Update: Menschenkette in Minden: 2.500 Menschen demonstrieren für die Demokratie Henning Wandel Minden. Am Montagabend hat sich etwas verändert in Minden. Mit dem Aufmarsch von sogenannten Querdenkern vor dem Haus von Landrätin Anna Katharina Bölling (CDU) war für viele Menschen in der Stadt eine Grenze überschritten. Der Aufruf zu einer Menschenkette am Samstag hat dieser offensichtlich weit verbreiteten Entrüstung ein Ventil gegeben: 2.500 Menschen haben sich auf den Weg gemacht, um auf dem Marktplatz ein Zeichen zu setzen für ein friedliches Miteinander. Für manche war es die erste Demonstration überhaupt: „Ich war noch nie auf einer Demo", sagt ein Mann im Vorbeigehen, „aber heute war es Zeit, auf die Straße zu gehen." So wir ihm ging es offenbar vielen. Die Veranstalter schätzen die Teilnehmerzahl mit bis zu 3.000 auch etwas höher ein als die Polizei, die von 2.500 ausgeht. Ein Anhaltspunkt waren die zurechtgeschnittenen rot-weißen Flatterbänder, die den Abstand in der Menschenkette ermöglichen sollte. 2.000 davon hatten die Organisatoren vorbereitet – aber die waren schon eine Viertelstunde vor dem Beginn der Kundgebung verteilt. Als Ersatz kamen Fahnen oder Schals zum Einsatz, Familien nahmen sich auch direkt an die Hände. „Wenn es drauf ankommt, stehen wir zusammen", sagt Mindens Bürgermeister Michael Jäcke (SPD), der auch im Namen der anderen Bürgermeister im Kreis sprach. Dass jetzt so viele Menschen zusammengekommen seien, bezeichnete Jäcke als deutliches Zeichen: „Wir sind mehr als die, die Grenzen überschritten haben", sagte er mit Blick auf die Szenen vor Böllings Haus am Montagabend: „Wir dulden keine Angriffe – es reicht." Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an Ein Beitrag geteilt von Mindener Tageblatt (@mindener_tageblatt) Auch der Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises, Michael Mertins, verurteilte die jüngste Eskalation. Am Montag hätten sie Organisatoren der „Spaziergänge" ihr wahres Gesicht gezeigt, sagte der Pfarrer, „sie treiben ein böses Spiel mit verunsicherten Bürgern." Dabei sei nicht nur die Landrätin bedroht worden: „Am Montagabend wurden wir alle bedroht, weil die Demokratie bedroht wurde." Er erinnerte an den Niedergang der Weimarer Republik: „Alles begann mit der Einschüchterung von Demokraten." Doch Mertins richtete sich auch an diejenigen, die mit den Corona-Regeln nicht einverstanden sind oder Angst vor einer Impfung haben: „Geht nicht hin, wenn Rechtsradikale aufrufen – steht mit uns zusammen." Immer wieder bekam Mertins Applaus. Die Organisatoren waren von dem Zuspruch überwältigt, wie Sprecher Jannes Tilicke sagte. Er war Teil einer Gruppe von etwa 20 Personen, die die Veranstaltung bereits am vergangenen Montag angemeldet hatte. Es sollte eine Reaktion sein auf einen sogenannten „Spaziergang" von Impfkritikern, die am Tag vor Silvester mit etwa 300 Menschen unangemeldet durch die Mindener Innenstadt gezogen waren. Nur eine kleine Gruppe hatte sich an dem Tag mit einer kurzfristig angemeldeten Veranstaltung dagegen gestellt. Der überraschende Aufmarsch von Querdenkern vor dem Haus der Landrätin am vergangenen Montag hatte der jüngsten Entwicklung dann eine neue Dimension gegeben. Der Versuch, bis zu Böllings Haus vorzudringen, wurde von der Polizei wenige Meter vor dem Ziel gestoppt. Für viele Teilnehmer der Menschenkette war der Vorfall vom Montag der Auslöser, sich einem Gegenprotest anzuschließen. Neben bekannten Gruppen wie Minden gegen Rechts, Omas gegen Rechts oder der Seebrücke waren auch viele Menschen, die sonst eher selten für eine Demonstration auf die Straße gehen. „Aber jetzt reicht es", war eine oft zu hörende Antwort auf die Frage, warum die Menschen dort waren. Die Polizei waren auch am Samstag mit Kräften der Bielefelder Einsatzbereitschaft vor Ort, eingreifen mussten sie im Gegensatz zu Montag jedoch nicht. Es habe keine besonderen Vorkommnisse gegeben, sagte Einsatzleiter Michael Dammeier im Anschluss an die friedliche Demonstration. Störer waren offenbar nicht vor Ort. Am Vorabend war es in Bielefeld zu Auseinandersetzungen gekommen, nachdem Querdenker versucht hatten, Polizeiketten zu durchbrechen, um zu zwei angemeldeten Gegenveranstaltungen zu gelangen. Nach den Reden von Jäcke und Mertins machten sich die Menschen mit ihren Bändern auf den Weg, die Kette zu schließen. Für die Ordner keine leichte Aufgabe, weil der Weg für so viele Menschen nicht lang genug war. Auf dem Scharn und entlang der Bäckerstraße bildeten sich bis zu vier parallele Schlangen. Nach einer guten Stunden war die Menschenkette vom Markt über Scharn, Bäckerstraße, Klausenwall, Vinckestraße und Domhof geschlossen und wurde mit einer La-Ola beendet. Die Organisatoren hatte wiederholt zum Maskentragen und Abstandhalten aufgerufen. Beim Abstand wenigstens „so gut es geht", wie Auftaktredner Micha Heitkamp mit Blick auf den vollen Marktplatz sagte. Und tatsächlich waren keine Teilnehmer ohne Maske auszumachen. Dennoch hatte es schon im Vorfeld Kritik daran gegen, in der aktuellen Pandemie-Situation zu einer solchen Großveranstaltung aufzurufen. Tilicke wies die Kritik zurück: Die Veranstaltung sei angemeldet und mit der Polizei abgestimmt gewesen, auch sei immer wieder auf Masken und Abstand hingewiesen worden: „Wir haben unser Bestes getan", so Tilicke. Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an Ein Beitrag geteilt von Mindener Tageblatt (@mindener_tageblatt)

