Unsicher im Sattel - weniger Kinder können Radfahren Doris Christoph Minden. In der vierten Klasse machen Kinder in Nordrhein-Westfalen ihre Fahrradausbildung. Die Verkehrserziehung steht auf dem Lehrplan und ist Teil des Sachunterrichts. Sie hat einen ernsten und praktischen Hintergrund: Ab dem 10. Geburtstag dürfen Radfahrer nicht mehr auf dem Gehweg fahren, sondern müssen die Straße benutzen. Was die Kinder in Theorie und Praxis lernen, bereitet sie auf den Straßenverkehr vor. Doch die Teilnahme an der Führerscheinprüfung fällt vielen mittlerweile schwer. Dafür gibt es laut Jeannette Gallmeyer von der Verkehrsunfall-Prävention bei der Kreispolizei Minden-Lübbecke mehrere Gründe. Vor allem aber können immer weniger Kinder überhaupt Rad fahren. Die Polizeioberkommissarin nimmt in Minden und Petershagen Fahrradprüfungen in vierten Klassen ab. „Erschreckend viele Kinder sind unsicher in der Handhabung. Bewegungsabläufe, Koordination und das Interesse fehlen oft“, hat sie beobachtet. Manche Kinder seien so sehr damit beschäftigt, sich überhaupt auf dem Fahrrad zu halten, dass gleichzeitig die Hand rauszuhalten oder der Schulterblick nicht möglich seien.Woran liegt das? Gallmeyer vermutet, dass im Alltag weniger Fahrrad gefahren werde. „Früher war das Rad die einzige Möglichkeit, um irgendwo hinzukommen.“ Heute sehe das anders aus. Eltern investierten zudem eher in Fernseher oder Spielekonsole, um gemeinsame Zeit mit dem Nachwuchs zu verbringen, statt in ein Rad. Wenn die Kinder für die Übungen ihre Fahrräder mit zur Schule bringen, seien diese oft kaputt: Klingel und Bremsen fehlten, der Rahmen sei zu klein oder zu groß, weil das Rad nur geliehen sei, ist Jeannette Gallmeyers Erfahrung. Bei fünf von 25 Schülern sei das im Schnitt der Fall. Manchmal können Kinder auch gar nicht teilnehmen, weil sie kein Rad besitzen. Ein weiterer Grund laut der Expertin: Neben der Arbeit fehlte vielen Eltern wahrscheinlich auch die Zeit und Lust, mit den Kindern zu üben.Unterschiede sieht die Polizistin zwischen Stadt und Land: „Im ländlichen Bereich fahren die Kinder sicherer.“ Da gebe es oft nur schlechte Busverbindungen, um von A nach B zu kommen. In der Stadt seien Kinder weniger aufs Rad angewiesen, weil alles nah beieinander sei. Zudem scheint es eine Rolle zu spielen, ob die Kinder einen Migrationshintergrund haben. Diese könnten oft schlechter oder gar nicht radfahren. Gibt es eine zu große Sprachbarriere, können die Kleinen nicht teilnehmen. „Sie müssen ja meine Kommandos verstehen und darauf reagieren, wenn ich etwa ,Halt!’ rufe“, erklärt Gallmeyer. Die Zeit der Fahrradführerscheine beginnt um Ostern und endet mit den Herbstferien. Drei Doppelstunden hat Jeannette Gallmeyer Zeit, um die Viertklässler auf die Prüfung vorzubereiten, die beim vierten Termin unter realen Bedingungen im Straßenverkehr abgenommen wird. Ihnen an diesen Tagen auch noch das Radfahren beizubringen, sei zeitlich nicht möglich. Darum appelliert sie schon bei Elternabenden der Erstklässler, dass sich Väter und Mütter damit beschäftigen sollten.Auch Dieter Rohlfing, Geschäftsführer der Verkehrswacht Minden-Lübbecke, hat die nachlassende Fähigkeit beobachtet. Der Verein bietet in Kitas den Aktionstag „Kinder im Straßenverkehr“ an, bei dem Jungen und Mädchen beispielsweise an Geräten ihr Gleichgewicht testen können – das ist Grundlage fürs Fahrradfahren. Aber auch im Offenen Ganztag an Grundschulen sind Mitglieder aktiv, um Drittklässlern Radfahren beizubringen. Dafür bringen sie Roller und Räder mit, die Kinder absolvierten dann Übungen. „Das ist hilfreich für die Radfahrausbildung“, sagt Rohlfing. Und wer sich noch nicht auf dem Drahtesel halten kann, mit dem üben die Mitglieder. Allerdings habe die Nachfrage nach dem Angebot in der Corona-Zeit nachgelassen, so Rohlfing. Zurzeit gebe es keines an den Schulen. Ab April könnte es aber wieder angeboten werden.Bei der praktischen Führerscheinprüfung auf zwei Rädern müssen die Teilnehmer zum Beispiel Hindernisse umfahren, wenden oder vom Fahrbahnrand anfahren. Wie bei jedem Test können sie auch hier durchfallen – wenn sie gravierende Fehler machten wie die Vorfahrt zu nehmen, berichtet Gallmeyer. Zur Durchfallquote kann sie nichts sagen.Wenn es zeitlich passt, können die Kinder an den Prüfungen der anderen Klassen ihrer Grundschule teilnehmen. Manchmal denkt Gallmeyer: „Oh mein Gott. Das Kind kann man so nicht in den Straßenverkehr lassen.“ Aber die nicht bestandene Prüfung hat keine Konsequenzen, Kinder können weiter mit dem Rad am Straßenverkehr teilnehmen. Die Polizistin sieht aber eine erhöhte Unfallgefahr. Wer sich im Straßenverkehr nicht auskennt, nicht in der Lage ist, sich einen Überblick über Situationen zu verschaffen und Gefahren einzuschätzen, der wird es ihrer Meinung nach später auch schwerer beim Moped- oder Autoführerschein haben. Jeannette Gallmeyer sieht aber auch einen Lichtblick: Ein bisschen habe sich die Situation gebessert, vielleicht weil Eltern wegen der Spritpreise oder aus Umweltbewusstsein doch eher aufs Fahrrad stiegen. Es seien auch mehr Lastenräder unterwegs. Sie rät Eltern, mit Kindern früh zu üben. Wenn der Nachwuchs motorisch in der Lage sei und zudem gut gehorche, könne er schon mit zwei Jahren Laufrad fahren. „Wenn das Kind dann gut das Gleichgewicht halten kann, kann es Radfahren üben.“ Je früher, desto besser.

