„Uns läuft die Zeit weg“ - Start des Hebammenstudiengangs verzögert sich Doris Christoph Minden/Bielefeld. Mit Sorge blickt Oliver Neuhaus derzeit nach Niedersachsen – und nach Düsseldorf. Im Nachbarbundesland laufen die Vorbereitungen für die ersten Hebammenkunde-Studiengänge auf Hochtouren, in Nordrhein-Westfalen hingegen geht es scheinbar nur mit angezogener Handbremse voran – mit Auswirkungen auch für die heimische Region. „Die fehlende Perspektive ist eine große Gefahr“, sagt der Leiter der Akademie der Gesundheitsberufe der Mühlenkreiskliniken (MKK) in Minden. Zum einen wegen des zunehmenden Fachkräftemangels, zum anderen könnten die, die angehende Hebammen ausbilden, beispielsweise nach Osnabrück abwandern. „Junge Kolleginnen könnten sich umorientieren. Das ist ein gefährliches Potenzial, weil Düsseldorf keine Entscheidung fällt“, sagt Neuhaus. „Uns läuft die Zeit weg.“ Der Hintergrund: Bislang war eine dreijährige Hebammenausbildung vorgesehen, die Theorie wurde an einer Hebammenschule wie der Akademie für Gesundheitsberufe der MKK vermittelt. Die Praxis lernten die Hebammen und Entbindungspfleger in den drei Kreißsälen der MKK und bei freien Hebammen. Nach Ende der Ausbildung blieben viele von ihnen in der Region und wurden zum Beispiel von den MKK übernommen. Seit diesem Jahr müssen angehende Hebammen studieren – wie in anderen EU-Ländern auch. Die Hebammenschulen sind somit ein Auslaufmodell. Im kommenden Wintersemester wird der duale Studiengang an zwei Hochschulen in NRW angeboten, sieben weitere haben nach Auskunft des NRW-Wissenschaftsministeriums ihr Interesse an einer Einführung bekundet. Eine davon ist die Fachhochschule (FH) Bielefeld, die den Studiengang als einzige Einrichtung in Ostwestfalen-Lippe anbieten möchte – und damit die Versorgung der Region übernehmen kann. Die Gesundheits-Akademie möchte – neben einer Hebammenschule in Paderborn – Kooperationspartner für den praktischen Ausbildungsteil werden, um auch weiter vom „Klebeeffekt“ zu profitieren. Auch an der FH wächst die Verzweiflung mit fortschreitender Zeit. „Wir möchten gerne so früh wie möglich starten“, sagt Prof. Dr. Michaela Brause, Professorin für Gesundheitswissenschaften an der FH Bielefeld. Sie organisiert den Aufbau des Studiengangs. Geplant war eigentlich ein Start zum Wintersemester 2021/22. Das Studienkonzept ist bereits so gut wie fertig, die FH Bielefeld arbeitet daran mit der Katholischen Hochschule (KatHO) NRW in Köln zusammen, die ebenfalls die Einführung eines Hebammenstudiengangs plant. Mit ihr ist die Mindener Akademie für Gesundheitsberufe ebenfalls wegen einer Kooperation im Gespräch. Alles hängt laut Brause an der finanziellen Zusage aus Düsseldorf: Ohne die kann das Zulassungsverfahren nicht in Gang gebracht werden, bei dem etwa Aufbau und Inhalt des Studiums geprüft werden. „Das dauert eigentlich zwei Jahre“, so Brause. Allerspätestens im Oktober brauche man eine Mittelzusage, um die Akkreditierung noch rechtzeitig durchzukriegen. Und: „Ohne sie können wir keine Stellen ausschreiben.“ Für den Studiengang müssten nach Auskunft der Pressestelle der FH pro Jahr mehr als 1,6 Millionen Euro zur Verfügung gestellt werden. Die Zahl beziehe sich auf eine Planung mit 40 bis 70 Studierenden pro Jahr. Warum dauert es mit der finanziellen Zusage so lange? Da die FH den Studiengang erst zum Wintersemester 2021/22 plane, könnten der Hochschule erst Mittel aus dem Haushaltsplan 2021 zugewiesen werden, teilt das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen auf MT-Nachfrage mit. Derzeit befinde sich die Landesregierung allerdings noch in der Abstimmung zum Haushaltsplan für das kommende Jahr, die sich corona-bedingt etwas verzögere. Der Haushaltentwurf werde voraussichtlich im Herbst vorliegen. „Erst, wenn danach der Landtag den Haushalt verabschiedet hat, können die Mittel an die einzelnen Hochschulstandorte verteilt werden“, schreibt die Pressestelle. Dies werde voraussichtlich Anfang 2021 erfolgen. „Wir planen erstmal so, als ob die Hebammen kommen würden“, sagt Brause. Räume werden organisiert, potenzielle Dozenten aus anderen Studiengänge „professorabel“ gemacht. Denn Lehrende müssen mindestens den Studienabschluss haben, den sie unterrichten. „Wir brauchen Leute, die eine Hebammenausbildung, einen Bachelor, einen Master, eine Promotion und Praxiserfahrung haben“, zählt die Professorin auf. Da es aber bislang kaum Hebammenstudiengänge in Deutschland gab, wird die Bewerbersuche entsprechend schwierig – auch weil der Fachkräftemarkt leer ist. Für den Studienstart wird erst einmal „nur“ eine Studiengangsleitung gesucht, die ausgebildete Hebamme mit Bachelorabschluss in einem anderen Studiengang ist. „Für sieben Semester brauchen wir auf Dauer vier Professuren“, blickt Brause in die Zukunft. Auch an der Akademie für Gesundheitsberufe wird weiter mit einem Start des Studiengangs Hebammenkunde geplant. Die bisherigen Ausbilder haben ein Praxis-Modulhandbuch erstellt. Anfang August treffen sich die Mindener mit anderen Hebammenschulen, um letztlich einen gemeinsamen Fahrplan für den praktischen Teil des Studiums zu entwickeln. Kommt grünes Licht aus Düsseldorf, wird an der Akademie ein „Praxiszentrum angewandte Hebammenwissenschaften“ eingerichtet, berichtet Oliver Neuhaus. Hier wird dann der praktische Teil des Studiums koordiniert, die Mühlenkreiskliniken werden Kooperationspraxen des sogenannten PZHW. Auch mit freien Hebammen sind wieder Kooperationen geplant. Am Praxiszentrum soll auch die Bewerberauswahl stattfinden, dann werde laut Oliver Neuhaus eine Empfehlung an die FH gegeben, wo sich die Bewerber schließlich einschreiben. Die Lehrveranstaltungen finden dann in Bielefeld statt. Während der Vorbereitungen läuft die Ausbildung an der Hebammenschule aus, der letzte Jahrgang wird 2023 verabschiedet. Bis der erste Studienjahrgang auf den Arbeitsmarkt kommt, entsteht eine Lücke. Darum hatte die Akademie einen zweiten Ausbildungskurs gestartet. „Die Politik muss sich beeilen“, betont Oliver Neuhaus noch einmal. Sollte ein Studienstart auch zum Wintersemester 2021/22 nicht möglich sein, spricht er mit Blick auf die Hebammenversorgung von einer Katastrophe.