Update: Menschenkette in Minden: 2.500 Menschen demonstrieren für die Demokratie

Mehr als 2.500 Menschen sind am Samstag in die Stadt gekommen, um eine Menschenkette zu bilden und sich für die Demokratie einzusetzen. © Alex Lehn

Minden. Am Montagabend hat sich etwas verändert in Minden. Mit dem Aufmarsch von sogenannten Querdenkern vor dem Haus von Landrätin Anna Katharina Bölling (CDU) war für viele Menschen in der Stadt eine Grenze überschritten. Der Aufruf zu einer Menschenkette am Samstag hat dieser offensichtlich weit verbreiteten Entrüstung ein Ventil gegeben: 2.500 Menschen haben sich auf den Weg gemacht, um auf dem Marktplatz ein Zeichen zu setzen für ein friedliches Miteinander. Für manche war es die erste Demonstration überhaupt: „Ich war noch nie auf einer Demo", sagt ein Mann im Vorbeigehen, „aber heute war es Zeit, auf die Straße zu gehen."

So wir ihm ging es offenbar vielen. Die Veranstalter schätzen die Teilnehmerzahl mit bis zu 3.000 auch etwas höher ein als die Polizei, die von 2.500 ausgeht. Ein Anhaltspunkt waren die zurechtgeschnittenen rot-weißen Flatterbänder, die den Abstand in der Menschenkette ermöglichen sollte. 2.000 davon hatten die Organisatoren vorbereitet – aber die waren schon eine Viertelstunde vor dem Beginn der Kundgebung verteilt. Als Ersatz kamen Fahnen oder Schals zum Einsatz, Familien nahmen sich auch direkt an die Hände. „Wenn es drauf ankommt, stehen wir zusammen", sagt Mindens Bürgermeister Michael Jäcke (SPD), der auch im Namen der anderen Bürgermeister im Kreis sprach. Dass jetzt so viele Menschen zusammengekommen seien, bezeichnete Jäcke als deutliches Zeichen: „Wir sind mehr als die, die Grenzen überschritten haben", sagte er mit Blick auf die Szenen vor Böllings Haus am Montagabend: „Wir dulden keine Angriffe – es reicht."