Unsicher im Sattel - weniger Kinder können Radfahren

Ab dem 10. Geburtstag müssen Kinder mit dem Rad auf der Straße fahren, wenn kein Fahrradweg vorhanden ist. Foto: Pixabay

Minden. In der vierten Klasse machen Kinder in Nordrhein-Westfalen ihre Fahrradausbildung. Die Verkehrserziehung steht auf dem Lehrplan und ist Teil des Sachunterrichts. Sie hat einen ernsten und praktischen Hintergrund: Ab dem 10. Geburtstag dürfen Radfahrer nicht mehr auf dem Gehweg fahren, sondern müssen die Straße benutzen. Was die Kinder in Theorie und Praxis lernen, bereitet sie auf den Straßenverkehr vor.

Doch die Teilnahme an der Führerscheinprüfung fällt vielen mittlerweile schwer. Dafür gibt es laut Jeannette Gallmeyer von der Verkehrsunfall-Prävention bei der Kreispolizei Minden-Lübbecke mehrere Gründe. Vor allem aber können immer weniger Kinder überhaupt Rad fahren.

Die Polizeioberkommissarin nimmt in Minden und Petershagen Fahrradprüfungen in vierten Klassen ab. „Erschreckend viele Kinder sind unsicher in der Handhabung. Bewegungsabläufe, Koordination und das Interesse fehlen oft“, hat sie beobachtet. Manche Kinder seien so sehr damit beschäftigt, sich überhaupt auf dem Fahrrad zu halten, dass gleichzeitig die Hand rauszuhalten oder der Schulterblick nicht möglich seien.

Woran liegt das? Gallmeyer vermutet, dass im Alltag weniger Fahrrad gefahren werde. „Früher war das Rad die einzige Möglichkeit, um irgendwo hinzukommen.“ Heute sehe das anders aus. Eltern investierten zudem eher in Fernseher oder Spielekonsole, um gemeinsame Zeit mit dem Nachwuchs zu verbringen, statt in ein Rad. Wenn die Kinder für die Übungen ihre Fahrräder mit zur Schule bringen, seien diese oft kaputt: Klingel und Bremsen fehlten, der Rahmen sei zu klein oder zu groß, weil das Rad nur geliehen sei, ist Jeannette Gallmeyers Erfahrung. Bei fünf von 25 Schülern sei das im Schnitt der Fall. Manchmal können Kinder auch gar nicht teilnehmen, weil sie kein Rad besitzen. Ein weiterer Grund laut der Expertin: Neben der Arbeit fehlte vielen Eltern wahrscheinlich auch die Zeit und Lust, mit den Kindern zu üben.