„Uns läuft die Zeit weg“ - Start des Hebammenstudiengangs verzögert sich

Bislang besuchten angehende Hebammen im Rahmen ihrer Ausbildung eine Hebammenschule. Die laufen nun aus, künftig braucht es ein Studium für den Beruf. Symbolfoto:imago-images.de © imago images/Panthermedia

Minden/Bielefeld. Mit Sorge blickt Oliver Neuhaus derzeit nach Niedersachsen – und nach Düsseldorf. Im Nachbarbundesland laufen die Vorbereitungen für die ersten Hebammenkunde-Studiengänge auf Hochtouren, in Nordrhein-Westfalen hingegen geht es scheinbar nur mit angezogener Handbremse voran – mit Auswirkungen auch für die heimische Region.

„Die fehlende Perspektive ist eine große Gefahr“, sagt der Leiter der Akademie der Gesundheitsberufe der Mühlenkreiskliniken (MKK) in Minden. Zum einen wegen des zunehmenden Fachkräftemangels, zum anderen könnten die, die angehende Hebammen ausbilden, beispielsweise nach Osnabrück abwandern. „Junge Kolleginnen könnten sich umorientieren. Das ist ein gefährliches Potenzial, weil Düsseldorf keine Entscheidung fällt“, sagt Neuhaus. „Uns läuft die Zeit weg.“

Der Hintergrund: Bislang war eine dreijährige Hebammenausbildung vorgesehen, die Theorie wurde an einer Hebammenschule wie der Akademie für Gesundheitsberufe der MKK vermittelt. Die Praxis lernten die Hebammen und Entbindungspfleger in den drei Kreißsälen der MKK und bei freien Hebammen. Nach Ende der Ausbildung blieben viele von ihnen in der Region und wurden zum Beispiel von den MKK übernommen.

Seit diesem Jahr müssen angehende Hebammen studieren – wie in anderen EU-Ländern auch. Die Hebammenschulen sind somit ein Auslaufmodell. Im kommenden Wintersemester wird der duale Studiengang an zwei Hochschulen in NRW angeboten, sieben weitere haben nach Auskunft des NRW-Wissenschaftsministeriums ihr Interesse an einer Einführung bekundet.

Eine davon ist die Fachhochschule (FH) Bielefeld, die den Studiengang als einzige Einrichtung in Ostwestfalen-Lippe anbieten möchte – und damit die Versorgung der Region übernehmen kann. Die Gesundheits-Akademie möchte – neben einer Hebammenschule in Paderborn – Kooperationspartner für den praktischen Ausbildungsteil werden, um auch weiter vom „Klebeeffekt“ zu profitieren.