Auch der Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises, Michael Mertins, verurteilte die jüngste Eskalation. Am Montag hätten sie Organisatoren der „Spaziergänge" ihr wahres Gesicht gezeigt, sagte der Pfarrer, „sie treiben ein böses Spiel mit verunsicherten Bürgern." Dabei sei nicht nur die Landrätin bedroht worden: „Am Montagabend wurden wir alle bedroht, weil die Demokratie bedroht wurde." Er erinnerte an den Niedergang der Weimarer Republik: „Alles begann mit der Einschüchterung von Demokraten." Doch Mertins richtete sich auch an diejenigen, die mit den Corona-Regeln nicht einverstanden sind oder Angst vor einer Impfung haben: „Geht nicht hin, wenn Rechtsradikale aufrufen – steht mit uns zusammen." Immer wieder bekam Mertins Applaus.

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Patrick Schwemmling

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Die Organisatoren waren von dem Zuspruch überwältigt, wie Sprecher Jannes Tilicke sagte. Er war Teil einer Gruppe von etwa 20 Personen, die die Veranstaltung bereits am vergangenen Montag angemeldet hatte. Es sollte eine Reaktion sein auf einen sogenannten „Spaziergang" von Impfkritikern, die am Tag vor Silvester mit etwa 300 Menschen unangemeldet durch die Mindener Innenstadt gezogen waren. Nur eine kleine Gruppe hatte sich an dem Tag mit einer kurzfristig angemeldeten Veranstaltung dagegen gestellt. Der überraschende Aufmarsch von Querdenkern vor dem Haus der Landrätin am vergangenen Montag hatte der jüngsten Entwicklung dann eine neue Dimension gegeben. Der Versuch, bis zu Böllings Haus vorzudringen, wurde von der Polizei wenige Meter vor dem Ziel gestoppt.

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Für viele Teilnehmer der Menschenkette war der Vorfall vom Montag der Auslöser, sich einem Gegenprotest anzuschließen. Neben bekannten Gruppen wie Minden gegen Rechts, Omas gegen Rechts oder der Seebrücke waren auch viele Menschen, die sonst eher selten für eine Demonstration auf die Straße gehen. „Aber jetzt reicht es", war eine oft zu hörende Antwort auf die Frage, warum die Menschen dort waren.

Die Polizei waren auch am Samstag mit Kräften der Bielefelder Einsatzbereitschaft vor Ort, eingreifen mussten sie im Gegensatz zu Montag jedoch nicht. Es habe keine besonderen Vorkommnisse gegeben, sagte Einsatzleiter Michael Dammeier im Anschluss an die friedliche Demonstration. Störer waren offenbar nicht vor Ort. Am Vorabend war es in Bielefeld zu Auseinandersetzungen gekommen, nachdem Querdenker versucht hatten, Polizeiketten zu durchbrechen, um zu zwei angemeldeten Gegenveranstaltungen zu gelangen.

Nach den Reden von Jäcke und Mertins machten sich die Menschen mit ihren Bändern auf den Weg, die Kette zu schließen. Für die Ordner keine leichte Aufgabe, weil der Weg für so viele Menschen nicht lang genug war. Auf dem Scharn und entlang der Bäckerstraße bildeten sich bis zu vier parallele Schlangen. Nach einer guten Stunden war die Menschenkette vom Markt über Scharn, Bäckerstraße, Klausenwall, Vinckestraße und Domhof geschlossen und wurde mit einer La-Ola beendet.

Die Organisatoren hatte wiederholt zum Maskentragen und Abstandhalten aufgerufen. Beim Abstand wenigstens „so gut es geht", wie Auftaktredner Micha Heitkamp mit Blick auf den vollen Marktplatz sagte. Und tatsächlich waren keine Teilnehmer ohne Maske auszumachen. Dennoch hatte es schon im Vorfeld Kritik daran gegen, in der aktuellen Pandemie-Situation zu einer solchen Großveranstaltung aufzurufen. Tilicke wies die Kritik zurück: Die Veranstaltung sei angemeldet und mit der Polizei abgestimmt gewesen, auch sei immer wieder auf Masken und Abstand hingewiesen worden: „Wir haben unser Bestes getan", so Tilicke.

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