Unterschiede sieht die Polizistin zwischen Stadt und Land: „Im ländlichen Bereich fahren die Kinder sicherer.“ Da gebe es oft nur schlechte Busverbindungen, um von A nach B zu kommen. In der Stadt seien Kinder weniger aufs Rad angewiesen, weil alles nah beieinander sei. Zudem scheint es eine Rolle zu spielen, ob die Kinder einen Migrationshintergrund haben. Diese könnten oft schlechter oder gar nicht radfahren. Gibt es eine zu große Sprachbarriere, können die Kleinen nicht teilnehmen. „Sie müssen ja meine Kommandos verstehen und darauf reagieren, wenn ich etwa ,Halt!’ rufe“, erklärt Gallmeyer.


Die Zeit der Fahrradführerscheine beginnt um Ostern und endet mit den Herbstferien. Drei Doppelstunden hat Jeannette Gallmeyer Zeit, um die Viertklässler auf die Prüfung vorzubereiten, die beim vierten Termin unter realen Bedingungen im Straßenverkehr abgenommen wird. Ihnen an diesen Tagen auch noch das Radfahren beizubringen, sei zeitlich nicht möglich. Darum appelliert sie schon bei Elternabenden der Erstklässler, dass sich Väter und Mütter damit beschäftigen sollten.

Auch Dieter Rohlfing, Geschäftsführer der Verkehrswacht Minden-Lübbecke, hat die nachlassende Fähigkeit beobachtet. Der Verein bietet in Kitas den Aktionstag „Kinder im Straßenverkehr“ an, bei dem Jungen und Mädchen beispielsweise an Geräten ihr Gleichgewicht testen können – das ist Grundlage fürs Fahrradfahren. Aber auch im Offenen Ganztag an Grundschulen sind Mitglieder aktiv, um Drittklässlern Radfahren beizubringen. Dafür bringen sie Roller und Räder mit, die Kinder absolvierten dann Übungen. „Das ist hilfreich für die Radfahrausbildung“, sagt Rohlfing. Und wer sich noch nicht auf dem Drahtesel halten kann, mit dem üben die Mitglieder. Allerdings habe die Nachfrage nach dem Angebot in der Corona-Zeit nachgelassen, so Rohlfing. Zurzeit gebe es keines an den Schulen. Ab April könnte es aber wieder angeboten werden.

Bei der praktischen Führerscheinprüfung auf zwei Rädern müssen die Teilnehmer zum Beispiel Hindernisse umfahren, wenden oder vom Fahrbahnrand anfahren. Wie bei jedem Test können sie auch hier durchfallen – wenn sie gravierende Fehler machten wie die Vorfahrt zu nehmen, berichtet Gallmeyer. Zur Durchfallquote kann sie nichts sagen.

Wenn es zeitlich passt, können die Kinder an den Prüfungen der anderen Klassen ihrer Grundschule teilnehmen. Manchmal denkt Gallmeyer: „Oh mein Gott. Das Kind kann man so nicht in den Straßenverkehr lassen.“ Aber die nicht bestandene Prüfung hat keine Konsequenzen, Kinder können weiter mit dem Rad am Straßenverkehr teilnehmen. Die Polizistin sieht aber eine erhöhte Unfallgefahr. Wer sich im Straßenverkehr nicht auskennt, nicht in der Lage ist, sich einen Überblick über Situationen zu verschaffen und Gefahren einzuschätzen, der wird es ihrer Meinung nach später auch schwerer beim Moped- oder Autoführerschein haben.

Jeannette Gallmeyer sieht aber auch einen Lichtblick: Ein bisschen habe sich die Situation gebessert, vielleicht weil Eltern wegen der Spritpreise oder aus Umweltbewusstsein doch eher aufs Fahrrad stiegen. Es seien auch mehr Lastenräder unterwegs. Sie rät Eltern, mit Kindern früh zu üben. Wenn der Nachwuchs motorisch in der Lage sei und zudem gut gehorche, könne er schon mit zwei Jahren Laufrad fahren. „Wenn das Kind dann gut das Gleichgewicht halten kann, kann es Radfahren üben.“ Je früher, desto besser.

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