Auch an der FH wächst die Verzweiflung mit fortschreitender Zeit. „Wir möchten gerne so früh wie möglich starten“, sagt Prof. Dr. Michaela Brause, Professorin für Gesundheitswissenschaften an der FH Bielefeld. Sie organisiert den Aufbau des Studiengangs. Geplant war eigentlich ein Start zum Wintersemester 2021/22. Das Studienkonzept ist bereits so gut wie fertig, die FH Bielefeld arbeitet daran mit der Katholischen Hochschule (KatHO) NRW in Köln zusammen, die ebenfalls die Einführung eines Hebammenstudiengangs plant. Mit ihr ist die Mindener Akademie für Gesundheitsberufe ebenfalls wegen einer Kooperation im Gespräch.

Alles hängt laut Brause an der finanziellen Zusage aus Düsseldorf: Ohne die kann das Zulassungsverfahren nicht in Gang gebracht werden, bei dem etwa Aufbau und Inhalt des Studiums geprüft werden. „Das dauert eigentlich zwei Jahre“, so Brause. Allerspätestens im Oktober brauche man eine Mittelzusage, um die Akkreditierung noch rechtzeitig durchzukriegen. Und: „Ohne sie können wir keine Stellen ausschreiben.“

Für den Studiengang müssten nach Auskunft der Pressestelle der FH pro Jahr mehr als 1,6 Millionen Euro zur Verfügung gestellt werden. Die Zahl beziehe sich auf eine Planung mit 40 bis 70 Studierenden pro Jahr.

Warum dauert es mit der finanziellen Zusage so lange? Da die FH den Studiengang erst zum Wintersemester 2021/22 plane, könnten der Hochschule erst Mittel aus dem Haushaltsplan 2021 zugewiesen werden, teilt das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen auf MT-Nachfrage mit. Derzeit befinde sich die Landesregierung allerdings noch in der Abstimmung zum Haushaltsplan für das kommende Jahr, die sich corona-bedingt etwas verzögere. Der Haushaltentwurf werde voraussichtlich im Herbst vorliegen. „Erst, wenn danach der Landtag den Haushalt verabschiedet hat, können die Mittel an die einzelnen Hochschulstandorte verteilt werden“, schreibt die Pressestelle. Dies werde voraussichtlich Anfang 2021 erfolgen.

„Wir planen erstmal so, als ob die Hebammen kommen würden“, sagt Brause. Räume werden organisiert, potenzielle Dozenten aus anderen Studiengänge „professorabel“ gemacht. Denn Lehrende müssen mindestens den Studienabschluss haben, den sie unterrichten. „Wir brauchen Leute, die eine Hebammenausbildung, einen Bachelor, einen Master, eine Promotion und Praxiserfahrung haben“, zählt die Professorin auf. Da es aber bislang kaum Hebammenstudiengänge in Deutschland gab, wird die Bewerbersuche entsprechend schwierig – auch weil der Fachkräftemarkt leer ist. Für den Studienstart wird erst einmal „nur“ eine Studiengangsleitung gesucht, die ausgebildete Hebamme mit Bachelorabschluss in einem anderen Studiengang ist. „Für sieben Semester brauchen wir auf Dauer vier Professuren“, blickt Brause in die Zukunft.

Auch an der Akademie für Gesundheitsberufe wird weiter mit einem Start des Studiengangs Hebammenkunde geplant. Die bisherigen Ausbilder haben ein Praxis-Modulhandbuch erstellt. Anfang August treffen sich die Mindener mit anderen Hebammenschulen, um letztlich einen gemeinsamen Fahrplan für den praktischen Teil des Studiums zu entwickeln.

Kommt grünes Licht aus Düsseldorf, wird an der Akademie ein „Praxiszentrum angewandte Hebammenwissenschaften“ eingerichtet, berichtet Oliver Neuhaus. Hier wird dann der praktische Teil des Studiums koordiniert, die Mühlenkreiskliniken werden Kooperationspraxen des sogenannten PZHW. Auch mit freien Hebammen sind wieder Kooperationen geplant. Am Praxiszentrum soll auch die Bewerberauswahl stattfinden, dann werde laut Oliver Neuhaus eine Empfehlung an die FH gegeben, wo sich die Bewerber schließlich einschreiben. Die Lehrveranstaltungen finden dann in Bielefeld statt.

Während der Vorbereitungen läuft die Ausbildung an der Hebammenschule aus, der letzte Jahrgang wird 2023 verabschiedet. Bis der erste Studienjahrgang auf den Arbeitsmarkt kommt, entsteht eine Lücke. Darum hatte die Akademie einen zweiten Ausbildungskurs gestartet. „Die Politik muss sich beeilen“, betont Oliver Neuhaus noch einmal. Sollte ein Studienstart auch zum Wintersemester 2021/22 nicht möglich sein, spricht er mit Blick auf die Hebammenversorgung von einer Katastrophe.

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