die neu zu uns kommen, gefragt, bei welchem Kollegen das Kind eigentlich in Behandlung ist“, berichtet sie aus ihrer Praxis. Natürlich könne der auch im Urlaub sein, oder die Eltern wollten eine zweite Meinung einholen. Aber wenn ihr die Begründung komisch vorkomme oder es keinen ersichtlichen Grund für den Wechsel gebe, rufe sie beim Kollegen an. Und er wird per Arztbrief über den Patientenbesuch informiert. Auch einen Austausch unter den Medizinern gibt es laut Melanie Dargatz bereits: Die Erlaubnis dafür haben Eltern durch ihre Einwilligung in die entsprechend verfasste Datenschutzrichtlinie der Praxis gegeben. Zum Beispiel bezieht die Kinderärztin Kollegen bei einer uneindeutigen Diagnose mit ein. Oder sie überweist Kinder mit unklaren Verletzungen und bei einem Verdacht auf Kindesmisshandlung für eine weitergehende Diagnose ans Klinikum. „Es ist aber trotzdem gut, wenn das jetzt durch ein Gesetz geregelt wird“, sagt die Medizinerin. Das sei dann nicht anfechtbar. „Man würde sich sicherer fühlen.“

Verdacht auf Kindesmisshandlung ist für Kinderärzte oft eine Gratwanderung

Woher kommt der blaue Fleck? Manchmal passen die Erklärungen der Eltern nicht zum Untersuchungsbefund der Ärzte. Das kann ein Hinweis auf Kindesmisshandlung sein. Symbolfoto: Ute Grabowsky/photothek.net © imago images/photothek

Minden. Blutergüsse an untypischen Körperstellen, unklare Brüche beim Kind, Erklärungen der Eltern, die nicht dazu passen – das können Indizien für Misshandlungen sein, mit denen sich Kinderärzte auseinandersetzen müssen. Um medizinische Anhaltspunkte auf körperliche Gewalt abzuklären, wäre der Austausch mit einem Kollegen hilfreich – auch, um Eltern nicht voreilig zu belasten. Doch die ärztliche Schweigepflicht erschwert das – noch. Denn eine Gesetzesänderung könnte dies einfacher machen. Aber wie gehen Kinderärzte im Moment mit Verdachtsfällen um?

„Es gibt nicht das typische Vorgehen“, erklärt Dr. Melanie Dargatz von der Praxis für Kinder- und Jugendmedizin Henry Boss in Minden. Als Ärzte haben sie und ihre Kollegen mit einem breiten Spektrum an Kindeswohlgefährdungen zu tun, Misshandlungen sind nur eine Form davon. „Kindeswohlgefährdung umfasst die Gefahr für die körperliche, geistige und seelische Entwicklung des Kindes“, erklärt die Medizinerin. Dazu gehört auch, wenn Eltern den Nachwuchs vernachlässigen oder ihn nicht richtig fördern.

Wann Verhalten darunter fällt, ist manchmal schwierig einzuschätzen. „Es gibt ja keine Norm, wie Eltern sein müssen“, erklärt die Kinderärztin. Manchmal könnten auch psychische Erkrankungen der Grund für Missstände sein. Aber manchmal passen die Erklärungsversuche zu Verletzungen nicht ins Bild. „Ansprechen ist meistens gut“, nennt Dargatz als ersten Schritt in solchen Fällen. „Durch die Bereitstellung von Hilfen kann man schon viel machen.“ Sie vermittelt dann zum Beispiel an die Frühen Hilfen, ein Unterstützungsangebot in der Stadt Minden für Kinder unter drei Jahren.

In der Pädiatrie gibt es laut Dargatz drei Stufen der Vorbeugung. Unter die primäre Prävention fallen die Vorsorgeuntersuchungen (U-Untersuchungen). Hier wird die Entwicklung des Kindes beobachtet, die ersten U-Termine für Säuglinge sind dafür eng getaktet – aber sie sind keine Pflicht. Das fände Dargatz allerdings besser. Die Vermittlung von Unterstützungsangeboten wie den Frühen Hilfen zählt zur sogenannten sekundären Prävention.

Handelt es sich aber um eine akute Gefährdung und das offene Ansprechen könnte die Situation verschärfen, die Eltern sozusagen abtauchen und der Kontakt verloren gehen, informiert die Ärztin das Jugendamt oder die Polizei: „Das Kindeswohl steht über der ärztlichen Schweigepflicht.“

Liegen gewichtige Anhaltspunkte für eine Gefährdung vor, dürfen Ärzte geschützte Informationen an das Jugendamt weitergeben, ohne dass sie gegen die Schweigepflicht verstoßen. Das regelt Paragraf 4 im Bundeskinderschutzgesetz (KKG). „Hier besteht ein hoher Ermessensspielraum bei den Ärzten und stellt sie immer wieder vor Probleme bei der Abwägung von Vertrauens- und Kinderschutz“, erklärt Eckhard Mohrmann, Leiter des Jugendamts Minden.

Kinderschutz, Elternrecht, Vertrauensschutz und Schweigepflicht seien allesamt hohe Rechtsgüter. „Und in diesem Spannungsfeld bewegen sich die Ärzte unverändert.“ Deshalb können sie Verdachtsfälle den Jugendamtsmitarbeitern auch anonym vorstellen und sich von ihnen bei der Einschätzung beraten lassen. Der enge Austausch mit dem Jugendamt fällt unter die tertiäre Prävention.

Derzeit wird im Bundesrat eine Ergänzung zum bisherigen Paragrafen 4 KKG diskutiert. Der Paragraf 4a würde den Austausch unter Medizinern in Verdachtsfällen erleichtern, bevor das Jugendamt informiert wird. Das soll Eltern auch vor zu schnellen Verdächtigungen schützen.

Die Regelung würde auch einen Austausch in Fällen von sogenanntem Doktor-Hopping vereinfachen. Damit ist der häufige Wechsel des Kinderarztes gemeint, um Misshandlungen zu vertuschen. Die Schweigepflicht erschwert es den Medizinern bislang, sich über Verdachtsfälle auszutauschen. „Die potenziellen Misshandler müssen ihr Einverständnis für das Gespräch geben. Das ist absurd“, kritisiert Dr. Ralf Kownatzki die bisherige Praxis. Er ist Kinderarzt in Duisburg und Gründungsmitglied von „Riskid“, das steht für Risikokinderinformationssystem Deutschland. Das wurde initiiert, nachdem 2005 in Duisburg fünf Kinder nach Misshandlungen starben. Mit einigen von ihnen waren die Eltern bei unterschiedlichen Kinderärzten gewesen, um die Folgen ihrer Gewalt zu vertuschen.

Kownatzki und seine Kollegen entwickelten daraufhin eine Datenbank, in der Kinderärzte in Verdachtsfällen die Namen der Kinder hinterlegen können. Tauchen die kleinen Patienten mit auffälligen Verletzungen bei einem Kollegen auf, kann dieser den Namen bei Riskid eingeben und es erscheint die Praxisadresse des anderen Arztes – nach dem Motto „Sprich mit mir.“ Behörden haben keinen Zugriff darauf. „Wir Ärzte müssen kommunizieren können“, fordert Kownatzki. „Wir stellen keine Kindeswohlgefährdung fest, sondern Diagnosen.“ Und wenn sich daraufhin der Verdacht auf eine Kindeswohlgefährdung erhärte, könne die Jugendhilfe informiert werden.

Doktor-Hopping spielt bei den im heimischen Jugendamt bekannten Fällen laut Leiter Eckhard Mohrmann nur eine sehr geringe Rolle. Ein häufiger Arztwechsel ist in Minden auch aus einem einfachen Grund schwierig, wie Melanie Dargatz erklärt: Es gibt einen Versorgungsengpass. „Hier werden alle Eltern, die neu zu uns kommen, gefragt, bei welchem Kollegen das Kind eigentlich in Behandlung ist“, berichtet sie aus ihrer Praxis. Natürlich könne der auch im Urlaub sein, oder die Eltern wollten eine zweite Meinung einholen. Aber wenn ihr die Begründung komisch vorkomme oder es keinen ersichtlichen Grund für den Wechsel gebe, rufe sie beim Kollegen an. Und er wird per Arztbrief über den Patientenbesuch informiert.

Auch einen Austausch unter den Medizinern gibt es laut Melanie Dargatz bereits: Die Erlaubnis dafür haben Eltern durch ihre Einwilligung in die entsprechend verfasste Datenschutzrichtlinie der Praxis gegeben. Zum Beispiel bezieht die Kinderärztin Kollegen bei einer uneindeutigen Diagnose mit ein. Oder sie überweist Kinder mit unklaren Verletzungen und bei einem Verdacht auf Kindesmisshandlung für eine weitergehende Diagnose ans Klinikum. „Es ist aber trotzdem gut, wenn das jetzt durch ein Gesetz geregelt wird“, sagt die Medizinerin. Das sei dann nicht anfechtbar. „Man würde sich sicherer fühlen.“

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